
Sie sind wahre Wise Women: Für ihre neue Doku begleitete Regisseurin Nicole Scherg acht Jahre lang fünf Hebammen aus unterschiedlichen Kulturen. Der Film ist ab 23. Jänner im Kino zu sehen.
„Geburten sind der alltäglichste Ausnahmezustand der Welt", sagt Nicole Scherg. Acht Jahre lang hat die Wiener Regisseurin fünf Hebammen auf vier Kontinenten begleitet. Ihre Dokumentation "Wise Women", die am 23. Jänner in den Kinos startet, porträtiert berührende Momente der Menschwerdung und ihre Umstände. Wir haben mit der Filmemacherin über ihre Erlebnisse zwischen Nepal und Brasilien gesprochen, den fragilen Weg ins Leben und über die besondere Rolle der Hebammen.


BRASILIEN. In einem Geburtshaus in Rio de Janeiro wird die Ankunft eines Geschwisterchens erwartet.
© NGFSie haben acht Jahre lang fünf Hebammen begleitet. Was war Ihre Idee dahinter?
Ich wollte einen Film über etwas drehen, das uns alle verbindet: Geburt. Wir alle werden geboren, und jemand begleitet diesen Moment. Mich interessierte dabei besonders die Perspektive der Hebammen. Sie erleben dieses Ereignis vielleicht Tausende Male, und doch ist jede Geburt einzigartig. Sie sind so nah dran und müssen gleichzeitig professionelle Distanz wahren -dieses Spannungsfeld hat mich von Anfang an fasziniert.
Was sind für Sie "Wise Women", und inwiefern sehen Sie diese Frauen als Hüterinnen alten Wissens?
Für mich beschreibt der Titel eine stille, oft übersehene Weisheit, die Frauen seit Jahrtausenden weitergeben: das Wissen über den Körper, den Geburtsprozess und darüber, wie man Frauen mit Vertrauen begleitet. Hebammen verkörpern das wie kaum eine andere Berufsgruppe. Sie tragen Erfahrungen in sich, die älter sind als jene der modernen Medizin. Und gleichzeitig arbeiten sie hochprofessionell im Heute. Für mich sind sie Hüterinnen eines feministischen Erbes.
Sie waren mit Ihrem Team in Nepal, Brasilien, Marokko, Äthiopien und Österreich unterwegs. Was zeichnet die Geburtshelferinnen aus, was verbindet sie?
Ihr tiefes Vertrauen in den Körper der Frau und die Geburt selbst -die Haltung, präsent zu sein, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Sie wissen, dass die Geburt ein natürlicher Vorgang ist. Daraus entsteht eine Art stille Komplizinnenschaft. Hebammen sind für mich Urfeministinnen: Sie stehen an der Seite der Frauen, kämpfen für Selbstbestimmung und dafür, dass Entbindungen nicht nur sicher, sondern auch menschlich sind. Ihre Arbeit ist für sie nicht nur ein Beruf, sondern eine Lebensaufgabe.


NICOLE SCHERG. Für „Wise Women" arbeitete die Wiener Regisseurin in einem weiblichen Kernteam mit Kamerafrau Marie-Thérèse Zumtobel, Tonfrau Eva Hausberger, Editorin Natalie Schwager und engagierten Kolleginnen vor Ort.
© Anna WenischEine Berufung, die auch Entbehrungen mit sich bringt?
Die nepalesische Hebamme Kanchan erzählte, dass sie ihren eigenen Kindern oft nicht das geben konnte, was sie all ihren Müttern mit auf den Weg gibt. Ihr Mann übernahm die Kinderbetreuung -in Nepal eine absolute Ausnahme.
Welche Einblicke haben Sie gewonnen, als Sie die vielen Entbindungen so unmittelbar begleiten konnten?
Für mich ist Geburt die alltäglichste Grenzerfahrung der Welt. Man steht zwischen Leben und Tod, es ist ein Moment von extremer Intensität. Er zeigt, wie vergänglich und wertvoll das Leben ist und wie sehr uns das verbindet. Hebammen sind die Bewacherinnen dieses Übergangs: Sie begleiten den Schritt ins Leben - manchmal auch darüber hinaus. Es ist nicht nur ein physiologischer Vorgang, sondern ein Moment, der Präsenz, Intuition und Einfühlungsvermögen erfordert. Wir tragen im Normalfall alles in uns, was es braucht, ein Kind zur Welt zu bringen. Doch entscheidend ist, wie wir begleitet werden. Die Hebammen schaffen den Raum dafür - mit Geduld, Respekt und Nähe.


