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Werte in der Beziehung

Falsch verstandene Freiheit bringt so manche Beziehung in Gefahr. Gerti Senger plädiert dafür, Respekt und Treue wieder ins Liebesleben zu lassen.


Werte in der Beziehung

Respekt, Treue und gleiche Werte sind die Grundvoraussetzungen für gute Beziehungen.

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Sich nicht melden, nicht erreichbar sein, zu spät kommen, dem anderen kaum zuhören: Was für so manchen unter "cool“ läuft oder als lässliche Sünde gilt, ist in Wahrheit der schleichende Tod jeder Beziehung.

"Denn in Wahrheit“, ist Gerti Senger , Psychologin, Bestsellerautorin und Kronen Zeitung -Kolumnistin, sicher, "suchen wir Stabilität und Gleichgewicht.“ Wenn schon die Welt aus den Angeln gerät, soll wenigstens der Mikrokosmos der Liebe sicher sein.

"Wird in der Partnerschaft“, so Senger in ihrem Buch Schräglage - Sehnsucht nach Zufriedenheit , "emotional Balance gefunden und damit innere Sicherheit ermöglicht, kann man sich selbst optimal entfalten. Es können Energie und Zeit für Erlebnisse aufgewendet werden, die Freude machen. Ein Mensch, der so leben kann, ist zufrieden und bildet keine Symptome aus.“

Sobald aber in einer Partnerschaft das Verhältnis zwischen positiven und negativen Interaktionen aus dem Gleichgewicht kommt, gerät eine Beziehung in Schräglage und damit in Gefahr. Emotionaler Stress, bedingt durch Selbstwertzweifel, Ängste und unerfüllte Sehnsucht nach Nähe, Erotik und Zufriedenheit sind die Folge.

Respekt und Höflichkeit in der Partnerschaft

Der Verlauf einer Liebesbeziehung, so die Autorin, wird maßgeblich durch vier Grundformen psychischer Charakterstrukturen bestimmt: das Gegensatzpaar "gefühlsbetont“ und "vernunftbetont“ und das Gegensatzpaar "kontrollierend“ und "locker“. Die Balance dieser Ausprägungen befähigt einen Menschen, in angemessener Weise ichbezogen, aber auch altruistisch, unabhängig, aber auch angepasst, kontrolliert und gleichwohl spontan zu sein. Eine einseitige Ausformung, also nur egoistisch oder nur aufopfernd, entspricht einer Neurose - und wird mit Sicherheit Schwierigkeiten in einer Partnerschaft verursachen.

Es muss aber gar nicht so starker "psychischer Tobak“ sein, der der wahren Liebe im Weg steht, häufig sind es Nachlässigkeiten, die, chronisch geworden, einer Beziehung ebenfalls langsam den Hals brechen.

"Ich plädiere für die guten alten Werte“, so die Autorin. Begriffe wie Respekt, Höflichkeit, Verbindlichkeit, Ordnung und Pünktlichkeit würden Beziehungen ein stabiles Gerüst verleihen. Aus falsch verstandenem Freiheitsstreben - nur nicht einengen lassen! - seien diese Werte, beginnend mit den 60er-Jahren, ins Hintertreffen geraten.

Interview mit Gerti Senger

Doch die Trendumkehr steht für die Expertin längst vor der Tür: In ihrem Buch geht sie nicht nur auf diese "neuen Sehnsüchte“ ein, sie beschäftigt sich auch mit allem, was Beziehungen im Gleichgewicht hält und was sie im Gegenzug killt. Wir sprachen mit ihr über Beziehungsregeln, Bindungsphobiker und den Lohn der Bemühungen um langfristige Liebe.

WOMAN: Die Sehnsucht nach Zufriedenheit - haben Sie die in Ihrer Umgebung vermehrt gespürt?

Senger: Ja, diese Stimmung war wahrnehmbar. In meinem Alltag begegnen mir viele Menschen, die den altmodischen Begriff Zufriedenheit suchen. Das große Glück ist es nicht, das man beansprucht. Das empfinden viele sogar als vermessen. Aber wenn ich zufrieden sein möchte mit meinem Leben, mit meiner Beziehung, mit meinem Beruf und mit meinen Freundschaften, dann ist das angemessen.

