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Adrineh Simonian: Pornoregisseurin & Opernsängerin

#WOMANforWOMEN: Sie dreht feministische und experimentelle Pornos, die die Lust der Frau in den Fokus stellen. Die Geschichte einer faszinierenden Frau.

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Adrineh Simonian: Pornoregisseurin & Opernsängerin
© ©ArthouseVienna

Es ist fast nur das Schaben von besockten Füßen zu hören. Noch ein bisschen leises Murmeln aus dem Vorraum. Auch mal Lachen. Doch bei uns ist es ruhig, geschäftig zwar, weil jeder und jede, die langsam in den Raum schreitet, einen Platz zum Sitzen finden will. Eine geschäftige Ruhe eben, die es nur geben kann, wenn sich viele fremde Menschen in einem Raum versammeln, um von einem ebenfalls fremden Menschen etwas zu lernen.

Wir sitzen in der Schwelle Wien, einem Verein, der für Sexpositivismus, Diversität und den reflektierten Umgang miteinander steht. Wir warten auf Adrineh Simonian, Feministin, Ex-Opernsängerin und Pornoregisseurin mit armenischen Wurzeln. Im Rahmen des ersten Wiener Porno Film Festivals findet ihr Workshop "Wie dreht man einen Porno?" statt. Und deshalb sind wir da.

So dreht man einen Porno.

Und dann saust sie auch herein, die Grande Dame der Pornos. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet, trägt aber einen funkelnden, dicken Statement Ring. Ihr Make-Up ist ausufernd, dunkel und flößt Ehrfurcht ein. Ihre Haare sind eine Fusion aus grauen Strähnen, Stirnfransen und schwarzen Längen. Sofort nimmt sie den Raum ganz für sich ein, kein Wunder, schließlich war sie mal eine erfolgreiche Opernsängerin.

Ihre Art ist locker und selbstbewusst. Zu einer "Porno Film Festival"-Mitarbeiterin meint sie, sie müsse versuchen, uns mehr einzubinden. Aber ich glaube, viele von uns sind einfach froh, dass sie so viel zu sagen hat. Denn Adrineh ist eine Frau, der man zuhören will. Sie spricht von ihren eigenen Erfahrungen im Pornobusiness und darüber, wie sie überhaupt dazu gekommen ist.

Nach 15 Jahren des Singens auf den Bühnen der Welt, hat Adrineh umgelernt. Sie wollte Pornos machen, kannte aber selbst kaum welche. Vor allem keine feministischen, experimentellen. Also solche, die sie heute selber produziert. Sie wusste nur, dass sie keine Lust auf Mainstream-Pornos hatte. Mainstream-Pornos, in denen die Gesichter von jungen Frauen durch sexuelle Handlungen fast schon zerstört werden. Mainstream-Pornos, in denen jungen Frauen Schmerzmittel rund um den Anus injiziert bekommen, nur um den stundenlangen Analsex durchzuhalten.

»"Es geht darum, dass sich alle wohlfühlen."«

"Diese Mädchen kommen ans Set und denken, sie wurden für einen Blowjob gebucht. Sie unterschreiben den Vertrag, lesen ihn oft gar nicht durch. Und dann geht es wirklich mit einem Blowjob los und endet mit stundenlangem Analsex." , sagt Adrineh und ihre Worte verfehlen nicht die Wirkung. Sie wolle eine ethische Produktion, das sei das Wichtigste. Und deshalb arbeitete sie anfangs am liebsten mit LaiendarstellerInnen.

Sie verwendete Monate dafür, Menschen für ihr Projekt "Blackbox" zu finden. Die Blackbox ist ein Raum, der mit starren Kameras ausgestattet ist. Hier können sich Laien austoben, ohne von Kameraleuten oder anderen Menschen beobachtet zu werden. Für Adrineh geht es um den Kick, Menschen für sich zu gewinnen, die sonst niemals bei sowas mitgemacht hätten. Und kein Wunder, dass die Mitmachenden Adrineh vertrauen: Diese Frau ist so entwaffnend, dass ihr die meisten DarstellerInnen wohl schon nach einer halben Stunde bei Kaffee und Zigaretten ihre Lebensgeschichten offenbaren.

Arthouse Vienna: Experimenteller Porno aus Wien.

