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Physiotherapeutin warnt: "Babys sollten nicht passiv hingesetzt werden!"

Eine Expertin erklärt, welche Auswirkungen es haben kann, wenn man ein Baby zu früh hinsetzt - egal, ob am Boden, im Hochstuhl oder Kinderwagen.

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Baby passiv hinsetzen nicht gut

Babys setzen sich ab einem Alter von ca. 9 Monaten selbst auf.

© istockphoto.com

"Und, kann dein Baby schon alleine sitzen?" - Diese Frage hören Jungeltern nicht selten sobald das Kind ein halbes Jahr alt ist. Solche Fragen können bei Mama und Papa schnell für Leistungsdruck sorgen: "Sollte ich mir Sorgen machen, dass mein Kind noch nicht sitzt?", "Wäre es sinnvoll das Sitzen zu üben?" Physiotherapeutin Kathrin Mattes hat dazu nur eine Antwort: "Auf keinen Fall!" In ihrer Praxis arbeitet sie primär mit Babys und weiß, dass passives Hinsetzen von Babys deren Entwicklung erheblich stören kann. Im Interview mit WOMAN.at erklärt sie ab wann Babys für gewöhnlich frei sitzen und wie Eltern die Entwicklung der Kinder auf gesunde Weise fördern.

WOMAN: Auf deinem Facebook-Profil hast du einen Beitrag zum Thema "Passives Hinsetzen" veröffentlicht. Dieser wurde schon knapp 4000 Mal geteilt. Warum ist das Thema so spannend?
Kathrin Mattes: Weil Babys häufig hingesetzt werden, obwohl sie noch gar nicht alleine sitzen können. Das Sitzen wird sogar geübt. Vielen Eltern ist nicht bewusst, dass dies mehr Nach- als Vorteile hat.

WOMAN: Was bedeutet freies Sitzen eigentlich?
Kathrin: Genau genommen bedeutet es, dass sich das Baby auf dem Boden ganz alleine in eine Sitzposition begeben kann.

WOMAN: In welchem Alter sitzen Babys für gewöhnlich frei?
Kathrin: Das ist mit ungefähr 9 Monaten der Fall. Die natürliche Bandbreite ist aber sehr groß, sodass sich manche Babys schon mit 6 Monaten aufsetzen und andere dafür bis zum ersten Geburtstag brauchen. Beides ist völlig normal, deswegen findet man auch so viele verschiedene Altersangaben in unterschiedlichen Tabellen. Es besteht also absolut kein Grund, nervös zu werden, wenn ein Baby mit 6 Monaten noch nicht sitzt.

»Viele Eltern können es kaum erwarten bis ihr Baby endlich sitzt - es ist aber wichtig keine Entwicklungsschritte vorwegzunehmen, sondern sie das Kind selbst erreichen zu lassen.«

WOMAN: Ist es okay, wenn ich das Kind hinsetze, um das freie Sitzen zu üben?
Kathrin: Das fällt unter "passives Hinsetzen" und ist nicht zu empfehlen. Viele Eltern können es kaum erwarten bis ihr Baby endlich sitzt - es ist aber wichtig keine Entwicklungsschritte vorwegzunehmen, sondern sie das Kind selbst erreichen zu lassen. Diesen natürlichen Ablauf sollte man nicht stören, denn das beeinflusst die Entwicklung vieler Kinder negativ. Das bedeutet, man sollte ein Baby erst dann hinsetzen, wenn es sich bereits alleine aufsetzen kann, und zwar völlig ohne Hilfe auf ebenem Boden.

WOMAN: Viele Babys haben aber sehr viel Spaß, wenn sie hingesetzt werden.
Kathrin: Das stimmt, sie finden es toll. Die Aussicht ist super, die Hände sind frei. Dennoch ist es nicht gut für sie - genau wie andere Dinge, die Kinder toll finden und trotzdem nicht bekommen, z.B. Süßigkeiten ohne Ende, lange aufbleiben, den ganzen Tag fernsehen, niemals Zähneputzen. Kleine Kinder können noch nicht einschätzen, was gut für sie ist. Da ist man als Erwachsener gefragt, Verantwortung zu übernehmen.

