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Beruf Lockvogel: "Ich teste die Treue anderer Männer"

Therese Kersten ist von Beruf Treuetesterin. Sie findet heraus, ob dein Mann tatsächlich einer Versuchung widerstehen könnte. Nun hat sie ihre schrägsten und lustigsten Erfahrungen aus sieben Jahren "Berufsalltag" niedergeschrieben. Eine Leseprobe.

von

Therese Kersten
© Lukas Beck

"Betrügt er mich?", "Wem schreibt er denn da die ganze Zeit?", "Irgendwie hat er sich verändert". Gedanken wie diese schwirren in den Köpfen so vieler Frauen in der ein oder anderen Art herum. Fragt man nach, bekommt man von seinem Partner jedoch nur beschwichtigende Worte oder Entsetzen, dass man so etwas doch nie tun würde. Aber die Statistiken besagen etwas anderes: Fast jeder und jede Zweite ist im Leben zumindest einmal fremdgegangen. Natürlich werden die wenigsten in flagranti erwischt. Also wie kann man sich sicher sein?

Dafür bietet Therese Kersten ihre Dienste an. Die 27-Jährige gründete vor sieben Jahren in Wien die Agentur „Die Treuetester“ und lässt sich beziehungsweise andere Lockvögel von eifersüchtigen Frauen und Männern engagieren, um die Treue von deren Gegenüber zu überprüfen.

Für sie ist das mittlerweile ein normaler Job, aber bei anderen löst sie damit regelmäßig Erstaunen, Ungläubigkeit sowie Gelächter aus. Und natürlich wollen dann alle mehr von ihr wissen! Und vielleicht die ein oder andere Anekdote erzählt bekommen? Also hat sie ihre Erfahrungen in einem Buch mit dem Titel „Lockvogel“ niedergeschrieben. Und erzählt darin, wie sie Männer im Auftrag ihrer Frauen in Bars anspricht, ihre Standhaftigkeit überprüft und welche Blüten auch männliche Eifersucht treiben kann. Gewürzt mit einem kräftigen Schuss Humor. Eine Episode daraus findest du untenstehend zum Reinschnuppern!

Und auch wir wollten mehr wissen und haben Therese Kersten ein paar Fragen gestellt:

WOMAN: Wie kamen Sie auf die Idee ihre Agentur „Die Treuetester“ zu gründen?
Kersten: Ich misstraute meinem damaligen Partner und hätte gerne von außerhalb Hilfe in Anspruch genommen, um seine Treue zu testen. Es gab aber leider keine Agentur, die Treuetests in Österreich durchführte und so fing ich an ihn selbst zu kontrollieren. Damit kam dann auch die Idee „Die Treuetester“ zu gründen, denn ich war mir sicher, dass ich mit meiner Frage: „Ist er treu oder nicht?“ nicht allein dastehe.

WOMAN: Wie desillusionierend ist dieser Beruf?
Kersten: Natürlich werde ich ständig mit dem Thema Untreue konfrontiert, aber trotz meiner eigenen Erfahrungen und dem beruflichen Alltag, habe ich den Glauben an die Treue nicht ganz verloren.

WOMAN: Das ist durchaus erstaunlich!
Kersten: Ich glaube, dass jeder einmal in seinem Leben fremdgeht, weshalb ich nicht an die ewige Treue glaube. Auf der anderen Seite bin ich mir aber sicher, dass man treu sein kann, wenn man den richtigen Menschen an seiner Seite hat und mit sich selbst zufrieden und glücklich ist.

WOMAN: Sind Sie selbst aktuell in einer Beziehung? Und wenn ja, wie sehr können Sie noch vertrauen?
Kersten: Ich selbst bin verlobt und kann man meinem Partner voll und ganz vertrauen, zumindest bis jetzt!

WOMAN: Was wollen die meisten Menschen wissen, wenn sie von ihrem außergewöhnlichen Job erfahren?
Kersten: Die meisten Menschen wollen wissen, was meine skurrilsten Geschichten sind und ob es tatsächlich die Männer sind, die untreuer sind.

