
Fast 100 Jahre Leben – und nie das Vertrauen ins Gute verloren: Psychoanalytikerin Erika Freeman über Humor als Überlebensstrategie und warum sie täglich die Welt ein Stück reparieren will.
Ein Gespräch mit Erika Freeman, 98, ist kein Smalltalk. Es ist ein Ereignis – das lerne ich schon in unserem ersten Telefonat. Noch bevor ich den Satz mit „Frau Freeman“ beendet habe, korrigiert sie mich freundlich, aber bestimmt: „It’s Dr. Freeman, please. Frau Freeman erinnert mich nur daran, dass ich Witwe bin.“ Ein kurzer Moment – und schon steckt man mitten in einer Lektion in Sachen Selbstachtung. Keine Eitelkeit, sondern Haltung. Erika Freeman ist eine Frau, die überlebt hat, woran andere zerbrochen sind. 1927 als jüdisches Mädchen in Wien geboren, musste sie mit zwölf Jahren ohne ihre Eltern vor den Nationalsozialisten in die USA fliehen. Dort wurde sie erfolgreiche Psychoanalytikerin – Stars wie Marilyn Monroe, Marlon Brando oder Woody Allen sollen auf ihrer Couch gelegen sein. Und Freeman wurde zu einer gefragten Beraterin für Politik, Kunst und Medien. Heute, mit 98, wohnt sie wieder in Wien und gilt als weltkluge Persönlichkeit, die Geschichte, Weisheit und Charme vereint. Und sie arbeitet weiterhin als Therapeutin. „Ich brauch ja das Geld!“, scherzt sie.
Vorreiterin
Freeman erinnert mich daran, wie wichtig es besonders für Frauen ist, für sich selbst einzustehen. „Wir müssen aufhören, uns kleiner zu machen, als wir sind“, sagt sie später. Während ihrer Zeit in den USA hat sie u. a. das International Committee of Women for Human Rights gegründet. „Wenn du eine Frau bist und etwas geleistet hast, dann sei stolz darauf. Und respektiere auch, was andere Frauen geleistet haben. Männer tun das selbstverständlich. Frauen winken ab: ‚Ach, das war doch nichts.‘ Schluss damit!“


Eine, die viel zu erzählen hat. Im neuen Buch „Wir haben leben wollen“ von Nurith Wagner-Strauss erinnert sich Zeitzeugin Erika Freeman an die Kriegs- und Zwischenkriegszeiten.
© Nurith Wagner- StraussEin paar Wochen nach unserem Telefonat treffen wir uns im Wiener Hotel Imperial, wo Freeman seit fünf Jahren lebt, zum Interview. Das berühmte Haus am Ring ist jetzt ihr Zuhause: „Ich werde hier behandelt wie eine Dame. Besser als im Altersheim, dort ist es ja wie im Gefängnis. Und warum soll jemand anderer das Recht haben, mir zu sagen, wie ich mein Leben leben soll, wenn ich noch gesund bin?“ Bevor wir losstarten, bittet sie noch um einen Kaffee. Der Roomservice weiß natürlich, wie ihn die 98-Jährige am liebsten serviert bekommt: „Viel Kaffee in einer Kanne und dazu eine kleine Tasse. Das ist das Beste an diesem Hotel, sie verwöhnen mich so. Man muss nur alt genug werden und ein bisschen Geduld mit dem lieben Herrgott haben“, lacht sie. Und während sie sich aus der Kanne vorsichtig einschenkt, meint sie: „Ich bin jetzt fast 100, aber ich bin noch da, weil ich noch etwas zu schaffen habe auf der Erde. Und wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe, bin ich fertig und geh schlafen.“ Damit beginnt unser Gespräch – über das Leben und die Kunst, nicht bitter zu werden.
WOMAN: Dr. Freeman, ich bewundere Ihre Lebensweisheit und Ihren Witz. Was hat Sie gelehrt, dem Leben immer mit einem Augenzwinkern zu begegnen, auch wenn es Ihnen keine Gründe zur Freude gegeben hat?
Erika Freeman: Es ist eine Überlebensstrategie. Das Leben ist oft tragisch, aber Humor verwandelt Schmerz in Energie. Ich sage immer: „Lach auf Kredit – das Leben zahlt es dir zurück.“ Es ist gesünder als Jammern.
WOMAN: Wann mussten Sie zuletzt „auf Kredit“ lachen – und hat es sich ausgezahlt?
