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Wenn der beste Freund der Samenspender ist: "Wird mich mein Sohn einmal hassen?"

Jahrelang versuchen Eva und ihr Mann, ein Kind zu bekommen. Alle Versuche scheitern. Bis sie einen Freund um Hilfe bitten: Er soll als Samenspender einspringen. Das Sexperiment gelingt. Die Folgen sind aber nicht nur positiv...

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Wenn der beste Freund der Samenspender ist
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Es fällt Eva* sichtlich schwer, über ihren ganz speziellen Weg zum Wunschkind zu sprechen: "Nur mein Mann, unser Freund und ich kennen die Wahrheit." Trotzdem möchte sie ihre Geschichte erzählen, wenn auch anonym: "Es gibt unzählige verzweifelte Paare mit unerfülltem Babywunsch. Ihnen will ich Mut machen. Aber auch die Gefahren aufzeigen."

EIN BLICK ZURÜCK. Eva, die in einer kleinen Ortschaft lebt, hatte gerade ihr Ausbildung abgeschlossen und einen Job im nahen Krankenhaus angetreten. "Ich war glücklich. Nur einer fehlte: der passende Mann." Den traf sie schon kurze Zeit später. "Eine Freundin stellte mir Markus* bei einem Dorffest vor. Wir spürten sofort eine starke Anziehung zueinander." Zukunftspläne wurden im Eiltempo realisiert. Bereits vier Monate nach dem Kennenlernen gab die damals 28-Jährige ihre Wohnung auf und zog zu dem zwei Jahre älteren Mann.

Der Urologe diagnostizierte eine verminderte Samenqualität mit nur fünfprozentiger Chance auf eine Schwangerschaft.

Nur kurze Zeit später setzte sie die Pille ab. "Es hat alles so gut gepasst, also worauf warten?" Doch Schwangerschaftstests blieben drei Jahre lang negativ. "Langsam verzweifelten wir. Mein Arzt checkte mich genau durch. Alles war in bester Ordnung." Ihr Partner verweigerte zunächst ein Spermiogramm - aus Angst, dass seine Männlichkeit infrage gestellt wird. "Umso mehr ich ihn drängte, desto mehr blockte er ab. Erst Monate später stimmte er zu", erinnert sich Eva. Weil Markus trotzdem fürchtete, bei einem Arzt in Wohnortnähe aufzufliegen und zum großen Dorftratsch-Thema zu werden, fand die Untersuchung in Wien statt. Und brachte die traurige Gewissheit: Der Urologe diagnostizierte eine verminderte Samenqualität mit nur fünfprozentiger Chance auf eine Schwangerschaft. "Wir waren vollkommen geschockt. Vor allem Markus war am Boden zerstört."

Er zog sich von seinem Umfeld zunehmend zurück. "Unsere Beziehung belastete das enorm. Markus wurde depressiv und funktionierte nur noch in seinem Job. In seiner Freizeit lag er fast ausschließlich vor dem Fernseher und war kaum ansprechbar. Freunde und Familie wollte er nicht mehr treffen." Keiner sollte von ihrem Problem erfahren, das war ihre strikte Abmachung: "Er hat sich einfach geniert." Die ständige Fragerei von Verwandten belastete die beiden zusätzlich: "Wollt ihr denn kein Baby?" Ihre stereotype Antwort: "Mal sehen!"

Und plötzlich war diese Idee da: Jörg könnte doch als Samenspender einspringen.

VERZWEIFLUNG UND HOFFNUNG. Trotz ihrer Probleme heirateten Eva und Markus. Ihren Kinderwunsch versuchten sie so selten wie möglich zu thematisieren. Eine künstliche Befruchtung wäre keine Lösung gewesen, erklärt Eva: "Nein! Ich wollte nicht von einem wildfremden Mann schwanger werden." Mit dem Gedanken im Hinterkopf kam es eines Nachmittags zu einer spontanen Idee: "Unser Freund Jörg* war bei uns auf Besuch. Markus kennt ihn seit seiner Kindheit. Er ist der Einzige, mit dem wir immer über alles offen gesprochen haben, auch über unsere Kinderlosigkeit. Und plötzlich war diese Idee da: Jörg könnte doch als Samenspender einspringen." Der absolute Freigeist wollte nie eigene Kinder und genoss sein Singleleben ohne Verantwortung. "Wir ließen uns alles durch den Kopf gehen. Immerhin sollte ich mit unserem Freund Sex haben. Konnten wir ihm vertrauen?" Nach ein paar Tagen stand fest: "Wir machen es." Die drei vereinbarten mündlich, dass Jörg keine Ansprüche erheben und das Paar nie Alimente von ihm fordern würde. Alles sollte ein Geheimnis bleiben.

Eva besorgte sich in der Apotheke einen Test, der ihren Eisprung bestimmte: "Jörg kam dann zu uns nach Hause. Der Zeugungsakt war etwas peinlich, aber unspektakulär und in fünf Minuten erledigt." Das Unfassbare trat tatsächlich ein: Der erste Schwangerschaftstest zeigte zwei Striche: Positiv! "Dieses Gefühl nach Jahren der Verzweiflung kann man nicht beschreiben."

Samenspender Jörg kommt regelmäßig auf Besuch: "Er ist für unseren Kleinen so etwas wie ein lieber Onkel."

BELASTUNG FÜR BEZIEHUNG. Erik* kam 2015 zur Welt, Markus wurde in der Geburtsurkunde als Vater eingetragen. Zwei Jahre hätte er Zeit gehabt, seine Vaterschaft wieder aberkennen zu lassen - die Frist ist abgelaufen. "Das hätte er ohnehin nie getan. Er ist ein großartiger Papa und liebt Erik über alles." Samenspender Jörg kommt regelmäßig auf Besuch: "Er ist für unseren Kleinen so etwas wie ein lieber Onkel. Nicht mehr und nicht weniger. Wie es zu der Zeugung kam, ist ein absolutes Tabuthema." Dennoch: So sehr Eva und Markus ihr Kind lieben, mit ihrer Beziehung geht es seitdem bergab. "Wir schlafen kaum mehr miteinander. Anfangs dachte ich, wegen der Schwangerschaft. Doch Markus kommt wohl nicht damit klar, dass sein Freund als Erzeuger einspringen musste." Vor Kurzem fand Eva heraus, dass ihr Mann ein Verhältnis mit einer Kollegin hat. "Ich habe eine SMS von ihr gelesen und bin völlig fertig. Ich habe ihn noch gar nicht damit konfrontiert, es verunsichert mich."

Wie es zu der Zeugung kam, ist ein absolutes Tabuthema.

Ob ihre Ehe zu kitten ist, wird sich zeigen. Ihre größte Angst ist aber, dass die Wahrheit um Eriks biologischen Vater ans Licht kommt: "Durch einen blöden Zufall oder einen erforderlichen Bluttest." Im Moment gelingt es Eva noch, die Tatsachen zu verdrängen: "Nur manchmal, wenn ich meinem Sohn beim Spielen zuschaue, denke ich daran, dass sein Leben auf eine große Lüge aufgebaut ist. Aber er war alles wert!"

Manchmal, wenn ich meinem Sohn beim Spielen zuschaue, denke ich daran, dass sein Leben auf eine große Lüge aufgebaut ist.

*NAME VON DER REDAKTION GEÄNDERT.

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