
Warum zweifeln wir eigentlich so konsequent an uns selbst?
Diese Frage beschäftigt mich grundsätzlich, aber gerade ganz besonders. „Ich leide immer noch am Imposter-Syndrom“, erklärte jüngst Stella McCartney in einer Pressekonferenz, bei der ich dabei sein durfte. Ausgerechnet sie? Eine der erfolgreichsten Designerinnen unserer Zeit (die Geschichte zu ihrem neuesten Fashion-Coup gibt es übrigens auf Seite 66). Schließlich bezeichnet das sogenannte Hochstapler-Syndrom das psychologische Phänomen, trotz nachweisbarer Erfolge und hoher Kompetenz an den eigenen Fähigkeiten zu zweifeln. Und meist betrifft es Frauen. Genauso wie das Gefühl scheinbarer Ohnmacht.
Dabei haben wir so vieles selbst in der Hand und sind mächtiger, als wir denken. Denn auch Hoffnung ist eine klare Entscheidung. Davon ist Kristina Lunz überzeugt. Für uns schrieb die Aktivistin ein kluges Plädoyer für die kollektive weibliche Stärke, Wandel anzustoßen, selbst wenn es auf den ersten Blick schwierig wirkt.
Gleichzeitig erleben wir, wie brüchig Vertrauen sein kann. Fälle wie jener von Gisèle Pelicot oder Collien Fernandes haben das Verhältnis zwischen den Geschlechtern erschüttert. Meine Kolleginnen Nina Horcher und Angelika Strobl gehen diesem Misstrauen nach. Und zeigen: In all der Verunsicherung steckt auch eine Chance. Vielleicht sogar eine notwendige.
Was mich in diesem Zusammenhang besonders berührt hat, waren die Worte des Psychologen Benjamin Wagner: „Lasst eure Söhne fühlen. Alle Gefühle, auch die unbequemen. Und nehmt euch selbst an der Nase. Kinder lernen durch Nachahmung. Seid neugierig auf ihre Welt.“ Das klingt einfach – ist es aber nicht. Denn es verlangt, dass wir selbst anfangen. Am Ende gilt für uns alle: Menschen wollen gesehen werden. Wo dieses Gefühl fehlt, entstehen Brüche. Echte Veränderung passiert nur, wenn wir wieder lernen, einander zuzuhören – und uns selbst ein bisschen weniger zu hinterfragen.
Herzlichst
Michaela Strachwitz
Chefredakteurin