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Gender: Was ist der Unterschied zwischen dem sozialen und biologischen Geschlecht?

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Gender

Der Begriff "Gender" wird oft benutzt, aber was bedeutet er eigentlich?

©Elke Mayr
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Debatten zum Thema Gender werden längst nicht mehr auf ausschließlich biologischer Basis ausgetragen. Mit ihrem multi- und interdisziplinären Ausmaß sind sie primär zu einem politischen Sachverhalt geworden, wobei vor allem Personen, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmt, betroffen sind. Wieso die heteronormative Gesellschaft dennoch einen - wenn nicht sogar den größten - Gegenstand der Diskussion bildet, erklären wir hier.

Gender Mainstreaming, Genderwahn, Geschlechtsidentität, Geschlechterrollen, Gleichwertigkeit ... puh, und das sind noch lange nicht alle Begriffe, die mit einem "G" beginnen und etwas mit Gender zutun haben. Dennoch können selbst diese im ersten Moment überwältigend und verwirrend wirken. Nicht nur die Vielfalt der Geschlechter und Geschlechtsidentitäten ist grenzenlos, sondern nun einmal auch die damit verbundenen, leider oft kritischen Nachfragen.

Aga Trnka-Kwiecinski ist Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin an der Pädagogischen Hochschule Wien, psychosoziale Beraterin und Gender-Mainstreaming-Beauftragte. Gemeinsam haben wir darüber gesprochen, wieso das Konzept "Gender" eine so wichtige Thematik ist und wie die queere Community innerhalb wie außerhalb unterstützt werden kann.

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Was bedeutet "Gender" überhaupt?

Bei "Gender" handelt es sich um ein ursprünglich englisches Wort, welches vor mehreren Jahrzehnten ins Deutsche überführt wurde. Der Grund dafür: Im Englischen gibt es mit "Gender" und "Sex" zwei Begriffe, welche das soziale und biologische Geschlecht beschreiben. Im Deutschen existierte mit "Geschlecht" bislang jedoch nur eine einzige Bezeichnung für alle Varianten. Gender definiert in unserem Sprachgebrauch also das gelebte, gefühlte Geschlecht und ist laut Aga "der Versuch, Geschlecht als soziale Kategorie zu denken, in der es gewisse Vorstellungen davon gibt, welche Rolle wie von wem eigenommen werden sollte."

Geschlechtsidentität beschreibt, wie sich eine Person selbst definiert. Aus biologischen Merkmalen wie Geschlechtsorganen oder Hormonen lässt sich kein für ein bestimmtes Geschlecht typisches Verhalten ableiten. Aga fügt hinzu: "Es ist das, was für mich persönlich gilt, wenn ich mich in diesem gesellschaftlich vorgegebenen Rahmen von Genderkonzeptionen an Geschlechterrollen abgearbeitet habe und wie ich all das in meiner individuellen Persönlichkeit vereinen kann."

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Menschen, deren geschlechtliches Selbstverständnis mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, werden als cisgeschlechtlich bzw. cis-Frauen oder cis-Männer bezeichnet. Trans* hingegen umfasst Personen, die sich nicht oder nur teilweise damit identifizieren können. Der Ausdruck sollte als Sammelbegriff gesehen werden, da er nicht die eine typische trans*-Person definiert, so wie es auch nicht die eine typische cis-Person gibt.

Vor allem Transgender befinden sich vor ihrer geschlechtsangleichenden Operation in einem Zwischenstadium und können biologisch noch als Frau* gelten, von der Geschlechtsidentität her aber - und das seit schon immer - ein Mann* sein. Dementsprechend ist es so wichtig, Gender und Geschlecht in diesem Fall voneinander zu trennen.

Wiederum gibt es Personen, die sich weder der männlichen noch weiblichen Kategorie zugehörig fühlen und ihre Geschlechtsidentität nicht anhand der Zweigeschlechtlichkeit festlegen. Dies wird unter den Begriffen nichtbinär, non-binär, gender-nonkonform und genderqueer zusammengefasst.

Seit wann existiert das zunächst modern wirkende Konzept?

