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Diese Frau macht Porno sexy

Regisseurin Erika Lust dreht "feministische Pornos". Warum das sexier sein soll, als das bekannte Rein-Raus? Wir haben sie einfach mal gefragt.

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Diese Frau macht Porno sexy

Erika Lust bei den Dreharbeiten zu Xconfessions Vol. 3

© XConfessions Vol.2

Babyglatte Vaginas, apart montierte XL-Pampelmusen, aufgeblasene Lippen und beängstigend große Penisse, die wie wild durch die Gegend rammeln. Das ist Porno, so hat das immer funktioniert. Und bei Gott (den wir in diesem Zusammenhang freilich nur ungern erwähnen): Das tut es nach wie vor.

Nicht von ungefähr machen Pornos über 30 Prozent des weltweiten Internet-Traffics aus. Wer sich darunter nicht wahnsinnig viel vorstellen kann: die meistbesuchte Porno-Website Xvideos verzeichnet unfassbare 4,4 Milliarden Seitenaufrufe im Monat. Das Gratis-Portal YouPorn, Tube8 und die Sexfilm-Suchmaschine Pornhub liegen nicht weit dahinter. Zwischen 15 und 20 Minuten verbringen User durchschnittlich auf Porno-Seiten. Zum Vergleich: das ist in etwa zehnmal so lange wie auf einer Nachrichtenseite.

Was bitte sind feministische Pornos?

Kurzum: Das Rezept funktioniert. Aber bedeutet die Tatsache, dass etwas erwiesenermaßen ganz gut schmeckt, dass man es deshalb immer so kochen muss? Vor allem weibliche Porno-Gucker (laut einer Umfrage von Adult News sind immerhin schon 38 Prozent der Interessenten Frauen) fühlen sich von der meist dümmlichen und erniedrigenden Darstellung des allzeit bereiten und chirurgisch optimierten Sex-Bunnys eher abgestoßen als angetörnt.

Für sie will Erika Lust (und nein, es ist tatsächlich kein Künstlername) Pornofilme machen. Die 36-jährige Regisseurin hat eine Gattung erfunden, die sich "feministische Pornos" nennt. Weil sie normale Menschen zeigt, die Spaß am Sex haben – und die dabei auch so aussehen, wie normale Menschen die Spaß am Sex haben. Die miteinander schlafen, die Fantasien ausleben – aber nicht einfach mit gelangweiltem Stöhnen ein wildes Rein-Raus abnudeln oder sich verrenken, dass man meinen könnte, sie hätten den Sex-Artisten im Cirque Du Soleil gemacht.

»Porno und Feminismus? Das ist kein Widerspruch!«

Die Movies der Schwedin, die in Barcelona lebt und dreht, sollen authentisch sein, Geschichten erzählen. Und nicht immer mit einem, pardon, "Cumshot" im Gesicht der Frau enden. Wir haben mit Erika über Stereotypen in Sex-Filmen gesprochen – und warum "feministischer Porno" geiler sein soll als "normaler".

Erika Lust: "Sex ist was Positives. Warum sollte Pornographie nicht mit Feminismus einhergehen können?"

WOMAN: Wann hast du deinen ersten Porno gesehen? Und: Wie ging's dir damit?
Erika: Oh, da war ich noch ein Teenager und mit anderen Mädels auf der Pyjamaparty einer Freundin. Eine von uns hat dann in einem Versteck des Vaters – es war ein wirklich mieses Versteck! - eine Porno-DVD gefunden. Wir waren damals neugierig, wollten alles über Sex in Erfahrung bringen. Tatsache war aber, dass ich den Film nicht aufregend, sondern nur abstoßend fand. Die Darsteller waren nicht attraktiv, ich konnte mich mit ihnen nicht identifizieren. Der Sex war auch nicht erotisch, kein Funken Leidenschaft. Darum wird so viel Wind gemacht?, dachte ich damals. Ich fühlte mich regelrecht betrogen. Die DVD ist dann schnell wieder ins Versteck zurück. Das wars dann mal für längere Zeit.

