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Sind wir in einer Beziehung *wirklich* glücklicher als Singles?

Frauen leben ohne Ehepartner und Kinder auch glücklich. Das haben Studien längst bewiesen. Warum hält sich aber das Klischee der verzweifelten Single-Frau hartnäckig? Wir haben die Soziologin Laura Wiesböck zum Interview gebeten.

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Sind wir in einer Beziehung *wirklich* glücklicher als Singles?

Dr. Laura Wiesböck ist Soziologin an der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien und schreibt aktuell an einem Buch über die Ideologie des Paarlebens

© Katharina Gossow

Das gesellschaftliche Stigma rund um alleinstehende Frauen ab "einem gewissen Alter" ist weiter allgegenwärtig. Dabei sind unverheiratete, kinderlose Frauen die glücklichste Bevölkerungsgruppe. Das wollen zumindest die Studien des Verhaltensforschers Paul Dolan beweisen.

Wir wollten dem selbst auf den Grund gehen und haben die Soziologin Dr. Laura Wiesböck zum Interview gebeten, um über Geschlechter-Klischees, die ewige Single-Frau und Einsamkeit zu sprechen.

Anmerkung: Im Interview mit Laura Wiesböck wurden heterosexuelle Beziehungsmodelle und das Lebensmodell der heterosexuellen Single-Frau behandelt.

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WOMAN: Tut uns eine Beziehung wirklich besser als das Single-Leben?
Wiesböck:
Auffällig ist, dass “eine Beziehung” häufig mit “eine glückliche Beziehung” gleichgesetzt wird. Es gibt aber unterschiedliche Formen von Paarbeziehungen, die verschiedentlich geprägt sind, etwa durch Unterstützung, Vertrauen, Stabilität, Dysfunktionalität, Abhängigkeit, Verlustängste, Kontrolle, Betrug oder Gewalt. Dass eine Paarbeziehung per se zufriedener macht, lässt sich so nicht sagen. Es kommt darauf an, welche Dynamiken darin stattfinden.

Auch die Lebensphase spielt eine Rolle. Forschungen im Bereich der "grey divorce revolution", also der Tendenz, dass die Scheidungsrate der Über-50-Jährigen steigt, zeigen: Nach einer grey divorce sind es mehrheitlich Männer, die eine neue Ehe eingehen, während Frauen eher die Haltung haben "Ich habe mich schon um einen Mann und unsere Kinder gekümmert, jetzt ist einmal Zeit für mich". Eine Trennung in dieser Lebensphase führt nicht selten zu dem Szenario, dass Männer in den letzten Jahren vor der Pension neben der Vollzeitarbeit lernen müssen Wäsche zu waschen, Arzttermine zu organisieren und zu kochen, während Frauen plötzlich nur mehr den halben workload und auch einmal Freizeit haben.

Warum werden Single-Frauen oft abgewertet, auch wenn sie eigentlich zufrieden sind?
Wiesböck:
Zufriedene Single-Frauen stellen eine Provokation für die gesellschaftlich vorherrschende Ideologie des Paarlebens dar. Viele Menschen möchten daran glauben, dass der Mythos des heilsamen Lebensmodells real existiert, dass es ihnen selbst besser geht, sie glücklicher und erfüllter sind, sobald sie eine Paarbeziehung eingehen. Um diesen Glauben aufrecht zu erhalten, sind Bilder von Frauen, die ohne Paarbeziehung zufrieden sind, störend.

Darüber hinaus geht für das patriarchale System eine Gefahr von Frauen aus, die im Privaten nicht nach der Anerkennung von Männern streben, die ihre Zeit und Energie nicht für die Versorgung anderer verwenden, sondern für sich selbst. Die Abwertung von Frauen, die sich nicht in einer traditionellen Paarbeziehung befinden, zeigt sich besonders bei Ideologien, die es sich zum Ziel machen, die individuelle Freiheit und Selbstbestimmung von Frauen einzuschränken - von Alt-Konservativen über christlich und evangelikal Geprägte bis hin zu Rechtspopulisten.