WOMAN: Na dann entsprechen wir dem doch gleich: Was ist das Schrägste, was ihnen je bei diesen Tests untergekommen ist?
Kersten: Wir hatten einmal einen Fall, da hat uns ein Mann unzählige Slips seiner Frau geschickt, die wir auf Spermaspuren untersuchen sollten. Fast alle Proben waren positiv. Als Spurenleger kam für ihn sein eigener Bruder infrage, was schon sehr schräg war. Dann kam noch hinzu, dass er uns Karotten schickte, die wir auf DNA seiner Frau untersuchen sollten. Er glaubte, dass man sie damit penetriert hätte. Allerdings waren die Karotten schon vergammelt und ein Test war unmöglich. Er hat dann auch noch zwei Vaterschaftstests gemacht. Das Ergebnis bei einem war, dass er nur als Onkel oder Großvater in Betracht kommt. Schräg genug oder?

WOMAN: Und wie läuft so eine Verführung über ihre Agentur beispielsweise ab?
Kersten: Wir testen die Treue mittels SMS/WhatsApp-, Telefon-, Mail-, Chat-Test bis hin zu einem persönlichen Treffen. Je nach Kundenwunsch verfolgen wir hierbei ein unterschiedliches Ziel, wie zum Beispiel Austausch von Telefonnummern, Verabredung zu einem Date oder der Austausch von Nachrichten über SMS, WhatsApp oder Facebook.

WOMAN: Kann man in diesen Verführungssituationen die eigenen Emotionen ausstellen?
Kersten: Wenn wir die Treue eines Partners testen, dann ist das für uns ein Job, bei dem wir dem Auftraggeber Gewissheit mit auf den Weg geben möchten und da sind Emotionen für die Testperson fehl am Platz. In all den Jahren hat sich auch noch keine Testerin in eine Testperson verliebt.

WOMAN: Wie geht man mit den Reaktionen derer um, die die Bestätigung erhalten, betrogen zu werden?
Kersten: Am Anfang fiel es mir nicht leicht, Testergebnisse zu übermitteln, aus Angst vor den Reaktionen. Mittlerweile gehört es zu meinem Alltag und ich musste im Laufe der Jahre feststellen, dass meine anfängliche Angst unbegründet war. Die wenigsten Auftraggeber fallen „aus allen Wolken“ und gehen sehr gefasst mit den Ergebnissen um, weil sie ohnehin schon eine Vorahnung hatten.

Wie viele Lockvögel arbeiten mittlerweile für Sie?
Kersten: Es arbeiten derzeit ungefähr 350 Tester und Testerinnen für uns.

WOMAN: Haben Sie auch schon einmal negative Erfahrungen gemacht mit Menschen, die sich vielleicht ungerecht behandelt gefühlt haben?
Kersten: Nein, bisher noch nicht. Das liegt wahrscheinlich aber auch daran, dass wir selbst keine Tests aufklären. Dies überlassen wir immer unseren Auftraggebern, ob und inwieweit sie überhaupt den Test aufklären wollen.

Therese Kersten

Leseprobe aus „Lockvogel – Mein Leben als Treuetesterin“ von Therese Kersten

Drehen wir die Uhr nochmals zurück. Nicht weit. Nur vom Frühlingsbeginn ans Ende des Karnevals. Diesmal so rund um den zehnten Februar. An eine Örtlichkeit, nein:Location, wo für eine ganze lange Nacht die Gesetze von Moral, Anstand und Treue für aufgehoben erklärt sind. So jedenfalls sieht manch einer, manch eine das. Das Leitbild des Abends ist vorgegeben und sonnenklar: Wer ohne Verkleidung erscheint, zahlt doppelten Eintritt (sofern er überhaupt welchen erhält). Die Maskerade ist nach Geschlechtern getrennt, doch perfekt aufeinander abgestimmt. Bordsteinschwalbe bis Callgirl die Mädels. Zuhälter bis Milieugröße die Jungs. Willkommen bei (Eigendefinition) Münchens heißester und bekanntester Mottoparty im P1 Club: LMSJ. Leichte Mädels – Schwere Jungs.

