
Sie ist an einem Punkt, an dem sich viele zurücklehnen würden. Judith Williams tut das Gegenteil und bleibt in Bewegung. Ihr Prinzip: Echte Führung beginnt immer bei einem selbst.
Als eine der einflussreichsten Unternehmerinnen im deutschsprachigen Raum ist Judith Williams eine wichtige Stimme für Female Empowerment, die weit über das Erfolgsformat „Die Höhle der Löwen“ hinausgeht. Die Vita der 54-Jährigen liest sich wie eine einzigartige Erfolgsgeschichte, und doch kennt sie auch die andere Seite: zweifeln, scheitern, noch einmal anfangen. Die berufliche Laufbahn von Williams begann auf der großen Opernbühne. Doch eine Tumorerkrankung beendete Mitte der 90er-Jahre ihre Karriere als Sängerin – und öffnete ihr gleichzeitig die Tür in eine neue.
Die gebürtige Münchnerin musste ihr Leben neu ordnen – zuerst jobbte sie in einem Fitnesscenter, dann als Moderatorin beim Teleshopping. „Dort habe ich andere Brands groß gemacht, das wollte ich irgendwann auch für mich. Und so bin ich eigentlich in die Selbstständigkeit gestolpert“, erzählt sie. „Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt, und ich würde auch allen raten: Behaltet euch diese Naivität!“ Aus der Idee, eine eigene Kosmetikmarke zu gründen, wurde in den vergangenen 18 Jahren ein Imperium: Über 2.000 Artikel gehören mittlerweile zum Portfolio der Cura Cosmetics, die ihren Sitz in Innsbruck hat. Rund 500 Produkte davon kommen unter der Marke Judith Williams Cosmetics auf den Markt – Konzernumsatz: 101,3 Millionen Euro. „Es gibt kaum ein Badezimmer im DACH-Raum, wo nicht eine unserer Marken oder eines unserer Produkte steht.“ Beim WOMAN ELEVATE Circle nahm sich Judith Williams Zeit, um über das zu sprechen, was hinter ihrer Erfolgsgeschichte steckt.


Inspirierend. Judith Williams im Talk mit WOMAN-CR Melanie Zingl beim WOMAN ELEVATE Circle im Motto am Fluss in Wien.
© Nicole ViktorikWOMAN: Frau Williams, wir haben den heutigen Termin fast ein Jahr lang koordiniert. Wenn man sieht, wie viele Projekte Sie parallel stemmen, fragt man sich: Wie geht sich das alles aus? Wie planen Sie Ihr Leben?
Judith Williams: Ich habe einen sehr straffen Terminplan und bin ziemlich durchgetaktet, für mein Empfinden sogar ein bisschen zu viel. Je mehr Aufgaben man annimmt, desto mehr Struktur braucht es. Du musst aber vor allem darauf achten, dass du genug Zeiten hast, in denen du wieder zu dir kommst, Kraft auftankst, um dann wieder rauszugehen zu können. Ich spüre genau, wenn es zu viel wird, und dann höre ich auf mein Bauchgefühl und weiß, ich muss jetzt mal etwas absagen. Und wenn ich dann wirklich zwei Tage freihabe, mache ich einfach, was ich will, ohne Plan.


WOMAN: Wie leicht fällt es Ihnen, Dinge abzusagen?
Judith Williams: Ich möchte – wie so viele Frauen – immer gern in Perfektion leben und muss täglich erkennen, dass das überhaupt nicht funktioniert. Je mehr ich danach strebe, desto mehr geht es in die Binsen. Deshalb tausche ich: Perfection against Progress. Dann bin ich sehr selektiv: Was ist jetzt wirklich wichtig? Was ist nice to have? Was mache ich vielleicht nur aus Eitelkeit? Letzteres ist immer absolut sinnlos und nur ein Stolperstein.
WOMAN: Sie sind Unternehmerin, Investorin, Mentorin – und mit über 300 TV-Stunden pro Jahr eine der sichtbarsten Frauen im deutschsprachigen Fernsehen. Wann haben Sie gemerkt, dass Judith Williams nicht nur eine Person ist, sondern auch eine Marke geworden ist?