Im Rahmen ihrer medizinisch-psychiatrischen Diskussion über Inter- und Transsexualität adaptierten die Sexualwissenschaftler:innen Joan Hampson, John Hampson und John Money den Begriff "Gender" bereits in den 1950er-Jahren. Dieser wurde später von Psychiater Robert Stoller weiterentwickelt. Im Laufe der 1960er-Jahre wurde die Unterscheidung von Geschlechtsidentität und biologischem Geschlecht schließlich von der zweiten Frauenbewegung adaptiert und in Österreich sowie Deutschland eingeführt.

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"Geschlecht vom Körper losgelöst zu denken, hat eigentlich schon in der Antike begonnen, als man sich darüber Gedanken gemacht hat, dass es einen 'gesunden Geist in einem gesunden Körper braucht'. Die Dimensionen sind zweifellos andere gewesen, aber mir scheint, dass damals dokumentiert getrennt darüber nachgedacht wurde", wirft Aga ein. Dennoch sollte man sich darüber bewusst sein, dass mit dem Geschlecht verknüpfte Ideen, Erwartungen und Normen stets von diversen anderen Komponenten abhängig sind. Dazu zählen unter anderem Kultur, Epoche, Ort, Biologie und Politik.

Gender und Sex: Wo liegt der Unterschied beider Begriffe?

Das biologische Geschlecht, welches im Englischen mit Sex bezeichnet wird, umfasst sichtbare und messbare Faktoren. Aufgrund körperlicher Merkmale wie Genitalien und Brüsten kann bereits vor der Geburt festgestellt werden, ob man Mann* oder Frau* ist. "Abgesehen von Geschlechtsorganen definieren Hormone wie Östrogen und Testosteron - die übrigens beide in allen Körpern enthalten, aber unterschiedlich ausgeprägt sind - und Chromosome unser Geschlecht. Diese Vielfalt an Geschlechtsausprägungen lässt sich mit dem Begriff 'Queer' zusammenfassen", ergänzt Aga.

Bei der sexuellen Orientierung, die oft mit Sex verwechselt wird, handelt es sich wiederum um ein grundlegend anderes Thema. Diese bezieht sich auf das romantische und sexuelle Verlangen basierend auf Präferenzen, Fantasien und Verhalten. Innerhalb Österreichs wird Geschlecht nicht in Frau* und Mann*, sondern insgesamt sechs Dimensionen definiert:

  1. Chromosomales Geschlecht

    Wird durch die Geschlechtschromosomen bestimmt, zum Beispiel XX, XY, XXY.

  2. Gonadales Geschlecht

    Wird durch die Keimdrüsen - Eierstöcke beziehungsweise Hoden - bestimmt.

  3. Genitales Geschlecht

    Wird durch die primären Genitalien - Penis und Vagina bzw. Vulva - bestimmt.

  4. Juristisches Geschlecht

    Wird kurz nach der Geburt durch die Geburtshelferin oder den Geburtshelfer zugewiesen und bezeichnet das staatlich anerkannte Geschlecht.

  5. Soziales Geschlecht

    Wird durch die soziale Anerkennung bestimmt und ist jenes Geschlecht, das durch das soziale Umfeld zugewiesen wird.

  6. Identitätsgeschlecht

    Wird durch die eigene Geschlechtsidentität bestimmt und ist jenes Geschlecht, zu dem sich eine Person zugehörig fühlt.

Heutzutage ist es allerdings gar nicht mehr so einfach, Sex und Gender - so wie es eigentlich vorgesehen war - strikt voneinander abzugrenzen. Eine solche Trennung verkennt die Tatsache, dass unsere Wahrnehmung dessen, was als biologisch gelten soll, maßgeblich von den sozialen Konstruktionen beeinflusst wird, die wir akzeptieren. Gender darf nicht isoliert betrachtet werden, sondern immer in Wechselwirkung mit weiteren sozialen Kategorien wie Alter, Hautfarbe, ethnischer Herkunft, Behinderung oder Beeinträchtigung, sexuellen Orientierungen, Religion oder Weltanschauung.

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Aga über das Zusammenspiel verschiedener Faktoren: "Gender als Kategorie ist der Versuch, von diesem körperlichen Determinismus wegzudenken, und Geschlecht samt Zuschreibungen, Stereotypen, Rollenvorstellungen für sich in einem großen Kontext zu denken. Weil es stark davon abhängig ist, wo ich geboren werde und wie ich sozialisiert werde, was ich für Möglichkeiten und Einschränkungen in einer Gesellschaft habe."

