Ressort
Du befindest dich hier:

Ich durfte bei einem Porno-Dreh zusehen

Zwei fremde Menschen, nackt auf einem Bett. Unsere Redakteurin war beim Kunstprojekt "Blind Date", einem Porno-Dreh in Wien, dabei. Ihr Bericht:

von

Ich durfte bei einem Porno-Dreh zusehen
© Arthouse Vienna

Ein wunderschönes Altbauhaus in der Wiener Innenstadt. Es ist eines jener Häuser, von denen man träumt, wenn man sich seine alten Tage ausmalt. Es kommt in Sätzen vor wie: "Wenn ich 60 bin, dann..." oder "Wenn man dann schon Enkel hat...". Doch ich stehe nicht vor diesem Haus, um mein Immobilienportfolio aufzumotzen, sondern weil ich eingeladen bin. Eingeladen zu einem Porno-Dreh.

Ich werde Leute kennenlernen, die kein Problem damit haben, vor der Kamera miteinander Sex zu haben. Und Leute, die das filmen werden. Das wird mir erst so richtig bewusst, als ich die Wohnungstüre aufmache und mir warme Luft und aufgeregtes Geplapper entgegenschlägt. In der Küche sitzen bereits andere Crew-Mitglieder von Arthouse Vienna. Das Porno-Kunstprojekt ist die Idee von Adrineh Simonian, einer ehemaligen Opernsängerin, die jetzt als experimentielle Porno-Regisseurin arbeitet und dem Buchautor Patrick Catuz, der sich als männlichen Feministen bezeichnet. Ihr Konzept: Zwei Menschen, die einander noch nie begegnet sind, sitzen nackt und mit verdeckten Augen auf einem Bett. Sie dürfen nicht miteinander sprechen, doch alles miteinander machen – zumindest alles, was beide wollen und zulassen. Erst nach dem Sex lernen sie einander im klassischen Sinne kennen.

Der Küchentisch ist mit Antipasti, Knabberzeug, belegten Broten und Kuchen gedeckt. Und das wird den ganzen Tag so bleiben. Magengrummeln und Unterzuckerung, das verträgt sich eben nur mäßig nicht mit erotischen Momenten.

Jugendstil trifft auf Technik.

Ich lerne Dominik kennen. Er ist angehender Pornoregisseur aus Deutschland und sieht um einiges jünger aus, als er ist. Mit einem kurzen Clip hat er bereits sowas wie Pornhub-Fame erlangt. Am Dreh von "Blind Date" will er weiter lernen und die Atmosphäre eines Filmsets einzufangen.

Die ist locker und offen. Alle haben gute Laune, der Schmäh rennt, jeder hilft mit. Und alle geben auf Michael acht, der ein bisschen aus der Truppe heraussticht.

Michael ist einer der beiden Hauptdarsteller des Films "Blind Date". Er sei eigentlich aufgeregter wegen des Interviews als wegen der Sex-Szenen, sagt er. Die Interview-Sequenz wird am ersten Tag gefilmt und in den Porno geschnitten. Der Zuseher soll die Darsteller besser kennenlernen. Dafür hat sich Michael ziemlich fesch gemacht. Er trägt ein rotes Hemd mit schwarzer Weste und bekommt in der Maske noch ein wenig Puder und Kajal verpasst. Sitzt man ihm gegenüber, wirkt er überschminkt. Doch die Kamera schluckt alles Übertriebene sofort.

Adrineh Simonian interviewt den ersten Darsteller.

Das Interview führt Adrineh. Ihre Fragen sind sehr intim. Michael spricht über seine spät entdeckten Sexualität, die Jahren des Ausprobierens und über seinen Wunsch, Sexualpädagoge zu werden. "Das hast du wirklich prima gemacht," lobt Patrick Catuz den jungen Mann.

Als Initiatoren des "Arthouse Vienna"-Projekts sind Patrick und Adrineh wie Ying & Yang. Sie ist impulsiv und strahlt eine natürliche Autorität aus. Er ist ruhig, besonnen und behält die Details im Blick. Für diese zwei "Blind Date"-Folgen, die in der luxuriösen Jugendstil-Wohnung gedreht werden, haben die beiden Macher besonders viel Budget berechnet. Catuz: "Arthouse Vienna soll eine echte Marke werden. Bekannt für experimentellen, feministischen Porno mitten in Wien."