Nach München sollte also die Reise gehen. Anfangs nur für eine Mitarbeiterin. Später auch für mich. Vermutlich gab es keine Veranstaltung in ganz Bayern, wo die Hormone auf engem Raum so geballt so ungezügelt aufeinandertrafen. Und wohl auch keine bessere Gelegenheit für Barbara R., ihren Mann Klaus aufs Prüfgleis rollen zu lassen.

Sie habe, schrieb sie mir per Mail, einigen Anlass zu Misstrauen. Sie glaube fest, dass er sie bereits betrogen habe. Beweise für die latente Untreue, die sie seit Jahren hinter der Fassade des braven Vaters dreier Kinder wähnte, habe sie allerdings keine.

Barbara R. hatte sich vorab ausgiebig auf meiner Homepage informiert, und so trat sie auch mit dem konkreten Wunsch eines persönlichen Treuetests an mich heran. Sie hatte auch halbwegs genaue Vorstellungen, was die Testerin anging: Ende zwanzig, brünett, sportliche Figur. Flirterfahren.

Sandra. Mein erster Gedanke. Ihre Feuerprobe. Sie hatte wunderschönes, mahagonibraunes Haar, jadegrün funkelnde Augen, einen Teint mit minimal südländischem Einschlag. Genau, was Barbara R. sich vorgestellt hatte. Erst ein paar Tage zuvor hatte ich Sandra neu in die Kartei aufgenommen, hatte also auch noch frisch in Erinnerung, was sie beim Profil angegeben hatte, bei dieser Vielzahl von Kriterien, die vorab ein passables Bild zeichneten: angefangen von den Basics des Äußeren (Größe, Gewicht et ceterea, aber auch Tattoos, Brillen), Angaben, ob jemand rauchte oder nicht, Schulbildung und Studienlehrgänge, Führerschein, Bereitschaft für weiter entfernte Einsätze (gegen Kilometergeld), Flexibilität in puncto Kurzfristigkeit und, und, und.

Dazu immer auch mehrere Fotos, aktuelle und etwas ältere. Als Entlohnung gab es im Schnitt 15 Euro pro Stunde netto, Kostenersatz erfolgte nur bei persönlichen Treffen mit der Zielperson. Am Ende eines Auftrags waren möglichst detaillierte Protokolle anzufertigen. Kurzum: Menschen unterschiedlichster Prägung und Fähigkeiten, unterschiedlichsten Alters und Aussehens sollten es sein. So natürlich wie möglich.

Ja. Sandra passte perfekt. Sie hätte es nicht weit nach München. Und sie rief mich nach meiner WhatsApp-Anfrage auch binnen Minuten zurück, sodass ich den Klang ihrer wundervollen Stimme vernehmen, mich von ihrer sympathischen Art überzeugen konnte und obendrein den Eindruck gewann, dass sie bei ihrem Premiereneinsatz mit vollem Engagement bei der Sache sein würde.

Zwischenzeitlich besaß ich auch Fotos von Klaus. Sie hätten ebenso gut einem Katalog für hochpreisige Männermode entnommen sein können, stellten dar, was einem schönen Mann entspricht. Kein Wunder, dass Barbara R. beunruhigt war. Zumal er sowohl im Job als auch bei den Frauen einen Maßanzug zu tragen schien, der Erfolg hieß. Doch das änderte nichts daran, dass er schwer unter Verdacht stand und zuhause drei minderjährige Kinder und eine Frau hatte, die das Recht besaßen, auf ihn setzen zu können. Und dass er seinerseits, weibliche Avancen hin, weibliche Avancen her, jederzeit das Recht besaß, nein zu sagen.

