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Skin Picking Disorder: Warum Pickelausdrücken zur Sucht werden kann

Der Drang, die Haut ständig bearbeiten zu wollen, hat einen Namen: Skin Picking Disorder. Wir haben mit einer Beauty-Expertin darüber gesprochen.

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Skin Picking Disorder: Warum Pickelausdrücken zur Sucht werden kann

Dermatillomanie-Betroffene fühlen sich hinterher schlecht und bereuen, was sie getan haben.

© iStock

Bei Sichtung eines Pickels reagieren viele Betroffene ähnlich: Sie wollen die Unreinheit schnellstmöglich loswerden. Allerdings unterscheidet sich dieses Verhalten sehr von denjenigen, die mittels Vergrößerungsspiegel und Extra-Licht versuchen, jede noch so kleine Erhöhung auszuquetschen. Doch meist wird das Problem noch schlimmer, der Teint unregelmäßiger. Und das bedeutet Stress, was wiederum Betroffene noch weiter dazu animiert, die Haut im Gesicht zu untersuchen. Unter Skin Picking Disorder oder Dermatillomanie versteht man den Drang, die Haut ständig bearbeiten zu wollen. Auch das Kratzen an der Nagelhaut wird unter diesem Krankheitsbild verbucht.

Skin Picking Disorder als psychologisches Krankheitsbild

Die Auslöser: Stress (u.a. aufgrund von Akne), Langeweile, Einsamkeit, Trauma und viele mehr. Betroffene fühlen sich oft missverstanden, entwickeln Scham und Schuldgefühle, weil sie das Problem der unregelmäßigen Haut oft noch schlimmer gemacht haben und letztlich kann es sogar zur sozialen Isolation führen. Die Corona-Pandemie tut ihr Übriges dazu: Viele sind psychisch belastet, verbringen viel Zeit zu Hause oder sind einem höheren Stresslevel ausgesetzt. Genauer haben wir übrigens hier über Dermatillomanie berichtet. In diesem Beitrag wollen wir uns allerdings um Lösungsansätze kümmern und haben Melina Haskić, Gründerin der "Selfcare Society", Meisterkosmetikerin und medizinische Assistentin, zum Interview gebeten.

»Skin Picking ist eine psychische Erkrankung, bei der Personen süchtig danach sind an ihrer Haut zu kratzen.«

WOMAN: Der erste Schritt, um sich das Skin Picking abzugewöhnen, liegt darin, die Auslöser zu finden. Was kommt nach der Selbstbeobachtung?
Haskić: Nachdem man mit Hilfe eines Selbstbeobachtungsbogens oder einer Tracking App eindeutige Verhaltensmuster erkennen konnte, kann an den verschiedenen Auslösern gearbeitet werden. Generell gilt: Alles was gut für die Betroffenen ist, ist auch gut gegen das Skin-Picking und senkt das Stresslevel. Ebenso kann es sehr hilfreich sein, sich seinen Liebsten anzuvertrauen. Beistand kann viele Betroffene auf dem Weg zur Besserung zusätzlich unterstützen.

Welche Tipps sind akut sehr hilfreich?
Haskić: Viele Betroffene geben an, dass es hilft, den Vergrößerungsspiegel aus dem Bad zu entfernen, Baumwollhandschuhe zu tragen oder auch die „Picking-Areale“ mit einer reichhaltigen Creme zu überdecken. Sollten die Finger doch etwas zum Knibbeln brauchen, können beispielsweise folgende Tipps in gewissen Situationen sehr hilfreich sein: Plastikperlen aus einer Knetmasse quetschen, mit einer Kette spielen oder auf einer Luftpolsterfolie herumdrücken. Aber auch Tätigkeiten wie Basteln, Malen, Kochen, Stricken usw. können für Ablenkung sorgen.

Viele schämen sich für ihre Pickel und möchten sie deshalb loswerden. Was würdest du diesen Personen raten?
Haskić: Eine Unreinheit zu bekommen ist nichts, für das man sich verstecken oder schämen müsste. Unreinheiten können durch so viele verschiedene Faktoren ausgelöst werden. Leider kann man dagegen nicht immer vorbeugen. Es ist wichtig zu wissen, dass wir Menschen sind und keine Instagram-Filter. Es gibt keine perfekte Haut.
Sollte man akute Hilfe bei einem entzündeten „Pickel“ benötigen, kann man zu beruhigenden und entzündungshemmenden Salben mit den Inhaltsstoffen Panthenol oder Zink greifen. Eine andere Möglichkeit wären „Pimple-Patches“. Diese lassen sich wunderbar auf die Entzündung kleben. Dadurch wird der Bereich nicht nur sauber gehalten, sondern zusätzlich die Wundheilung gefördert.


Wann sollte man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen bzw. Psychotherapie in Erwägung ziehen?
Haskić: Es ist nie zu früh oder zu spät, sich professionelle Hilfe zu suchen. Skin-Picking-Patient*innen stehen verschiedene Therapieformen zur Verfügung. Die gängigsten davon wären zum Beispiel das Habit Reversal Training, die Verhaltens- oder Hypnotherapie oder auch die Full-On-Psychoanalyse. Da die Auslöser von „Skin-Picking“ sehr individuell sein können, ist es dementsprechend auch sehr wichtig die jeweilige Behandlungsform an die Patient*innen anzupassen. Umso früher man Hilfe sucht und annimmt, desto höher sind die Chancen auf eine schnelle und lang anhaltende Genesung.

Was ist zu tun, wenn man die Haut dann doch selbst bearbeitet hat?
Haskić: Sollte man mal doch an einem Pickel gequetscht haben, können ebenso beruhigende, entzündungshemmende und wundheilungsfördernde Salben mit Zink oder Panthenol helfen. Diese kann man sich in der Apotheke besorgen. Bei Pickelmalen, die nach einer Unreinheit auftreten können, können Inhaltsstoffe wie Niacinamide, Azelainsäure oder auch Vitamin C helfen. Worauf man zusätzlich unbedingt achten sollte, ist der Sonnenschutz. Denn UV-Strahlen können dazu führen, dass sich das Erscheinungsbild von Pickelmalen deutlich verstärkt.

Sollte man zu Unterlagerungen neigen, können zellerneuernde Inhaltsstoffe wie Retinol, Glykolsäure oder auch Milchsäure helfen. Bei sehr hartnäckigen Unterlagerungen, gibt es ebenso die Möglichkeit professionelle chemische Peelings oder auch Mikrodermabrasionen bei Kosmetikern oder auch Dermatologinnen durchführen zu lassen.

Thema: Psychologie