
Die international gefeierte Sopranistin Pretty Yende tritt heuer als Stargast beim Wiener Opernball auf. Wie die 40-Jährige in Rekordzeit zum Shootingstar avancierte - und woran sie fast scheiterte.
Pretty Yende ahnte lange nicht, dass sie einmal die Welt erobern würde. „Ich habe mich oft gefragt, ob es überhaupt möglich ist, so groß zu träumen“, gesteht sie lachend, als wir sie Mitte Dezember via Zoom in einem Hotelzimmer in Paris erreichen. Wie gefragt die Sopranistin ist, zeigt bereits die Schwierigkeit, einen gemeinsamen Gesprächstermin zu finden. „Ich reise gerade sehr viel, es war gar nicht so einfach, einen ruhigen Moment zu erwischen.“
Am Abend vor unserem Call stand die Opernsängerin für ein Konzert am Théâtre des Champs-Élysées gemeinsam mit zwei Chören auf der Bühne. „Es war absolut fantastisch, die Menschen strahlten“, erzählt Yende begeistert.
Der Anlass unseres Gesprächs ist jedoch ein anderer: Am 12. Februar wird Pretty Yende als Stargast beim 68. Wiener Opernball auftreten. Was sie an diesem Abend darbieten wird, hat uns die Sopranistin, die Kritiken zufolge mühelos zwischen Virtuosität und großer Dramatik wechselt, bereits vorab verraten: „Endlich wird mein Traum wahr: Ich werde eine Prinzessin sein und eines meiner absoluten Lieblingsstücke singen – die ‚Primadonna-Arie‘“, schwärmt sie mit einem breiten Lächeln.
Gemeint ist die berühmte Arie „Art Is Calling for Me“ aus Victor Herberts Operette „Die Zauberin“, in der Prinzessin Stellina von ihrem Traum erzählt, eine gefeierte Primadonna zu werden.
Innere Stimme
Ein Stoff, der auch Yendes eigener Geschichte entsprungen sein könnte. Aufgewachsen im südafrikanischen Piet Retief, gleicht ihr Weg an die Spitze der internationalen Opernwelt einer eindrucksvollen Erinnerung daran, was möglich wird, wenn man seiner inneren Stimme folgt. „Ich bin so froh, dass mein 16-jähriges Ich diesem Ruf gefolgt ist“, sagt Yende rückblickend.
Denn ihr Werdegang ist alles andere als eine klassische Erfolgsstory. Als sie in einem Werbespot erstmals eine Arie hörte, wusste sie: So möchte ich auch singen können. „Dieser Gesang hat mich zutiefst berührt – ohne dass ich überhaupt eine Ahnung davon hatte, was Oper ist“, erinnert sich die heute 40-Jährige.
„Was danach kam, war eine unglaubliche Entdeckungsreise.“ Seit ihrem Studium am South African College of Music in Kapstadt lebt Pretty Yende ihren Traum im Rekordtempo. Es folgte die Aufnahme in die Gesangsakademie der Mailänder Scala, einem der renommiertesten Opernhäuser der Welt, und schließlich der internationale Durchbruch mit ihrem gefeierten US-Debüt in Rossinis „Le comte Ory“ an der Metropolitan Opera in New York 2013.
Heute ist Yende auf den größten Bühnen zu Hause und wird für historische Feierlichkeiten gebucht: 2024 sang die südafrikanische Sopranistin unter anderem bei der Wiedereröffnung der NotreDame in Paris.
Im selben Jahr wurde sie als erste Opernsängerin zur Dior-Markenbotschafterin. Nach 16 erfolgreichen Jahren ist sich Pretty Yende der Wirkung ihres Weges bewusst. „Man kann sich vorstellen, was das für die Menschen in meinem Dorf, in meinem Land bedeutet hat“, sagt sie. „Junge Leute, die gesehen haben, wie ich 2009 den Internationalen Belvedere-Gesangswettbewerb in Wien gewann (Yende gewann als erste Künstlerin in jeder Kategorie, Anm.) und an die Scala kam, konnte ich mit meiner Geschichte ermutigen.“ Nachrichten erreichten sie seither aus aller Welt – aus China, Korea, den USA, Neuseeland oder Australien.