WOMAN: Und warum gelingt es so schwer, diesen Zustand zu erreichen?

Senger: Mein Gefühl ist, dass dahinter eine Orientierungslosigkeit steht. Ich muss so altmodische Begriffe gebrauchen wie Werte. Wenn ich Werte wie Respekt, Höflichkeit, Treue, Dankbarkeit, Verbindlichkeit und Ordnung akzeptiere, dann sind das Handlungslinien. An die halte ich mich. Diese Einstellung ist bei vielen verloren gegangen.

WOMAN: Warum? Geben Eltern das nicht mehr weiter?

Senger: Es ist eher eine missverstandene Freiheit. Ich lass mir nichts vorschreiben, mich nicht einschränken. Es ist alles spießig. Pünktlichkeit zum Beispiel. Oder Dankbarkeit, geschweige denn Demut. Der Werteverfall, den wir erleben in der Wirtschaft, mit den Wahnsinnsvorkommnissen rund um Manager, den erleben wir auch im Kleinen. In Beziehungen, wo keine Regeln herrschen. Wo wenig Rücksichtnahme besteht und sehr viel Egoismus nach dem Motto "Anything goes“. Aber das ist nicht das, was Menschen glücklich macht. Es gibt eine Untersuchung, die über viele Jahre gemacht wurde und die ergeben hat: Rahmenpaare haben eher langfristige Beziehungen und sind glücklicher und zufriedener als Paare ohne Rahmen.

WOMAN: Rahmenpaare …?

Senger: Ja, das sind solche, die verbindliche Vereinbarungen getroffen haben. Zum Beispiel: Ich sage, wann ich nachhause komme. Ich habe Paare in meiner Praxis, wo die Frau klagt: Ich weiß nie, wann mein Mann heimkommt. Er sagt, er kann sich in seiner Freiheit nicht einschränken lassen. Einmal geht er noch mit Freunden auf ein Bier, dann hängt er irgendwo mit Kollegen ab. Das geht einfach in einer Beziehung nicht.

WOMAN: Weil das beim Partner Gefühle verletzt?

Senger: Das - und es geht innere Sicherheit verloren und das Gefühl von Verbindlichkeit: Wir sind ein Paar und haben vereinbarte Ziele und Regeln. Das brauchen Menschen.

WOMAN: Sonst ist die Beziehung, wie Sie in Ihrem Buch schreiben, nicht in Balance.

Senger: Ja, es ist notwendig, dass diese Balance besteht zwischen Geben und Nehmen, zwischen Autonomie und Bindung. Natürlich brauche ich auch Autonomie. Aber wenn ich mit einer Freundin bummeln gehe, muss der Partner das auch wissen. Nicht dass er zehnmal anruft und nie jemanden erreicht.

WOMAN: Er darf aber auch nicht sagen, er will das nicht.

Senger: Natürlich nicht. Das wäre das andere Extrem. Wenn man verliebt ist, dann ist man eins. Dann ist da die totale Verschmelzung. Und dann gelingt sehr vielen dieser Differenzierungsprozess nicht. Dieses "Wir sind eins, aber ich bleib trotzdem ich“. Allerdings mit der verbindlichen Regelung zwischen uns. Wenn das nicht gelingt, sind früher oder später auch die Gefühle weg. Sie verzwergen, sag ich immer. Und dann sucht man wieder nach einem neuen Verliebtsein mit großen Gefühlen.

WOMAN: Was ist mit offenen Beziehungen?

Senger: Ich hab in 30 Jahren Praxis keine einzige offene Beziehung erlebt, die auf Dauer geklappt hätte. Keine. Das geht eine Weile gut, und dann ist Unbehagen da.

WOMAN: Mit manchen Menschen ist es aber nicht leicht, Regeln und Balance zu finden. Sie zählen so nette Zeitgenossen wie Bindungsphobiker, Zerstörer, Ungeliebte usw. auf.

