Anerkennung ist mehr als Lob

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Soziale Spaltung, Konflikte und innerer Stress wurzeln in einem Mangel an Anerkennung: Philosophin Dr. Barbara Strohschein zeigt Wege, wie wir in Beziehungen, im Beruf und in der Politik zu mehr Miteinander finden.

Wie oft tun wir etwas, geben unser Bestes – und warten dann auf ein Wort, einen Blick, eine kleine Geste, die sagt: „Ich sehe dich!“ Anerkennung – ein alltägliches, beinahe unscheinbares Wort. Für die deutsche Philosophin Dr. Barbara Strohschein ist sie jedoch „die vielleicht tiefste Form menschlicher Verbindung“. Anerkennung ist weder Belohnung noch Lob. Es ist vielmehr die Haltung, einen Menschen in seiner Würde wahrzunehmen – unabhängig von Leistung, Status oder Meinung. Doch genau damit tun wir uns zusehends schwer: In der Arbeitswelt wird bewertet, im Privaten verglichen, in den sozialen Medien gelikt oder gehatet. Debatten werden immer schärfer, Gespräche kürzer und Missverständnisse häufiger: „Leider lernen wir weder, mit Abwehr umzugehen, noch uns anerkennend zu verhalten. Deshalb gibt es so unendlich viele Konflikte und Krisen“, sagt Strohschein. Ihr aktuelles Buch „Anerkennung ändert alles“, erschienen im Kneipp Verlag, ist zugleich Handbuch, philosophischer Leitfaden und Appell: Wer andere Menschen wirklich wahrnimmt, öffnet Türen – zu Verständnis, Kooperation und Empathie.

Die Bedeutung der Anerkennung

Strohschein, promovierte Psychologin und Philosophin, hat sich in ihrer Karriere immer wieder mit den unsichtbaren Mechanismen sozialer Beziehungen beschäftigt. Sie ist Gründerin des Purpose Instituts für Anerkennung, eines Beratungsnetzwerks, das Unternehmen, Schulen und Organisationen darin unterstützt, Anerkennung aktiv zu leben. In ihrer Arbeit begegnete sie Menschen aus allen gesellschaftlichen Lagern – von Klimaskeptiker:innen bis zu Aktivist:innen – und erkannte ein Muster: Wenn Gesprächspartner:innen spüren, dass man ehrliches Interesse an ihnen hat, verändert sich nicht nur die Stimmung, sondern oft auch die Einstellung.

Abwehr erkennen und überwinden

Anerkennung sei kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit: „Sie ist der Schlüssel, um Konflikte zu entschärfen, Brücken zu bauen und Vertrauen zu schaffen.“ Wer sich nicht gesehen fühlt, existiert nicht. Das hat fatale Konsequenzen; unser Selbstwert ist bedroht. Wer sich hingegen im Beruf mit seinen Fähigkeiten akzeptiert fühlt, bleibt motiviert: „Anerkennung beruhigt und stärkt uns“, weiß Strohschein. Unser Streben, unsere Sehnsucht danach sei dementsprechend groß. Doch leider sei sie „ein seltenes Gut“. Weit häufiger treffe man auf Abwehr. Diese ist ein Schutzmechanismus: Sie hilft, sich vor belastenden Wahrheiten oder inneren Konflikten zu schützen. Unbewusst lehnt man etwa bestimmte Personen ab, die einen an schlechte Erfahrungen erinnern. Es gibt aber auch die bewusste, rational begründete Abwehr – wenn man sich „aus guten Gründen“ auf etwas oder jemanden nicht einlassen will. In jedem Fall ist damit der Weg zu Konflikten geebnet, denn Abwehr ruft so gut wie immer weitere Abwehr hervor. Ein Lösungsansatz: Reflektieren Sie, wann Sie in einer Situation abwehren. Fragen Sie sich: Was hat mich gerade wirklich getroffen? Welche Angst oder welches Bedürfnis steckt dahinter? Vielleicht ist es der Wunsch, ernst genommen zu werden – oder die Sorge, nicht zu genügen. Wer das erkennt, kann seine Abwehr wandeln: Aus einem reflexhaften Schutz wird dann ein Moment der Selbsterkenntnis.

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Widerstand. Abwehr ist ein Schutzmechanismus und ruft meist weitere Abwehr hervor.

Konflikte durch Anerkennung lösen

Oft verbergen sich hinter Streit oder Rückzug unausgesprochene Wertverletzungen. Strohschein empfiehlt, Konflikte in vier Schritten zu durchleuchten: 1. Das Thema klar benennen: Worum geht es wirklich? 2. Anerkennungsdefizit erkennen: Wo fühlt sich jemand nicht gesehen oder gewürdigt? 3. Wertedifferenzen aufspüren: Welche Überzeugungen prallen aufeinander? 4. Neue Gesprächsräume öffnen: Wie kann gegenseitige Anerkennung wieder möglich werden? Diese Haltung verändert Gespräche. Statt in Angriff oder Rückzug zu verharren, entsteht Bewegung – und ein offener Raum für ehrliche Begegnung.

Anerkennung im Alltag ermöglichen

„Hinter jeder Abwehr steckt ein nicht befriedigtes Bedürfnis nach Anerkennung“, weiß Strohschein. Für sie ist Anerkennung kein Kompliment, sondern eine Haltung. Menschen wollen mit ihrer Geschichte, ihren Werten und Grenzen angenommen werden. Im Alltag heißt das: nicht nur Leistungen würdigen, sondern auch Einstellungen, Ideen und Emotionen. Wenn Sie jemandem sagen: „Ich sehe, wie viel Geduld Sie in dieser Situation aufbringen“, dann schenken Sie eine Form von Anerkennung, die über Lob hinausgeht. Wichtig: Gönnen Sie sich auch selbst Anerkennung. Fragen Sie sich: Was habe ich heute gut gemacht – nicht perfekt, aber mit Herz? Selbst-Anerkennung ist kein Egoismus, sondern die Voraussetzung, um anderen auf Augenhöhe zu begegnen. Wer sich selbst nichts zutraut, kann äußere Anerkennung kaum annehmen. Tipp: Üben Sie anerkennendes Zuhören! Statt gleich zu antworten, hören Sie Ihrem Gegenüber gut zu. Statt zu werten, versuchen Sie zu verstehen. Das bedeutet nicht, allem zuzustimmen – sondern die Person hinter dem Argument zu sehen. So entsteht nicht unbedingt Konsens, aber echte Beziehung.

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