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Ist Liebe eine Geisteskrankheit?

Liebe, das ist nicht Emotion, sondern Biochemie. So nüchtern kann man die Sache auch zusammenfassen. Was man mit diesem Wissen anstellen kann.

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Ist Liebe eine Geisteskrankheit?
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Platon schien den Schmetterlingen im Bauch zu misstrauen. „Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit”, soll der griechige Philosoph der Antike gesagt haben. Doch was beim ersten Hören nach Pessimismus und Frustration klingt, entspricht ganz nüchtern der Wahrheit.

In der Verliebtheitsphase wird der Partner zur Obsession

„Wissenschaftlich betrachtet liegt die Liebe nah am Wahnsinn”, bestätigt der Biopsychologe Prof. Peter Walschburger der Freien Universität Berlin. „Während des Anfangsrausch grenzt die Überbewertung des Partners an Obsession. Das ist evolutionsbiologisch gesehen durchaus zweckmäßig, da sexuelle Aktivität und damit Fortpflanzung gefördert werden”.

Die Gehirnaktivität Frischverliebter ist wie ein durcheinandergeratenes Puzzle aus Botenstoffen und Hormonen. Oxytocin, Vasopressin, Dopamin, Serotonin - ein komplexes Zusammenspiel aus Neuropeptiden ist mit dafür verantwortlich, dass wir händchenhalten, schmachten, heiraten und uns wieder scheiden.

Aber darf man Liebe als lediglich physiologischen Vorgang betrachten? Als empirisch nachweisbare neuronale Aktivität?

Dopamin: Ist die Liebe reine Biochemie?

„Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, die körperlichen und psychologischen Eigenschaften der Liebe ergänzend zu beschreiben. Sie nur einzeln zu betrachten, reicht nicht aus”, so Walschburger. Der Forscher beschäftigt sich mit der Doppelnatur des Menschen als Kultur- und gleichzeitig Naturwesen. Je weiter die empirische Naturwissenschaft jedoch voran schreitet, je mehr scheint das Mysterium Liebe zumindest auf körperlicher Ebene entschlüsselt, ja entzaubert, zu werden.

Wegweisend in der Liebesforschung sind die MRT Untersuchungen der Neurobiologen Andreas Bartels und Semir Zeki vom University College London aus dem Jahre 2001. Bartels und Zeki maßen bei einer Gruppe Verliebter die Hirnaktivität per Magnetresonanztomographie (MRT) während sich die Probanden Fotos von der geliebten Person und von Freunden ansahen. Vor allem vier Bereiche im limbischen System, darunter das Belohnungszentrum, zeigten sich besonders aktiv. Eine zentrale Rolle spielt Dopamin. Der Neurotransmitter, den der Volksmund auch gerne „Glückshormon“ nennt, suggeriert Erfüllung und Befriedigung und wird mit Euphorie aber ebenso Suchterkrankungen assoziiert.

Liebende reagieren auf Fotos geliebter Menschen wie Kokainsüchtige

Zeki und Bartels stellten fest, dass Liebende auf die Fotos ihrer Liebsten reagieren wie Kokainsüchtige oder Alkoholkranke auf ein Bild ihrer Droge. „Wenn man die Daten interpretiert, kann man die Liebe durchaus mit einer Sucht vergleichen“, sagt Andreas Bartels, der heute am Centrum für Integrative Neurowissenschaften der Universität Tübingen forscht. Gleichzeitig zeigte das Gehirn weniger Aktivitäten in Arealen, die mit negativen Gefühle in Verbindung gebracht werden können wie der präfrontale Cortex, der unter Depressionen besonders aktiv ist und die Amygdala, ein Gehirnsektor, der sich unter Angst und Trauer in MRT-Studien verstärkt aktiviert zeigte. Auch der Bereich zwischen Temporal- und Parietallappen, der für kritische Urteile im emotionalen Bereich mit verantwortlich zu sein scheint, wies nur geringe Aktivität auf.