Gender drückt ein historisch veränderbares, soziales, kulturelles und politisches Verhältnis zwischen Menschen aus. Durch die Allgegenwärtigkeit von Geschlecht wird Gender stets neu konstruiert. In der Ethnologie wird der Prozess einer solchen Genderinszenierung auch als "Doing Gender" bezeichnet.

Geschlecht ist nichts, was wir haben, sondern etwas, das wir tun.

Carol Hagemann-WhiteSoziologin

Was, wenn ich mich keinem Gender zugehörig fühle?

"Biologisch ist das einfach so. Medizinisch gesehen detto. Es sagt im Wesentlichen nichts über dich aus. Gesellschaftlich gesehen heißt das allerdings, dass es stark davon abhängig ist, wo ich aufwachse oder lebe, ob das ein Problem ist oder nicht. Das bedeutet, dass wir eigentlich kein Problem mit der Biologie haben, sondern mit gesellschaftlichen Konventionen und Normen. Die ließen sich aber theoretisch ändern. Praktisch auch. Dauert immer nur seine Zeit. Manchmal braucht es auch das Engagement von Menschen, die darum kämpfen", erläutert Aga.

Es ist absolut nicht schlimm, solltest du deine Geschlechtsidentität noch nicht herausgefunden haben oder dich als nicht-binär definieren. Dein Wohl steht immer an erster Stelle! Lass dir von keinem etwas aufzwingen oder wegnehmen - auch wenn es dafür manchmal großen Mut braucht. Solltest du nicht mit Freund:innen oder deiner Familie darüber sprechen wollen oder können, gibt es in Österreich diverse Hilfsorganisationen und Beratungsstellen wie COURAGE oder den Verein Nicht-Binär.

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Wieviele Geschlechter werden (in Österreich) anerkannt?

Menschen halten in der Regel an ihren Routinen fest, anstatt über den eigenen Standpunkt hinauszudenken - gerade dann, wenn es Themen betrifft, mit denen sie sich selbst nicht identifizieren (können). Daher ist das Zwei-Geschlechter-Modell, auch als Geschlechterbinarität bekannt, hierzulande so populär.

Schon bei der Geburt werden wir in zwei Geschlechterkategorien eingeteilt, daraus werden Geschlechtereigenschaften abgeleitet und mit bestimmten Prozessen, Werten, Stereotypen und Bildern - auch in Lehrinstitutionen und der Erziehung - letztlich traditionelle Geschlechterrollen geformt. Frauen tragen rosa Kleider, Männer hingegen nicht. Männer dürfen nicht weinen, Frauen hingegen schon.

Kein Wunder also, wenn "Gender" und "Geschlechtsidentität" erst einmal mehr Fragen als Antworten aufwerfen. Viele denken, um als männlich oder weiblich zu gelten, müssten sie diesen Klischees sowie "typischen" Verhaltens- und Denkmustern der Gesellschaft entsprechen. Müssen tut man gar nichts - und vor allem nicht unbedingt Frau* oder Mann* sein. Geschlecht ist ein Spektrum. Der Sammelbegriff nicht-binär soll zeigen, dass es nun einmal mehr als zwei (auf Latein übrigens "binär") Geschlechtsidentitäten gibt.

Eine kleine, noch lange nicht vollständige Übersicht wichtiger Begrifflichkeiten

LGBTQIA+

Ein Sammelbegriff für "lesbian" (lesbisch), "gay" (schwul), "bisexual" (bisexuell), "transsexual" (transsexuell), "queer" (nicht-heterosexuell), "intersexual" (intersexuell) und "asexual" (asexuell) - das Plus in LGBTQIA+ steht dabei für alle weiteren (nicht-binären) Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen.

FLINTA*

Hierbei handelt es sich um eine Abkürzungen für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, agender und trans* Personen. Das Sternchen soll alle weiteren (nicht-binären) Geschlechtsidentitäten miteinbeziehen.

Nicht-binär

Menschen müssen nicht weiblich oder männlich sein. Sie können sowohl Frau* als auch Mann*, nichts davon oder mal das eine, mal das andere sein.

