
Jeder fühlt sich manchmal müde. Doch wenn Energiemangel und Antriebslosigkeit die Lebensqualität dauerhaft einschränken, kann sich dahinter eine Viren-Erkrankung verstecken, die eigentlich überstanden schien. Experten verraten, wie der Neustart gelingt.
Als Susanne, 39, nach ihrer Corona-Infektion wieder ins Büro zurückkehrt, denkt sie, das Schlimmste sei überstanden. Doch Wochen später sitzt sie vor ihrem Laptop und spürt, wie ihr Herz rast, während ihr die Luft fehlt – obwohl sie nur E-Mails beantwortet. „Ich fühlte mich, als wäre ich einen Marathon gelaufen, dabei war ich nur wach“, sagt sie.
Als Faustregel bei der Überwindung von Infekten gilt: Sind die Symptome weg, sollte man sich noch drei Tage bis eine Woche lang schonen, ehe man wieder voll einsatzfähig ist. Susanne jedoch ist eine von Tausenden Menschen, die nach einem Virus nicht mehr zur alten Form zurückfinden. Die Diagnose lautet: postvirale Erschöpfung – ein Zustand zwischen Krankheit und Genesung.


Bewegung Ja – aber mit Bedacht! Sanfte Aktivierung wie Spazierengehen tut auch bei postviraler Müdigkeit gut: Meiden Sie jedoch plötzliche Anstrengung und achten Sie auf Warnsignale!
© StocksyMüdigkeit klingt so harmlos …
„Postvirale Krankheitsgeschehen haben seit der Coronapandemie dramatisch an Relevanz zugenommen und sind daher deutlicher in den wissenschaftlichen Fokus geraten“, erklären Philipp Feichtinger, Heilpraktiker, Naturheil- und Hypnosetherapeut aus Österreich, und Abbas Schirmohammadi, Heilpraktiker für Psychotherapie in Deutschland, in ihrem Ratgeber über „Postvirale Müdigkeit“ (erschienen bei Trias). Entsprechende Beschwerdebilder gibt es freilich nicht erst seit Covid: „Sie sind bereits durch Erreger wie Influenza-, Herpes-, Hepatitis-, FSME- und tropische Virenstämme bekannt.“
Grundsätzlich kann jede Infektion mit einem Virus postvirale Müdigkeit nach sich ziehen. Mit ihrem Ratgeber möchten die Experten Körper, Geist und Seele gleichermaßen Beachtung schenken, Mut machen und Lösungswege aufzeigen. Vom Begriff „Müdigkeit“ solle man sich jedoch nicht täuschen lassen, warnen sie. Er klinge harmlos und werde gerne belächelt. Man könne sich gar nicht vorstellen, welch umfassende Symptomatik damit verbunden ist.
Kraftlos & ängstlich
Zu den häufigsten Beschwerdebildern des postviralen Fatigue-Syndroms zählen körperliche Symptome wie Kraftlosigkeit, Ein- und Durchschlafstörungen, Kopfschmerzen, Muskelschwäche und Gelenkschmerzen, seelische Symptome wie Antriebslosigkeit, Apathie, Niedergeschlagenheit, Angst vor Überlastung sowie kognitive Symptome wie nachlassende Leistungsfähigkeit, Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen. Da die vorliegenden Symptome jedoch nicht immer Folge einer Viruserkrankung sein müssen, ist eine sorgfältige medizinische Abklärung notwendig. Mitunter können etwa Anämien, hormonelle Erkrankungen, Depressionen, Herz-Kreislauf- oder Tumorerkrankungen ähnliche Beschwerdebilder aufweisen. Hält die Erschöpfung länger als acht Wochen an, sollte auf jeden Fall ein umfassendes Blutbild gemacht werden. Spezialambulanzen für Post-Covid und ME/CFS (das Chronische Fatigue-Syndrom) bieten weiterführende Diagnostik (Infos und Anlaufstellen: mecfs.at und longcovidaustria.at).
Typisch für die postvirale Erschöpfung: Bei vielen Patient:innen bleibt das Immunsystem in einem Übererregungszustand. Selbst nachdem der Virus eliminiert wurde, zirkulieren entzündliche Botenstoffe, die den Energiestoffwechsel stören. Das bedeutet: Die Zellen laufen auf Sparflamme. Die Mitochondrien – die Kraftwerke der Zelle – produzieren weniger Energie, das autonome Nervensystem gerät aus dem Takt. Herzfrequenz, Blutdruck und Schlafrhythmus schwanken. Diese körperliche Dysregulation erklärt, warum selbst kleine Anstrengungen überwältigend sein können. Ein Einkauf, ein Spaziergang, ein Gespräch: „Manchmal reicht schon Duschen, um mich danach ermattet zu fühlen“, erzählt Susanne.