Kathrin Mattes Physiotherapeutin

WOMAN: Was, wenn sich das Kind aber schon sehr gut aufrecht hält und nur noch einen Schubs braucht, um in die Sitzposition zu gelangen?
Kathrin: Auch dann sollte man sich in Geduld üben. Die Hilfe ist zwar gut gemeint, hat aber mehr Nachteile als Vorteile. Wenn ein Kind seine Muskulatur in Rücken- und Bauchlage ausreichend gekräftigt hat, um im Sitzen seine Wirbelsäule stabilisieren zu können, wird es sich ganz von alleine aufsetzen. Meist geschieht das über die Seitenlage und den seitlichen Stütz oder das Kind setzt sich aus dem Vierfüßerstand seitlich hin. Die Stützfunktion der Hände wird dann immer mehr abgebaut.

WOMAN: Was können Eltern tun, wenn das Kind jammert und weint vor Frust, weil es sich noch nicht von alleine hinsetzen kann?
Kathrin: Es ist wichtig zu wissen, dass die Unzufriedenheit der Babys in diesem Alter natürlich und sinnvoll ist. Sie ist der Motor der Entwicklung und treibt die Kinder an, immer neue Meilensteine zu erreichen. Je mehr Zeit ein Kind in Bauchlage verbringt, desto leichter fällt es ihm und desto schneller erreicht es die kommenden Meilensteine. Dazu gibt es auch viele Studien. Meine Kinder waren auch sehr schnell frustriert und haben viel gejammert. Natürlich sollte man das Kind nicht einfach weinen lassen. Am besten hilft dann trösten und viel tragen - auch wenn es anstrengend sein kann.

WOMAN: Was sind mögliche Folgen, wenn ich mein Kind passiv hinsetze?
Kathrin: In erster Linie ist dieses "Einmischen" in die natürlichen Abläufe ein Hindernis für eine normale und ungestörte Entwicklung. Ein passiv hingesetztes Kind weiß weder, wie es in diese Position gekommen ist, noch hat es eine Idee, wie es sie wieder verlassen kann. Da fällt ihm oft als einzige Strategie das Sitzrutschen ein, denn komplexere Bewegungsabläufe beherrscht es noch nicht. Gelegentlich kommt es vor, dass Babys auch ohne passives Hinsetzen mit dem Sitzrutschen beginnen, aber das ist im Vergleich sehr selten und oft ein Zeichen dafür, dass Therapie sinnvoll wäre. Wenn ein Kind mit etwa einem Jahr noch immer nicht krabbelt, ist es eine Auffälligkeit, denn beim Krabbeln handelt es sich um einen wichtigen Meilenstein, einen komplexen Bewegungsablauf mit hohen Anforderungen an Rumpfstabilität, Gleichgewicht und Koordination.

WOMAN: Kann es auch richtige Schäden vom passiven Hinsetzen nehmen?
Kathrin: Was die Wirbelsäule betrifft, ist nicht eindeutig geklärt, ob das passive Hinsetzen bei gesunden Kindern Schaden anrichtet. Eine natürliche Belastung ist es jedenfalls nicht, denn auf dem Boden wechseln normal entwickelte Kinder in diesem Alter ihre Positionen sehr häufig, daher können lange, statische Belastungen nicht ideal sein. In Bezug auf Erwachsene gehört es zum Allgemeinwissen, dass langes Sitzen nicht gesund ist. Falls ein Baby bereits eine Schiefhaltung der Wirbelsäule zeigt - und das ist gar nicht selten - verstärkt sich diese durch das Hinsetzen. Es wird nur leider oft übersehen.