Judith Williams: Nachdem es mir immer wieder passiert ist, dass ich im Supermarkt von Leuten gefragt wurde: „Können Sie mir kurz sagen, welche Hautcreme ich brauche?“ Oder beim Bäcker macht mal jemand einen kurzen Pitch: „Soll ich damit zu ‚Die Höhle der Löwen?‘“ Da wurde mir bewusst: Die kennen mich von irgendwo. Und das fand ich irre schön.
WOMAN: Macht es Ihnen noch immer Spaß, überall erkannt zu werden?
Judith Williams: Absolut. Ich bin jemand, der sich gerne vernetzt und von jedem, der mir begegnet, etwas mitnimmt. Ich habe mein Business nicht gestartet, weil ich Karriere machen wollte, sondern weil ich es liebe, mich mit Menschen weiterzuentwickeln. Ich lerne so viel von meinen Kolleg:innen, und wir versuchen sehr, am gemeinsamen Mindset, auch in der Führungsebene, zu arbeiten, damit wir empathisch agieren können und gleichzeitig hartnäckig bleiben.
WOMAN: Wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen Empathie und Konsequenz?
Judith Williams: Ich glaube, eines der wichtigsten Dinge, die wir im Leben lernen müssen, ist, uns selbst zu führen und uns nicht über Emotionen leiten zu lassen. Bei uns im Unternehmen werden auch mal harte Diskussionen geführt, aber wir alle wissen, wir nehmen es nicht persönlich, sondern ich höre zu, was der andere mir sagt, und ich versuche zu verstehen, woher das kommt. Das heißt nicht, dass ich für alles immer Verständnis haben muss, aber ich habe trotzdem die Fähigkeit, mich in die Situation des anderen zu versetzen, um einen gemeinsamen Weg zu finden.
WOMAN: Als Sie Ihre Gesangskarriere beenden mussten, haben Sie früh erfahren, dass ein Traum zerbrechen kann. Wie ist es Ihnen gelungen, dadurch stärker anstatt misstrauischer zu werden?
Judith Williams: Das war mit einer langen Trauerphase verbunden. Ich bin in einer Gesangsfamilie groß geworden, und für mich war immer klar, dass ich auch auf der Bühne stehen möchte. Die Energie und die Emotion, die beim Singen entstehen, sind so erfüllend. Das nicht mehr zu können, war schmerzhaft. Ein Instrument wie die Stimme lässt sich nicht ersetzen. Ich habe damit meine Identität verloren und stand vor der Frage: Was bleibt von mir übrig, wenn ich das alles nicht mehr bin? Darauf hatte ich damals keine Antwort. Und als ich meine Miete nicht mehr zahlen konnte, meinte mein Vater: „Such dir einen Job.“ Also habe ich als Empfangsdame in einem Fitnessstudio begonnen. Eine wichtige Erfahrung. Schmerz zwingt uns in die Weiterentwicklung. Ich habe Demut, Disziplin und Dankbarkeit gelernt, weil ich wusste, ich will hier nicht bis zur Pension bleiben.
WOMAN: Wie würden Sie die Frage – Wer bin ich ohne meinen Job? – heute beantworten?
Judith Williams: Ich bin ein Mensch, der Menschen liebt. Meine Familie findet es oft nervig, weil ich in der Stadt dauernd stehen bleibe und mit anderen rede, aber für mich ist das bereichernd: Was hat dich geprägt? Warum bist du geworden, was du bist? Was bewegt dich?
WOMAN: Sie haben Hunderte Gründer:innen gesehen. Woran erkennen Sie, ob jemand das Zeug dazu hat, es weiterzubringen?
Judith Williams: Ist es das, was die Person sagt? Oder das, was ich spüre? Wir sind Energie. Und jeder bringt seine eigene Energie wie eine Duftnote in den Raum mit. Das nehme ich auf. Ich bin ein Bauchmensch, natürlich will ich auch die Zahlen sehen und schalte meinen Kopf dazu, aber diese Stimmung zu spüren, das kannst du nicht erklären. Das Gleiche gilt für Vorstellungsgespräche: Immer wenn ich nicht auf mein Bauchgefühl höre, ist es Quatsch!