Intergeschlechtlichkeit

Intersexualität entspricht nicht der medizinischen Normen. Personen, die sich als inter identifizieren, können aus einem biologischen Standpunkt weder eindeutig als "männlich" noch als "weiblich" verstanden werden.

Genderqueer

Wer genderqueer ist, der hinterfragt Geschlecht als Kategorie und fühlt sich, ähnlich wie non-binary Personen, nicht klar dem Zweiersystem zugehörig.

Genderfluid

Genderfluid bildet, wie der Name andeutet, eine fließende und bewegliche Geschlechtsidentität. Gender kann sich ändern und mal weiblich, mal männlich, mal etwas komplett anderes sein. Es gibt nicht nur eine Option, die lebenslänglich zutrifft.

Transgender

Menschen, bei denen die soziale und psychologische Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde, übereinstimmt.

Bigender & Trigender

Eine bigender Person hat zwei Geschlechtsidentitäten, die sich abwechseln oder gleichzeitig auftreten können. Dasselbe trifft auf trigender Personen zu, die lediglich eine dritte Geschlechtsidentität aufweisen.

Demigender

Dies ist ein Begriff für Menschen, die sich teilweise mit einem und teilweise mit einem anderen Geschlecht identifizieren. Ein Demigirl ist halb weiblich, ein Demiboy halb männlich. Im Französischen heißt "demi" "halb" - macht Sinn!

Agender

Solltest du dich keinem einzigen Geschlecht zugehörig fühlen, könntest du agender sein. Geschlecht wird dabei als kein relevanter Teil der (Geschlechts-)Identität empfunden.

Neutrois

Es ist genauso gut möglich, eine neutrale Geschlechtsidentität zu haben. Dies nennt sich neutrois.

Als erster Staat weltweit möchte Österreich nun sechs verschiedene Möglichkeiten bei der Angabe des eigenen Geschlechts zur Verfügung stellen: weiblich, männlich, inter, divers, offen oder "keine Angabe" - dies kann jedoch nur von Personen genutzt werden, die ein Fachgutachten vorweisen, welches zeigt, dass sie sich körperlich nicht eindeutig einem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen lassen.

Wieviele Geschlechtsidentitäten es insgesamt gibt, lässt sich mit keiner Zahl beantworten, da es natürlich auch stetig mehr werden. Was für viele als Trend oder neumodernes Phänomen abgeschrieben wird, zeigt lediglich, dass sich die queere Community endlich trauen darf, ihre Persönlichkeit zu entfalten. Dies betrifft allerdings überwiegend die westliche Welt. In anderen Ländern, Kulturen und Religionen werden Menschen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität sowie sexuellen Orientierung noch immer ausgeschlossen, misshandelt und ermordet.

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Welche Personalpronomen sollten wann eingesetzt werden?

Für die verschiedenen Geschlechtsidentitäten gibt es auch verschiedene Personalpronomen, denn "er" oder "sie" reichen logischerweise nicht mehr aus. Je nach Sprache und Vorliebe kann man unterschiedliche Optionen nutzen:

  • er/ihm (he/him): männliche Geschlechtsidentität

  • sie/ihr (she/her): weibliche Geschlechtsidentität

  • they/them: Dritte Person Plural "they, their, them" im Englischen, welche sich als genderneutrales Pronomen durchgesetzt hat.

  • she/they: Hierbei handelt es sich um eine sowohl weibliche als auch nicht-binäre Geschlechtsidentität.

  • he/they: Hierbei handelt es sich um eine sowohl männliche als auch nicht-binäre Geschlechtsidentität.

  • xier/sier: Nicht-binäre Alternativen zu they/them, welche 2012 und 2021 von Anna Heger entwickelt wurden.

  • hen: Schwedische Mischform aus "er" und "sie", die innerhalb Schwedens in öffentlichen Institutionen und Zeitungen verwendet wird. Auch die österreichische Queer-Community nutzt das neutrale Pronomen.

  • en: Neutrale Kombination aus "er", "es" und "hen", die von den Teilnehmenden des österreichischen LGBTQIA+-Kongresses 2018 in St. Pölten ausgearbeitet wurde.

  • die/dey: Hierbei handelt es sich um eine nicht-binäre, neutrale oder unbekannte Geschlechtsidentität.

