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60 Minuten mit den anonymen Sexsüchtigen

Sie treffen sich, um über ihre Obsessionen zu reden: Zu viel Sex, zu viel Sehnsucht nach Liebe - wie ist das eigentlich, wenn die schönste Sache der Welt zum Problem wird? Unsere Redakteurin war beim Meeting der anonymen Sexsüchtigen dabei.

von

Selbsthilfegruppe
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Es ist ein grauer, nebliger Sonntag. So ein Tag, an dem man am liebsten im Bett liegen bleibt, über Antriebslosigkeit sudert und mit Netflix, Pizza und Schoko dem ausklingenden Wochenende nachtrauert. Aber ich stehe vor einer Pfarre im 2. Wiener Gemeindebezirk, die Kirchenglocke läutet schon seit einer gefühlten halben Stunde den arschkalten Nachmittag ein, und es riecht nach Weihrauch. Wenig später sitze ich mit drei sexsüchtigen Männern und einer romantikabhängigen Frau händchenhaltend um einen Holztisch und bete zu einer höheren Macht.

Ich bin heute bei der Selbsthilfegruppe der Anonymen Sex- und Liebessüchtigen (S.L.A.A. = Sex and Love Addicts Anonymous) zu Besuch, die sich hier im zweiten Stock der Pfarre ein Mal in der Woche trifft, um über zwanghafte Bedürfnisse zu reden. Jeder kann kommen, die Treffen sind auf ihrer Website ausgeschrieben und dauern eine Stunde. S.L.A.A. ist eine international vernetzte Gemeinschaft von Männern und Frauen, die sich - ganz nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker - gegenseitig helfen, nüchtern zu bleiben. Und nüchtern heißt in ihrem Fall: Kein Sex, keine Gspusis, keine Romanzen, bis man wieder fähig ist, ein gesundes Liebesverhältnis aufzubauen. Und das ist - wie bei jeder Suchterkrankung - ein langer, schmerzhafter Weg. "Nüchternheit ist das Wiedererlangen der Entscheidungsfreiheit, geistigen Gesundheit und von persönlicher Würde", schreibt die Gruppe auf ihrer Site.

UNHEILBAR, ABER BEHANDELBAR. "Wir in S.L.A.A. glauben, dass Sex- und Liebessucht eine fortschreitende Krankheit ist, die nicht geheilt werden kann, die aber - wie viele andere Krankheiten - zum Stillstand gebracht werden kann." Schätzungen zufolge sind es drei bis sechs Prozent der Bevölkerung, die von der schönsten Sache der Welt allzu besessen sind. In regelmäßigen Abständen haben auch Promis wie Jesse James, Tiger Woods oder Mister "Akte X" David Duchovny öffentlich die Hosen runtergelassen und sich zu ihrer Sexsucht bekannt.

Nur: Wann ist man überhaupt sexsüchtig? Experten meinen, sobald der oder die Betroffene unter dem permanenten Bedürfnis nach sexueller Aktivität zu leiden beginnt und sich diese zerstörerisch auf Beruf, Familie oder Selbstachtung auswirkt. Sie nennen es Hypersexualität und bezeichnen damit ein behandlungsbedürftiges Störungsbild, das bei den Betroffenen einen großen Leidensdruck verursacht. Einen bestimmten Auslöser dafür gebe es aber nicht, sind sich Mediziner einig.

60 MINUTEN. Es ist jetzt 13 Uhr, die Session beginnt. In einem spartanisch eingerichteten Zimmer sitzen wir um einen Holztisch, zur Vorstellungsrunde wird eine Teekanne herumgereicht. "Ich bin Karl (sämtliche Namen wurden von der Redaktion geändert), romanzen- und sexsüchtig." - "Hallo Karl!" Nach ihm kommt eine blonde Dame dran, so um die 40, sie stellt sich als Eva vor. "Ich bin liebessüchtig und co-abhängig." - "Hallo Eva!" Und dann noch die zwei jüngeren Typen, circa 30, der eine im Hoodie und mit John-Lennon-Brille, sexsüchtig, sein behaarreifter Kollege neben ihm pornosüchtig und frisch getrennt von seiner Freundin, wie er später erzählen wird.

