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Erziehung: Was Drohungen mit Kindern machen!

Mamas und Papas kennen das: In schwachen Momenten sind "Wenn, dann"-Sätze schnell gesagt – wenn auch eh nicht so gemeint. Wie das unseren Nachwuchs prägt, weiß Erziehungsexpertin Sandra Teml-Jetter.

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Erziehung: Was Drohungen mit Kindern machen!
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Wenn du schielst, bleiben die Augen stecken. Wenn man nach dem Essen baden geht, geht man unter. Ich zähle jetzt bis drei und wenn du bis dahin nicht … - jeder hat's als Kind schon mal gehört, oder? Fiese Drohungen unserer Eltern, wenn sie mal nicht weiter wussten. Schnell dahingesagt, später vielleicht bereut - und was sind die wirklichen Konsequenzen für die Kleinen? Sandra Teml-Jetter ist psychologische Beraterin, Einzel- & Paarcoach sowie Elternberaterin in der wertschaetzungszone.at. Im Interview erklärt sie, was Mütter und Väter nicht sagen und was sie stattdessen tun sollten. Außerdem gibt sie wertvolle Tipps, die helfen, in heiklen Situationen nicht die Nerven zu verlieren.

»Die Alternative ist am Ende immer: Klarheit, Selbstoffenbarung, Selbstkonfrontation.«

WOMAN: Wenn du so viel fern schaust, bekommst du viereckige Augen. Was machen diese Ammenmärchen mit einem Kind?

Teml-Jetter: Meine Gegenfrage lautet: Was wollen Eltern damit erreichen und warum wollen sie es durch Märchen erreichen anstatt klare Orientierung zu geben? Drohungen wie diese und ähnliche erzeugen Bilder im Kind und machen Angst. Jetzt kann man sich als Elternteil fragen, ob man so erziehen will, oder ob man sich auf die Suche nach Alternativen manchen will, um endlich vom Paradigma des Gehorsams in ein Paradigma der Gleichwürdigkeit und der Verantwortung überzuwechseln.

In einem Moment der Verzweiflung ist eine Drohung schnell ausgesprochen – das Gefühl danach ist eher mau. Zu Recht?

Teml-Jetter: Wenn ich mich als Elternteil nach einer Handlung schlecht fühle, dann habe ich meistens nicht nach meinen eigenen Werten gehandelt sondern (unter Stress) einen alten Automatismus hervorgezaubert. Ich bin für Deklaration statt Drohung. Wozu drohen und meine Macht gegen das Kind nutzen? Unsere Kinder vertrauen uns! Wenn wir für etwas einstehen können ("Ich will, dass du nach dem Essen noch ein wenig verdaust und erst dann ins Wasser gehst.") - Warum sollten unsere Kinder uns hinterfragen? Je klarer wir wissen, was wir für richtig halten und je mehr wir unseren Kindern vertrauen und ihnen sukzessive die Verantwortung für ihr Leben übergeben, umso mehr wollen Kinder mit uns zusammenarbeiten. Wenn ich meinen Fehler und dessen Auswirkungen auf mein Kind erkannt habe und mich besser fühlen will, kann ich mich immer noch entschuldigen - und mich auf den Weg nach erwachsenen Alternativen machen.

Welche wären das?

Teml-Jetter: In angespannten Situationen innehalten, sich sammeln und bereit sein, den Kurs zu korrigieren, sich Fehler einzugestehen. Hier komme ich als Coach ins Spiel weil ich Eltern helfe, ihren Gedankenhorizont zu erweitern, mit neuen Ideen und Gedanken zu spielen. Ich stelle ihnen neue Fragen, was sie wirklich wollen, wie sie sein wollen, spreche mit ihnen über Integrität, ihr eigenes Großwerden. Die Alternative ist am Ende immer: Klarheit, Selbstoffenbarung, Selbstkonfrontation.

In der Theorie klingt das klar gut, aber es hapert ja dann meistens im Alltag … Haben Sie konkrete Tipps, wie das Ruhigbleiben gelingen kann?

Teml-Jetter: Es braucht dazu (d)eine Entscheidung zur Kurskorrektur: Wenn ich mich nach einer (Not)Lüge oder Drohung schlecht fühle, oder das Ergebnis nicht das gewünschte ist (Mein Kind macht zwar dann das, was ich will – wir haben aber eine äußerst schlechte Beziehung) dann will ich das hoffentlich nicht mehr wiederholen. Ich kann mir überlegen: Was hätte ich stattdessen tun können? Und was wäre DANN das Ergebnis oder die Reaktion gewesen? Was auch hilft, ist sich folgende Frage zu stellen: Wie kommt es überhaupt soweit, dass ich drohen muss? Wenn man sagt: "Wenn du bei 3 nicht dein Teller weggeräumt hast, gibt es kein Eis!", ist das ganz klar eine Drohung. Will ich tatsächlich von oben herab mit ihm reden? Wieso fruchtet es nicht, wenn ich es anders formuliere? Zum Beispiel "Bitte räum deinen Teller weg, wenn du aufstehst!“

Was, wenn das Kind nicht auf meine Bitte reagiert und den Teller nicht wegräumt?

