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Warum verbinden wir Sex eigentlich mit Scham und Peinlichkeit?

Let's talk about sex - eine Sexologin erzählt: Ann-Marlene Henning ist schon seit Jahren Paar-Therapeutin und teilt nun ihre Erfahrungen - ganz ohne Peinlichkeit, aber mit viel Offenheit.

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Interview Sexologin
© iStockphoto.com

"Alles, was mit Sex zu tun hat, lässt sich wissenschaftlich beschreiben. Vielen passt das nicht ins romantische Konzept. Aber Liebe ist und bleibt auch ein biochemischer Vorgang. Sie macht für sechs Tage oder sechs Wochen blind und dann fangen die nächsten 25 Jahre an.", sagt Ann-Marlene Henning.

Und sie muss es ja wissen, denn als Sexologin und Paar-Therapeutin beschäftigt sie sich laufend mit allgemeinen Unsicherheiten, Wissenslücken, Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten, die mit dem Thema Sex verbunden sind.

In ihrem aktuell erschienenen Buch "Liebespraxis – eine Sexologin erzählt" taucht sie in ihre Arbeit ein, in die "typischen" sexuellen Probleme unterschiedlicher Paare zwischen 20 und 100 Jahren, deren Ursachen oft vielschichtig sind. Und all das teilt sie mit uns in einem sicherlich lehrreichen, aber ebenso empathischen, unaufdringlichen und humorvollen Abend am 23. Oktober, an dem jeder und jede Neues zu Sex, welcher ja noch immer mit so vielen Tabus besetzt ist, erfahren kann.

Wir wollen aber schon im Vorfeld einiges von ihr wissen:

WOMAN: Warum verbinden wir Sex oder unseren Körper so oft mit Scham und Peinlichkeit?
Henning: Es gibt eine – sehr angebrachte – natürliche Scham, die heute so wichtig ist, wie nie zuvor. Allerdings haben viele Menschen eine übertriebene Scham, die in der frühen Kindheit angelernt wurde. Kinder beschäftigen sich erst unbefangen, frei und vergnügt mit ihrem Körper – und werden dann dafür häufig gegängelt: „So etwas macht man nicht! Lass das!“ und Ähnliches. Oder sie spielen laut und befreit, schreien, haben Spaß und bekommen zu hören: „Sei jetzt ruhig!“ im Sinne von „Nimmt dich zurück, es geht nicht nur um dich“. Diese Form von tiefgefühlter Ablehnung – mitten in unserem selbstvergessenen Genuss, bringt uns dazu, uns "falsch zu fühlen". Wir wurden abgelehnt, der andere will uns nicht. Das tut weh. Wir schämen uns. Bindungswesen Mensch eben.

»Es gibt eine natürliche Scham, die heute so wichtig ist, wie nie zuvor. Allerdings haben viele Menschen eine übertriebene Scham, die in der frühen Kindheit angelernt wurde. «

WOMAN: Gab es tatsächlich auch einmal ein Thema oder eine Frage, die Sie geschockt – oder sagen wir besser verwundert hat?
Henning: Eher nicht. Ich arbeitete nun schon sehr lange als Psychologin, Sexual- und Paartherapeutin und habe das meiste schon gehört. Es kommen zwar immer neue Geschichten, Menschen sind vielfältig, sie können mich aber nicht mehr erschrecken oder verwundern. Ich bin von Natur aus sehr neugierig, und ruhig auf alles gefasst. Als Therapeutin möchte ich den Klienten kennenlernen, mehr über ihn erfahren. Jegliche Information von ihm, macht es einfacher für mich, sein System logisch zu verstehen und ihm später zu erklären, wie er etwas verändern kann, das nicht mehr passt. Ich sehe es pragmatisch entspannt. Ich erfahre also immer wieder Neues. Nach wie vor, gibt es überraschende Dinge, sie schocken oder verwundern mich nur nicht. Ein Beispiel für Neues? Ein Mann berichtete neulich von seinem Pedal-Pumping-Fetisch. Dabei geht es um Füße, die Pedale im Auto treten. Es gehört aber noch einiges mehr dazu. Das würde hier aber zu weit führen.

WOMAN: Gibt es das Geheimnis von erfülltem Sex in langjährigen Beziehungen?
Henning: Vielleicht nicht. Wobei es so was wie "Erweiterung der sexuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten" gibt, sodass der Sex in der Tat besser werden kann. Die meisten Menschen nutzen ihr erotisches Potenzial nicht. Das ist ja das Schöne. Lassen Sie uns kurz die Situation des Verliebtsein ausklammern, wo doch Alles von alleine passiert. Danach, wenn Liebe entsteht, beziehungsweise entstanden ist, geht es um andere Dinge. Erregung und die Lust, müssen nun erst geweckt werden. Weil aber immer wichtiger wird, dass der andere uns immer noch gerne annimmt – es geht ja um seine oder ihre Liebe zu uns –, werden wir vorsichtiger, um nicht abgelehnt zu werden. Das führt dazu, dass wir uns nicht mehr trauen, unsere Bedürfnisse und Vorhaben an den Mann oder an die Frau zu bringen. Damit schläft die Spannung und oft auch der Sex ein.

WOMAN: Was ist „gute“ Sexualität?
Henning: Für mich ist gute Sexualität, wenn die Beteiligten etwas Gutes Spüren. Es kann also ein Quickie sein. Oder ein stundenlanges Auseinandersetzen mit dem Körper des Partners. Hauptsache beide erleben etwas Tolles. Das ist gute Sexualität. Für den einen ist es etwas ganz Anderes, als für den anderen. Da möchte ich mich nicht einmischen oder urteilen.