Ausgestattet mit einem heißen Outfit und den Fotos von Klaus nebst Angaben, was er bei der Party tragen würde, zog Sandra in die Schlacht. Am nächsten Morgen hatte ich weit mehr als ein Dutzend Nachrichten. Aus der ersten sprach Verzweiflung pur: Sie würde ihn in diesem heillosen Gewühl aus beinahe echten Pelzen, Lederkrawatten, kiloweise Lippenstift und gewagten Interpretationen von bedecktem Ausschnitt nicht finden können.

Gleich darauf Entwarnung: gesichtet. Später dann: Der baggert alles an, was mehr als ein Bein und Titten hat. Wiederum später, viel später, folgten Details: Sie seien an der Bar gelandet. Er habe keinen Zweifel daran gelassen, worauf er aus war. Ein Mädel für eine, für diese Nacht. Und wenn’s passte, auch für die eine oder andere Nacht hinterdrein. Einen Ehering am Finger habe sie nicht ausmachen können.

Alles in allem klare Worte. Ich rief Barbara R. an. Erst wimmelte sie mich ab (»Falsch verbunden!«), er war demnach zuhause, stand womöglich neben ihr. Dann, am Nachmittag, beim zweiten Anlauf, fragte ich sie, ob ihr Klaus seinen Ehering niemals trage (was sie entschieden bestritt). Danach schenkte ich ihr reinen Wein ein. Sie brach in Tränen aus, stammelte immer nur dieses so oft gehörte Warum, um sofort nach Entschuldigungen für sein Verhalten zu suchen. Bestimmt habe er gedacht, er könnte den Ring verlieren, habe ihn deshalb abgenommen. Nein, bestimmt sei er schlicht zu betrunken gewesen. Bestimmt … bestimmt … Ein Argument ums andere brachte sie vor, um es wie einen blickdichten Schleier vor jenes Fenster zu hängen, hinter dem sich die bittere Wahrheit verbarg.

Doch dann fing sie sich unvermutet. »Machen wir bitte noch einen Test«, sagte sie mit nun wieder steter Stimme. »Ich möchte, dass er mit seiner Eroberung in einem Hotel aufs Zimmer geht.« »Wieder Sandra?«, fragte ich, wissend, dass das nicht so einfach werden würde. Schließlich hatte sie ihn einfach sitzenlassen und war abgedampft. Wenn er sich daran erinnerte, würde er womöglich Verdacht schöpfen. Oder dank Alternativen kein Interesse zeigen.

»Nein. Können Sie selbst den Test machen?« Sie habe mein Foto gesehen. Ich wäre geradezu perfekt für ihren Mann, also, für diesen Job. Sie werde sich Einzelheiten überlegen. Schon am nächsten Morgen rief sie mich abermals an. Klaus habe sich für das nächste Wochenende zum Männerabend verabredet. Diesmal im Jaded Monkey. Ich kannte die In-Bar von früheren Besuchen in München, mit seinen grauen Lederbänken, der schwarzen Täfelung, den Kupferbelägen, den kleinen Äffchen auf der Tapete und den Saustall-Lampen über dem Tresen. Nicht mein primärer Geschmack, aber doch ein auf seine Art cooler Schuppen mit famosen Drinks.

Barbara R. wollte es mit eigenen Augen sehen, um zu glauben, was sie nicht glauben konnte. Also lautete der von ihr im Groben gefasste und gemeinsam präzisierte Plan, ich ließe mich von Klaus aufreißen und für eine heiße Nacht im Hotel breitschlagen. Aber erst am nächsten Tag. Sie würde dann, ja, sie würde ihn dann im Zimmer in flagranti ertappen.