WOMAN: Ab wann ist mein Kind bereit im Kinderwagen aufrecht zu sitzen?
Kathrin: Es ist dann bereit, wenn es sich regelmäßig alleine hinsetzt und die Position auch wieder verlassen kann. Aber auch dann sollte man die Belastung nur langsam steigern und nicht gleich eine zweistündige Kinderwagenausfahrt auf unebenem Gelände machen, denn die Muskulatur muss sich erst an die neue Anforderung gewöhnen.

WOMAN: Heißt das, dass bis dahin alle aufrechten Positionen verboten sind?
Kathrin: Nein, denn auf dem Arm oder Schoß kämpfen Babys ja schon wenige Monate nach der Geburt um eine aufrechte Position. Da ist es völlig okay, sie senkrecht zu halten, sofern man ihren Oberkörper gut mit den eigenen Händen unterstützt, damit die Wirbelsäule nicht zusammensacken kann. Auch in einer guten Tragehilfe, die idealerweise eine Trageberaterin empfohlen und angepasst hat (denn es gibt auch viele gesundheitsschädliche Tragen auf dem Markt), ist die senkrechte Haltung nicht schädlich, weil der Körper rundum gestützt wird. Ansonsten sollte ein Baby ausschließlich liegen und seine Fähigkeiten im Spiel erproben und weiterentwickeln.

»Wippen, Türhopser, Laufwagerl oder ähnliche Geräte zur "Babyaufbewahrung" in sitzender oder halbsitzender Position sind nicht zu empfehlen.«

WOMAN: Was hältst du von Wippen? Die sind ab 3 Monate empfohlen...
Kathrin: Wippen, Türhopser, Laufwagerl oder ähnliche Geräte zur "Babyaufbewahrung" in sitzender oder halbsitzender Position sind nicht zu empfehlen. Sie behindern das Kind in der Entdeckung seiner Bewegungsmöglichkeiten, beim Üben seiner Fähigkeiten und sorgen für einseitige Belastung in einer Position, die das Kind von selbst noch nicht einnehmen könnte. Je weniger sich ein Kind darin aufhält, desto besser. Am besten gar nicht!

WOMAN: Hast du einen Tipp, was man machen kann, wenn ein Baby im Kinderwagen nicht mehr liegen möchte?
Kathrin: Oft funktioniert die Bauchlage bei geöffnetem Verdeck ganz gut, denn da sieht es deutlich mehr als in Rückenlage. Oder man greift auf eine Tragehilfe zurück, denn Babys sind nun mal von Natur aus Traglinge und bevorzugen engen Körperkontakt. Kinderwagen sind evolutionsgeschichtlich gesehen eine brandneue Erfindung, und wenn ein Baby sie nicht mag, ist das daher völlig normal - auch wenn es manchmal unbequem für Eltern sein kann, die es sich anders vorgestellt haben. Mein Tipp ist: Den Kinderwagen lieber für den Einkauf verwenden, während man das Baby in der Trage hat.

WOMAN: Beispiel: "Mein Kind ist 10 Monate alt und möchte noch immer nicht alleine sitzen. Der Arzt/die Ärztin meint macht auch Druck, weil es laut Mutter-Kind-Pass schon frei sitzen sollte" Was rätst du den Eltern?
Kathrin: Am besten entspannt bleiben. Viel wichtiger als das Sitzen ist im Alter von 10 Monaten, dass sich das Kind vorwärtsbewegen kann. Ob es dazu auf dem Bauch robbt oder auf allen Vieren krabbelt, ist egal - in diesem Alter ist noch beides okay. Das wichtigste Kriterium für die Frage, ob ein Kind normal entwickelt ist, ist jedoch die Bewegungsqualität. Die kann man als Laie aber nicht beurteilen. Daher bei Unsicherheiten am besten noch mal genau alles mit dem Arzt/der Ärztin besprechen und nicht locker lassen. Wenn diese/r Physiotherapie empfiehlt, dann sollte man sie unbedingt in Anspruch nehmen. Eine "Lieblingsseite" sollte übrigens immer behandelt werden, und zwar so früh wie möglich.

