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Lügen in der Erziehung: Was tun, wenn das Kind lügt?

Vollkommen harmlos oder ernstzunehmendes Problem, wenn dich dein Kind anschwindelt? Hier erfährst du alles zum Thema Lügen in der Erziehung und wie du damit umgehst.

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Lügen in der Erziehung: Wie gehe ich damit um?
© Elke Mayr

"Heute habe ich im Kindergarten ein Krokodil gesehen!" Flunkereien wie diese tun die meisten Eltern mit einem milden Lächeln ab. Aber wie sieht es bei "größeren" Lügen aus?

Lügen und Notlügen in der Erziehung: Wie gehe ich damit um?

Wie geht man als Erwachsener am besten damit um: Ignorieren, schimpfen, diskutieren? Wenn das eigene Kind einen anlügt, ist man als Mama oder Papa oft überfragt. Und: Wie sieht es eigentlich umgekehrt aus: Dürfen Eltern ihre Kinder anlügen? Ein paar Tipps können in solchen Situationen oft hilfreich sein – und genau die findest du in unserem Artikel zum Thema Lügen und Notlügen in der Erziehung!

Was genau sind eigentlich Lügen?

Lügen heißt, etwas zu sagen, das nicht stimmt. Richtig? Fast! Denn zu einer Lüge gehört noch mehr. Erstens muss der Lügner oder die Lügnerin wissen, dass es sich um eine Unwahrheit handelt. Und zweitens muss er oder sie die bewusste Entscheidung treffen, sein Gegenüber dennoch anzulügen.

Die Wahrheit ist: Nicht nur unsere Kleinen lügen – wir alle tun es! Ob kleine Notlüge, Übertreibung, Ausrede oder handfeste Intrigen: Expert:innen gehen davon aus, dass Erwachsene am Tag bis zu 200 Mal lügen.

Ab wann beginnen die Kleinen mit dem Flunkern?

Kindermund tut Wahrheit kund? Nicht immer! Denn ganz nach dem Vorbild der Großen beginnen auch die Kleinsten sehr bald mit dem Flunkern und Schwindeln. Und das übrigens unabhängig davon, wie gut oder schlecht sie erzogen sind!

Bereits im Alter von zwei bis drei Jahren fangen die meisten Kinder mit kleinen Schummeleien an. Mit vier Jahren flunkern laut Studien bereits mehr als 80 Prozent der Knirpse.

Welche Arten von Lügen gibt es?

Wie gesagt: Das Spektrum an Lügen ist von der Notlüge bis zur Prahlerei breit gefächert. Welche Art von Lüge dein Kind dir auftischt, hängt meist mit dem Motiv dahinter zusammen.

Die häufigsten Gründe, warum Kinder lügen

Fantasie

Wir erinnern uns an das Krokodil im Kindergarten: Kinder haben eine blühende Fantasie und können oft noch schwer zwischen Einbildung und Realität unterscheiden.

Tipp

Die Kinder sind bei solchen Lügen oft überzeugt, dass stimmt, was sie sagen. Gehe deswegen nicht zu hart mit ihnen ins Gericht.

Angeben

Dein Zwerg behauptet Dinge, die so gar nicht stimmen? Wahrscheinlich fühlt er sich in Wahrheit minderwertig, weil er etwas (noch) nicht kann. Kleine Großtuer suchen eigentlich Aufmerksamkeit und Verständnis.

Tipp

Sprich dein Kind nicht vor anderen auf seine Lügen an, das beschämt es nur zusätzlich. Gib ihm verständnisvoll zu verstehen, dass du seine Lügen durchschaust, und lobe es besonders für Dinge, die es gut kann.

Angst vor Strafe

"Das war gar nicht ich!" Diesen Satz kennen wohl die meisten Eltern – obwohl man den kleinen Übeltäter gerade auf frischer Tat ertappt hat. Der Grund für so eine Lüge: Die Kinder fürchten sich vor den Konsequenzen. Schließlich wird niemand gern geschimpft oder bestraft!

Tipp

Sprich mit deinem Kind über die Lüge und frage es nach dem Grund. Wichtig dabei: Die Wahrheit muss immer weniger streng bestraft werden als die Lüge. Gibt das Kind seine Lüge zu, sollte es nicht durch eine härtere Bestrafung demotiviert werden.

Höflichkeit

Diese Art von Lügen sehen die Kids direkt bei den Großen. Denke nur an deine letzte kleine Notlüge oder die Halbwahrheit von neulich!

Tipp

Erkläre deinem Kind, dass Notlügen in manchen Fällen in Ordnung sind, um jemand anderen nicht zu kränken. Mache ihm aber trotzdem deutlich, dass es sich um eine Lüge handelt, die man im besten Fall vermeiden sollte.

Wie soll ich reagieren, wenn mein Kind lügt?

Kleine Kindern erzählen hin und wieder Geschichten - manchmal sind diese Schwindeleien ja auch ganz liebenswert. Manche hingegen treiben Eltern in den Wahnsinn.

Vor allem meldet sich das pädagogische Gewissen: Wenn ich die vergleichsweise harmlosen Geschichten so einfach durchgehen lasse – erwarten mich dann bald mal wirklich große Lügen? Wie bringe ich meinem Kind bei, dass die Wahrheit der Lüge vorzuziehen ist? Wie soll ich also als Elternteil reagieren, wenn mein Kind mich anlügt?

