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"ZiB Flash"-Moderatorin Christiane Wassertheurer im WOMAN-Interview

Die vergangenen fünf Monate lebte die „ZiB Flash“-Moderatorin mit Ehemann Dieter und Adoptivsohn Moritz, 6, in Namibia und Uganda. Mit WOMAN sprach sie über ihren Alltag auf der Wildtier-Ranch und die große Sehnsucht, zu helfen …


"ZiB Flash"-Moderatorin Christiane Wassertheurer im WOMAN-Interview
© Ernst Kainerstorfer

WOMAN: Frau Wassertheurer, Sie haben sich mit ihrem Ehemann Dieter (mit dem ORF-Grafiker ist sie seit zehn Jahren liiert) und ihrem Adoptivsohn Moritz, 6, eine Auszeit vom Leben hier genommen und in Afrika gewohnt. Wie kam’s dazu?

Wassertheurer: Ich wollte diese Reise unbedingt machen, noch bevor Moritz schulpflichtig wird und ich 40. (lacht) Meine Freundin Petra, eine ehemalige Juristin, hat sich vor ein paar Jahren in einen namibischen Farmersohn verliebt. Inzwischen haben sie und Tim einen einjährigen Sohn, Florian, und betreiben dort in Winhoek die Okapuka-Ranch mit Löwengehege. Es gibt auch eine Lodge mit Gästezimmern für Touristen. Die bewirtschaftet Tim mit seinen Eltern. Petra hat eine eigene Reiseagentur für Selbstfahrer-Touren gegründet. Man kann mit Zeltdach am Jeep campen, oder entscheidet sich so wie wir, für eine fixe Bleibe dort, von der aus man das Land erkundet. Petra hat uns da wunderschöne Routen zusammengestellt! Im Jänner ging's also los. Eine tolle Gelegenheit, sich mal eine andere Welt anzuschauen.

WOMAN: Schildern Sie Ihre Eindrücke! Wie sah Ihr Alltag aus?

Wassertheurer: Vor dem Frühstück drehten wir immer einen langen Spaziergang. Dann kredenzte uns Petra ein herrliches Frühstück mit Biltong, das ist getrocknetes Fleisch vom Wild oder Rind, und allerlei frisches Gemüse, das sie im Garten anbaut. Tagsüber erledigten wir Einkäufe beim Spar – den gibt’s dort auch - und machten Ausflüge: Wir waren auf Pirschfahrten, jagten Krokodile und Elefanten. Beobachteten Geparden und Gorillas. Hängen sich die von den Bäumen hinunter, hat man schon Respekt! (lacht) Wenn man aus dem Fenster schaut, ziehen Nashörner, Leoparden und Giraffen vorbei. Die Tiere kommen einem ziemlich nahe. Ich hatte immer ein mulmiges Gefühl, wenn so ein Gepard sich ans Auto pirschte und durchs offene Fenster blickte. Und als Petra im Krokodilteich schwimmen war, bekam ich fast einen Herzinfarkt! Dann beruhigte mich ihr Mann Tim: „Es wird schon nix passieren.“ Dabei wurde ein Freund von ihm früher von einem Löwen attackiert und getötet.

WOMAN: Klingt ziemlich gefährlich! Hatten Sie auch Kontakt mit den Einheimischen?

Wassertheurer: Ja. Wir waren sogar bei den Buschmännern, den Ureinwohner von Namibia. Die leben in Clans und wissen alles über Jagen. Sie bieten Touristen Workshops an und zeigen ihnen traditionellen Tänze wie man in der Wüste jagt und wie man Schmuck aus getrockneten Straußeneierschalen fertigt. Selbst die kleinen Kinder helfen mit ...

WOMAN: Apropos Kinder: Besuchten Sie auch ein Waisenhaus?

Wassertheurer: Ja, in Uganda! Der Schlafraum war schlimmer als eine Garage, vollgeräumt mit Stockbetten. Die Decken löchrig und eine junge Waisenmutter kümmerte sich um zirka 70 Kinder. Sie ging mit einem Zeigestab durch die Runde, und wenn einer laut wurde, gab’s gleich einen Klaps. Einige der Sprösslinge waren Kindersoldaten, wurden verwahrlost irgendwo vorgefunden. Ich frage mich: Müssen Kinder so aufwachsen? Auch die anderen Leute dort sind so arm, tragen komplett kaputte Gewänder. Doch egal wer dir begegnet: Alle um dich lächeln! Bei uns blickt man nur in griesgrämige Gesichter!

WOMAN: Was lehrt Sie das?

Wassertheurer: Dass Wohlstand kein Glücksbringer ist. Es gibt so arge Probleme dort, da erscheinen unsere Sorgen hier lächerlich. Petra hatte früher, als sie noch als Juristin beschäftigt war, mit einer chronischen Krankheit zu kämpfen. In Afrika ist dieses Leiden viel besser geworden. Das sagt schon einiges ... Stress gibt es nicht. Nicht umsonst heißt es: „Die Europäer haben die Uhren. Die Afrikaner haben die Zeit!“

WOMAN: Haben Sie sich mit Ihrer Aussteiger-Freundin Petra über die Entwicklung unseres Gesellschaftssystem ausgetauscht?

