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„Ohne Lebensstilwandel geht es einfach nicht!“

Theoretisch könnte es einfacher nicht sein: Wer seinem Körper weniger Kalorien zuführt, als er verbrennt, erzielt ein kalorisches Defizit – die Kilos purzeln. Dass die Praxis, wie so oft, eine andere ist, zeigt der Alltag von Yvonne Winhofer-Stöckl. Als Stoffwechselexpertin hilft sie Übergewichtigen beim Abnehmen. Warum das oftmals kein Leichtes ist und wie es dennoch klappen kann?


Prof. Dr. Yvonne Winhofer-Stöckl, PHD ist Fachärztin für innere Medizin. Als Endokrinologin und Stoffwechselexpertin ebnet sie Patientinnen und Patienten oft den Weg hin in ein leichteres Leben.
© Prof. Dr. Yvonne Winhofer-Stöckl, PHD ist Fachärztin für innere Medizin. Als Endokrinologin und Stoffwechselexpertin ebnet sie Patientinnen und Patienten oft den Weg hin in ein leichteres Leben. | © Matt Observe

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abnehmen.at/woman

Minus 10 Kilogramm Körpergewicht – so lautet der durchschnittliche Wunsch von Frau und Herrn Österreicher. Als Hauptmotiv nennen sie ganz klar die Ästhetik. „Vor allem die jüngeren Patientinnen und Patienten wollen sich in ihrem Körper in erster Linie wohler fühlen“, berichtet die Internistin Yvonne Winhofer-Stöckl. Mit Mitte 30 ändert sich das Motiv: „Meist ist es dann der unerfüllte Kinderwunsch, der zum Abnehmen motiviert.“ Erst im fortgeschrittenen Alter, wenn sich gesundheitliche Beschwerden wie Diabetes oder Bluthochdruck manifestieren, rückt der gesundheitliche Aspekt ins Visier. Für Winhofer-Stöckl nicht verwunderlich: „Viele der Betroffenen fühlen sich bis dahin nicht krank, da die Folgen erst später zum Tragen kommen.“

Die Schuld für das mangelnde Bewusstsein über die gesundheitlichen Folgen von Übergewicht sieht sie keinesfalls bei ihren Patientinnen und Patienten. Schließlich galt noch vor wenigen Jahren der Grundsatz „Rund ist gesund!“. Und das nicht nur im Laienjargon: „Dass der Anstieg des BMI linear mit gesundheitlichen Folgen zusammenhängt, mussten auch Ärztinnen und Ärzte erst erkennen.“ Nun liegt es in ihren Händen, durch Fingerspitzengefühl und verständliche Aufklärung die dringend notwendige Awareness für das Thema zu schaffen:

Ein Gespräch über Diät-Hürden, Übergewicht als Teufelskreis & die moderne Abnehmmedizin

Nur eine von zehn Diäten ist tatsächlich erfolgreich. Wie kann man sich das erklären?

Winhofer-Stöckl: Wir leben in einem sogenannten adipogenen Umfeld; in einer Welt, die uns dick macht – weil wir ständig dazu verleitet werden, uns möglichst wenig zu bewegen und hochkalorische Nahrung zu uns zu nehmen. Fassen wir letztlich den Entschluss, abnehmen zu wollen, gibt es neben all den Reizen, die uns umgeben, vor allem einen, der mit aller Kraft dagegenhält: unser Körper. Greifen wir seine Reserven an, indem wir weniger Energie zuführen, steigt automatisch das Verlangen nach Nahrung. Werden wir nun an jeder Ecke mit triggernden Reizen konfrontiert, intensiviert sich dieses Verlangen. Der Snack, der diesen Heißhunger letztlich befriedigt, ist nicht der Apfel mit 50 Kalorien, sondern das gefüllte Weckerl mit 500. Die Herausforderung ist es also, hier zu widerstehen und sich für die gesündere Alternative zu entscheiden.

Weshalb ist es für übergewichtige Menschen meist schwerer, Heißhunger-Attacken zu widerstehen und ihr Vorhaben umzusetzen, als für Normalgewichtige?