„Viele schreiben mir: Ich kenne dich nicht persönlich, aber allein, dass du deinen Traum verfolgst, gibt mir den Mut, meinen eigenen zu leben.“


Schillernd. "Die Rolle war wie maßgeschneidert für mich", sagt Pretty Yende über ihre Darstellung der Violetta Valéry in "La traviata" an der Wiener Staatsoper. Regisseur Simon Stone holte Giuseooe Verdis klassische Oper ins Moderene und inszenierte Violetta als Influencerin.
© Wiener Staatsoper / Michael PöhnKehrseite
Doch Yende kennt auch die andere Seite des Erfolgs, die Einsamkeit. „Man ist sehr oft mit sich allein“, sagt sie offen. Halt gebe ihr ihr Glaube – und Werte, die ihr früh vermittelt wurden. „Meine Eltern haben mir beigebracht, dass man die Erfüllung in der Ruhe findet, nicht nur auf Partys“, erzählt sie. „Damals wusste ich nicht, wie sehr mich das auf mein heutiges Leben vorbereiten würde.
Dieser innere Anker hat mir erlaubt, in den letzten Jahren so frei zu fliegen.“ Vor drei Jahren jedoch geriet ihr Leben aus den Fugen: Ihre Mutter starb. „Das war das Schwerste, was ich je erlebt habe. Ich konnte nicht mehr lachen, nicht mehr singen.“ Für Yende war es wichtig, neben den schillernden Bühnenmomenten auch diese Zeit der Trauer sichtbar zu machen.
„Ich wollte in den sozialen Medien keine Kunstfigur erschaffen“, reflektiert sie, „sondern ehrlich sein, damit die Menschen sehen: Ich stehe zwar auf großen Bühnen, aber ich bin wie sie.“ Diese Offenheit habe ihr geholfen, den Verlust zu verarbeiten. „Jetzt fühle ich mich wieder wie ich selbst – und kann von Herzen lächeln.“
Mir ist es wichtig, den Menschen zu zeigen: Ich stehe zwar auf großen Bühnen, aber ich bin genau wie sie.
Glamourös
Mit ihrem Auftritt beim diesjährigen Wiener Opernball kehrt Pretty Yende nun an einen prägenden Ort ihrer Karriere zurück. „Wien bedeutet mir sehr viel, vor allem die Staatsoper, wo ich einige meiner schönsten Rollen singen durfte – von ,Don Pasquale‘ über ,L’elisir d’amore‘ und ,I puritani‘ bis zu ,La traviata‘.“ In letzterer erschien die Sopranistin dem Publikum 2021 als schillernde Influencerin.


© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Was die 40-Jährige davon hält, wenn klassische Opern derart radikal ins Moderne übersetzt werden? „Es ist ein schmaler Grat, aber diese Inszenierung hat so viele junge Menschen berührt, das war fantastisch.“ 2023 folgte ein weiteres bedeutendes Engagement in der Hauptstadt: Yende sang die Titelrolle in Massenets „Manon“.
Auch abseits großer Prunksäle glänzte Yende in den letzten Jahren: im Jänner 2025 etwa gemeinsam mit John Legend bei einem Benefizkonzert in Paris. Zugunsten französischer Kinderkrankenhäuser sangen der US-amerikanische Popstar und die südafrikanische Sopranistin den französischen Klassiker „La vie en rose.“ Yende denkt gerne an den Auftritt zurück: „Ich war sehr nervös, aber John Legend sorgte dafür, dass ich mich sehr wohlfühlte.“ Für die Künstlerin bieten Auftritte abseits klassischer Räume die Chance, „Menschen zu erreichen, die sonst nicht in die Oper gehen“.
Und wer ist Pretty Yende, wenn der Applaus verhallt? „Nur ein Mädchen, das es liebt zu singen“, lacht sie. „Zu singen, zu schlafen und zu essen.“ Die Welt kann schließlich auch einmal warten.