Ich fuhr nach München. Um sicherzugehen, dass ich ihn nicht übersah, spielte Barbara R. mir ein Bild zu, das den Mittvierziger Klaus mit jenen Freunden zeigte, mit denen er unterwegs sein würde. Das Jaded Monkey war zum Bersten voll, als ich es kurz nach Mitternacht in knallrotem Overall und mit High Heels an den Füßen enterte. Zum Schutz gegen die Kälte hatte ich eine Fake Fur-Jacke übergestreift. Ich vermutete ihn an der ausladend imposanten Bar, die Männer seines Schlages (so die Annahme) zum Hochstand erklärten, um (einen Drink lässig zwischen den Fingern jonglierend) auf die Pirsch zu gehen.

Genauso war es. Inmitten seiner Freunde blitzten seine markant stechenden Augen wie die eines Adlers hervor, der im Gleitflug das Land unter sich scannte und es dauerte keine zwei Minuten, da hatten unsere Blicke sich getroffen. Seine Augenschlitze waren jetzt schmal wie Degenspitzen und sein Schauen auf eine Weise intensiv, dass ich es als unangenehm empfand und die Augen niederschlug. Dann hob ich sie wieder und wie er so dastand und mich verzehrend von oben nach unten und wieder retour taxierte, wie gefangen im Zauber der eigenen Unwiderstehlichkeit, spürte ich ein schallendes Lachen in mir emporkrabbeln. Am liebsten hätte ich losgeprustet. Auch konnte ich dieses Verlangen, seiner Eigenliebe etwas entgegenzusetzen, nicht restlos abwürgen, doch gelang es mir, das in ein Lächeln abzumildern. Keine fünf Minuten später stand er mit zwei Gläsern in der Hand an meiner Seite.

»Was gibt es da zu lachen?«
»Dein Blick«, sagte ich.
»Was ist damit?«
»Er sagt alles über dich aus.«
»Tut er das?«
Ich nickte stumm.
»Was verrät er denn?«

Ich zögerte einen Moment. Dann, wissend, dass Offenbarungen oftmals über vermeintliche Gemeinsamkeiten zu erreichen waren: »Dass wir beide dasselbe suchen.«
»Was suchen wir denn … alle beide?«
Mir fiel auf, dass er seinen Ring abermals nicht trug. Er tat es also aus purer Berechnung. Ich würde ihm Antwort geben, sagte ich, aber nur unter der Bedingung, dass er mir drei Fragen beantwortete. Für einen Augenblick fühlte ich mich wie in Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, wo Aschenbrödel, verkleidet als Jäger im Wald, dem Prinzen ebenfalls drei Fragen stellt und einiges zu lösen aufgibt. Bloß, dass er kein Prinz war, nach dessen Gunst es zu streben lohnte, und meine Fragen auch bedeutend einfacher waren. Müsste auch er tagelang darüber grübeln, wäre ohnedies alles verloren. Die drei lösbaren Fragen also:
»Name?«
»Alter?«
»Verheiratet?«

»Und?«, fragte er, als ich meine Antworten hatte. »Was suchst du?«
»Einen Mann, der Klaus heißt, 45 Jahre alt und verheiratet ist.« Verschmitzt lächelte ich ihn an. »Und der seinen Ehering in der Hosentasche trägt.«
Klaus lachte. »Links oder rechts?« Ich könne gerne nachsehen. Unvermutet rückte er dicht an mich heran. »In aller Öffentlichkeit in der Hosentasche wildfremder Männer wühlen, nein, nein, das geht gar nicht«, wandte ich ein. »Ich bin vergeben wie du. Außerdem, solche Suchspiele darf man ausnahmslos privat machen. Allein.«
Es war längst alles gesagt. Nur diese eine, noch ungestellte Frage mit der Energie eines Blitzschlags stand für den Bruchteil einer Sekunde im Raum. Zu dir oder zu mir?