»Eine 'Beziehung' wird häufig mit einer 'glücklichen Beziehung' gleichgesetzt.«

Aber auch von Paaren werden Single-Frauen häufig als Mängelwesen wahrgenommen. Warum ist das so?
Wiesböck:
Hier finden oft Projektionen statt. Es geht dabei weniger um das bedauernswerte Single-Leben, als um das Leben in Paarbeziehungen, um uneingestandene Sehnsüchte oder Ängste. Etwa, dass manche Menschen tief im Inneren eigentlich in einer Paarbeziehung nach Bestätigung suchen oder neidisch auf die Freiheiten sind, die sie sich möglicherweise nicht trauen, zu nehmen. Oder dass eine Paarbeziehung und Kinder einfach der gesellschaftlich vorgegebene Weg zu Erfolg und Anerkennung sind und alle abweichenden Lebensmodelle mit Misserfolg und Versagen markiert sind. Oder, dass man mit sich selbst wenig anfangen kann. Die Gründe sind vielfältig und vielfach unbewusst. Forschungen verweisen darauf, dass selbstunsichere Personen besonders dringlich Geborgenheit in einer Paarbeziehung suchen und sie aus diesem Grund auch eher finden. Singles als mangelhaft zu sehen, verrät in diesem Kontext also eher etwas über die eigenen Werten und das Selbstbild.

Sind Singles einsamer als Menschen in Beziehungen?
Wiesböck:
Natürlich gibt es Zeiten, in denen sich Singles einsam fühlen. Genauso wie bei Menschen in Paarbeziehungen auch. Einsamkeit bedeutet sich nicht verbunden und zugehörig zu fühlen. Dieses Gefühl ist nicht an die An- oder Abwesenheit von Menschen geknüpft. Das kann genauso aufkommen, wenn man soziale Beziehungen und den persönlichen Austausch mit anderen Personen pflegt und in einer Paarbeziehung lebt, wie eine Vielzahl an Studien belegt.

Gibt es Unterschiede in der Bewertung von Single-Frauen und Single-Männern?
Wiesböck:
Mediale Bilder vermitteln häufig die Vorstellung der immer suchenden Single-Frau, die sich ohne Partner unvollkommen fühlt, während Single-Männer ihr Leben sorgenfrei genießen. Besonders suspekt sind Frauen, die keine Paarbeziehung suchen. In patriarchalen Gesellschaften schlägt Frauen Abwehr entgegen, wenn sie die für sie vorgesehene gebende, sorgende Rolle nicht einnehmen. Das zeigt sich besonders bei kinderlosen Single-Frauen über 30, die eine Flut an Meinungen und Nervosität auf sich ziehen. Zwar gibt es diese Tendenzen teilweise auch für Single-Männer, insbesondere am Land. Dort geht die Abwesenheit einer Paarbeziehung traditionell stärker mit einem gesellschaftlichen Stigma einher. Dennoch gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Frauen unterliegen einem höheren Rechtfertigungsdruck, keinen Partner und keine Kinder zu haben, als Männer im selben Alter. Auch wird Ihnen häufiger ein Mangeldasein zugeschrieben, da sich die Wertigkeit von Frauen historisch über die Zugehörigkeit zu einem Mann definiert.

Über Laura Wiesböck:
Dr. Laura Wiesböck ist Soziologin an der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien. Sie forscht zu Formen, Ursachen und Auswirkungen von sozialer Ungleichheit. Neben wissenschaftlichen Artikeln publiziert sie regelmäßig in Medien wie Die ZEIT, Der Standard oder Die Presse. Aktuell schreibt sie an einem Buch über die Ideologie des Paarlebens. Für ihre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Theodor-Körner-Preis, Kurt Rothschild Preis und Danubius Young Scientist Award.

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