Logo

Patti Smith: Die Punk-Poetin

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
6 min
Patti Smith

©Cyril Zannettacci / Agence Vu / picturedesk.com

Ausnahmekünstlerin Patti Smith veröffentlicht neue Memoiren und blickt auf ihr bewegtes Leben zurück. Über die Kraft der Poesie, Verluste und die Liebe.

Sie ist Punk-Ikone und Rebellin – und mit ihren 78 Jahren noch kein bisschen leise. Im Gegenteil: Patti Smith arbeitet nach wie vor als Lyrikerin, Fotografin, Malerin und Musikerin. Ihre wilde graue Mähne und die geballte Faust auf der Bühne sind ihr Markenzeichen. Jetzt hat die „Godmother of Punk“ ihre zweiten Memoiren veröffentlicht. „Bread Of Angels“ (Kiepenheuer & Witsch) trägt den Untertitel „Die Geschichte meines Lebens“ und gibt tiefe Einblicke in ihr faszinierendes Schaffen, das sie von klein auf der Kunst und der Liebe gewidmet hat. Es ist wohl Smiths persönlichstes Buch und zeigt, dass die vielseitige Künstlerin nie verlernt hat, zu staunen und sich für die Welt und ihre Mitmenschen zu begeistern.


Kunst als Religion

Patti Smith schreibt über ihre Kindheit in Chicago und erzählt, wie es für sie war, in Armut aufzuwachsen und mit ihren Eltern – einer Kellnerin und einem Fabrikarbeiter – elf Mal umzuziehen. Smith sieht sich als „traumwandlerisches Kind“, das in der Schule keinen Anschluss fand und sich am liebsten im Wald in den Geschichten von „Peter Pan“ verloren hat. „Ich wusste schon immer, dass ich etwas Besonderes in mir trage. Ich war nicht schön, ich war nicht gesprächig, ich war nicht gut in der Schule. Ich war nichts, was ahnen ließ, dass ich etwas Besonderes war, doch ich hatte immer die große Hoffnung, ich sei es doch. Dieser Mut trieb mich an“, reflektiert sie diese prägende Phase. Ihre Eltern waren Zeugen Jehovas, doch mit diesem Glauben konnte Smith als junges Mädchen trotz unzähliger Bibelstunden wenig anfangen. Als Teenager trat sie aus der Glaubensgemeinschaft aus – „nicht ohne Bedauern und doch begleitet von einem Gefühl der Befreiung. Ich hatte meinen eigenen Weg gewählt, widmete mein jugendliches Ich der Kunst und nahm mir vor, mich auf das Leben einer Künstlerin vorzubereiten, die gelobte, ungeachtet der Konsequenzen standhaft zu sein.“ Die Kunst wurde ihre neue Religion.

Mit 16 Jahren brach sie die Schule ab, um in einer Fabrik zu jobben, mit 18 bekam sie eine Tochter, die sie zur Adoption freigab. „Absolute Entschlossenheit verdrängte meine Ängste“, erinnert sie sich. „Ich schrieb das dem Baby zu und stellte mir vor, wie es sich mit mir solidarisierte. Ich würde nie zurückschauen.Ich würde Künstlerin werden.“ Und das wurde sie. Allein zog sie nach New York, in die Stadt, die die glamouröse Geburtsstätte ihres musikalischen Durchbruchs wurde. Mit ihrem Debütalbum „Horses“ (1975) schrieb Smith Musikgeschichte, wurde eine Ikone der Punkrockbewegung und als vehemente Kämpferin für Frauenrechte gefeiert.

Poesie und Liebe

Immer wieder fand Smith in der Kunst und im Schreiben Halt – getrieben von dem Bedürfnis, das Alltägliche ins Schöne, das Gewöhnliche ins Magische und den Schmerz in Hoffnung zu transformieren. Patti Smith teilt in ihrem Buch auch Momente, die ihren Weg als Künstlerin geprägt haben. Sie bezieht sich auf Picasso, Geschichten von Oscar Wilde oder den von ihr heiß verehrten französischen Poeten Arthur Rimbaud. Er sei ihr „von den Engeln serviert“ worden, erwähnt sie – darauf bezieht sich auch der Buchtitel. Heute wohnt Patti Smith übrigens im Haus des berühmten französischen Dichters in Roche, einem kleinen Dorf nahe der Grenze zu Belgien. 2017 kaufte sie Rimbauds ehemalige Bleibe, den sie in der ersten Autobiografie „Just Kids“ schon als ihren „heimlichen Geliebten“ beschrieben hatte.

Auf den letzten Seiten von „Bread of Angels“ reflektiert die Musikerin über das Älterwerden und den Umgang mit Verlusten. Ihr Lebenspartner Fred „Sonic“ Smith, mit dem sie zwei Kinder hat, starb 1994 an Herzversagen, ein Monat später kam ihr Bruder ums Leben. Heute weiß sie: „Dinge loslassen ist die schwerste Aufgabe im Leben. Unsere Talismane fortgeben, einen nach dem anderen. Aber meinen Ehering werde ich behalten, genau wie die Liebe meiner Kinder. Was bleibt, im Loslassen, ist Integrität.“

Blurred image background

Ein Leben für die Kunst: Die neuen Memoiren von Rockmusikerin Patti Smith sind zutiefst persönlich. „Bread of Angels“, Kiepenheuer & Witsch, € 27,50.

Über die Autor:innen

-20% auf das WOMAN Abo