Erika Freeman: Innerlich lache ich fast die ganze Zeit: Ich bin in Wien, ich lebe noch, und die Menschen hier passen so wunderbar auf mich auf. Es könnte nicht besser sein. Mit zwölf Jahren bin ich aus Österreich weggelaufen, um zu überleben, heute bin ich offizielle Ehrenbürgerin. Deshalb sage ich: Unmöglich ist mein Job. Wenn du eine Idee hast, frag nicht um Erlaubnis – tu es ganz einfach. Niemand soll dir einreden, dass du etwas nicht schaffen kannst, nur weil es vor dir vielleicht noch niemand getan hat. Folge deinem Gefühl: Wenn es dir nicht gefällt, lass es dir nicht gefallen. Würden die Männer uns genauso helfen wie wir ihnen, wer weiß, was wir schon alles erreicht hätten. Krieg würde es bestimmt auch nicht geben. Wir müssen niemandem beweisen, dass wir größer sind als der andere.
WOMAN: Wenn Sie Donald Trump als Patient vor sich hätten: Was würden Sie ihm sagen?
Erika Freeman: (lacht) Er meint, perfekt zu sein. Das ist ein Problem. Und es ist gleichzeitig auch seine Gabe: Er weiß nicht, was er nicht weiß. Und leider fallen viele auf jene Menschen hinein, die hassen und uns erlauben, jemanden zu hassen.
WOMAN: Haben Sie in Ihrer Arbeit Menschen erlebt, die im Innersten gut sind, es aber nie zeigen konnten?
Erika Freeman: Das Gute ist oft verschüttet. Menschen tun Schreckliches, wenn sie sich nicht geliebt fühlen. Wenn sie Angst haben, gut zu sein, bin ich da – um ihnen zu zeigen, dass sie die Maske ablegen dürfen.
WOMAN: Haben Sie diesen positiven Zugang im Leben schon immer in sich getragen oder haben Sie sich an einem bestimmten Punkt dafür entschieden?
Erika Freeman: Glaub das Schlechte nicht – warum sollte das Schlechte mehr wert sein als das Gute? Ich habe mich dazu entschieden, dem Herrgott alles zuzulassen. Dann wird alles gut, wenn nicht heute, dann morgen. Dass es überhaupt ein Morgen gibt, ist doch schon ein Wunder. Und dass dieses Morgen ein Besseres wird, ist unsere Pflicht.
WOMAN: Was braucht unsere Welt dafür am dringendsten?
Erika Freeman: Im Judentum gibt es die Redewendung „Tikkun Olam“ – wenn du einem Menschen hilfst, ist es, als ob du die Welt gerettet hast. Alles, was wir dafür brauchen, haben wir schon: zwei Beine, zwei Arme, zwei Augen. Wie wir sie einsetzen, ist die andere Frage. Deshalb appelliere ich: Mach dich nicht wichtig – mach dich richtig. Man darf nicht beleidigt sein, wenn man nicht gleich kriegt, was man sich wünscht, vielleicht bekommst du später etwas Besseres. Zwei Schritte vor, einer zurück – so tanzt man durchs Leben.
WOMAN: Ein schöner Vergleich: Glauben Sie an das Gesetz des Ausgleichs und dass nach jedem Tief ein Hoch kommt?
Erika Freeman: Genau. Ich vergleiche das mit der Natur: Es ist nicht alles Wüste. Es gibt Berge und Täler. Wenn du mal unten angelangt bist, wer weiß, was du dort findest. Und wenn du auf einer Wiese spazieren gehen willst, dann schaff sie dir selbst.


Übers Leben reden. Fast 100 Jahre Leben und ein ungebrochener Geist: WOMAN Chefredakteurin Melanie Zingl im Gespräch mit der legendären Psychoanalytikerin Erika Freeman.
© Nurith Wagner- StraussWOMAN: Ist Frieden für Sie eine Illusion?
Erika Freeman: Nein. Frieden ist das Ziel. Nur weil man es noch nicht sieht, ist es keine Illusion. Wenn du auf den Mont Blanc kletterst und unterwegs den Gipfel nicht erblickst, zweifelst du trotzdem nicht daran, dass er da ist. Frieden beginnt nicht zwischen Ländern, sondern in uns selbst. Dafür muss man Folgendes verinnerlichen: „Ich verstehe dich – auch wenn ich dich nicht mag.“ Es ist nicht gesund, sich über andere zu ärgern. Denk dir lieber: Auch er war einmal ein süßes kleines Baby. Hassen ist natürlich immer leichter als lieben, denn wer liebt, muss verzeihen können. Aber wer freundlich ist, fühlt sich selbst besser – das ist schon Belohnung genug. Ich bin belohnt, weil ich den positiven Weg gegangen bin und dadurch selbst besser geworden bin.