»Warum sollte Porno nur etwas für geile alte Männer sein?«

WOMAN: Wie kam es dann dazu, dass du trotzdem ins Porno-Biz eingestiegen bist?
Erika: Hey - ich hätte damals auch nie gedacht, dass ich jemals Sex-Filme produzieren würde. Was ich aber immer schon war: Eine glühende Feministin. Als ich aufwuchs, war die feministische Bewegung in Schweden in zwei Teile gespalten. Die einen fanden es eine widerwärtige Ausbeutung der Frau. Das andere Lager aber hatte eine extrem positive Einstellung zu Sex. Sie sahen Pornografie als einen Teil der weiblichen sexuellen Revolution. Das hat mich geprägt. Während meines Studiums der Politikwissenschaften erkannte ich, wie männlich dominiert die Adult-Industrie immer noch war. Ich wollte dann die feministische Vision der sexuellen Befreiung in Bilder verwandeln. Also habe ich mich an der Filmschule in Barcelona eingeschrieben und meinen ersten erotische Film gedreht: The Good Girl .

WOMAN: "The Good Girl" war ein extremer Erfolg. Womit erklärst du dir das?
Erika: In dem Film geht es eigentlich um eine relativ klassische Geschichte: Pizzabote liefert die Margherita, die Kundin ist sexy, sie machen rum. Der Unterschied war, dass ich eine starke, smarte Frauengestalt kreiert habe, die nicht nur den Kerl befriedigt, sondern sehr darauf achtet, dass sie auch auf ihre Kosten kommt. Dazu hatte der Film auch die Optik eines Independent-Movies, ging also sogar bei Intellektuellen als "cool" durch ...

"Before the Guests": Szene aus einem Kurzfilm von Erika Lust

WOMAN: Okay. Es wird aber nach wie vor Kritikerinnen geben, die finden, dass Porno und Feminismus einfach nicht zusammengehen können...
Erika: Warum? Sexualität ist ein essentieller Teil sowohl des Mannes als auch der Frau. Frauen werden von expliziten Bildern genauso angetörnt, sie haben genauso Spaß an Sex. Warum sollten wir so tun, als wäre Porno nur etwas für alte, geile Männer? Es geht mir eigentlich eher darum, den gesellschaftlichen Blick auf Pornografie zu ändern. Er soll nicht mehr "schmutzig" und billig sein, etwas, was Frauen peinlich sein muss.

WOMAN: Trotzdem sind Frauen in den meisten Sex-Filmen nach wie vor willige Sex-Häschen. Sie werden objektiviert und dienen dem Vergnügen des Mannes...
Erika: Jahrhundertelanger Chauvinismus hat da das seine beigetragen. Als ob alle Frauen ständig verzweifelt versuchen, jederzeit Sex zu haben, in allen möglichen Positionen, egal mit wem! Ich finde das schrecklich. Es ist auch so gleichförmig und uninteressant. Immer dieselbe großbrüstige Blondine, die dem Muskel-Heini einen Blow Job verpasst und dabei mehrstündige multiple Orgasmen erlebt. Lächerlich! Diese Archetypen entsprechen alten Klischees und spiegeln die weibliche Sexualität in keinster Weise wieder.

»Pornos prägen das Bild Jugendlicher von Sexualität. Es wird also dringend Zeit, dass sich die Darstellung der Frau darin bessert«

WOMAN: Hast du den Eindruck, das bessert sich?
Erika: Auf jeden Fall. Die Darstellung der Frau verbessert sich zunehmend. Auch, weil immer mehr Frauen ins Business drängen und die Filme drehen, die sie selbst erregend finden. Und es wird auch dringend Zeit! Denn heutzutage übernimmt Porno die sexuelle Bildung der Jugendlichen. Wenn Zwölfjährige jederzeit YouPorn-Clips sehen können, prägt das ihr Bild von Sexualität. Eine Entwicklung, die irreversibel ist. Weshalb wir nur an der Qualität des Gezeigten arbeiten können. Ich fände es grauenhaft, wenn junge Burschen und Mädchen durch stereotype Pornos den Eindruck gewinnen, dass Sex gefühllos, abartig und oft auch gewalttätig zu passieren hat. Insofern will ich es ändern.