Senger: Ja, denen ist doch fast jeder schon mal begegnet. Eines ist klar: Schwierige Menschen werden schwierige Beziehungen führen. Aber es gibt immer Hoffnung. Um die Geschichte der Kindheit kommt man nun mal nicht herum. Die Erfahrungen, die einer gemacht hat, mit den wichtigen Personen seines Lebens, Mutter, Vater, Großmutter, Geschwister, sind schon ausschlaggebend für seinen Weltbezug. Hab ich immer Angst, zu kurz zu kommen, mach ich etwas schon kaputt, bevor es für mich Bedeutung haben könnte. Der Blick zurück ist wichtig, es gibt aber auch das Hier und Jetzt, in dem viel zurechtgerückt, verändert, gebessert werden kann.

WOMAN: Aber dazu gehört Einsicht. So mancher glaubt doch, dass er immer im Recht ist.

Senger: Bei einer Persönlichkeitsstörung hat der Betroffene das Gefühl: Nicht ich, sondern die Umwelt ist seltsam. Das Beziehungsproblem ist dann vorprogrammiert. Wenn der Bindungsphobiker, der nicht in der Lage ist, sich auf eine wirklich tiefe Beziehung einzulassen, auf einen Partner trifft, der viel Nähe sucht, wird dieser den anderen als kalt, egoistisch und lieblos erleben. Er wird ihm das spiegeln und mehr Nähe einfordern. Dadurch zieht sich der Bindungsgestörte noch mehr zurück usw., usw.

WOMAN: Warum sollten ausgerechnet zwei solche Menschen zusammenkommen?

Senger: Da meine ich, steckt System dahinter. Man sucht das, was man nicht entwickelt hat, beim anderen. Der Bindungsphobiker könnte mit der Frau, die große Nähebedürfnisse hat, dieses Gefühl der Nähe entwickeln, wenn er sich drauf einlässt. Nähe nicht auszuhalten ist ja so etwas wie eine biologische Wunde. Man kann diese "Wunde“, auf die ja viele Beziehungsschwierigkeiten zurückzuführen sind, heilen. Aber das kostet Zeit, Willen und Bemühen. Wir glauben immer, wenn man liebt, dann passiert alles Schöne von selber. Das stimmt nicht. Es passt nur am Anfang. Das andere ist mühsame Arbeit.

WOMAN: Interessant ist auch der Typ des "Ungeliebten“.

Senger: Das sind die wirklich oder vermeintlich zu kurz Gekommenen. Ich hatte mal eine Mutter und ihren Sohn bei mir in der Praxis, er fühlte sich von der Mutter nicht geliebt. Sie hat ihn wirklich geliebt und alles für ihn gemacht, sie konnte nichts dafür. Sein inneres Bild hat sich ganz früh entwickelt, vielleicht hat er einmal nicht gleich das Flascherl gekriegt. Das innere negative Bild wird dann dem anderen übergestülpt. Auch wenn der noch so tief liebt, für den ehemals Verletzten, Bedürftigen, ist es nie genug.

WOMAN: Wird so ein Typ die Bemühungen einer Partnerin dann auch nie sehen?

Senger: Anzunehmen. Bis diese erlahmt und sagt: Ich kann eh nichts recht machen. Es ist nichts gut genug, und was krieg eigentlich ich?

WOMAN: Dann sind die Ungeliebten immer alleine?

Senger: Immer wieder. Alle beziehungsgestörten Typen glauben: Diese Beziehung ist ein Pech. Mit einem anderen Partner wäre das Problem nicht. Das stimmt aber nicht, denn das Problem ist in ihnen. Dort, wo als Kind die Verletzung stattgefunden hat, bleibt man Kind. Wenn ich zu wenig Nähe bekommen hab, was nichts mit der Liebe der Eltern zu tun haben muss, es war einfach zu wenig, dann hungere ich auch mit 40 noch nach mehr Bindung. War ich ein trotziges Kind, bin ich auch mit 50 noch trotzig. So mancher höchst erfolgreiche Manager ist so. Ich hab erlebt, dass ein Mann, der von seiner Frau verlassen wurde, seine Kinder nicht mehr sieht. Aus Trotz, um ihr zu zeigen, wie sehr er als Familienfigur fehlt. Er tut damit den Kindern weh und leidet selbst wie ein Hund, weil er die Kinder abgöttisch liebt. Aber der Trotz ist stärker. Ein reifer Erwachsener müsste sagen: Was können die Kinder dafür?