Er wehrte ab mit dem Hinweis auf Frau und Kinder. Ich wehrte ab mit dem Hinweis auf meinen eifersüchtigen Partner, mit dem ich unter einem Dach lebte. »Wir vertagen auf morgen«, sagte ich. »Auf einen Drink. Wenn wir immer noch Gefallen aneinander finden, dann findet sich eine Lösung.«
»Warum nicht jetzt?« Klaus leckte Eimer voller Blut, drängte. »Wir könnten in ein Hotel gehen. Ich kenne da ein …«
»Viel zu leichte Beute«, sagte ich kühl. »Wen interessiert das schon? Mich jedenfalls nicht.«

»Gib mir dein Handy!« Ich tippte ihm meine Nummer aufs Display, dazu den Namen Anna. »Ich muss jetzt wieder«, säuselte ich. »Ich werde erwartet.« Klaus fasste mich am Handgelenk, zog mich fest an sich. »Ich MUSS dich morgen sehen. MUSS. Hörst du?« »Mal sehen …« Ein letztes Lächeln für Klaus, ein Zwinkern mit dem linken Auge. Weg war ich aus dem Jaded Monkey.

Auf dem Rückweg ins Hotel, noch im Taxi, vibrierte mein Telefon mehrmals. Wie auf Dauerfeuer gestellt, schlugen seine Pfeile des Begehrens ein. Eines war längst klar. Dieser Klaus war ein Gelegenheitstäter der besonderen Art. Einer, der es bei jeder Gelegenheit tat, der seine Chance suchte und gnadenlos ausnutzte. Ein Serientäter übelsten Zuschnitts.

In Serie blinkten dann auch am nächsten Morgen die Botschaften auf meinem Handy auf. Seine Botschaften. Ein einziges in Buchstaben gegossenes Schmachten und Betteln. Die eine wesentliche Message bestätigte ich: »Okay. 20 Uhr. Hotel Maritim. Ludwigsvorstadt.«

Ehe Klaus es tun konnte, tat ich es, reservierte ein halbwegs preiswertes Zimmer im Maritim und schickte ihm in der Sekunde die Bestätigung via SMS. »Spielzimmer ist gebucht.« Dieses Vorgehen barg mehrere Vorteile. Zum einen musste er annehmen, auch ich könnte unser Schäferstündchen kaum erwarten, zum anderen würde er mir nicht dazwischenfunken bei dem, was Barbara R. und ich ausbaldowert hatten.

Sie solle sich gegen halb neun auf den Weg machen, die zweite Zimmerkarte, die ich an der Rezeption für sie hinterlegen würde, in Empfang nehmen und auf mein Zeichen warten. Ich selbst verbrachte einen entspannten Tag in München, warf mich am frühen Abend in Schale (Seidenbluse, enge schwarze Hose, die High Heels vom Vorabend, das Haar offen). Als ich im Maritim eintraf, wartete Monsieur bereits an der Bar.

Er sah in der Tat umwerfend aus. Noch umwerfender war allerdings der Blick in die Seele dieses Mannes. Rasch waren wir beim Thema. »Nun«, sagte ich mit einem schelmischen Grinsen. »Wie ist das mit dir und den Frauen? Oder nein, mit dir und deiner Frau?« »Mein Gott«, seufzte er gespielt. »Die Liebe, ein einziges Kommen und Gehen.«
Oh ja, dachte ich. Bei Typen wie dir ist es wohl ein Lebensmotto, wenn du ihn irgendwo reinsteckst. Früh kommen und dann rasch wieder gehen.

Sechzehn Jahre seien eben eine zu lange Zeit, sagte er. Fünf Jahre auch, sagte ich, skizzierte mit wenigen Worten die Fadesse, die in meine Beziehung eingezogen sei, und auch, dass ich das nicht zum ersten Mal tat. »Ich weiß nicht, mit wie viel Frauen ich meine schon beschissen hab«, sagte er. »Irgendwann habe ich zu zählen aufgehört. Aber spielt das denn eine Rolle?« Ein dicker Kloß verlegte mir spontan die Kehle. Dennoch hielt ich an mich, schüttelte den Kopf, machte gute Miene zum bitterbösen Spiel dieses Mannes, der mir gegenüber saß und jetzt seine Beine einen Spaltbreit auseinander tat, als hätte er bereits ein Zelt in der Hose aufgeschlagen.