WOMAN: Wie bewahren Sie sich davor, dass Erfolg für Sie zur Gewohnheit wird?
Judith Williams: Ich bin immer hungrig auf das, was ich noch nicht kann. Deshalb spreche ich auch offen darüber, dass ich eben nicht BWL studiert habe – um all jenen, die auch nicht diese Möglichkeit hatten, Hoffnung zu geben. Egal was du glaubst, was dir im Leben fehlt, es ist nicht so groß, dass du nicht den ersten Schritt gehen kannst, um deinen Traum zu erfüllen. Sei dir nur des Preises bewusst, den du dafür zahlst, und geh los! Denk nicht zu lange darüber nach, weil nichts schneller vergeht als Chancen. Ich habe meine ergriffen – und hart dafür gearbeitet, dabei wusste ich anfangs nicht einmal, wie man eine GmbH gründet. Das hab ich mir alles am Weg angeeignet. Gerade in der heutigen Zeit mit KI, YouTube & Co. haben wir Zugang zu so viel Wissen. Jeden, der sagt „Ich kann nicht, weil ...“, möchte ich ermutigen: Schieb das Weil zur Seite! Die Gründungszeit ist die schwierigste, es ist auch die Phase, in der die meisten untergehen. Wenn du diese Zeit mal hinter dir und etwas aufgebaut hast, wird es einfacher.
WOMAN: Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl: „Ich hab es geschafft“?
Judith Williams: Ganz ehrlich: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich es geschafft habe. Im Gegenteil: Ich stehe erst am Anfang. Und dieses Mindset möchte ich mir bis zum Schluss erhalten, weil jeder, der ein Unternehmen hat, weiß: In dem Moment, in dem du glaubst, dass du es geschafft hast, entwickelt es sich in eine andere Richtung weiter.
WOMAN: Sie gelten als das, was man unter dem Inbegriff einer Selfmadefrau versteht. Muss sich das ganze Leben um den Job drehen, wenn man so erfolgreich sein möchte?
Judith Williams: Überhaupt nicht. Die größte Kraft und die größten Learnings ziehe ich aus meiner Familie und den Menschen um mich herum. Sie sind mein größtes Geschenk. Kein beruflicher Erfolg kann familiären Misserfolg auffangen. Es gab auch Zeiten – mit vier Kindern, eines nach dem anderen in der Pubertät –, in denen ich dachte: Ich verkaufe die Company, ich schaffe das nicht mehr! Mir war immer wichtig, dass niemand auf der Strecke bleibt. Das hätte ich mir nicht verziehen.
WOMAN: Viele Frauen sind immer noch selbst ihre größten Kritikerinnen. Wie durchbricht man diesen Reflex?
Judith Williams: Ich denke, das hat viel mit der eigenen Wertschätzung zu tun. Damit meine ich keine Ego-Show, sondern eine ehrliche Innenschau: Was sind meine Stärken? Wo liegen meine Potenziale? Ich habe Selbstreflexion zu meinem absoluten Empowerer gemacht. Weg von der Selbstkritik, die dich runterzieht. Ich habe beschlossen: Ich will aus Gesprächen mit mir selbst nicht deprimiert und mit Vorwürfen rausgehen, sondern mit der Freude, etwas anzupacken: Wow, ich habe etwas gefunden, was ich noch nicht kann – großartig! Diese Self-Leadership ist die wichtigste Aufgabe, die du in deinem Leben hast.
Über die Autor:innen

Melanie Zingl
Melanie ist seit 2007 bei der Verlagsgruppe News (VGN) tätig. 2016 wurde sie Leitende Redakteurin und 2018 Stellvertretende Chefredakteurin. Seit 2024 ist Melanie Chefredakteurin bei WOMAN. Ihr erklärtes Ziel: "Make the World more WOMAN. Weil wir davon überzeugt sind, dass eine gleichberechtigte Welt eine bessere ist."