Solltest du die Personalpronomen deines Gegenübers nicht kennen, frag lieber einmal mehr nach, wie jemand angesprochen werden möchte. Möchtet ihr keine Grenzen überschreiten, so erkundigt euch einfach nach dem Namen und nutzt stattdessen diesen. Auch ihr selbst solltet so transparent wie möglich sein und eure Personalpronomen in Social-Media-Beschreibungen und in E-Mails inkludieren.

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Gendern gehört fest zur heutigen Sprache dazu

Auch Sprache orientierte sich, wie so ziemlich alles in unserer Gesellschaft, lange am Zwei-Geschlechter-Modell. Heute braucht es für die Abbildung der vielfältigen Gender und Geschlechtsidentitäten neue Alternativen - und damit eine geschlechtergerechte, genderneutrale Schrift sowie Sprache, die mehr Inklusion betreibt. Die Lösung dafür? Gendern! Wichtig ist, zu wissen, dass nicht alle Wörter mit allen Genderstilen gegendert werden können und nicht alle Genderstile der amtlichen Rechtschreibung entsprechen. Häufig wird ein Unterstrich, Schrägstrich, Binnen-I, Doppelpunkt, Sternchen oder eine neutrale Form genutzt:

  • Mitarbeiter_innen

  • Mitarbeiter/-innen

  • MitarbeiterInnen

  • Mitarbeiter:innen

  • Mitarbeiter*innen

  • Mitarbeitende

"Es gibt viele Arten zu Gendern. Manche sind klar binär: Wenn beide benannt werden, das Binnenmajuskel, Trennstriche. Manche sind inklusiv für alle Geschlechter: Gap, Gendersternchen, Doppelpunkt – und damit es nicht zu einfach wird, lässt sich an jeder Variante etwas kritisieren. Das Gendersternchen beispielsweise soll auf die Konstruktion von Geschlecht hinweisen, aber genauso müsste man dann Kultur* schreiben, weil auch Kultur überformt und konstruiert ist", verdeutlicht Aga. "Außerdem gibt es Studien, die belegen, dass wenn nur das generische Maskulinum verwendet wird, niemand an eine Frau denkt. Sie sind also nicht automatisch mitgemeint, weil sie nicht automatisch mitgedacht werden. Sprache schafft Wirklichkeit!"

Beispielsweise Transgender werden während ihrer Transition häufig mit den falschen Pronomen angesprochen und damit auch inkorrekt gegendert. Dies kann eine starke emotionale Belastung und Traumata auslösen. Habt stets im Hinterkopf: Meinungsfreiheit inklusive unterschiedlicher Meinungen ist richtig und gut, solange sie anderen nicht deren Menschenrechte und Menschenwürde abspricht. Wenn jemand nicht so gegendert werden möchte, wie du für richtig hältst, hast du die Meinung deines Gegenübers zu respektieren.

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Gibt es Vorteile oder Nachteile, einem bestimmten sozialen Geschlecht anzugehören?

Soziologisch gesehen ist Geschlecht eine Strukturkategorie. Unsere Geschlechtszugehörigkeit bestimmt demnach unsere gesellschaftliche Positionierung und die damit einhergehenden Möglichkeiten. Die Europäische Kommission zeigt vier Dimensionen praktisch-politischer Ausprägungen und Wirkungen von Gender auf:

  1. Repräsentation in Politik und Gesellschaft: Arbeitsteilung zwischen Geschlechtern, Beteiligung an Entscheidungen

  2. Lebensbedingungen: Wohlstand, Armut, Ausgrenzung, Gewalt

  3. Ressourcen: Zeit, Geld, Mobilität, Information

  4. Normen und Werte: Rollenzuweisungen, Sprache, Stereotype

Zuweisungen von Geschlechterrollen sind schlimm genug. Beeinflussen sie jedoch unsere grundlegenden Freiheiten und damit auch den Berufsalltag, sind sie noch schlimmer - und unrechtmäßig. 2020 betrug die Gender Pay Gap, also die Einkommenslücke zwischen Frauen* und Männern*, 18,9 Prozent. Letztere wiesen das höhere Gehalt auf. Das ist ganz klar Sexismus! "Manche Rollen, die wir gleichzeitig erfüllen (müssen), passen so gar nicht zusammen. In unserer Gesellschaft sollen Frauen beispielsweise Kinder haben, als würden sie nicht arbeiten, und arbeiten, als hätten sie keine Kinder", so Aga. Jetzt stellt euch vor, ihr gehört der queeren Community und dem benachteiligten sozialen Geschlecht an.