Erika Lust: "Der Blick auf die weibliche Sexualität muss sich ändern."

WOMAN: Bist du wirklich der Ansicht, dass sich die Geschmäcker von Männern und Frauen bei Pornos extrem unterscheiden? Immerhin schauen je nach Umfrage 40 - 80 Prozent aller Frauen ab und an die jetzt schon verfügbaren Sex-Filme...
Erika: Gute Pornos gefallen sowieso jedem! Trotzdem will ich in meinen Filmen die Werte des Feminismus – die sexuelle Befreiung und Gleichheit der Frau – transportieren. Derlei findet man in klassischen Rammel-Movies eher nicht, da geht es vorwiegend um die Befriedigung des Mannes. Aus diesem Grund können die Darstellerinnen die Dreharbeiten an traditionellen Filmen auch selten wirklich genießen. Ich dagegen zeige echte weibliche Lust.

»Ich drehe nicht mit Leuten, die nicht meine Moralvorstellungen teilen«

WOMAN: Was läuft in deinen Filme denn nun konkret anders?
Erika: Meine Pornos sollen zeitgenössisch, fröhlich und sexy sein. Mir sind schöne Einstellungen enorm wichtig, es soll eine sexuell aufgeladene Atmosphäre geben, in die man sich hinein fühlen kann. Deshalb lege ich auch großen Wert auf gute Kameras, damit der Eindruck einer hochwertigen Kino-Produktion entsteht. Bei mir in der Produktion arbeiten bis zu zwölf Leute, vorwiegend Frauen. Am Set eines klassischen Porno-Films sind es maximal drei – und das sind Männer. Meine Darsteller sollen außerdem authentisch sein – und trotzdem aufregend. Ich will am Ende nicht einfach nur einen Erotik-Clip, sondern einen Kick-Ass-Movie produzieren!

WOMAN: In Mainstream-Pornos ähneln die Akteure oft plastilinen Sexpuppen. Wie wählst du deine Darsteller aus?
Erika: Wir wollen natürliche Männer und Frauen in unseren Filmen, mit einer gewissen Ästhetik. Unsere Darsteller sollen auch außerhalb des Bettes tolle Menschen sein. Das können Schauspieler aus der professionellen Porno-Branche sein, aber auch ganz “normale” Leute, die Lust darauf haben. Ich drehe prinzipiell nicht mit Leuten, die nicht dieselben Moralvorstellungen und Ziele wie ich haben.

»Shades of Grey? Das ist was für Anfänger!«

WOMAN: Wo findest du die?
Erika: Zwecks Recherche schauen mein Team und ich wirklich viele Pornos. Profis, die mir auffallen, kontaktieren wir via Twitter. Manche fragen auch von selbst an, weil sie meine Filme cool finden. Das Interview führen wir dann via Skype. Da lässt sich schnell abschätzen. ob jemand für die Rolle geeignet ist.

WOMAN: Du hast eben ein neues, interaktives Projekt gestartet: XConfessions. Erklär' mal, um was es da geht.
Erika: Dabei können Menschen völlig anonym unter Xconfessions.com ihre Fantasien deponieren. Wir setzen dann jeden Monat eine als Kurzfilm um und stellen diesen auf die Website. So wird der Zuschauer aktiv in den Entstehungsprozess der Pornos eingebunden. Und die werden dadurch realer und greifbarer. Es ist also eine Win-Win-Situation.

WOMAN: Ich hab' jetzt lange überlegt, ob ich diese Frage stellen soll, weil sie so aufgelegt ist. Aber wenn wir schon bei Realismus sind: Was hältst du von "Shades of Grey"?
Erika: Ganz ehrlich? Für Anfänger! Die BDSM-Beziehung kommt meiner Meinung nach ganz schön lahm daher. Andererseits realisieren Frauen nach dem irren Erfolg des Buchs jetzt, dass es total okay ist, erotische Literatur zu lesen und sogar gut zu finden. Insofern ist "Shades of Grey" auch ein Wegbereiter... Wenn auch ein harmloser.

Erika in ihrem Office, wo Lust dominiert