Ressort
Du befindest dich hier:

Marion Hohenecker: Die Frau, die Ex-Finanzminister Grasser zu 8 Jahren Gefängnis verurteilte

Einer der medial meistverfolgten Prozesse Österreichs ging heute mit einem Paukenschlag zu Ende. Der frühere Finanzminister Karl-Heinz Grasser wurde zu acht Jahren Haft verurteilt. Wer ist die Frau, die den Ex-Politiker hinter Gitter bringen will? Das Porträt.

von

Marion Hohenecker: Die Frau, die Ex-Finanzminister Grasser zu 8 Jahren Gefängnis verurteilte

Sie ist seit heute wohl die bekannteste Richterin Österreichs. Marion Hohenecker verkündete heute Vormittag, gegen 11:00 Uhr, das Urteil im Jahrhundertverfahren rund um den BUWOG-Skandal: Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser (FPÖ/ÖVP) wurde von ihr wegen Untreue und Geschenkannahme durch Beamte sowie Beweismittelfälschung zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Hohenecker hat sich den Ruf erworben, freundlich im Umgang, aber streng in der Sache zu sein. Kompetent, korrekt und extrem akribisch, schafft sie es, die kompliziertesten Sachverhalte zu entwirren – sogar hin und wieder mit Humor. So wird sie von Kolleginnen und Kollegen im Wiener Straflandesgericht beschrieben.

Akribische und besonnene Prozessführung

Aber auch ihre zunächst schärfsten KritikerInnen zollten ihr zum Schluss der BUWOG-Verhandlung größten Respekt: Mit einer besonderen Genauigkeit arbeitete Hohenecker sich durch alle Anklagepunkte, vertiefte sich tagelang in Protokolle und ließ diese unter anderem per Beamer auf die Wand des Gerichtssaals projizieren, um sie mit den Beschuldigten Wort für Wort durchzugehen. In den 168 Verhandlungstagen verlor Hohenecker nie den Überblick im Jahrhundertprozess. Richterin Hohenecker beleuchtete zudem Handlungsstränge, die die Korruptionsstaatsanwaltschaft wenig Beachtung schenkten. Für ihre Sorgfalt bedankte sich selbst der angeklagte Grasser bei der Richterin. Sie habe ihm das Vertrauen in die Justiz wieder zurückgegeben, das er im Ermittlungsverfahren verloren hätte – das ist allerdings mitten im Verfahren gewesen. Seit heute Vormittag könnte er anderer Meinung sein.

Marion Hohenecker verblüffte selbst den Angeklagten mit ihrer Aktenkenntnis

Während dem drei Jahre laufenden Verfahren bewies Hohenecker eine umfassende Kenntnis des riesigen Gerichtsaktes, führte mit großer Ruhe und einer Portion Humor durch die arbeitsreichen Verhandlungstage. Sie verblüffte zeitweise selbst Grasser, weil sie mehr aus seinem Privatleben wusste als er selbst (zugeben wollte). Darunter – zur großen Erheiterung des Saales – sogar sein Hochzeitsdatum, bei dem sie ihn korrigierte. "Sie zeichnen sich durch penible Recherchearbeit aus", kommentierte Grasser die Situation.

Im Laufe des langwierigen Korruptionsprozesses zeigte Hohenecker immer wieder ihr Pokerface, bewahrte Professionalität und den Überblick über die 825 seitenlange Anklage und ließ sich auch von verbalen Attacken der Verteidiger nicht aus der Ruhe bringen. So blieb sie auch medial stets zurückhaltend und lehnte Interview-Anfragen konsequent ab. Im Unterschied zur Richterin im BAWAG-Prozess, Claudia Bandion-Ortner, die sich gerne und häufig der Öffentlichkeit präsentierte und nach dem Verfahren zur Justizministerin berufen wurde.

Die Richterin im Portrait

Geldkoffer, die zu Bestechungszwecken überreicht werden, sind für die 39-Jährige nichts Neues. Die BUWOG-Richterin, die in Wolfsberg in Kärnten geboren wurde und ihren Dialekt selbst in vielen Jahren in Wien nicht ablegte, begann ihre juristische Karriere bei der Staatsanwaltschaft Wien. Danach übersiedelte sie ans Wiener Straflandesgericht, wo sie 2011 eine Verhandlungsabteilung für Wirtschaftsstrafsachen übertragen bekam.

Das erste Mal war ihr Name im Zusammenhang mit dem Prozess gegen "Einbrecherkönig" Ernst Stummer in den Medien zu lesen. Bevor sie ihn ins Gefängnis schickte, ließ sie sich noch das von ihm geschriebene Buch signieren. Sie erarbeitete sich schnell den Ruf als Richterin mit sehr genauer Prozessführung und exakt ausgefertigten Urteilen, die in der Oberinstanz nicht mehr gekippt werden müssen - auch bei prominenten Fällen wie etwa dem Untreueprozess gegen den Ex-FPÖ- und -BZÖ-Politiker Peter Westenthaler.

Der verurteilte Westenthaler attestierte der Richterin einst zwei Gesichter: im Prozess sachlich, exakt und mit großer Detailkenntnis, bei der Urteilsverkündung allerdings kenne sie keine Gnade. Auf seine Frage, wie lange die Urteilsberatung dauern wird, antwortete sie nur trocken: "Bis wir fertig sind." Beim Urteil selbst kommentierte sie mit folgenden Worten: "So, Herr Westenthaler! Zur Halbzeit haben Sie 2:0 gewonnen, dann haben wir die Schiedsrichter ausgetauscht und jetzt haben wir 3:2 gewonnen." Denn Hohenecker verwandelte seinen Freispruch aus einem früheren Verfahren in einen Schuldspruch.

Die 39-Jährige ist mit Manfred Hohenecker (51) verheiratet, der als Richter am Landesgericht Korneuburg tätig ist. Ihr Ehemann hätte sie jedoch fast den Vorsitz im BUWOG-Prozess gekostet. Grassers Anwälte vermuteten in der ersten Phase des Prozessen eine Befangenheit der Richterin, da ihr Mann über Twitter kritische Nachrichten gegen Grasser verbreitete. Diese Vorwürfe wurden vom Schöffensenat abgewiesen: Es entspreche nicht dem Zeitgeist, eine Richterin für die Meinung ihres Mannes verantwortlich zu machen.

Marion Hohenecker zählt seit Langem zu den besten RichterInnen des Landes. Jetzt weiß es auch die Öffentlichkeit.

Das heute verkündete Urteil ist aber nur das vorläufiges Ende des BUWOG-Skandals, der 2009 begann. Das Urteil gegen Ex-Finanzminister Grasser ist nicht rechtskräftig.

Thema: Report