Ressort
Du befindest dich hier:

Maria Grazia Chiuri: Das Mastermind hinter Dior

Sie ist eine der einflussreichsten Frauen der gesamten Modeindustrie, Dior unter ihrer Leitung ein Mega-Erfolg. Das Geheimnis ihrer Kult-Looks: Disziplin, Recherche und Rückbesinnung auf die Wurzeln.

von

dior, maria grazia chiuri, creativ director, designer, luxury
© Getty Images

Im Duo mit Pierpaolo Piccioli verhalf sie Valentino zum Mega-Comeback, aber erst der Posten als Kreativdirektorin bei Dior machte Maria Grazia Chiuri zu einer der einflussreichsten Frauen der Fashion-Welt.

Nach eineinhalb Jahren abgesagter, verschobener oder virtueller Catwalk-Shows ziehen die Designer nun alle Register, um ihre neuesten Entwürfe zu zeigen. Dazu gehört auch Maria Grazia Chiuri, die ihre Dior-Cruise-Looks als spektakuläres Event in Athen inszenierte: "Ich wollte eine Kollektion für Frauen von heute machen", so die Modeschöpferin zur Vogue. Die Outfits sind allesamt für das Leben in der Post-Pandemie konzipiert. "Frauen wollen Freiheit, vor allem nach dieser langen Zeit der Lockdowns. Das ist es, was wir uns wünschen: unsere Körper zu bewegen."

Typisch griechisch waren dann auch die ersten Peplos-Schnitte: traditionell gegurtete Kleider, Tops mit asymmetrischen Ausschnitten, Modelle mit Plisseefalten, die an die griechische Antike erinnern und den Entwürfen von Designerin Madame Grès aus den 40er-Jahren huldigen. Dazu kommen Zeichnungen griechischer Krieger oder antiker Vasen, die sich in abstrahierter Form als Stickereien durch die Looks zogen. Dennoch sind es die sportlichen Referenzen, die diese Dior-Kollektion prägen: Tunnelzüge, Sportjacken und Hightech-Materialien.

Sogar das traditionelle Bar-Jacket bekam ein neues, sportliches Material und wurde ohne Futter umgesetzt. Leichte Silhouetten und körpernahe Stücke wie Leggings waren ebenfalls zu sehen. All diese Elemente lässt Chiuri auf Werke der Künstler Giorgio de Chirico und Pietro Ruffo treffen. Letzterer zeichnete auch für einige der Prints in der Kollektion verantwortlich. Und die Künstlerin Christiana Soulou malte sieben weibliche Figuren aus der griechischen Mythologie, die Chiuri in Jacquards in den Falten der Kleider verewigte.

Das Handwerk

Überhaupt liegt der 57-Jährigen die Kunst und auch das Handwerk am Herzen. Daher arbeitet die Italienerin immer wieder mit lokalen Kreativen und Kunsthandwerkern als Teil der Cruise-Shows, die beispielsweise schon in Marrakesch oder Kalifornien stattfanden, zusammen. Für das Athen-Defilee wurden die Fischerhüte vom Atelier Tsalavoutas gefertigt, bis heute der Lieferant der echten Fischer von Hydra. Und der lokale Designer Aristeidis Tzonevraki vom Label Zeus & Dione entwarf eine ganz spezielle Variante der "Book Tote" sowie die eben erwähnte Neuinterpretation des ultimativen Dior-Klassikers, dem Bar- Jacket, das er veredelte. Viele der Stoffe stammten außerdem von Silk Line - Ath. Mouhtaridis S. A., einem Fabrikanten aus Soufli, der für seine exquisiten Seiden bekannt ist.

Akribische Arbeiterin

Chiuri ging es um die Wiederentdeckung der Wurzeln der Zivilisation, erklärte sie nach der Show. Ihr Ansatz: die Bedeutung von Sport und Bewegung für den Menschen und wie Mode uns im Leben begleiten soll. Die Fachpresse überschlug sich danach mit Lob für Inszenierung, Konzept und Kollektion. Doch der Erfolg der Italienerin kommt nicht von ungefähr, sie gilt als eine der diszipliniertesten Kreativen, studiert die Archive und das Vermächtnis der Brands, für die sie tätig ist - und versteht es auch, dies an den aktuellen Zeitgeist anzupassen.