WOMAN: Dr. Freeman, haben Sie sich alle Träume erfüllt, die Sie hatten?
Erika Freeman: Noch nicht. Es gibt da ein paar Dinge, die ich noch vorhabe … Ich habe zwar viele Jahre erlebt, aber ich bin nicht alt.
WOMAN: Wann ist man alt?
Erika Freeman: Keine Ahnung. Und ich hoffe, ich erfahre es nie … (lacht) Vielleicht, wenn man sich wie ein Kvetch (ewiger Nörgler, Anm.) benimmt. Wenn die Sonne scheint, beschweren sie sich, dass es zu heiß ist. Und wenn es regnet, passt es ihnen auch nicht, dabei brauchen die Blumen ja Wasser. Und ich freu mich, weil ich mir dann einen schönen Regenmantel kaufen kann. Trauriges passiert, aber verlieb dich nicht darin, man muss sich immer wieder dafür entscheiden, glücklich sein zu wollen. Es geschieht alles immer zu unserem Besten, auch wenn es im ersten Moment vielleicht nicht so scheint. Schau, wir sitzen hier, und es ist doch herrlich: Wenn du dir schon was draus machst, dann mach dir was Gutes draus.
WOMAN: Was macht man mit unerfüllten Träumen?
Erika Freeman: Wenn sich ein Traum noch nicht verwirklicht hat, heißt es nicht, dass es nie passieren wird. Es gibt kein Nein, nur ein Noch-nicht … Und wenn der liebe Herrgott will, dass du etwas findest – auch wenn du es überhaupt nicht gesucht hast – wird es so sein. Erinnere dich an Kolumbus: Er dachte, er wäre in Indien, dabei hatte er Amerika entdeckt. Und wenn du deine Bestimmung im Leben nicht kennst, dann suchen wir was. Ganz egal, ob ein anderer das versteht oder nicht, mach dir nichts draus – er ist nur ein Mensch. Wir sind keine Engel. Wie sagt Schiller in „Maria Stuart“: „Gerade unter Menschen kann man verlernen, ein Mensch zu sein.“ Deshalb: Sei lieber ein guter Mensch. Du bist da, du bist gesund, du bist nett, du bist intelligent, das ist ansteckend.
WOMAN: Sie sind 98. Was möchten Sie noch lernen?
Erika Freeman: Viel, ich weiß ja nicht, was ich nicht weiß. Man gewinnt, weil man lebt. Man gewinnt, wenn einem die Welt gefällt, wenn man geduldig ist. Der Hass ist der wirkliche Feind. Man ist nur reich, wenn man liebt und geliebt wird. Und wenn du arbeitest, was du liebst, macht es dich doppelt reich.
WOMAN: Sie haben als kleines Kind schon erlebt, was es bedeutet, ausgeschlossen zu werden. Wie bleibt man offen für das Leben, wenn man schon früh erfahren hat, wie grausam es sein kann?
Erika Freeman: Das stimmt, aber ich habe niemals gelernt zu hassen. Das erfährt man, glaube ich, von seinen Eltern oder von Religionen, die einander bekriegen. Ich vertraue auf eines: Der liebe Herrgott liebt dich, auch wenn er es nicht jeden Tag zeigt, er hat eben auch andere Planeten, um die er sich kümmern muss.
WOMAN: Dr. Freeman, wissen Sie eigentlich auf jede Frage eine Antwort?
Erika Freeman: Yes, der liebe Herrgott hilft mir dabei. Aber ich belästige ihn nicht jeden Tag – am Freitag hat er die Moslems, am Samstag die Juden, Sonntag die Christen, dann lasse ich am Montag einen Ruhetag, und die restliche Woche rede ich mit ihm.
WOMAN: Versteht man das Leben erst mit dem Alter besser?
Erika Freeman: Man versteht, dass man es nicht wirklich verstehen kann. (lacht) Und ich habe die Hoffnung, dass ich es ein bisschen reparieren kann oder dem einen oder anderen geholfen habe.