Dann räume ich ihn weg! Und wenn es zehn Mal passiert, dann muss ich mich hinsetzen und mit dem Kind sprechen - anstatt zu drohen. Deswegen plädiere ich für einen Klimawandel in Familien - dann bin ich zwar arbeitslos, aber es geht allen besser.

Welche Notlügen sind okay?

Teml-Jetter: Ich meine, dass die meisten Menschen das Lügen nicht in ihrem Wertekatalog haben. Niemand will angelogen werden. Ich rate daher in schwierigen Situationen oft zu einem mutigen "Ich weiß es nicht!" als zu einer Notlüge. Es gibt aber (Not)Lügen, die Gutes bewirken: Wenn man zum Beispiel von einer Überraschungsparty oder einem Geschenk weiß und nichts erzählt oder eben darüber "lügt". Das ist aber prosoziales Lügen für eine gute Sache. Diese Lügen fühlen sich auch ganz anders an.

»Es ist nichts anderes als Erpressung: Wenn du das und das nicht tust, dann tu ich dir weh, weil ich dir etwas nehme oder nicht gebe, was dir lieb und teuer ist.«

"Ich zähle jetzt bis 3 …" – ein Satz, den fast jedes Elternteil bestimmt schon mal ausgesprochen hat. Warum ist dieser Spruch problematisch?

Teml-Jetter: Viele Eltern wissen schon, was nach 3 passiert - nichts Schönes! Was es genau ist, ist vielleicht unklar. Es ist aber etwas, was dem Kind schadet. Das "liest" das Kind im Elternteil. Es ist nichts anderes als Erpressung: Wenn du das und das nicht tust, dann tu ich dir weh, weil ich dir etwas nehme oder nicht gebe, was dir lieb und teuer ist. Willkommen im Gehorsam!

Was sind mögliche Konsequenzen, wenn ich mein Kind oft anlüge?

Teml-Jetter: Abgesehen davon, dass ich mein Kind nicht ernst nehme, ihm nicht zutraue, mit der Wahrheit umzugehen, eine Beziehung im Schonwaschgang fahre, werde ich als Elternteil unglaubwürdig und bin nicht als echte Person greifbar. Was passiert, wenn alles auffliegt? Die Fassade bröckelt? Ich bin dafür, die Realität dem Alter des Kindes gemäß gemeinsam zu meistern. Dafür muss ich als Elternteil Verantwortung übernehmen und dem Kind glaubhaft versichern, dass ich weiß, was ich mache und es schaffen werde.

Wenn ich meinem Kind erzähle, dass es das Christkind gibt und es irgendwann herausfindet, dass es nicht so ist – muss ich als Elternteil dann tatsächlich befürchten, dass mir mein Kind nicht mehr vertraut?

Teml-Jetter: Diese Frage wird mir oft gestellt. Nein, denn auch hier ist die Absicht hinter der Lüge eine prosoziale: Wir wollen (auch für uns Eltern) einen Zauber aufrecht erhalten. Kinder finden bald heraus, dass hier was nicht stimmt - erkennen aber die positive Absicht hinter dem Verhalten. Möglicherweise sind sie dann enttäuscht, aber sie sind nicht unendlich böse auf die Eltern. Viele Kinder machen dann bereitwillig weiter mit bei diesem wunderbaren Weihnachtsspektakel.

Was verzeihen einem Kinder nicht?

Teml-Jetter: Wenn sich Eltern mit ihren Fehlern nicht auseinander setzen, diese immer wieder wiederholen und nicht wahrhaben wollen, was das, was sie tun, in ihren Kindern auslöst - obwohl sie diese drauf hinweisen. Sobald Eltern zu wirklicher Reue fähig sind, kann es gut sein.

Und wo halten sie mehr aus, als wir vielleicht glauben?

Teml-Jetter: Geheimnisse kommen früher oder später immer ans Licht. Wir Menschen vertragen die Wahrheit, haben ein Recht drauf - damit wir damit umgehen können. Dabei brauchen Kinder Begleitung und Erklärung, wenn sie Fragen haben. Aber ich halte es für bedenklich, jemanden buchstäblich im Dunklen zu lassen.

Sandra Teml-Jetter ist psychologische Beraterin, Einzel- & Paarcoach sowie Elternberaterin. Gemeinsam mit Mentorin Jeannine Mik hat sie den Spiegel-Bestseller "Mama, nicht schreien!" geschrieben. Vor Kurzem ist ihr zweites Buch "Keine Angst, Mama!" erschienen.

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