Mittlerweile macht die ehemalige Opernsängerin nicht nur ihre eigenen Pornos, sondern hat auch andere PornokünstlerInnen unter Vertrag genommen. Ihr Label Arthouse Vienna soll in den nächsten Jahren noch ausgebaut werden. Und dabei scheißt sie auf die Konventionen. Denn, wenn einer ihrer Darsteller keinen hochkriegt, da er so nervös ist, vor den Kameras, dann ist das kein Problem für sie: "Es geht darum, dass sich alle wohlfühlen."

Das bedeutet auch, dass alle genau so Sex haben dürfen, wie sie das möchten. Dabei verweist sie auf das Dogma, dem sich andere Pornoregisseurinnen, wie Petray Joy oder Erika Lust, verschrieben haben: Keine Ejakulation ins Gesicht einer Frau. Dies würden sie als abwertend und unterdrückend empfinden. Auch für Simonian gibt es Grenzen, aber keine Dogmen: "Kaviar machen wir nicht. Aber wenn ich ein Pärchen habe, das seit 15 Jahren zusammen ist und sie liebt es, wenn er ihr ins Gesicht kommt, warum soll ich ihnen das dann verbieten?"

Man merkt nach einiger Zeit, dass manche im Publikum nicht so einig sind mit Adrinehs Herangehensweise. Es wird von Produktionskosten und Verträgen gesprochen . Bei ihren Filmen gibt es auch Verträge, doch die DarstellerInnen haben immer die Möglichkeit, sich aus der Affäre zu ziehen. Verpflichtend ist für die Mitmachenden nur eins: Ein medizinischer Check-Up. Getestet wird auf HIV, Hepatitis, Genitalherpes, Gonorrhoe und Syphilis. Ohne Papiere gibt es auch keinen Sex.

»"Das wollen die Leute einfach nicht mehr sehen."«

Und das ist sogar tatsächlich schon einmal passiert. Bei einem Dreh der "Blind Date"-Reihe, wo fremde Menschen aufeinander treffen und ohne Worte miteinander schlafen, brachte der Mann keine Papiere mit. Doch statt zu verzweifeln, machte das Team einfach Folgendes: Das Paar wurde angewiesen, keinen Sex und Oralsex zu haben. Alles andere sei okay. Das Ergebnis dieses Experiments kann man sich auf der Arthouse Vienna Seite kaufen. Adrineh Simonian ist sich sicher, dass sich ihre Art des Pornos weiterhin rentieren wird. Und das zeigen auch die Verkaufszahlen auf ihrer Webseite. Interessant ist, dass die Filme mit den Ü-30-DarstellerInnen besonders gut ankommen.

"Wir hatten da mal ein Pärchen, Anfang 20, das unbedingt bei Blackbox mitmachen wollte. Eigentlich finde ich die zu jung, hab dann aber zugestimmt. Wir haben den Film auch auf unsere Seite genommen und erstaunlicherweise haben ihn nur zwei Menschen gekauft. Meine Theorie: Die heutigen 20er wachsen mit Mainstream-Pornos auf und glauben, dass Sex so ausschauen muss. Die zwei im Video haben ausgesehen, als würden sie einen Porno nachspielen. Und das wollen die Leute einfach nicht mehr sehen." , folgert sie. Auf jeden Fall wird sie diesen Weg weitergehen und sich noch mehr Porno-Experimente einfallen lassen. Menschen, die mitmachen wollen, wird sie sicherlich auch finden, schließlich schreiben ihr täglich Fans und BefürworterInnen.

Wir merken nur durch das Schaben, Lachen und Klatschen aus den Nebenräumen, dass die Zeit für den Abschied gekommen ist. Kurioserweise klatscht bei uns niemand. Ich glaube, Hurricane-Adrineh hat uns alle ganz schön durchgewirbelt und wir müssen erst unsere Gedanken sammeln. Da ich das Glück hatte, bei einem ihrer Drehs dabei zu sein, gehe ich zu ihr, um sie zu begrüßen. Sie schließt mich in ihre Arme, als wäre ich eine alte Schulfreundin. Und ich weiß, dass diese Frau nur einen Kaffee und eine Zigarette ihrerseits braucht, um auch mir das Gefühl zu geben, ich sei willkommen. Wehren ist zwecklos.