Stolz sein

Äh, wie bitte was? Deine Frage ist berechtigt. Natürlich will man nicht, dass das Kind lügt, schon gar nicht kann man stolz darauf sein. Kann man doch, vor allem weil wir ja jetzt wissen, dass alle Kindern irgendwann mal lügen und zwar mehr, als wir gedacht haben.

Doch die Dehnung der Wahrheit ist nichts rein Negatives, sondern auch ein Zeichen von Kreativität und Intelligenz. Wenn du also dein Kind bittest, aufzuräumen und es behauptet, es hätte das Durcheinander gar nicht gemacht, dann schimpfe nicht sofort, sondern denke an diesen Artikel der renommierten "New York Times": "Warum fangen manche Kinder früher an zu lügen als andere? Was unterscheidet sie von ihren ehrlicheren Kollegen? Die kurze Antwort: Sie sind schlauer. Junge Schwindler sind sozial versierter und passen sich besser in Gruppen an, das zeigen jüngste Untersuchungen."

Bestärke es positiv

In bestimmten Situationen ist es wichtig, die Wahrheit zu erkennen. Hat dein Kind wirklich ein Lego-Stück geschluckt – oder tut es nur so? Anstatt Kinder für die Lüge zu bestrafen, sag ihnen besser: "Ich werde nicht böse sein, wenn du mich vorhin angeschwindelt hast. Ich will nur die Wahrheit verstehen. Ich bin extrem stolz auf dich, wenn du mir erzählst, was wirklich passiert ist. "

Verstärke die Empathie

Wenn du merkst, dass dein Kind lügt, weil es unsere Reaktion fürchtet, dann solltest du genau diese Befürchtung abwenden. Eine nicht verurteilende Reaktion etwa wäre: "Ich höre, dass du sagst, du hättest deinen Bruder nicht geschlagen. Es scheint, dass er getroffen wurde. Bitte lass' mich immer vorher wissen, wenn du so wütend auf ihn bist, dass du ihn am liebsten schlagen würdest. Dann kann ich da sein und dir helfen, nicht zu hauen."

Bleib' ruhig

Manchmal flunkern kleine Kinder auch, um uns zu testen, zu sehen, wie weit sie gehen können und wo unsere Grenzen liegen. Schnappe den Köder nicht! Reagiere stattdessen mit Ruhe und Humor, der den Kleinen klarmacht, dass ihre Schwindelei ertappt wurde.

"Hmmm, du hast also den Hund nicht raus gelassen. Trotzdem ist er im Garten ... Das ist ja wirklich seeeeeeeeeeeehr mysteriös." Anstatt im anklagenden Tonfall zu sagen: "Hast du deine Zähne geputzt?" (du kennst ja die Wahrheit!), kannst du es so versuchen: "Du warst so kurz im Bad, ich glaube nicht, dass du gründlich geputzt hast. Lass uns nochmal gehen und es gründlicher machen."

Merke: Wenn du dich anhörst, als würdest du gerade ein Verhör mit drohenden Konsequenzen führen, dann verängstigt das die Kinder und es fällt ihnen das nächste Mal schwerer, bei der Wahrheit zu bleiben.

Und umgekehrt: Darf ich mein Kind anlügen?

Auch wenn man es den lieben Kleinen stets vorpredigt: Oft rutscht einem selbst die eine oder andere Schwindelei heraus. Das fängt bei der Lüge übers Christkind an und hört bei der berühmten "Wenn, dann …"-Drohung auf.

Aber "darf" man das als Erwachsener überhaupt? Die Antwort lautet: Jein. Manchmal sind kleine Lügen der beste Weg, um das Kind vor Kummer zu bewahren oder sein Selbstvertrauen zu stärken. Das krakelige Strichmännchen deines Kindes überschwänglich zu loben, ist also voll okay.

Wäge im Einzelfall ab gut ab, ob sich die Situation nicht auch ohne Lüge lösen lässt. Schließlich willst du deinem Buben oder Mädel doch ein gutes Vorbild sein, oder?

Fazit: Ist Lügen bei Kindern okay?

Auch wenn es manchmal ärgerlich ist: Flunkern ist bei Kindern ein völlig normaler Lernprozess. Mehr noch: Laut Expert:innen ist es sogar eine wichtige Fähigkeit für das spätere Leben!

Erfolgreiches Lügen setzt sowohl Einfühlungsvermögen in das Gegenüber als auch Selbstbeherrschung voraus. Auch Gestik und Mimik müssen die Kids beim Lügen bestens unter Kontrolle haben. Alles Fähigkeiten, die im Erwachsenenalter wichtig sind!

Wenn dein Kind dich das nächste Mal anlügt, schimpfe es also nicht! Der bessere Weg: den Kleinen erklären, warum Ehrlichkeit wichtig ist – und mit gutem Beispiel vorangehen!

Über die Autorin: Susanne Holzer ist freie Autorin aus Salzburg. Gemeinsam mit Sybille Maier-Ginther schreibt sie im ehrlichen Mama-Blog „Hand aufs Herz“ darüber, wie das Leben mit Kind wirklich ist. Mehr von den beiden gibt’s auf HandaufsHerzblog .

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