"Ein Mann ist tendenziell eher privilegierter als eine Frau, aber ein Mann mit Migrationsgeschichte und körperlicher Behinderung ganz sicher nicht. Da gibt es also 'Abstufungen', die sich Intersektionalität nennen. Wenn wir wirklich nur auf die Kategorie Geschlecht schauen, dann kämpfen Menschen, die nicht binär männlich oder weiblich sind aktuell sicher härter mit der Realität", argumentiert Aga im Bezug auf Gender.

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Viele trauen sich dementsprechend nicht, ihre Geschlechtsidentität so zu leben, wie sie eigentlich gerne würden - weil es so viele Nachteile geben kann. Gerade dann, wenn man nicht cisgender ist. Es ist natürlich immer ein Vorteil, zu sich selbst zu stehen - aber mit welchen Konsequenzen?

Welche Probleme gehen mit dem Genderwahn einher?

Kurze Antwort: Viele. "Genderismus", "Gender-Ideologie", "Genderisierung", "Gender-Gaga" und "Genderwahn" sind abwertende Begriffe, um die Bemühungen einer Geschlechtergerechtigkeit ins Lächerliche zu ziehen. Statt über die richtige Bedeutung von Gender zu berichten, kursieren in den Medien überwiegend die von konservativen, christlich-konservativen, rechten, rechtsextremen und antifeministischen Gruppen selbst ernannten ideologischen Kampfbegriffe.

Primär cis-Männer fühlen sich davon bedroht, dass die zweigeschlechtliche Norm hinterfragt wird. Die Begründung, Gender wolle ihnen das verbieten, was sie eigentlich sind, macht schlichtweg keinen Sinn. Tatsächlich ist es genau umgekehrt, da sich feministische und queere Bewegungen dafür einsetzen, dass alle so leben können und dürfen, wie sie möchten. Die einzige Voraussetzung: Dabei wird niemandem Schaden zugefügt.

"Meist stehen hinter dem Genderwahn enttäuschte oder verletzte Biografien. Häufig sind es konservativ-rechte Orientierungen, die mit solchen Begriffen arbeiten. Das Menschenbild, das sie vertreten, ist um nichts schöner, als das Frauen- und Männerbild, das sie fordern. Feminismus ist der Versuch, die Welt für alle gerecht zu gestalten. Wer Angst hat, dabei als Verlierer rauszugehen, wird von ganz anderen fragwürdigen Motiven geleitet und hat noch viel mehr Themen für sich zu klären, als nur die Gender-Frage", rundet Aga ab.

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Gender Mainstreaming: Worum handelt es sich bei der Gegenposition?

"Gender Mainstreaming ist eine (politische) Strategie, Gerechtigkeit für alle Geschlechter herzustellen, was meist in institutionellen, organisatorischen Kontexten passiert. Nicht in Bezug auf Familie. Rahmenbedingungen schaffen in der Planung, der Durchführung und der Konzeption, die darauf achten, Geschlechter nicht zu diskriminieren", beschreibt Aga die Strategie.

Heute ist Gender nicht mehr nur Gegenstand der Frauen- und Geschlechterforschung, sondern wird ebenfalls innerhalb diverser Studiengänge wie "Gender Studies" und der Gender Medizin behandelt. Dank Gender Mainstreaming hat sich der Begriff aus akademischen Kontexten gelöst und bildet einen festen Sachverhalt in politischen sowie alltäglichen Diskussionen.

Wir bekommen die Rollenvorstellungen und Geschlechterkonzeptionen unserer Umwelt übergestülpt. In der Pubertät beginnen die meisten, mehr oder weniger daran zu zweifeln. Was ein gesunder Vorgang ist. Ein bisschen davon sollten wir uns gerne für den Rest des Erwachsenenlebens beibehalten. Die vorgegebenen Rollen immer wieder kritisch zu betrachten und an ihnen zu zweifeln.

Aga Trnka-KwiecinskiPsychosoziale Beraterin & Medien- und Kommunikationswissenschafterin
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