Wassertheurer: Ja, oft abends unterm Sternenhimmel, wenn wir mit Bier ums Lagerfeuer saßen. Da meinte sie: „Wir verstehen Europa nicht mehr! Wie kann es sein, dass die Leute immer mehr nach materiellem Reichtum streben, gleichzeitig aber eine tiefe spirituelle Sehnsucht in sich tragen? Europa ist so verweichlicht und so abgehoben. In Afrika, wo man wirklich verzweifeln könnte, tut man es nicht. Und bei euch wird auf hohem Niveau gejammert!“ Irgendwie hat sie recht: Es ist ja alles da. Wir haben ein öffentliches Schulsystem, genügend Ärzte, der Staat unterstützt dich, wenn du deinen Job verlierst, es gibt Krankenversicherungen. Wenn man in diese andere Welt hineinblickt, wird man schon demütiger und lernt wieder zu schätzen, welchen Luxus wir in Wahrheit haben.

WOMAN: Hand aufs Herz: Haben Sie in Afrika etwas gearbeitet, Mails gecheckt...?

Wassertheurer: Das ging nur schwer, weil wir nicht immer Strom hatten. Anfangs war ich nervös, weil ich ständig dachte, ich verpasse etwas, wenn ich nicht ins Internet schaue und verfolge, was so in der restlichen Welt passiert. Aber nach einem Monat fiel dieser Stress ab. Und in diesem Entspannungszustand warf ich dann auch meine ursprünglichen Pläne über Bord, einen Reise-Blog zu schreiben. Es hat mich einfach nicht gefreut. Ich habe mir erlaubt, faul zu sein und einfach nur das Leben zu genießen.

WOMAN: Könnten Sie sich vorstellen, ganz nach Namibia auszuwandern?

Wassertheurer: So schön es war: Nein. Mich hat das reduzierte Farm-Leben schon etwas eingeschränkt. Man kriegt keine Tageszeitung und liegt doch etwas abgelegen vom nächsten Zentrum. Man überlegt es sich also zweimal, ob man wirklich 60 Kilometer zurücklegt, nur um ein Packerl Milch zu kaufen. Ich bin zwar in Kärnten auf einem Bauernhof aufgewachsen, wo meine Eltern Kühe und Schweine halten. Trotzdem bin ich eher ein Stadtmensch. Außerdem könnte ich mich mit den Überbleibsel der Apartheitspolitik nie anfreunden ...

WOMAN: Wo bekommt man diese noch zu spüren?

Wassertheurer: In den weißen Familien ist es so, dass es ausschließlich schwarzes Personal gibt. Kindermädchen, Köche, Gärtner - alles Farbige, die einen Spottpreis bezahlt bekommen. Im Schnitt 120 Euro im Monat und dafür müssen sich noch einen recht herrischen Ton gefallen lassen. Mit diesem Bild einer Zweiklassengesellschaft wachsen natürlich auch die Kinder der weißen Unternehmer, Hotelbesitzer und Farmer auf. Die sehen nur die schwarzen Maschinenarbeiter rackern. Das hab ich mit gemischten Gefühlen aufgenommen: Ich frage mich, welche Spuren das hinterlässt. Der weiße Mann dort ist nach wie vor der, der das Geld hat und bestimmt. Aber wenn ich das ansprach, hieß es meistens: „Ihr Europäer kümmert euch lieber um eure Probleme!“

WOMAN: Zurück in Österreich: Haben Sie Bammel vor der Tretmühle des Alltags? Ab Anfang Juli sind Sie ja wieder im ZiB-Flash am ORF-Schirm zu sehen ...

Wassertheurer: Es hat länger gedauert, in Afrika seelisch anzukommen. So ging’s mir nun auch bei der Rückkehr in Wien. Mir fehlen die schwarzen Menschenmassen. Die vielen Jugendlichen. Niemand lacht, ruft dir nach, singt oder tanzt. Das war schon komisch zu sehen, wie steril unsere Welt hier ist. Es hat sich Vieles relativiert. Aber nachdem mein Arbeitspensum im ORF bei 60 Prozent liegt, möchte ich die Zeit, die mir nebenher bleibt, für karitative Projekte verwenden. Ich will ein Brückenbauer sein zwischen Uganda und Österreich sein ...

WOMAN: Welche Aufgabe schwebt Ihnen konkret vor?

Wassertheurer: Ich werde künftig Spendengelder für das Waisenhaus in Uganda sammeln, das der Österreicher Leo Stollwitzer gegründet hat. Die Spenden gehen 1:1 an das Waisenhaus, es gibt auch die Möglichkeiten von Patenschaften. Leo fährt fünf bis zehn Mal pro Jahr nach Kampala und kauft mit dem Spendengeld das ein, was am nötigsten gebraucht wird. Das erfüllt mich und gibt mir mehr Sinn, als nur an Karriere zu denken.

WOMAN: Könnten Sie sich vorstellen, noch ein zweites Kind zu adoptieren?

Wassertheurer: Im Prinzip ja …

WOMAN: Was war das beste, das Sie aus Afrika für’s Leben mitgenommen haben?

Wassertheurer: Das Gefühl von Dankbarkeit – Dankbarkeit dafür im Wohlstand zu leben, gesund zu sein, einen lieben Mann zu haben, eine gesunde Familie und eine Arbeit. Leider gibt es in Johannisburg kein ORF-Korrespondenzbüro – dafür fehlen die finanziellen Mittel – denn sonst würde ich mich sofort dort bewerben. Aber mein Mann, Moritz und ich haben uns vorgenommen, dass wir bei nächster Gelegenheit wieder nach Namibia fliegen. In den afrikanischen Dörfern gibt es einfach ein starkes Miteinander. Vielleicht ist diese Welt auch deshalb nicht so hohl wie unsere ...

Mehr Informationen unter:
www.namibia-info.net
www.hope-f-u-l.com
www.okapuka-ranch.com
www.gazzella-tours.com

Interview: Petra Klikovits