»Ich kann nicht anders«, setzte Klaus mit der allergrößten Selbstverständlichkeit nach. »Ich liebe meine Frau über alles. Und meine Kinder. Aber ebenso liebe ich das Abenteuer. Ich liebe es, den Körper einer Frau zu erforschen. Es ist wie …« Ja, genau danach hörte es sich an. Eine Sucht. Ein krankhaftes Verlangen nach Sex mit fremden Frauen. Doch egal, wie weit er mit seiner Sexgier tatsächlich im roten Bereich einer klinischen Diagnose lag, es machte sein Verhalten um nichts entschuldbarer. Längst hatte Klaus begonnen, mich zutiefst anzuwidern, doch ich musste noch ein Weilchen durchhalten.

»Hat deine Frau dich schon mal, ich meine, hat sie dich schon mal erwischt?«
»Ach, wo.« Hatte zuvor, als er seine Sucht beschrieb, ohne das Wort selbst über die Lippen zu bringen, noch ein Funken Unsicherheit wegen seines Tuns mitgeschwungen, so war Klaus jetzt wieder ganz der Macho, als der er sich begriff. Ein Ritter der Männlichkeit, dem eine Frau sich nicht widersetzen konnte.

Es war bereits nach neun. Wir brachen auf, schlenderten in loser Umarmung zum Lift, fuhren hoch ins Zimmer. In einem unbeobachteten Augenblick schickte ich Barbara R. eine SMS. Okay. Kaum oben angekommen, wollte Klaus mir an die Wäsche. »Du gehst jetzt schön brav duschen, mein Prinz«, flötete ich. »Aber ich habe doch zuhau-« »Verstehst du denn nicht? Du gehst jetzt, weil es durchaus sein könnte, dass ich auch … für ein Spielchen und so?«

Klaus’ Welt war wieder ins Lot gerückt. Er zögerte nicht, sprang aus Jeans und Hemd und schlüpfte ins Bad. Keine Sekunde zu früh, denn im nächsten Moment ging die Zimmertür auf und Barbara R. trat ein. Ich nickte nur mit dem Kopf in Richtung Bad, schnappte meine Sachen und verschwand. Für einen Moment schoss mir das Bild eines Toreros durch den Kopf. Klaus, wie er als Torero aus der Dusche tritt, sein Handtuch mit der einen Hand wild schwenkend, in der anderen die Espada, jenen Degen also, mit dem Stierkämpfer ihrer Beute den Todesstoß versetzen, und mit Ausfallschritten auf mich zuhaltend. Nein, sagte ich mir, schüttelte den Gedanken fort. Nicht dieses Bild. Es ist viel zu traurig, um lustig zu sein.

Noch in derselben Nacht rief Barbara R. mich an. »Sie werden es nicht glauben«, sagte sie mit Grabesstimme, »aber als er halb nackt aus der Dusche kam und mich sah, wollte er mir immer noch weismachen, dass doch nichts passiert wäre.« Ihre Stimme wurde mit jedem Wort kühler und kühler. Keine einzige Träne entrang sich ihr. Sie stand schwer unter Schock.

Am nächsten Morgen, zeitig in der Früh, packte ich meine Sachen und fuhr zurück nach Wien. Dorthin, wo der Ausgangspunkt einer Geschichte liegen würde, die mich ein weiteres Mal an die Grenzen der Machbarkeit meines Berufes führen sollte. Weil Dinge geschehen würden, die ich in meiner weiteren Laufbahn nicht zu wiederholen gedachte. Und weil es, neben allem Nervenkitzel, auch mit etwas zu tun hatte, woran es dem Serientäter Klaus R. ganz offenbar gebrach: Gefühl.

Lockvogel
Therese Kersten "Lockvogel - Mein Leben als Treuetesterin" von edition a