Was heilt uns? Tipps aus 5.000 Jahren Medizingeschichte

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Gemeinsam mit dem Arzt und Universalgelehrten Johannes Huber habe ich für unser Buch in den ältesten Schriften der Welt geblättert - auf der Suche nach heilkundlichem Wissen, das die Zeit überstanden hat. Erfahren Sie, welche traditionellen Methoden den Test der Moderne bestehen.

– Text Yasmina Kobza

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Dream-Team. Gemeinsam haben die Journalistin Yasmina Kobza und der Arzt Johannes Huber alte Heilmethoden untersucht und die Ergebnisse in einem Buch veröffentlicht.

 © Edition A

Sie hatte nie ein Krankenhaus von innen gesehen und starb mit 117 Jahren friedlich und schmerzfrei. Maria Branyas Morera, geboren am 4. März 1907 in San Francisco, war bis zu ihrem Tod am 19. August 2024 die älteste lebende, verifizierte Person der Welt, bestätigt von Guinness World Records.

Wissenschaftler:innen, die das Geheimnis der außergewöhnlichen Langlebigkeit von Maria Branyas Morera untersuchten, fiel besonders ein Befund auf: Der Darm der Spanierin war außergewöhnlich reich an Milchsäurebakterien – eine Beobachtung, die sich still und unaufgeregt in die aktuelle LongevityForschung einfügt und die gleichzeitig wie eine Rückkehr zu uraltem Wissen wirkt.

Für Johannes Huber, Arzt, Theologe und Universalgelehrter, war dieser Befund ein Déjà-vu. Für mich ebenfalls. Wir hatten uns ursprünglich über die Selbstheilungsinstinkte von Tieren unterhalten, ein Randthema, nur um festzustellen, dass es ein Fenster zu etwas sehr Altem öffnete: dem medizinischen Urwissen der Menschheit. Schimpansen, die instinktiv zu herben Pflanzen mit Gerbstoffen wie Hibiskus greifen, wenn sie Würmer haben; Elefantenkühe, die gezielt nach bestimmten Wurzeln suchen, um die Geburt einzuleiten. Die Tierwelt, so wurde uns klar, verfügt über einen inneren Heilleitfaden. Und wir stellten uns die Fragen: Könnten Menschen einen solchen Instinkt einst ebenfalls besessen haben? Und könnten seine Spuren noch immer in uns liegen, nur zugedeckt von Moderne und Medizin? Was liegt dort verborgen?

Aus dieser Frage entstand ein Projekt, das zeitlich wie geografisch kaum Grenzen kannte: Wir begannen, in den ältesten medizinischen Schriften der Welt zu lesen. In mesopotamischen Tontafeln, ayurvedischen Versen, Klostergärten und antiken Kräuterbüchern. In dem Wissen, das einst mündlich von Lagerfeuer zu Lagerfeuer getragen und erst später schriftlich festgehalten wurde. Aus dieser Reise entstand unser Buch „Weltwissen Heilung“ (erschienen bei edition a) – mit 100 Tipps aus fünf Jahrtausenden, manche überraschend modern, andere rührend vertraut, einige beinahe prophetisch. In einem der Tipps geht es auch um Milchsäurebakterien.

Jungbrunnen

Wie gesund fermentierte Speisen sind, ist heute ein Forschungsgebiet, dass sie lebensverlängernd wirken könnten, ein Dauerthema. Dass sie ein Grundpfeiler vieler uralter Küchen waren, war schlicht Überlebensstrategie. In Japan essen Menschen seit rund 1.000 Jahren Nattō, fermentierte Sojabohnen, die westliche Gaumen gerne auf die Probe stellen. Der strenge Duft, die klebrigen Fäden – man muss es wollen. Die Medizin aber liebt es: Milchsäurebakterien, Enzyme, Spermidin. Eine Kombination, die Zellprozesse in Gang setzt, die sonst nur Fasten herbeiführt. In Österreich ist Nattō in Asiashops tiefgefroren und essfertig abgepackt erhältlich.

Ähnliches gilt für Kefir, den nomadische Reitervölker aus dem Kaukasus aus Stutenmilch herstellten. Oder für Sauerkraut, das nicht nur ein winterliches Reste-Essen ist, sondern ein veganes Probiotikum, das Stimmung und Hirnchemie positiv beeinflusst – ein Gedanke, der heute von der Psychobiotika-Forschung bestätigt wird.

Die richtige Kaffeepause

Bei unserer ersten Arbeitsbesprechung – Tee dampfte auf dem Tisch, nicht Kaffee – erzählte ich Johannes Huber von der ayurvedischen Empfehlung, Koffein am Morgen zu vermeiden. Er lächelte wissend. „Das wusste auch die mittelalterliche Klostermedizin“, sagte er. Bei den Mönchen galt die Devise: Der Morgen gehört der Ruhe. Mate, Tee, Wermut – ja, aber später.