Zur Einstimmung wird ein Buch herumgereicht, "unsere Bibel", erklärt Eva. Darin stehen Texte über die zwölf "Schritte" der S.L.A.A. Jeder soll ein paar Absätze vorlesen. Schritt eins zum Beispiel: "Wir geben zu, dass wir der Sex- und Liebessucht gegenüber machtlos sind - und unser Leben nicht mehr meistern können." Oder Schritt sieben, in dem "Gott darum gebeten wird, die Mängel zu beseitigen". Klingt alles ziemlich nach Kirche - von einer "Sache religiöser Art" distanziert man sich aber ausdrücklich, Gott stehe einfach für eine höhere Macht, die hilft und beisteht.

"KONNTE MEIN LEBEN NICHT MEHR MEISTERN." Nach einer Gedenkminute für "alle leidenden Süchtigen" geht's weiter in die nächste Runde: Die Anwesenden teilen ihre Genesungserfahrungen. Jetzt geht es ins Detail. Jeder hat drei Minuten Redezeit, mit einem Handy wird mitgestoppt. "Irgendwann merkte ich, dass ich vollkommen obsessiv, crazy und high war. Ich konnte mein Leben nicht mehr meistern", erzählt Eva, die ihre Liebessucht nach unzähligen Therapiestunden noch immer nicht im Griff hat.

"Wieder ein Liebhaber, der mir sagte, dass das mit uns nie mehr als eine unverbindliche Sexgeschichte werden kann. Daraufhin kam ich eine ganze Woche lang nicht mehr von meiner Couch auf." Immer wieder verstrickt sie sich in ähnliche Verhaltensmuster. "In einer anderen Selbsthilfegruppe gibt's einen Mann, der mir wirklich sehr gut gefällt. Ich weiß, ich bin noch meilenweit von einem gesunden Umgang mit meiner Sucht entfernt. Aber es war mir in diesem Moment zumindest bewusst. Ich konnte das Verlangen stoppen, über mich lachen. Und nachher dachte ich: Halleluja."

LAST ABLADEN, BIS DAS HANDY PIEPST. Nach Eva erzählt Karl, der schüchterne sexsüchtige Student, mit leiser Stimme von seiner zerbrochenen Beziehung, seinen Depressionen und der Angst, wieder in alte Suchtmuster zurückzufallen. Er ist nächtelang im Internet unterwegs, auf der Suche nach schnellen Bekanntschaften: "Mein Verstand ist Teil des Problems!", sagt er und drückt dabei seine Hände so fest auf die Tischplatte, dass seine Knöchel weiß hervortreten.

Er leidet offensichtlich darunter, dass sich in seinem Kopf alles nur mehr um Sex dreht. Auch Martin ist besessen von Fantasien, seine sind aber romantischer Natur. Bei dieser Suchtart steigert sich der Betroffene in Liebesgeschichten mit zufälligen Bekanntschaften hinein. "Ich weiß, dass ich damit am Holzweg bin. Und ich weiß, dass der nicht funktioniert", sagt er, lacht und schüttelt den Kopf. Alle in der Runde lachen mit ihm. "Geh bitte! Das ist doch nicht lustig. Aber ein bisserl schon vielleicht", schmunzelt er noch einmal und nippt an seiner Teetasse.

Stille. Eva, Karl, Martin und Thomas wirken jetzt irgendwie erleichtert, ein paar haben ihren Status upgedatet und ihre Erfahrungen geteilt, die Stimmung ist entspannt. Für ein paar Momente wirkt die Gruppe so, als würde man gleich gemütlich eine Sektflasche köpfen und ein paar Brötchen auf den Tisch stellen, um einen Geburtstag zu feiern.

"Dieser Ort, unsere Gruppe, das gibt mir Halt. Nur hier kann ich alles sagen, was wirklich in mir vorgeht", sagt Thomas, der Typ im schwarzen Kapuzenpulli. Das Handy piepst, Zeit vorbei. Plötzlich stehen alle auf, zum Verabschiedungsritual halten wir uns an den Händen und bilden einen Kreis um den Tisch. "Gott gebe mir Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann " Zur vollen Stunde läuten wieder die Kirchenglocken, 14 Uhr. Zeit, den Kreis aufzulösen. "Komm gerne wieder", sagt Karl zu mir, seiner stummen Nachbarin, und drückt noch einmal meine Hand.

Thema: Sex & Erotik