Estland: Warum sich eine Reise in den Norden lohnt

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WEIBLICHE WURZELN. Auf der Insel Kihnu können so auch Gäste durch die Landschaft düsen. Vor allem die Frauen bewahren mit Trachten, Handwerk und Liedern eine jahrhundertealte Kultur.

©Juhani Sarglep

Wer im Spätsommer einmal nicht Richtung Süden fährt, wird belohnt: mit viel Natur, spannender Kulinarik und typisch nordischer Gelassenheit.

Es riecht nach Rauch. Aber auch Aromen von Pfefferminze und Birkenblättern wabern durch den heißen Raum. „Jede Sauna ist anders, und jede Sauna verlassen wir selbst anders als davor“, sagt Reesi in die Dunkelheit hinein. Sie ist Meisterin der oft mehrstündigen Rauchsaunazeremonie, die hier in Estland eine lange Geschichte hat. „Das gemeinsame Schwitzen, Reden und Entspannen ist etwas zutiefst Spirituelles, Weibliches, und es ist am schönsten, wenn wir Frauen dabei ganz unter uns sind.“ Wie hoch der Stellenwert dieses Wellnessrituals in der Kultur und insbesondere für Frauen ist, bewies spätestens der preisgekrönte Dokumentarfilm „Smoke Sauna Sisterhood“, der 2023 international begeisterte. Dieses Ritual erklärt die Seele des Landes außerdem ziemlich gut. Traditionen werden hier hochgehalten und bis heute gelebt. Man ist eng mit der Natur und ihren Zyklen verbunden und geht es allgemein etwas ruhiger an. Dennoch setzt man die Segel auf Zukunft, hat moderne Ideen und ist offen für Neues. Diese Mischung macht Estland derzeit zu einer der spannendsten Destinationen – und das zu jeder Jahreszeit.

Leben und erleben

Wer nach Estland reist, bekommt statt des Hastens zwischen Sehenswürdigkeiten vor allem eines: Entschleunigung. Aber auch jede Menge Grün. Die Ostsee erreicht im Sommer angenehme 22 Grad, lockt mit beinahe menschenleeren Sandstränden und milden Temperaturen. In der „fünften“ Jahreszeit zwischen Winter und Frühling verwandeln sich die Moore des Soomaa-Nationalparks dann durch die Schneeschmelze in glasklare Wasserlandschaften, die am besten mit dem Kajak erkundet werden. Und auch ein Abstecher auf die Insel Kihnu lohnt sich. Nur wenige Kilometer vor der Küste gelegen, scheint die Zeit hier stillzustehen. Frauen in farbenfrohen Trachten zeigen den Gästen ihre Handwerkskunst, Musik und Bräuche, während alte Motorräder mit Beiwagen über die Straßen knattern. Die traditionelle Lebensweise von Kihnu gehört zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe. Zufall? Eher nicht, denn hier halten vor allem weibliche Bewahrerinnen seit Generationen die Fäden in der Hand.

Essen, das Welten verbindet

Kulinarisch ist im Land einiges in Bewegung. Vor allem die Hauptstadt Tallinn gehört inzwischen zu den spannendsten Hotspots für Foodies. Die Bandbreite reicht vom Restaurant UMA in einem ehemaligen Hafengebäude, in dem einst U-Boote für die russische Marine gebaut wurden, bis zur Brasserie Lee am Fuße der mittelalterlichen Stadtmauer. Im UMA steht „Unorthodox Modern Asian“ auf der Speisekarte: moderne asiatische Küche mit Gerichten zum Teilen. Die Brasserie Lee würzt die Gastroszene mit französischen Einflüssen und Meeresfrüchten aus dem baltischen Meer. Benannt ist das Restaurant nach der historischen Feuerstelle, an der Familien früher gemeinsam kochten und Geschichten erzählten. Hoch hinaus geht es im Restaurant des Fotografiska.

Auf der begrünten Dachterrasse des Fotomuseums genießt man nicht nur das Panorama, sondern auch eine kompromisslos saisonale Küche. Kräuter wachsen im eigenen Dachgarten, Bienen liefern dort den Honig, kompostiert wird direkt vor Ort. „Nach den Prinzipien ,Leaf to Root‘ und ,Nose to Tail‘ wird jede Zutat vollständig verwertet – sei es auf dem Teller oder in den Cocktails der Bar.

Wir möchten zu einer bewussteren Welt inspirieren, unnötiges Chichi brauchen wir nicht“, sagt die junge, bereits preisgekrönte Küchenchefin Gerli Travkin. Und wer es noch exklusiver mag, reserviert einen Tisch im Michelin-prämierten Restaurant 180° by Matthias Diether. Die Atmosphäre: chic, aber dennoch nicht zu steif.

Wald als Wohnraum

Preisgekrönte Küche findet man allerdings auch abseits der Hauptstadt – oft mitten im Wald. Im SOO Restaurant im Dorf Maidla, unweit von Tallinn, kann man sich entscheiden: Entweder speist man im Restaurant im historischen Gutshaus oder ganz privat in einer der drei Designvillen, die versteckt zwischen den Bäumen ein Höchstmaß an Ruhe bieten. Die verspiegelten ÖÖD Hötels setzen ebenfalls auf Cabins an abgelegenen Orten. Beim Bau wird auf möglichst wenig Eingriff in die Landschaft geachtet. Oft mit dabei: eine Rauchsauna. Sie ist aus Estland nicht wegzudenken. Hier gebaren Frauen früher sogar Kinder, und Verstorbene wurden ein letztes Mal gesalbt. „Leben begannen und endeten im Rauch – ein geschlossener Kreislauf“, sagt Reesi, als wir die Sauna verlassen. Sie summt ein altes Volkslied. „Und manchmal, da ist so ein Saunagang auch eine Art Wiedergeburt.“