MAROKKO. Die 73-jährige Aïcha El Fathi bei ihrer Arbeit in dem von ihr gegründeten Geburtshaus in Casablanca.
© NGFWas hat diese Erfahrung in Ihnen ausgelöst?
Wenn die kleinen Wesen, die neun Monate im Körper der Mutter gelebt haben, plötzlich ins Leben treten, ist das ein zutiefst emotionaler, fast magischer Moment. Das hat uns im Team tief berührt.
Beim Drehen sind Sie in unterschiedlichste Lebensrealitäten eingetaucht. Welche strukturellen Probleme sind Ihnen besonders aufgefallen?
Wie ein Geburtssystem funktioniert, hängt maßgeblich davon ab, wie wohlhabend ein Land ist. Die medizinische Infrastruktur ist dabei der größte Einflussfaktor. Franka Cadée, die ehemalige Präsidentin des ICM (International Confederation of Midwives, Anm.), hat etwas gesagt, das mich nicht mehr loslässt, nämlich dass es kaum ein Geburtssystem gibt, in dem Frauen das bekommen, was sie brauchen. Frauen - und damit auch ihre Hebammen -bewegen sich ständig zwischen "too much, too soon" und "too little, too late". Entweder ist die Geburt übertechnisiert oder die Versorgung so schlecht, dass weiterhin viele Mütter und Kinder sterben. Es ist ein politisches Thema, und viele Entscheidungen werden noch immer in Gremien getroffen, in denen die Lebensrealität von Frauen kaum vertreten ist. Studien zeigen, dass jeder investierte Dollar bis zu 16-fach zurückfließt. Hebammen sind also hocheffizient und gleichzeitig kostengünstig. Und trotzdem passiert politisch zu wenig.
Apropos: Unsere Regierung hat gerade die verpflichtende Hebammenberatung aus dem Eltern-Kind-Pass gestrichen...
Für mich sind Hebammen ein zentraler Pfeiler in der Frauenversorgung, und ich empfinde die Streichung als Rückschritt. Sie kostet am Ende nicht nur mehr Geld, sondern schafft vor allem eine Geburtslandschaft, in der Frauen nicht wirklich im Mittelpunkt stehen. Prävention spart langfristig Kosten und hat einen enormen Nutzen, das ist doch durch viele Studien belegt.
Was bedeutet Frausein für Sie?
Meiner Intuition folgen zu können und die Kraft zu spüren, die daraus entsteht. Die Begegnungen haben mir gezeigt, wie viel Energie und Widerstandskraft wir besitzen und wie wichtig Verbundenheit unter Frauen ist. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie sehr Autonomie und Selbstbestimmung vieler Frauen weltweit massiv eingeschränkt sind durch Traditionen oder fehlende Versorgung.
Letzte Frage: Was wünschen Sie sich für "Wise Women"?
Ich hoffe, dass es deutlich wird, wie wichtig es ist, den Hebammenberuf ins Zentrum der Gesellschaft zu rücken, damit Frauen überall die Unterstützung und Wahlfreiheit bekommen, die sie verdienen.


NEPAL. Kanchan Mala Shrestha betreibt neben ihrer Arbeit als Geburtshelferin auch Aufklärungsunterricht in nepalesischen Schulen.


KINOSTART AM 23.1. Frauengesundheit, das wird in diesem Film schnell deutlich, folgt immer wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen. Regisseurin Nicole Scherg hat für ihre Dokumentation Hebammen aus Äthiopien, Marokko, Nepal, Österreich und Brasilien begleitet.
