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Winter lieben lernen: Kari Leibowitz’ Strategien gegen Winterblues

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10 min
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Kalt, nass – und trotzdem cozy: Statt im Winterblues zu verharren, können wir die dunkle Jahreszeit lieben lernen. Psychologin Kari Leibowitz verrät die besten Strategien.

Der Himmel ist grau, die Landschaft vereist, und die Nasenspitze leuchtet rot vor Kälte – von den Zehen ganz zu schweigen. Ja, die Wintermonate bringen ihre eigenen Herausforderungen mit sich, selbst wenn die Tage ab dem 21. Dezember allmählich wieder länger werden. Für viele lautet die Devise: aushalten, durchhalten, auf den Frühling warten. Doch was, wenn wir unser Bild vom Winter neu schreiben? Uns anschauen, was die Kälte Positives bereithält?

Die Forschung der Stanford-Psychologin Kari Leibowitz zeigt: Eine neue Einstellung zum Winter könnte unser Leben verbessern. Ein ganzes Jahr lang untersuchte sie an der nördlichsten Universität der Welt, wie die Norweger:innen mit der Kälte umgehen und welche Strategien ihre winterliche Resilienz stärken. Denn trotz Temperaturen von bis zu minus 20 Grad und wochenlanger Dunkelheit sind die Norweger:innen überraschenderweise keineswegs stärker gefährdet, depressiv zu werden. Im Gegenteil: Sie wissen die Zeit des Rückzugs zu schätzen und haben Wege gefunden, sich selbst in den harten Winterbedingungen ein positives Mindset zu bewahren. Wie ihnen das gelingt?

Kari Leibowitz zog für ihre Spurensuche ins norwegische Tromsø, nördlich des Polarkreises. In ihrem Buch „Wintern“ (Klett-Cotta, € 18,50) teilt sie ihre wichtigsten Erkenntnisse und verrät, wie wir den Winter nicht nur aushalten, sondern lieben lernen. Aufgewachsen im amerikanischen New Jersey, kennt Leibowitz die Herausforderungen, die der jährlich wiederkehrende Kälteeinbruch mit sich bringt. Wir haben uns mit der Sozialpsychologin, die mittlerweile in Amsterdam lebt, zum virtuellen Gespräch getroffen. Und Leibowitz gesteht: „Auch ich habe den Winter gehasst.“ Doch nach einem Jahr in Norwegen habe sich ihre Perspektive von Grund auf verändert …

Dunkelheit macht kreativ

„Auch heute noch verspüre ich Wehmut, wenn der Sommer mit seinen langen Tagen endet, aber mittlerweile freue ich mich auf den Winter. Ich sehe diese Zeit als eine besondere Phase des Jahres, in der ich Dinge tun kann, die sonst oft zu kurz kommen.“ Laut Leibowitz kann genau diese Veränderung der eigenen Perspektive ein echter Gamechanger sein: „Wir unterschätzen oft, wie stark unsere Denkweisen und Interpretationen beeinflussen, wie objektive Umstände auf uns wirken“, erklärt die Sozialpsychologin. Statt sich nur auf die Einschränkungen der kalten Jahreszeit zu konzentrieren, lohnt es sich, ganz im Stil der Norweger:innen den Blick auf die schönen Möglichkeiten zu richten, die der Winter mit sich bringt.

„Tatsächlich fühlt sich manches sogar besser an, wenn es draußen dunkel und ungemütlich ist“, meint sie. In ein Café zu gehen und dort bei einer heißen Schokolade ein Buch zu lesen, zum Beispiel. „Das genießen wir nicht trotz der Kälte, sondern gerade wegen ihr noch ein bisschen mehr.“ Studien belegen zudem, dass Dunkelheit die Kreativität fördert: „Sie eignet sich gut für Intimität und offene Gespräche, zum Meditieren und Tagebuchschreiben, für Yoga im Kerzenlicht und natürlich auch für gemütliche Indoor-Programme wie Filmabende.“ Joggen oder Radfahren im Dunkeln ist vielleicht nicht so prickelnd. Doch statt darüber zu klagen, könne man die kalte Zeit hervorragend für Sauna- oder Thermenbesuche nutzen. Oder für neue Indoor-Hobbys. Leibowitz: „Ich töpfere im Winter viel lieber als im Sommer.“ Die positive psychologische Komponente dahinter: Finden wir heraus, was sich für uns gut anfühlt, wollen wir automatisch mehr davon in unseren Alltag integrieren und vermehren so auf lange Sicht die Wohlfühlmomente im Winter.

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Gemütlich. Lesen, stricken, Tee trinken, Tagebuch schreiben: Zeit für Kontemplation.