WOMAN: In deiner Praxis behandelst du zum größten Teil Babys. Gibt es tatsächlich so viel Bedarf?
Kathrin: Definitiv. Ungefähr zwei Drittel meiner Patienten sind Babys. Das restliche Drittel verteilt sich auf größere Kinder, Schwangere und Frauen nach der Geburt. Auch Fortbildungen mache ich fast ausschließlich in diesen Bereichen. Anfangs habe ich zusätzlich auch noch die "typischen" orthopädischen oder unfallchirurgischen Patienten behandelt, aber dafür war schnell keine Zeit mehr, weil die Nachfrage nach Physiotherapeuten im Bereich Pädiatrie und Gynäkologie sehr hoch ist. Es gibt einfach zu wenige auf diesem Gebiet.

WOMAN: Ab wann ist mein Kind bereit für den Hochstuhl?
Kathrin: Genaugenommen ebenfalls erst dann, wenn sich das Baby alleine aufsetzen kann. Ideal ist davor das Füttern am Schoß. Dabei kann man mit einer Hand den Rumpf des Babys stützen und mit der anderen Hand den Löffel führen bzw. das Kind selbst mit den Händen essen lassen, wenn man Baby Led Weaning betreibt (Breifrei, Fingerfood...). Für viele Eltern funktioniert das sehr gut, für andere gar nicht. Im zweiten Fall bin ich persönlich der Meinung, dass einige wenige Minuten im Hochstuhl zum Zweck der Nahrungsaufnahme vertretbar sind, sofern das Kind bereits über eine gute Rumpfstabilität verfügt, also nicht zusammensackt oder zur Seite kippt. Der Hochstuhl sollte aber über ein Fußbrett verfügen, denn wenn die Fußsohlen vollflächig Kontakt mit dem Untergrund haben, fällt es leichter, den Rumpf aufzurichten.

WOMAN: Du hörst bestimmt oft: "Ich habe mein Kind immer hingesetzt und es hat ihm nicht geschadet/es hat sich super entwickelt!"
Kathrin: Ja, das habe ich schon öfter gehört. Manche Kinder können solche störenden Einflüsse ganz gut kompensieren, andere nicht. Viele Auffälligkeiten zeigen sich erst später, oder man sieht sie als Laie nicht. Asymmetrien der Halswirbelsäule sind z.B. sehr häufig, werden oft nicht erkannt und verstärken sich in aufrechter Position. Ob es auch einen Zusammenhang zwischen passivem Hinsetzen und Rückenschmerzen oder Skoliosen gibt, ist noch nicht erforscht. Das größte Problem ist meiner Meinung nach aber die Störung des natürlichen Ablaufs der Bewegungsentwicklung und die Einschränkung der Bewegungsvielfalt. In jedem Fall ist der potentielle Schaden durch das passive Hinsetzen eindeutig größer als der Nutzen.

WOMAN: Was sollte man am besten tun, wenn man sein Baby regelmäßig passiv hinsetzt und nun erfährt, dass das nicht gut ist?
Kathrin: Einfach damit aufhören. Wenn man das Baby nur mehr in Rücken- oder Bauchlage auf den Boden legt, wird es anfangs nicht sehr begeistert sein und es wird etwas herausfordernd für beide Seiten, aber viele Kinder machen schon nach wenigen Tagen enorme motorische Fortschritte. Es klingt vielleicht paradox, aber je mehr ein Kind auf dem Bauch liegt, desto schneller lernt es sich aufzusetzen.

Kathrin Mattes Physiotherapeutin
Kathrin Mattes, Physiotherapeutin für Schwangere, Wöchnerinnen, Babys und Kinder

Auf der Facebook-Seite "Praxis für Physiotherapie" teilt Kathrin Mattes immer wieder ihre Expertise und beantwortet Kommentare. Weitere Informationen und den Kontakt gibt es auf: www.physiomattes.at

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