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Anita Frauwallner: Erfolg mit Probiotika und Darmgesundheit

Aktualisiert
Lesezeit
13 min
©Unsplash

Eine Pionierin zwischen Business und Bakterien: Anita Frauwallner hat in den vergangenen 30 Jahren aus einem Tabuthema ein internationales Erfolgsprodukt aufgebaut.

Das Erste, was man sieht, wenn man das Büro von Anita Frauwallner betritt, ist: Magenta. Die Wände, die Deko, die Kunst, selbst die Wasserflaschen – alles leuchtet in diesem kraftvollen Ton. Es ist unmöglich, ihn zu übersehen. Und genau darum geht es der Unternehmerin: „Als ich begonnen habe, waren alle Gesundheitsprodukte weiß oder blau. Das war mir zu langweilig.“ Also entschied sie sich für ihre Lieblingsfarbe – als Gegenentwurf zur grauen Pharmawelt. Heute ist genau das Teil der DNA ihrer Marke OMNi-BiOTiC, die sie vor 30 Jahren in Graz gründete. Zu einer Zeit, als Darmgesundheit noch lange kein Trendthema war.

Im Gegenteil: „Wenn ich zu Abendessen eingeladen war, ist es mir oft passiert, dass mich die Gastgeberin vorher bat: ‚Anita, bitte red während des Essens nicht über den Darm und über das, was du machst‘“, lacht Frauwallner. „Das Lustige ist: Spätestens nach dem ersten Gang hat mich immer eine Frau danach gefragt, und beim Dessert haben auch die Männer darüber gesprochen.“

Die Leiterin des Instituts AllergoSan brachte mit OMNi-BiOTiC 1995 das erste Multispezies-Probiotikum auf den Markt – ein Nahrungsergänzungsmittel mit sechs verschiedenen probiotischen Bakterienstämmen, das zur Unterstützung der natürlichen Darmfunktion dient und dem Körper helfen soll, Nährstoffe besser aufzunehmen und Abfallprodukte auszuscheiden. Mittlerweile vertreibt Frauwallner über 20 Produkte, die für unterschiedlichste Beschwerdebilder entwickelt wurden. „Hinter jedem Probiotikum steht die Geschichte eines Menschen“, betont Prof. Anita Frauwallner, die 2024 von der Republik Österreich für ihr Engagement in der Mikrobiomforschung mit dem Berufstitel „Professorin“ ausgezeichnet wurde. Die wissenschaftliche Arbeit ist zu ihrer Leidenschaft geworden: „Forschung steht bei uns an oberster Stelle. Ein Produkt kommt nie ohne Studie auf den Markt.“

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Top. Vorreiterin und inspirierende Stimme für Female Leadership: Seit 30 Jahren widmet sich Anita Frauwallner der Erforschung des Mikrobioms.

 © Lukas Ilgner

Ihre Leadership-Skills

Wir nehmen in der Sitzecke ihres Büros Platz, und bevor das Aufnahmegerät überhaupt läuft, erzählt Frauwallner eine Geschichte, die eigentlich schon alles über ihren Führungsstil aussagt. „Als ich das Unternehmen gestartet habe, waren wir zu zweit. Heute sind wir über 500.“ Das erfüllt sie mit Stolz – nicht wegen der Zahl, sondern wegen dem, was dahintersteht, nämlich dem betrieblichen Zusammenhalt, der trotz des beeindruckenden Wachstums geblieben ist. Zu ihrem Geburtstag im Juni haben sich heuer alle Mitarbeiter:innen in Teams zusammengeschlossen, um ihr jeden Monat ein Geschenk zu machen. „Das November-Präsent hat mich gerade vorhin erreicht – eine Amaryllis mit einem Brief aus der Kommunikationsabteilung“, freut sie sich. „Das ist für mich das Schönste: Wir sind trotz der Größe eine Familie geblieben.“ Ihre Devise: Kontrolle durch Vertrauen. „Man muss sich die besten Leute holen – und ihnen zutrauen, dass sie es können. Wenn ich mich auf jemanden verlassen kann, muss ich mich nicht einmischen.“

Authentizität und Nähe zu ihrem Team waren der Geschäftsfrau von Anfang an wichtig. Wie ihr das gelingt? „Ich bin mit Leidenschaft bei der Sache. Jede und jeder hier weiß, dass ich für das, was wir tun, brenne. Ich mache das nicht, damit ich mir morgen ein zweites Auto kaufen kann, sondern weil ich das Wissen, das ich in über drei Jahrzehnten angesammelt habe, weitergeben möchte, um Menschen ein gesünderes Leben zu ermöglichen.“ Drei Mal pro Woche isst sie mit ihren Mitarbeiter:innen in der Kantine zu Mittag. Wer etwas braucht, setzt sich einfach dazu: „Ich möchte wissen, wie es den Menschen geht, die für mich arbeiten. Und mit ihnen in den Austausch gehen.“ Entscheidungen fallen da auch schon mal zwischen Suppe und Hauptgang – ohne Termin, ohne Barrieren. Angst habe in ihrem Unternehmen keinen Platz. „Respekt ist wichtig“, sagt sie und holt weiter aus: „Was ich gar nicht vertrage, ist, wenn ich sehe, dass sich jemand zum Beispiel Frauen gegenüber despektierlich verhält. Einen Mitarbeiter habe ich gekündigt, weil er eine Kollegin kleingehalten hat. Ich lasse nicht zu, dass Mitarbeiter:innen von anderen schlechtgemacht oder herunterzogen werden.“

Zu ihren Erfolgsgeheimnissen zählt Frauwallner drei Dinge: Authentizität, Mut und ihren Humor. „Wenn im Haus gute Stimmung herrscht, multipliziert sich das. Gibt es ein Thema, sage ich meinen Mitarbeiter:innen offen, worum es geht. Und ich vertrage Kritik, denn nur wenn ich zuhöre, kann ich erfahren, was wir verändern müssen.“ Die Chefin ist überzeugt: Das gute Betriebsklima spricht sich herum. Jeden Monat bewerben sich zwischen 700 und 800 Menschen bei AllergoSan.