 © Getty Images

Hygge-Ambiente schaffen

Den Winter lieben zu lernen, ist also eine reine Einstellungssache? Jein. Es gebe schon ein paar hilfreiche Tricks. Sich ein heimeliges Winternest zu schaffen, zähle beispielsweise dazu. Leibowitz rät, sich eine Wohlfühloase einzurichten: „Ich stelle meine Kerzen auf, decke mich mit Tee ein und dekoriere die Wohnung stimmungsvoll.“ Die Norweger:innen haben ein eigenes Wort für dieses kuschelige Ambiente: Hygge. Kleinigkeiten können dabei einen großen Unterschied machen: etwa dickere Stoffe für Vorhänge oder eine neue Bettwäsche auswählen. Während ihrer Zeit in Norwegen hat die Psychologin darüber hinaus gelernt, wie wichtig die richtige Beleuchtung ist. „Der Umgang mit Licht hat mich wirklich beeindruckt“, erzählt Leibowitz. „Ich bin mit der Vorstellung aufgewachsen, dass man alle Lichter anmacht, um die Dunkelheit zu vertreiben. Aber in Skandinavien ist es so: Je dunkler es ist, desto gedämpfter ist auch das Licht in der Wohnung. Es gibt Lampen, Kerzen und sanfte, warme Beleuchtung.“ Es werde nicht gegen die Dunkelheit angekämpft, sondern mit ihr gearbeitet. „Dieser Zugang verändert die Atmosphäre und das Ambiente auf sehr wohltuende Weise.“

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Stimmung. Sanft gedimmtes Licht schafft Wärme, Ruhe und ein heimeliges Hygge-Ambiente.

 © Unsplash

Seinen Rhythmus finden

Ein bekanntes Sprichwort sagt: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.“ Ob es seinen Ursprung im hohen Norden hat? Leibowitz’ Erfahrungen lassen das vermuten: „Wie viel Zeit Erwachsene und Kinder bei jedem Wetter draußen verbrachten, hat mich stark beeindruckt.“ Outdoor-Aktivitäten sind, so die Psychologin, neben einem gemütlichen Zuhause ein zentraler Faktor, um die kalte Jahreszeit schätzen zu lernen. „Gerade wer viel Zeit drinnen verbringt, sollte die Pausen nutzen, um frische Luft und Tageslicht zu tanken.“ Selbst bei grauem Himmel lohnen sich kurze Spaziergänge draußen: „Sie helfen, den zirkadianen Rhythmus zu regulieren und den Cortisolspiegel zu stabilisieren.“ Nicht zu unterschätzen ist dabei die richtige Ausrüstung: „Sich gut auf diese Saison vorzubereiten, hat erwiesenermaßen positive Auswirkungen – auch auf die Psyche. Schließlich planen wir auch unseren Sommerurlaub sorgfältig und stimmen uns auf Weihnachten ein“, erklärt Leibowitz. Das heißt: In warme, hochwertige Winterkleidung zu investieren, zahlt sich aus.

Ob man die kalten Monate nun lieber eingekuschelt vor einem flackernden Kaminfeuer verbringt oder aktiv in verschneiten Bergen unterwegs ist, entscheidend ist, dem eigenen Rhythmus zu folgen, statt dagegen anzukämpfen. „Es lohnt sich“, sagt Leibowitz, „den Winter als Zeit zu sehen, in der wir bewusst einen Gang zurückschalten und gleichzeitig Raum für moderate Aktivitäten schaffen, die uns guttun.“

Mit 4 Rezepten gegen den Winterblues

Die Kälte genießen lernen: Diese einfachen Tipps erweisen sich als schnelle Stimmungs-Booster.

  1. Energie sparen. Im Winter dürfen wir bewusst einen Gang zurückschalten. Der Grund: Es ist ganz natürlich, sich in der dunklen Jahreszeit müder zu fühlen als im Sommer. Das heißt: die langen Nächte bewusst zur Regeneration nutzen und sich zu Hause einkuscheln.

  2. Rituale etablieren. Nutzen Sie die Saison, um neue Hobbys auszuprobieren: Töpfern, Stricken, Malen, Journaling – was wollten Sie schon immer ausprobieren? Rituale wie Teetrinken oder Ausmisten geben den Tagen Struktur.

  3. Rausgehen. Zu nass, zu kalt? Wer es trotzdem nach draußen schafft, wird mit einem Mood-Boost belohnt: Schon 10 bis 20 Minuten an der frischen Luft reichen, um die Stimmung zu heben und den Stresslevel zu senken. Danach ist es am Sofa umso schöner.

  4. Supplementieren. Im Winter mangelt es oft an Vitamin D: Ein einfacher Bluttest bringt schnell Gewissheit und zeigt, ob eine Ergänzung sinnvoll ist. Das „Sonnenvitamin“ schützt Herz und Knochen und erhellt das Gemüt.

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