WOMAN: Ist es nicht so, dass Leute heutzutage Beziehungen überhaupt viel leichter hinschmeißen?

Senger: Ja, weil das alles so erleichtert wird. Dann versuch ich’s halt woanders. Dieses Um-etwas-Kämpfen ist ja auch so ein altmodischer Begriff. Man will cool sein.

WOMAN: Sie sprechen auch die Wichtigkeit einer gemeinsamen Mahlzeit an.

Senger: Ja, die hat ja einen Sinn. Dass man einmal am Tag als Paar oder Familie zusammensitzt und sich austauscht und erfährt, was den anderen beschäftigt. Oder um den Familientisch sitzt und "Mensch ärgere dich nicht“ spielt.

WOMAN: Auch das mangelnde Selbstwertgefühl vieler Menschen zieht sich als Thema durch Ihr Buch.

Senger: Da muss ich wieder sagen: Werte sind identitätsbildend. Besonders in einer gesellschaftlichen Atmosphäre, in der Leistung so hoch gewertet wird. Es gibt ja die Richtung der Positiven Psychologie. Deren Anliegen ist es, Kinder schon in der Schule das Gefühl der Zufriedenheit zu lehren. Selbstzufriedenheit nicht im überheblichen Sinne; in dem Sinne, dass ich mir sage: Ich bin o. k. Ich kann zwar das und das nicht, ich verdiene auch nicht so viel wie der Topmanager, aber ich bin ein wertvoller Mensch. Ich bin liebenswert. Auf mich ist Verlass, mir kann man Vertrauen schenken … Ich kann mich nur dann der Liebe eines anderen wert finden, wenn ich mit mir selbst zufrieden bin.

WOMAN: Sind generell Frauen oder Männer zufriedener?

Senger: Frauen haben einen anderen Anspruch. Die Identität der Männer ist sehr von Arbeit besetzt. Und wenn beruflich viel passt, dann ist das Zufriedenheitsniveau schon relativ hoch. Frauen haben emotional mehr Bedürftigkeit. Sie sind ja auch in Beziehungen immer noch für emotionale Wärme zuständig. Sie sollen vermittelnd, heiter, warmherzig und tröstend sein. Männer sind so gesehen leichter zufrieden zu stellen. Allerdings muss ich sagen: In meiner Praxis rufen jetzt genauso viele Männer wie Frauen an, die ihre Beziehung retten möchten.

WOMAN: Wie bringt man eine Beziehung wieder in Balance?

Senger: Indem man darauf achtet, dass die Grundbedürfnisse in einer Beziehung ausreichend befriedigt werden. Das ist das Bedürfnis nach Bindung, nach Sichentfalten-Dürfen, nach Lebensraum, nach Anerkennung und nach Gesehenwerden, sexuell gemeint. Wenn man für den anderen sexuell unsichtbar geworden ist, ist die Beziehung klarerweise nicht in Balance.

WOMAN: Sind Lebensabschnittspartnerschaften für Sie weniger erstrebenswert als langfristige Beziehungen?

Senger: Ja, schon. Denn wenn ich nach sechs Jahren sage, jetzt ist meine Beziehung ermüdet, jetzt verlieb ich mich wieder neu, dann frag ich mich: Was ist nach den nächsten sechs Jahren, und wie oft kann ich das Spiel wiederholen? Wenn man an einer Beziehung arbeitet, hat man ja auch einen Ertrag: Ich hab Nähe, Loyalität, das Gefühl, nicht allein zu sein, und weiß, da ist jemand, der bereit ist, mit mir auch ein tiefes Tal zu durchqueren. Der mit mir weint, der mich tröstet, mir die Angst nimmt. Das sind wichtige Erfahrungen, die das Gefühl innerer Sicherheit und die Zuversicht entwickeln: "Wir zwei schaffen es, miteinander alt zu werden.“ Auch wenn es bis jetzt nicht cool geklungen hat, so etwas offen auszusprechen. In Zeiten wie diesen weiß man Verbindlichkeit wieder zu schätzen.

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