Tipps wie er sich verliebt

„Die Phase des ersten Verliebtseins hält üblicherweise ein paar Wochen bis Monate an”, stellt Walschburger fest. In dieser Zeit ist auch das Aufputschhormon Adrenalin besonders präsent. Es ist mitverantwortlich für die Ruhelosigkeit, das Kribbeln, ja diese Schmetterlinge im Bauch, die Verliebte bei ihren ersten Treffen oft spüren. Gleichzeitig steigt bei Frauen das männliche Sexualhormon Testosteron an und steigert damit die sexuelle Lust. Und als wären dies nicht schon genug neuronale Irrungen und Wirrungen, kommt auch noch der Botenstoff Serotonin ins Spiel, der in dieser Phase großen Schwankungen unterliegt.

Die Psychologin Donatella Marazziti der Universität Pisa geht dabei soweit, das starke Auf- und Ab des Serotoninspiegels mit den Werten von Zwangserkrankten zu vergleichen. Vielleicht hat auch Goethe an einem unsteten Serotoninspiegel gelitten? Sein Gedicht Neue Liebe, Neues Leben jedenfalls klingt nach qualvoller Liebesobsession: „Herz, mein Herz, was soll das geben (...) Liebe! Liebe! Lass mich los!” .

Prof. Walschburger liefert dazu die wissenschaftliche Erklärung: „Wenn Liebende sich anfangs nicht voneinander trennen wollen, wenn man nur zwischen himmelhochjauchzend und zu-Tode-betrübt pendelt, dann ist dies auf den Serotoninhaushalt zurückzuführen”.

Kuscheln und Schmusen stärkt die Bindung

Mit der Zeit ebbt der Hormonüberschwang langsam wieder ab. Was folgt, ist die Phase verstärkter Bindung, in der sich die Partnerschaft stabilisiert. Nach der Anthropologin Helen Fisher dauert diese Zeitspanne etwa vier Jahre. Solange ist die Frau anthropologisch gesehen besonders stark mit der Versorgung des Kindes beschäftigt, das noch stark von ihr abhängig ist. In dieser Zeit sei eine stabile, monogame Partnerschaft mit funktionierender Arbeitsteilung besonders wichtig, um das Überleben des Kindes zu garantieren.

Als Naturwissenschaftler kommt man dabei um ein Neuropeptid nicht herum, das hierbei eine entscheidende Rolle zu spielen scheint: Oxytocin. Erst kürzlich hat die Wissenschaft begonnen, sich diesem Botenstoff der Treue und Vertrautheit intensiver zu widmen. Physiologisch gesehen sorgt Oxytocin primär für die Muskelkontraktionen während des Orgasmus. Auch während der Geburt und dem Stillen des Kindes wird es verstärkt ausgeschüttet. Oxytocin hat damit von Anfang an Einfluss auf die Bindung und das Vertrauen zwischen zwei Individuen. Durch Körperkontakt und Wärme werden besonders viele Botenstoffe freigesetzt: „Daher ist es wichtig, möglichst viel zu kuscheln”, sagt Walschburger und lacht.

Experiment: Oxytocin erschwert die Untreue

Eine Studie an der Universität Bonn aus dem Jahr 2012 untersuchte, wie sich das Hormon auf das Treueverhalten zwischen Partnern auswirkt. Dafür wurde eine Gruppe heterosexueller, in Partnerschaften gebundene Männer dazu aufgerufen, sich mit einer attraktiven Wissenschaftlerin des Forscherteams bekannt zu machen. Unter Oxytocin-Einfluss, das per Nasenspray verabreicht wurde, hielten die Männer eine größere Distanz zu der Dame als die unbehandelten Männer der Kontrollgruppe. Das Oxytocin wirke als eine Art Treuehormon, fasst der Leiter des Projekts Dr. Hurlemann das Ergebnis zusammen.

„Menschen sind dazu veranlagt, sowohl treu als auch untreu zu sein”, sagt Walschburger. Es sei ein natürlich Prozess, der in der Pubertät beginne, wenn die Sexualhormone erwachen. Plötzlich wenden wir uns gegen alles Vertraute, Heimische, das Elternhaus. „Das Fremde wirkt plötzlich unheimlich anziehend und attraktiv, ohne dass wir wissen warum. Wir sind ständig verliebt, ohne zu wissen, in wen. Und für den Sexualtrieb gilt das Streben nach dem Unbekannten auch weiterhin”: Die Attraktivität des Fremden garantiert eine höchstmögliche Vermischung der Erbinformationen und Anpassungsfähigkeit; Mutationen und Erbkrankheiten haben weniger Chancen an die nächste Generation weitergegeben zu werden. Und sind die Nachkommen ausgewachsen, gibt es evolutionär gesehen keinen Grund mehr mit dem selben Partner zusammenzubleuben. Eine klare Kampfansage an das gesellschaftliche Konzept der Ehe und den menschlichen Wunsch nach Bindung, der jedoch mit der schleichenden Abnahme von Oxytocin potenziell sinkt.