Der Weg an die Spitze

Was heute wie eine Erfolgsgeschichte aus dem Bilderbuch klingt, begann mit einem schweren Schicksalsschlag. Lange, bevor Anita Frauwallner die „Darm-Pionierin“ wurde, führte sie mit ihrem Ehemann eine Apotheke in Graz. Als er schwer krank wurde, war sie seine wichtigste Stütze. „Mein Mann erkrankte schon in jungen Jahren an einer chronischen Darmentzündung. Eine alte Krankenschwester meinte damals bei der Koloskopie zu mir, sie habe in 50 Jahren nie gesehen, dass Medikamente in so einem Fall geholfen hätten. Aber sie gab mir den Rat, dass die Ernährung ein Hebel sein könnte. Also habe ich begonnen, mich damit zu beschäftigen und sogar Ernährungsmedizin zu studieren“, erinnert sie sich an die herausfordernde Zeit. „Nach einer Ernährungsumstellung ging es ihm besser, aber leider wurde nach zehn Jahren Dickdarmkrebs bei ihm festgestellt, zwei Jahre später ist er daran gestorben.“ Frauwallners größter Antrieb bei der Suche nach einem möglichen Heilmittel: die Sorge um ihren Sohn. „Ich wollte nicht, dass er dasselbe Leid ertragen muss. Und als ich dann zum ersten Mal die Darmbakterien unter einem Elektronenmikroskop gesehen habe, war mir klar: Das ist es! Ich habe mit den Professoren die sechs stärksten Stämme definiert, die sich im Darm jedes Menschen ansiedeln und seine Funktion auf positive Weise unterstützen können. Das war der Ursprung von OMNi-BiOTiC. Damals gab es etwa 19 Publikationen zu dem Thema im Jahr, heute liegen wir bei 20.000.“ 2001 verkaufte sie schließlich ihre Apotheke: „Ich habe das Geld für die Forschung gebraucht.“

Aus dieser Zeit stammt auch ein Grundsatz, den sie bis heute lebt und weitergeben möchte: „Für mich ist das Allerwichtigste, das zu machen, woran man glaubt. Und die eigenen Ideen klar zu kommunizieren. Nicht hinterm Berg halten, nur weil man vielleicht denkt, es ist doch nicht gut genug. Nur wenn ich es ausspreche, kann es auch umgesetzt werden.“

Wie die Erfolgsgeschichte weitergeht

Ihre Vision, dass ein gesunder Darm der Schlüssel für ein gutes Leben ist, ist heute in mehr als 30 Ländern bekannt. „Wir sind Marktführer im deutschsprachigen Raum, seit heuer Nummer zwei in Europa und die Nummer drei der Welt.“ Wie besteht man als kleines Unternehmen mit Sitz in Graz neben großen, weltweiten Pharmakonzernen? Frauwallner weiß: „Unsere Mitbewerber:innen schlafen natürlich nicht, und es gibt gerade einen riesigen Boom im Bereich der probiotischen Nahrungsergänzungsmittel. Aber: Du musst einfach besser sein. Die Produkte müssen für sich sprechen. Mir war es auch immer wichtig, Präparate zu entwickeln, deren Wirkung man innerhalb eines Monats spürt.“

Was als persönlicher Kampf begann, wurde zu einer wissenschaftlichen Pionierleistung. Frauwallner reist zu Kongressen, diskutiert mit Forschenden weltweit. Der Durchbruch kam langsam, aber konsequent: „2015 wurde unsere Studie unter 10.000 Einreichungen auf der American Liver Week als beste Studie der Welt ausgezeichnet. Wir konnten zeigen, dass die Einnahme von Probiotika zu einer signifikanten Verbesserung der Leberfunktion bei Patient:innen mit Leberzirrhose führt.“ Internationales Ansehen erreichte Frauwallner nicht zuletzt auch durch Dave Asprey, der in den USA als „Father of Biohacking“ bezeichnet wird. „Durch unsere amerikanischen Kolleg:innen hat er OMNi-BiOTiC HETOX kennengelernt, das zur Unterstützung der Leber dient. In einem Podcast erzählte er schließlich, es gebe keinen Abend, an dem er es vor dem Schlafengehen nicht einnimmt. Die Verkaufszahlen sind dadurch mit einem Schlag gestiegen.“

Und was kommt jetzt? Frauwallner hat noch viel vor. 30 Jahre lang hat sie das Thema Krebs ausgeblendet. Doch heute arbeitet sie genau an diesem Punkt weiter: daran, wie das Mikrobiom die Wirksamkeit von Krebstherapien verbessern und Krebszellen bekämpfen kann. „Wir haben die erste Studie im Labor in Graz an Mäusen gemacht. Noch bevor sie publiziert wurde, haben sich die größten Universitäten Europas darum beworben, die Menschen-Studie durchzuführen. Das Universitätsspital Zürich erhielt den Zuschlag.“ Die Professorin blickt kurz aus dem großen Fenster ihres Büros, bevor sie weiterspricht: „Ich habe damals versagt, als ich meinen Mann nicht am Leben halten konnte, aber vielleicht kann ich 40 Jahre später doch etwas bewirken. Das wäre für mich die Krönung.“

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