Winhofer-Stöckl: Eine entscheidende Rolle spielt das bei Übergewichtigen in größeren Mengen vorhandene viszerale Fettgewebe – die Medizin weiß, dass es sich bei dieser Art des Bauchfetts um ein wahres Hormonorgan handelt, das unermüdlich Stoffwechselsignale sendet. Stoffwechselsignale, die maßgeblich an der Steuerung unserer appetitregulierenden Zentren im Gehirn beteiligt sind. Genau genommen, liegt der Gewichtszunahme häufig eine Fehlregulation dieser teils im Magen-Darm-Trakt, teils durch Fettgewebe produzierten appetitregulierenden Hormone zugrunde. Heißt, je mehr Bauchfett vorhanden ist, desto höher ist die Produktion dieser Hormone – das Sättigungsgefühl bleibt aus, und wir haben Dauerhunger.

»Je mehr man wiegt, desto heftiger wird auch der Heißhunger – ein Teufelskreis.«

Prof. Dr. Yvonne Winhofer-Stöckl, PhD Internistin & Endokrinologin

Klingt nach einer Art Teufelskreis …

Winhofer-Stöckl: Genau, das Viszeralfett „füttert“ sich gewissermaßen selbst. Ein weiterer entscheidender Aspekt ist unser Insulinspiegel: Geben wir nämlich dem Heißhunger nach und greifen zu schnell resorbierbaren Kohlenhydraten wie beispielsweise Kuchen oder einer Pizzaschnitte, lassen diese den Blutzuckerspiegel rasch ansteigen – infolgedessen schüttet der Organismus große Mengen Insulin aus. Bis dieses nach rund zwei Stunden voll anschlägt, sind die kurzkettigen Kohlenhydrate bereits zum größten Teil resorbiert. Das nun anschlagende Insulin fördert somit einen Unterzucker, dem unser Organismus durch die Aufnahme weiterer schnell resorbierbarer Kohlenhydrate gegensteuern will – wir bekommen also Heißhunger auf Süßes. Teufelskreis trifft es somit ganz gut.

Scheint so, als wäre Abnehmen doch eine sehr komplexe Angelegenheit. Professionelle Hilfe bei einem Arzt oder einer Ärztin suchen jedoch die wenigsten. Welchen Vorteil haben Betroffene, wenn sie sich beraten lassen?

Winhofer-Stöckl: Die Medizin hat während der letzten Jahre viele Fortschritte auf dem Gebiet der Adipositasforschung verzeichnet – wir kennen heute eine Vielzahl der pathophysiologischen Mechanismen, die zur Entstehung beitragen, und haben damit auch erstmals Therapien, die tatsächlich greifen. Das große Problem in der Vergangenheit war nämlich, dass wir Ärztinnen und Ärzte die uns zur Verfügung stehenden Medikamente aufgrund zahlreicher Nebenwirkungen und ausbleibender Erfolge nicht gerne eingesetzt haben. Und weil es kaum Möglichkeiten gab, hat man sich oftmals nicht weiter damit befasst. Doch durch die moderne Abnehmmedizin und interdisziplinäres Tätigwerden kann man Patientinnen und Patienten heute zielgerichtete Konzepte anbieten – mit Erfolg.

»90 Prozent aller Diäten scheitern. Dafür verantwortlich: das Umfeld, in dem wir leben.«

Welche Vorteile bietet die moderne Abnehmmedizin im Vergleich zu früheren Optionen?

Winhofer-Stöckl: Früher gab es im Großen und Ganzen zwei Optionen: Das eine waren Präparate, die direkten Einfluss auf die Fettverdauung hatten – unschöne Nebenwirkungen wie nicht kontrollierbare Durchfälle waren die Folge. Die andere Möglichkeit lieferten zentralwirksame Medikamente, die das Hungergefühl unterdrückten. Diese brachten jedoch fatale Nebenwirkungen mit sich: Herzprobleme über schwere Depressionen bis hin zu erhöhten Suizidraten – für vier, fünf Kilo weniger wollte das verständlicherweise niemand verantworten. Die moderne Abnehmmedizin geht einen anderen Weg und setzt bei den Sättigungshormonen an – im Fokus steht dabei das sogenannte GLP-1, das durch eine Verringerung des Hungergefühls zu einer nachhaltigen Gewichtsabnahme beiträgt. Der große Vorteil: Man hat bereits jahrelange Erfahrung mit dem ursprünglich für die Behandlung von Diabetes zugelassenen Präparat und kennt damit die Erfolge ebenso wie die Nebenwirkungen, die zum Vorteil der Patientinnen und Patienten vergleichsweise gering sind.