WOMAN: Sie schreiben „Es ist erstaunlich, wie wenig viele Menschen über Sex wissen.“ - Können sie uns dazu Beispiele nennen?
Henning: Viele Männer glauben, dass eine Frau an der Klitoris oder an den Brustwarzen angefasst werden sollte (wollte), um heiß zu werden. Frauen mögen dieses im Allgemeinen aber erst, wenn sie schon erregt sind. Oder: Frauen und Männer meinen, dass eine Frau durch den Geschlechtsverkehr den Orgasmus erreichen können sollte, die meisten Frauen kommen dabei aber eher nicht. Auch glauben richtig viele Menschen zu wissen, dass die Klitoris eine kleine Perle ist, dabei ist sie ungefähr so groß wie eine Birne und 90 % befinden sich im Körperinneren. Ein Beispiel für die Männer: Fast keiner weiß, dass auch der Mann durch die Wechseljahre in seiner Lebensmitte geht – mit sehr ähnlichen Symptomen wie bei der Frau. Oder: auch ein junger Penis ist nicht immer durchgehend gleich steif beim Geschlechtsverkehr. Penisse verändern durchgehend ihre Steife, spüren tun dies aber die älteren Männer, die womöglich sofort an erste Erektionsstörungen denken. Das kann ernste Folgen haben. Oder als letztes Beispiel: Es gibt viele Männer, die keine Lust haben. Ich könnte jetzt immer weiter erzählen... Aber das tue ich dann bei unserer Veranstaltung am 23. Oktober. Ha!

WOMAN: Wie wird man Sexologin? War das immer schon ihr Traumberuf?
Henning: In Deutschland ist es schwerer Sexologin zu werden, als beispielsweise in Skandinavien oder in den USA, denn es gibt hier kein Grundstudium. Es geht fast nur über ein Medizinstudium, mit späteren zusätzlichen Fachqualifikationen und dann ist der- oder diejenige noch nicht therapeutisch befähigt. Allerdings gibt es seit April 2016 in der Hochschule Merseburg, also hier in Deutschland, einen Masterstudiengang in Sexologie. Es braucht dafür ein abgeschlossenes humanistisches Grundstudium. Und ja, ohne es zu wissen, war für mich Sexologin wohl von Anfang an der Traumberuf. Ich habe schon immer gerne über Sex geredet und alles in diesem Bereich sehr interessant gefunden. Ich wusste nur nicht, dass ich es studieren könnte. Seit mir das klar wurde und ich in Dänemark meinen ersten sexologischen Studiengang anfing, ist es, als trüge ich einen Magneten, der sexologische Themen anzieht.

WOMAN: Mit welchen Problemen kommen die meisten Menschen zu Ihnen?
Henning: Es gibt einige typische klinische, sogenannte sexuelle "Störungen", wobei ich sie ungern so nenne. Die Auflistung ist: erektile Dysfunktion, zu früh Kommen, keinen Orgasmus bekommen können, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr haben oder Vaginismus. Und zuletzt das große, diffuse Problem: Keine Lust mehr zu haben auf Sex. Bei den meisten Störungen ist es so, dass sich fast 80-90 % der Probleme über mehr Wissen und ein wenig Üben verbessern oder ganz auflösen lassen. Schön, oder?

»Die meisten sexuellen Probleme lassen sich über mehr Wissen und ein wenig Üben verbessern oder ganz auflösen. Schön, oder?«

WOMAN: Haben Sie eine größere weibliche oder männliche Leserschaft?
Henning: Das ist sehr ausgeglichen, wobei es ja heißt, dass Frauen mehr Bücher kaufen und lesen. Männer mögen aber meine klare, pragmatische Art über Sexualität zu sprechen. Und den Humor. Darüber bin ich sehr erfreut: Es scheint, ich habe eine Stimme gefunden, über Sexualität zu sprechen, die beide Geschlechter inspirieren mag. Und jede Altersgruppe. Auch in der Praxis macht sich dies bemerkbar. Ich habe genauso viele männliche Klienten, wie weibliche. Ich bleibe bei meiner Sprache. Sie ist für jeden und jede!

WOMAN: Was dürfen wir uns am 23.10. erwarten?
Henning: Ich habe mittlerweile einige Veranstaltungen und Auftritte durchlebt. Die Rückmeldungen danach lauteten übereinstimmend in diese Richtung: „Oh, ich bin darüber sehr überrascht, Frau Henning, wie viel ich nicht wusste. Ich habe heute Abend viel gelernt. Und gelacht! Es war sehr unterhaltsam.“ Für den Abend in Wien hoffe ich auf genau diese Mischung. Ja, wir werden über Sex und Beziehungen reden. Über das Leben, auch über die Liebe – und wie sie sich leben lässt. Für mich gibt es noch was Tolles an dem Abend: Mein Sohn kommt auch! Er studiert und lebt in Wien. Kommen Sie auch?

Let's talk about sex - eine Sexologin erzählt

Agentur Leuchtpunkte präsentiert "Let's talk about sex - eine Sexologin erzählt" / Ann-Marlene Henning im Gespräch mit Renata Schmidtkunz, Ö1
Wo? Filmcasino, Margaretenstraße 78, 1050 Wien
Wann? 23. Oktober 2017, Einlass: 18:15, Beginn: 18:30
Tickets: ntry.at/SEXtalk oder direkt im Filmcasino unter 01 5879062.

Ann-Marlene Henning
Ann-Marlene Henning
Thema: Sex & Erotik