Heute liefert die Chronobiologie eine nüchternere Bestätigung: Der Cortisolspiegel, unser natürlicher Wachmacher, ist morgens von selbst hoch. Koffein zur falschen Zeit stört den natürlichen Rhythmus. Die Folge: Irgendwann werden wir ohne Kaffee nicht mehr richtig munter.

Salbei, die alte Königin

Wir stöberten weiter, und Professor Huber steuerte unter anderem nützliches Heilungswissen aus dem alten Griechenland bei. Der antike Militärarzt Pedanios Dioskurides etwa durchstreifte einst das Mittelmeergebiet, sammelte Kräuter, befragte Heiler nach deren Wirkungen und schrieb das botanische Standardwerk Europas für die nächsten 1.000 Jahre. Sein Lieblingskraut: Salbei. Er empfiehlt es gegen Husten, Blähungen, Hautprobleme und Schmerzen. Die heutige Forschung nickt dazu. „Wie kann jemand sterben, in dessen Garten Salbei wächst?“, heißt es bis heute in der Volksmedizin.

Huber sieht darin mehr als Botanik. „Natürliche Substanzen leben von ihrem Zusammenspiel. Wir zerlegen sie heute wissenschaftlich in Einzelteile – doch der Zauber liegt im Ganzen.“ Ein Adler, sagt er gerne, verliert seine Erhabenheit, sobald man ihn seziert. Auch eine Hermès-Tasche entfaltet ihre Magie nicht, wenn man die Teile einzeln auf den Tisch legt. Ebenso ist es bei Heilkräutern.

Innere Haltungen, die heilen

Doch es waren nicht nur Pflanzen, die uns beeindruckten. Es war der Umgang mit dem Leben und dem Sterben. Viele alte Kulturen sahen den Tod als Nachbarn, nicht als Feind. Der islamische Arzt Ibn Sīnā Avicenna schrieb im 10. Jahrhundert, dass Todesangst Herz und Organe schwäche. Die Lösung seien Selbsterkenntnis und Ruhe. 1.100 Jahre später zeigt die Psychoneuroimmunologie: Menschen, die dem Tod ohne Furcht begegnen, haben messbar stabilere Körperwerte: einen ruhigeren Puls, niedrigeren Blutdruck und ein kräftigeres Immunsystem.

Einer unserer Lieblingstipps ist älter als jede Schrift. In einem NeandertalerSkelett entdeckten Archäologen Spuren von Schafgarbe – einer Heilpflanze, die vor rund 200.000 Jahren universell und heute vor allem gegen Entzündungen sowie Menstruations- und Verdauungsbeschwerden eingesetzt wird. Man könnte sagen: Unsere frühesten Verwandten wussten, was wirkt, und vertrauten dabei ihrem Instinkt.

Für mich war die berührendste Erkenntnis: Unsere Vorfahren hatten wohl ähnliche Sorgen wie wir – und erstaunlich kluge Antworten darauf.

Alte Heilmethoden, die heute noch wirken

1. Fermentierte Lebensmittel

Nattō, Kefir, Sauerkraut

  • Enthalten Milchsäurebakterien

  • Unterstützen die Darmflora, das Immunsystem und die Stimmung

  • Das Spermidin in Nattō wirkt zellreinigend (Autophagie-Prozess)

2. Salbei (Salvia officinalis)

  • Antientzündlich, antibakteriell

  • Hilft bei Husten, Halsschmerzen, Verdauungsbeschwerden sowie bei Hautproblemen

  • Heute wissenschaftlich in vielen Bereichen bestätigt

3. Später Kaffee

  • Alte Medizin (Ayurveda, Klostermedizin) sagt: kein Koffein am frühen Morgen!

  • Moderne Chronobiologie stützt diese Regel durch Cortisolrhythmus

  • Ergebnis: stabilere Energie ohne „Koffeinabhängigkeits-Schleife“

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First Drink: Tea. Der Ayurveda empfiehlt – ebenso wie seinerzeit die Mönche –, nach dem Aufwachen Tee zu trinken und später erst Kaffee. Die Chronobiologie stimmt dem zu.

4. Schlafgarbe

  • Schon von Neandertalern genutzt

  • Wirkung belegt bei Menstruationsbeschwerden, Verdauungsproblemen und Entzündungen

  • Eines der ältesten dokumentierten Heilkräuter der Menschheit

5. Rituale gegen Angst

  • Der Arzt Avicenna empfahl innere Ruhe und Einkehr bei Ängsten

  • Die Psychoneuroimmunologie bestätigt: Stress schwächt Organe und Immunsystem

  • Meditation und Atemtechniken werden heute bei psychosomatischen Beschwerden eingesetzt

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