Für wen kommt diese Möglichkeit infrage?

Winhofer-Stöckl: Grundsätzlich ist das Präparat ab einem BMI von 27 zugelassen und wird bis zu einem BMI von 40 erfolgreich eingesetzt – darüber hinaus zeigt die medizinische Datenlage, dass durch bariatrische Chirurgie die besten Erfolge erzielt werden. Wann GLP-1 zum Einsatz kommt, ist jedoch individuell zu entscheiden.

Klingt nach einem Wundermittel …

Winhofer-Stöckl: Ich würde eher von einem Gamechanger sprechen – die Therapie ermöglicht endlich die notwendige Umstellung der Lebensgewohnheiten. Ohne Lebensstilwandel geht es einfach nicht. Allerdings kann das Präparat Betroffenen helfen, den meist so schwierigen Start des Abnehmens zu schaffen und kritische Punkte, an denen das Gewicht stagniert, zu überwinden. Das motiviert Betroffene und verhilft zu einem gesünderen Leben.

Die Möglichkeiten der Abnehmmedizin auf einen Blick

Wer es bereits versucht hat, weiß, dass Abnehmen alles andere als ein Selbstläufer ist. So individuell die Ursachen für Übergewicht sind, so essenziell ist auch die individuelle Unterstützung. Welche Möglichkeiten es gibt:

Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie.

Ob Bewegungsmangel oder über viele Jahre angelerntes ungesundes Essverhalten – erfolgreiches Abnehmen scheitert oft an unseren Gewohnheiten. Genau hier setzen Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie an: Ein Ernährungsplan kann helfen, exzessive Kalorienzufuhr zu begrenzen, und ein individueller Bewegungsplan, den Energieumsatz durch Bewegung wie Ausdauer- oder Muskelaufbausport zu steigern.

Zusätzlich kann eine verhaltenstherapeutische Betreuung dabei unterstützen, erlernte Gewohnheiten rund um das Essen langfristig positiv zu verändern. Diese Methoden können Betroffene unabhängig vom BMI nutzen.

Abnehmmedikamente auf Rezept.

Ab einem BMI von 27 qualifiziert man sich in Österreich für Abnehmmedikamente auf Rezept – sogenannte Anti-Übergewicht-Medikamente. Sie wirken physisch gegen Appetit, Hunger und Heißhunger und sorgen für eine schnelle Sättigung beim Essen oder beeinflussen die Fettabsorbierung. Indem sie direkt auf den Körper einwirken, etwa auf den Hunger-Sättigungshaushalt, begrenzen sie die Kalorienzufuhr. Sie können helfen, Stagnation beim Abnehmen zu durchbrechen, hormonaktives Viszeralfett abzubauen und Ess- und Bewegungsgewohnheiten zu optimieren. Rezeptfreie Medikamente, die das Abnehmen unterstützen sollen, sind nicht an den BMI gebunden.

Bariatrische Chirurgie.

Liegt der BMI bei 35 oder höher, qualifiziert man sich hierzulande für die bariatrische Chirurgie, also operative Eingriffe, die die Kalorienaufnahme reduzieren. Dabei kommen insbesondere zwei Techniken zum Einsatz: Der sogenannte Magenbypass verringert operativ das Fassungsvermögen des Restmagens. Durch direkten Anschluss des mittleren Dünndarms an den Restmagen werden Nahrung und Verdauungssäfte erst im mittleren Dünndarm vermengt, mit dem Ergebnis, dass Nahrung nicht mehr vollständig aufgespaltet und resorbiert wird. Der sogenannte Schlauchmagen hingegen bedeutet die operative Entnahme von 90 Prozent des Magens, mit dem Ergebnis, dass der Appetit verringert und eine schnelle Sättigung ermöglicht wird.

Entscheidend für den Abnehmerfolg ist oftmals das Arzt-Patienten-Verhältnis – die richtige Ärztin, der richtige Arzt kann wegweisend sein.

arzt-finden.at

Weitere Infos unter abnehmen.at/woman

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