»Es geht darum, dass man den Code eines Hauses beibehält, aber in die neue Zeit transformiert.«

Nach einem Engagement bei Fendi belebte sie gemeinsam mit Designer Pierpaolo Piccioli das Italo-Traditionshaus Valentino neu - und feierte mit ihm 17 Jahre lang große Erfolge. Vor allem mit ihren "Rockstud"-Accessoires mit goldenen Nieten sorgten sie jahrelang für einen der größten Hypes in Sachen Luxus-Bags und -Schuhe.

Doch erst bei Dior sollte sie allein an der Spitze einer Weltmarke stehen - und das als erste Frau in der Geschichte des Hauses. Chiuri folgte 2016 dem Ruf der Maison in die Pariser Avenue Montaigne. Ihre Vision für Dior beschrieb sie in einem Interview mit dem Mode-Supplement des Stern so: "Es geht darum, dass man den Code des Hauses beibehält, aber in die neue Zeit transformiert." So sind ikonische Entwürfe von Gründer Christian Dior noch immer präsent - aber eben mit dem Chiuri-Blickwinkel.

"Frauen arbeiten, Frauen reisen, Frauen haben ihr eigenes Leben", so die konsequent in Schwarz oder Navy gekleidete Italienerin. Auf diese Bedürfnisse müsse man als Designer heute eingehen. "In der Vergangenheit ging es Luxusmarken darum, Produkte zu lancieren, die eher Show-off waren. Besonders für Couture-Häuser wie Dior ist es heute wichtig, zu verstehen, dass Luxus individueller geworden ist. Luxus bedeutet nicht mehr, mit seiner Kleidung anzugeben", philosophiert die Perfektionistin.

Feminismus

Ihr Erfolgsgeheimnis ist Konstanz, die Inspirationen sind klar und schlüssig, alle Kollektionen so durchdacht, dass sie sich von Saison zu Saison weiterentwickeln. Und die Designerin kennt die Wichtigkeit von starken weiblichen Vorbildern und feministischen Botschaften, die sie natürlich auch medial zu inszenieren weiß. Man denke nur an das T-Shirt "We should all be feminists", das sie 2018 über den Catwalk schickte und das zu einem der meistfotografierten und begehrtesten (sowie meistkopierten!) Designerteilen der Welt wurde.

"Ich wurde von Dior in einem bestimmten Moment meines Lebens gerufen, in dem ich mir - durch eine Reihe von Werken, allen voran die von Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, und auch durch Gespräche mit meiner Tochter Rachele (eine ihrer wichtigsten Musen, Anm.) - der Komplexität des Frau-Seins bewusst wurde. Aber auch der Schönheit, eine zu sein", erklärte sie der Vogue.

dior, maria grazia chiuri, daugther, kid, child
Die Dior-Kreativdirektorin mit ihrer Tochter Rachele Regini (c) Getty Images

Und weiter: "Ich dachte, dass mir die Leitung eines Modehauses wie Dior die Möglichkeit gibt, für andere Frauen zu arbeiten und die Idee der Weiblichkeit mit der des Feminismus zu vereinen. Aber für mich ist Weiblichkeit kein Thema, das in den Kollektionen erst entwickelt wird. Es ist die Art, unsere Zeit zu betrachten und zu reflektieren, es ist ein Leitfaden in meiner Arbeit für Frauen, es ist eine Art, Künstlerinnen und Künstlern, Ateliers und Aktivistinnen und Aktivisten zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen."

Themen: Design, Trends

WOMAN-Newsletter

Die E-Mail, auf die du dich freuen wirst: Unsere Top-Themen, Gewinnspiele und WOMAN-Aktionen 2x wöchentlich im kostenlosen WOMAN-Newsletter.

Jetzt anmelden