Könnte die künstliche Abgabe eines Botenstoffs zerrüttete Partnerschaften retten?

Könnte eine künstliche Abgabe des Botenstoffs eine Partnerschaft also retten? Die private Wirtschaft experimentiert bereits mit Oxytocin als Körperspray, Nasentropfen und in Pillenform. Könnte traditionelle Paartherapie in der Zukunft chemisch unterstützt werden? Eine Hormonpille gegen Beziehungsstress? Die Wissenschaflterin Beate Ditzen der Universität Heidelberg hat bereits empirische Daten zu dieser Frage gesammelt. In einer Studie an der Universität Zürich hat sie Paaren vor den Therapiesitzungen Oxytocin verabreicht: „Sich streitende Paare, die Oxytocin bekommen hatten, zeigten öfter positive als negative Verhaltensweisen. Statt sich Vorwürfe zu machen, waren sie kooperativer und freundlicher miteinander”, fasst Ditzen zusammen. Ob jedoch eine langfristige Wirkung erzielt werden kann, sei bislang noch nicht geklärt. Auch über Dosierung, Nebenwirkungen und Langzeiteffekte gibt es noch nicht genügend Daten.

Carrie und Mr. Big

Der Philosoph und Ethiker Dr. Brian D. Earp der Oxford Universität gibt sich jedoch optimistisch. Er spricht sogar von einer moralischen Verpflichtung, die „Liebesdrogen” der Zukunft zu konsumieren wenn die Umstände es verlangen: „Dann, wenn ein Paar erfolglos traditionelle Therapien absolviert hat und wenn Kinder involviert sind, die unter der Scheidung der Eltern leiden würden. Dann sollten sich die beiden meiner Meinung nach verpflichtet fühlen, Liebesdrogen auszuprobieren, um damit die Partnerschaft zu retten”. Der Zwang zum Liebestrank? Es klingt nach Renaissance erzkonservativer Kulturnormen per Doping. Werden Paare dazu ermuntert, etwas zu erhalten, was schon längst nicht mehr ist? Darf ein angeknackstes Vertrauen künstlich aufrechterhalten werden? Earp kontert: „Was wäre dagegen zu sagen, wenn solche Therapien in Zukunft durch geeignete Medikamente begleitet werden, so wie es jetzt schon in der Psychotherapie normal ist, Antidepressiva zu verschreiben?”

Oder gehört zur Liebe immer auch ein wenig Glück?

Professor Walschburger zeigt sich skeptisch: „Ich bin da sehr, sehr vorsichtig. Ich halte ein solches Gefühlsdoping für sehr fraglich und problematisch”. Die Liebe entstehe aus einem komplexen Geflecht aus Hormonen und Erleben: „Ich bin durchaus der Meinung, dass Liebe zweckmäßig ist und sich evolutionär erklären lässt. Aber es ist wie mit den Gedanken: Wir können die Aktivität eines Gehirnareals oder Nervs bestimmen. Aber was genau denken Sie? Das können wir noch nicht sagen”. Der Unterschied zwischen Messgerät und Gefühl, zwischen MRT und Glücksgefühl. Ist die Wissenschaft überhaupt berufen, diesen Graben zu überqueren? Darf sie etwas entfachen oder am Leben erhalten, das vielschichtiger als jede Pille ist? Oder hatte Goethe Recht, als er die Liebe das „wunderlichste Buch der Bücher” nannte?

Prof. Walschburger zeigt sich in letzter Instanz demütig gegenüber dem Geheimnis, das das größte Gefühl der Welt umgibt: „Ich kenne meine Frau jetzt seit 50 Jahren. Biologisch erklären kann ich das nicht. Wahrscheinlich gehört zur Liebe letztendlich auch immer ein bisschen Glück”.

Thema: Liebe

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