Das Paradox der Pause: Ruhe allein hilft nicht
Die naheliegende Reaktion auf Erschöpfung ist Entspannung. Doch bei postviraler Müdigkeit ist Nichtstun allein nicht die Lösung – ebenso wenig wie die Idee, sich „wieder reinzukämpfen“. Mediziner:innen empfehlen stattdessen das Prinzip des Pacing. „Pacing bedeutet, Energie so einzuteilen, dass Überforderung vermieden wird“, erklären Feichtinger und Schirmohammadi. Sie raten Betroffenen: „Finden Sie heraus, wie viel Bewegung Sie vertragen, ohne dass es Ihnen danach schlechter geht. Machen Sie also frühzeitig Pausen, bevor Erschöpfung einsetzt!“ Ebenfalls wichtig: Auf Warnsignale wie Schwindel oder Zittern achten und die Aktivitäten an guten Tagen nicht übertreiben – auch wenn Sie sich schon besser fühlen. Danach stets ausreichende Erholungsphasen einplanen!
Aufgrund der Vielschichtigkeit und Komplexität richten sich die Behandlungsmöglichkeiten stark nach den vorliegenden Symptomen. Allgemein wird empfohlen, bei der Ernährung auf einen stabilen Blutzucker und ausreichend Proteine zu achten. Kleine, regelmäßige Mahlzeiten helfen, Energieeinbrüche zu vermeiden (siehe auch Tipps im Kasten links). Eine ausgewogene Versorgung mit B-Vitaminen, Magnesium, Omega-3-Fettsäuren und Eisen unterstützt den Zellstoffwechsel. Bewegung als Einladung, nicht als Pflicht sehen: Stretching, Spaziergänge, leichte Gartenarbeit, aber auch einfache Kräftigungsübungen sind gute Möglichkeiten, leichte Bewegung in den Alltag zu bringen.
Eine wichtige Rolle spielt auch die mentale Balance: Meditation, Gesprächstherapie oder Achtsamkeitstraining können helfen, den psychischen Druck zu mindern. Postvirale Erschöpfung ist zwar nicht psychisch bedingt, aber sie wirkt psychisch stark nach. Der Kontrollverlust, das Gefühl, nicht mehr man selbst zu sein – all das braucht Begleitung. Viele, die genesen, berichten, dass sie ihren Körper neu kennenlernen mussten. „Ich war immer jemand, der durchgehalten hat“, sagt Susanne. „Jetzt merke ich: Stärke heißt manchmal, nichts zu tun.“ Postvirale Müdigkeit zwingt zur Langsamkeit und vermittelt dadurch eine Lektion: Nicht das schnelle Zurück, sondern das achtsame Vorwärts wird zum Ziel.


Buchtipp. Philipp Feichtinger, Abbas Schirmohammadi: „Postvirale Müdigkeit“, Trias, um € 24,70.
© Trias Verlag5 Tipps aus der Naturheilkunde
Darmsanierung
Kann insbesondere nach einer Behandlung mit Antibiotika sinnvoll sein. Der Wiederaufbau einer gestörten Darmflora schützt vor dem Leaky-Gut-Syndrom und sorgt dafür, dass sich keine Pilze und schlechten Bakterien ansiedeln.
Zellentgiftung mit Glutathion
Glutathion ist ein in der Leber gebildetes Antioxidans und fördert das Entgiftungssystem. Hilft als Nahrungsergänzungsmittel zudem, oxidativen Stress zu reduzieren und das Immunsystem zu stärken.
Power-Drink aus dem Ayurveda
Geschälte Mandeln, Pistazien, Cashew-Nüsse, Datteln und Rosinen über Nacht in Wasser oder einen Pflanzendrink (Hafer, Mandel, Reis) einweichen. Am nächsten Morgen Rosenwasser, Kardamompulver und Fenchelsamen dazugeben, alles mixen und genießen.
Hildegard-von-Bingen-Tee
Bei Appetitlosigkeit, speziell nach Krankheitsphasen und bei Verdauungsproblemen: 1 TL Benediktinerkraut in 1 Tasse kochendes Wasser geben, nach etwa 5 bis 7 Minuten abseihen. 3 x täglich warm trinken!
Vitalpilze
Gegen postvirale Müdigkeit hilfreich sind Reishi (Kraftspender), Agaricus (wirkt besonders stark antioxidativ), Shiitake (fördert die Regeneration), Hericium (unterstützt eine intakte Darmflora), Cordyceps (lindert Stress, liefert Energie). Zur Anwendung kommt der getrocknete Pilz, sein Extrakt oder Pulver (erhältlich auch in Kapselform).