Am ersten Tag wird gesprochen, am zweiten geht's heiß her

Ich hätte ich mich oft fehl am Platz fühlen können, als störende Voyeurin, obwohl ich einen Text darüber schreiben werde. Stattdessen wurde mir bereits am ersten Drehtag wird mir das Gefühl gegeben, dass ich Teil des Teams bin. Das ist gut, denn am zweiten Tag bin ich noch aufgeregter. Heute wird die Sex-Szene des "feministischen" Pornos gedreht.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Pornos, wo Frauen gedemütigt werden oder bereits beim Anblick eines Penis einen Orgasmus vortäuschen müssen, soll hier die Lust der Frau im Vordergrund stehen.

Und noch etwas ist hier anders als am Set der meisten Mainstream-Pornos: Der Umgang mit den Darstellern. Sie werden umsorgt, auf ihre Gefühle und Sorgen Rücksicht genommen. Direkt vor der Szene bittet die Darstellerin Jana um fünf Minuten alleine, in denen sie sich sammeln möchte. Während sonst die Devise "Zeit ist Geld" herrscht, wurde ihr Wunsch ohne Widerspruch berücksichtigt, schlichen die Crew-Mitglieder nur mehr leise durch die Wohnung und plauderten im Flüsterton, bis sich Jana bereit für den Dreh fühlte.

Das ganze Team packt an.

Jana und Partner wurden aus zwei verschiedenen Räumen zu einem Doppelbett geführt. Sie waren nur mit Bademänteln bekleidet, ihre Augen mit Schlafmasken verdeckt. Während sich die beiden auszogen und im Schneidersitz auf dem Bett platzierten hätte man eine Stecknadel auf den Boden fallen hören können - so leise war es. Zwei fixierte Kameras wurden ausgerichtet, die dritte schulterte Patrick: "Ihr könnt jetzt loslegen."

Ich wagte mich kaum zu bewegen, geschweige denn zu atmen. Zwei Menschen bei den ersten Berührungen und den ersten Küssen zuzusehen, während die beiden gar nichts sahen, war befremdlich, fast peinlich. Zu intim. Ich erröte leicht, weshalb ich dankbar war, dass nun alle auf das Paar am Bett schauten, wo es immer heftiger zur Sache ging. Gestöhnt wurde auch, aber subtil. Was mir schon nach kurzer Zeit auffiel, waren die Bewegungen, die so ganz anders waren als jene, die man aus XXX-Filmen auf Pornhub und Co. kennt.

Die beiden Menschen auf dem Bett streckten nicht ihre Hintern in die Kamera, machten kein attraktives Hohlkreuz beim Oralsex und lächelten nicht aufreizend. Sie verkeilten sich immer wieder ineinander, küssten sich wild, rollten auf dem Bett herum und genossen einander. Das Treiben war erotisch, unglaublich sanft und ästhetisch. Und das, obwohl es zu keiner Penetration kam. Denn die Geräusche der knarrenden Dielen und die geahnte Anwesenheit von über zehn Menschen hatten den Darsteller zu sehr gestört und abgelenkt.

Adrineh Simonian, Patrick Catuz & die Kuschelnden.

"Macht es den Film zunichte, wenn einer der Darsteller dann vor der Kamera doch nicht so kann?", frage ich Patrick Catuz. Solche Situationen seien absolut okay, vielmehr noch: erwünscht! Denn das würde die Spontanität des Konzepts unterstreichen. Trotzdem ist es klar, dass man in Zukunft nicht immer mit Laien-Darstellern arbeiten kann. Vor allem, wenn "Vienna Arthouse" wirklich ein fixer Name wird und Partnerschaften mit größeren Vertrieben eingeht. So sei es auch bei größeren Fem-Porno-Regisseurinnen gewesen.

Damals war alles noch sehr DIY - wenn die Laien-Darsteller nicht konnten, dann war das okay; es wurde drumherum gearbeitet. Heute gibt es auch bei diesen Drehs häufig Viagra und Listen mit sexuellen Präferenzen und Handlungen, die abgearbeitet werden müssen. Was nicht auf Anhieb sitzt, wird nachgedreht. Noch hätten sie das Glück, nicht dem kommerziellen Erfolg zu erliegen, meint Patrick. Doch wenn es soweit ist, dann müsste einiges neu diskutiert werden.

Die Filme werden direkt auf der Webseite vonArthouse Vienna erscheinen.