
Biophiles Design holt Licht, Luft und Grün in unseren urbanen Alltag – eine Quelle für mehr Lebensqualität und Wohlbefinden.
-Text Jennifer Koutni
Das Licht fällt durchs Fenster und zeichnet flirrende Muster auf den Boden. Ein Luftzug bewegt die Vorhänge, trägt den warmen Duft von Holz. Blätter werfen lebendige Schatten an die Wand, irgendwo ist ein leises Plätschern zu hören. Nichts Spektakuläres, und doch stellt sich augenblicklich ein Gefühl von Ruhe ein, von Erdung, Klarheit. Was hier wirkt, ist kein dekorativer Zufall, sondern ein Prinzip: biophiles Design. Ein Gestaltungsansatz, der auf einer fast archaischen Erkenntnis beruht: Der Mensch ist Teil der Natur. Biophile Räume verwandeln selbst städtische Wohnungen in Rückzugsorte, reduzieren geistige Ermüdung und fördern positive Emotionen. Ein Blick ins Grüne stärkt Kreativität und Konzentration. Tageslicht und natürliche Materialien schonen unsere Ressourcen. Manchmal genügt ein Fenster, das den Himmel freigibt, oder ein warmer Holzboden unter den Füßen, und das Drinnen wird zu einem Ort, der uns nicht nur beherbergt, sondern spürbar stärkt.
Innenräume atmen Natur
Was früher draußen stattfand, zieht heute bewusst nach innen: Lebende Pflanzen, Äste, viel Sonnenlicht oder kleine Wasserinstallationen holen ein Stück Landschaft in den Raum. Dass diese Nähe zur Natur mehr ist als ein ästhetisches Statement, belegt die Forschung seit Jahrzehnten. Bereits 1984 zeigte der Umweltpsychologe Roger Ulrich, dass Krankenhauspatient:innen mit Blick ins Grüne schneller genesen als jene mit urbanem Panorama. Licht, Wasserklänge oder Indoor-Bäume sind keine dekorativen Accessoires, sondern wirksame Elemente: Sie senken nachweislich das Stressniveau, stabilisieren die Stimmung und stärken das Gefühl von Verbundenheit – selbst in dicht bebauten Städten.
Blattgrün & Blütenpracht
Nicht nur echte Pflanzen, auch von der Natur inspirierte Farben und Formen entfalten eine subtile Wirkung. Warme Erdtöne, sanftes Salbei oder gedämpftes Blau schaffen eine Atmosphäre, die intuitiv beruhigt. Organische Linien, asymmetrische Silhouetten und fließende Muster – angelehnt an Blätter, Wellen oder Verästelungen – sprechen unser Unterbewusstsein unmittelbar an. So entstehen Räume, die nicht nur ästhetisch überzeugen, sondern nachweislich Konzentration und Entspannung fördern – im Wohnzimmer ebenso wie im Büro.
Naturstoffe als Basis
Holz, Marmor, Leinen, Ton oder Schafwolle prägen die Substanz eines biophilen Raums. Ihre Oberflächen dürfen altern, erzählen mit ihrer Haptik Geschichten und sprechen somit alle Sinne direkt an. Im Unterschied zu vielen synthetischen Werkstoffen tragen natürliche Materialien zu einem gesunden Raumklima bei und schaffen eine Atmosphäre, die spürbar atmet. Ihre weiche, organische Ausstrahlung verleiht jedem Interieur Wärme, Tiefe und eine selbstverständliche Behaglichkeit. Zugleich regulieren Materialien wie Holz oder Leinen auf natürliche Weise Feuchtigkeit und Temperatur und verbessern damit das Raumgefühl ganz subtil.
Die Sprache der Pflanzen muss man erst lernen
Miri Cervantes ist Mitbegründerin des Wiener Concept Stores und Pflanzen Design-Studios Calienna und weiß, wie man Räume zum Blühen bringt
Welche Zimmerpflanzen sorgen für eine gute Raumluft?
Grundsätzlich haben fast alle Zimmerpflanzen einen positiven Einfluss auf Raumklima und Luftfeuchtigkeit. In einer NASA-Studie aus dem Jahr 1989 wurde aber eine Gruppe von Pflanzen identifiziert, die besonders effektiv Schadstoffe aus der Luft filtert. Unter anderen sind das Grünlilien, Bogenhanf, Drachenbäume und Einblätter.
Und wenn der grüne Daumen fehlt?
Auf die Arten setzen, die uns schon über Generationen begleiten: Der Gummibaum, verschiedene Philodendron-Arten und der Bogenhanf sind sehr robust, unkompliziert und trotzdem tolle Mitbewohner. Wenn viel Licht vorhanden ist, sind auch Kakteen und Sukkulenten eine gute Wahl. Wichtig ist, einzuschätzen, wie viel Zeit und Aufmerksamkeit man investieren möchte.
Klassische Zimmerpflanzen-Fehler?
Nicht zu wenig, sondern zu viel Fürsorge. Die meisten Zimmerpflanzen sterben durch Übergießen, nicht durch Wassermangel. Wenn eine Pflanze traurig aussieht, reagieren wir oft reflexartig mit Wasser. Dabei liegt das Problem möglicherweise an einem ungeeigneten Standort oder zu viel Feuchtigkeit. Ich sage gerne: Pflanzenpflege ist wie das Erlernen einer neuen Sprache. Mit der Zeit weiß man sie zu lesen und somit zu verstehen, was eine Pflanze braucht.


BLATTFLÜSTERIN. Neben Concept Store samt Café bietet Miri gemeinsam mit Christian Cervantes professionelle Innenraumbegrünung für Gastro, Büros und private Räume. calienna.com
© Julius Hirtzberger