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Wenn Leidenschaft und Liebe verwechselt werden

Hast du auch manchmal richtig große Lust auf Leidenschaft? Auf dieses Gefühl, das sich kaum zähmen lässt? Manche nennen es auch Begierde. Geilheit. Ekstase. Viele sagen Verliebtsein dazu. Aber gibt es das eine ohne das andere?


Wenn Leidenschaft und Liebe verwechselt werden
© iStock

Kennst du es, wenn dein Herzschlag sich rasant erhöht, dein Blut durch den Körper wallt bis es in deinen Ohren rauscht? Manchmal reicht ein Gedanke, und in gewissen Körperregionen wird es so heiß, dass es kaum auszuhalten ist: Von dort können sich jederzeit und nicht steuerbar vulkanähnliche Eruptionen von Glut und Hitze unmotiviert frei setzen, die dich voll in Vibration bringen.

Leidenschaft kann ein Rausch von sinnlichen Gefühlen sein

... der dich überschwemmt und fortträgt. Kennst du diese Gefühle, wie es ist, wenn dich jemanden unendlich begehrt? Und du ebenfalls das Glück hast, diesen Menschen zu begehren? Wenn du an kaum etwas anderes denken kannst? Vielleicht keinen Hunger mehr hast, kaum noch Schlaf benötigst und trotzdem unendliche Energie freigesetzt wird? Dafür ist dann ein Füllhorn von Endorphinen, Dopamin, Oxytocin, Adrenalin und alle möglichen anderen biologisch selbst produzierten legalen Drogen deines Körpers verantwortlich.

Hm, ja, viele von uns lieben diese Phasen des Lebens, wenn wir uns intensiv gesehen, begehrt, geliebt, unendlich reich, pulsierend, vibrierend… fühlen. Dann spürst dich ganz intensiv als Frau (oder Mann) und möchtest dich vielleicht nur noch hingeben oder verschmelzen. Es ist ein Geschenk, das du einfach bekommen hast und nicht steuerbar. Wir hoffen und wünschen uns dann oft, es bleibt ewig so.

... oder auch Angst machen

Ja, es gibt auch Menschen, denen Leidenschaften nicht ganz geheuer sind oder sogar richtig Angst machen können, denn, das was in solchen rauschähnlichen Zuständen eher nicht ganz möglich ist, sind Kontrolle und logisches Verhalten. Manchmal ist es auch so, dass wir uns zwar sehr wohl starke Gefühle wünschen, aber am liebsten gesteuert. Also nur dann, wenn Mensch, Zeitpunkt und auch sonst einiges passen.

Auch Singles haben da oft eine sehr klare Vorstellung von dem, was sein oder nicht sein darf und sehen manche Überraschungen des Lebens deshalb erst gar nicht. Natürlich gibt es immer wieder logische Gründe, eine Leidenschaft nicht leben zu wollen. Vielleicht, wenn der begehrte Mensch das bisherige Leben durcheinander bringt, weil wir vielleicht schon in einer Beziehung sind? Oder es unverrückbare und unmögliche Rahmenbedingungen wie verschiedene Wohnorte, Zeitmöglichkeiten oder was auch immer, sehr schwierig machen, uns diesen Gefühlen hinzugeben? Ja, manchmal ist es entschieden klüger, eine Leidenschaft verglühen zu lassen.

Wird aus Leidenschaft Liebe?

Wir wollen glauben, wenn ein enormer leidenschaftlicher Rausch uns hochhebt und auflöst, so pulsierend lebendig macht, dann ist das Liebe, ja, es muss wohl eine richtig große Liebe sein. Wir träumen und projizieren. Wir sind meist richtig „neben der Spur“ und finden es sehr schön da.

Ja, klar, Leidenschaft ist eine sensationelle Möglichkeit jemanden mit Haut und Haaren und allen Sinnen kennenzulernen.
Ja, es kann daraus eine Liebe wachsen, vielleicht ist ja oft sogar die Basis für so eine Leidenschaft eine Art Liebe. Muss es aber nicht. Heute weiß ich: Ja, das kann sein.

Aber manchmal ist es genau das, was es auch sein kann, nämlich Leidenschaft, Anziehung, Chemie. Ohne Liebe. Ein plakatives Bild dazu: Leidenschaft ist wie eine helle Flamme, groß, knisternd, die mit viel Luft lodert. Ob eine haltbare Glut wie Liebe übrig bleibt? Eine, die wir immer wieder mit Aufmerksamkeit und Hinwendung neu zum Lodern bringen wollen?

Was eine Liebesbeziehung möglich macht

... sind oft Ähnlichkeiten der Werte, der Vision bzw. Wünschen eines Zusammenlebens, von Humor, der Lebenseinstellung oder auch von Lebensgewohnheiten, gemischt mit auch unterschiedlichen, manchmal herausfordernden Charakterstärken und der Freude, sich mit dem anderen Menschen auseinanderzusetzen. Dem Wunsch, mit dem anderen Nähe zu leben, ob körperlich, geistig, emotional, spirituell oder wie auch immer.

Das und anderes mehr sind ein Gerüst, das sich in ganz vielen anderen bunten Möglichkeiten entfalten kann. Ganz besonders schön ist es, wenn wir viel von dem auch wahrnehmen, thematisieren oder gestalten, wenn wir im Rausch der Leidenschaft aufblühen.

Braucht es immer Leidenschaft, damit Liebe entstehen kann?

Leidenschaft, Begeisterung, Lust sind Themen, die viele von uns beschäftigen. Wie schön, dass es auch hier kein Patentrezept gibt, das für alle gilt. Jedoch glauben viele - vielleicht weil das in fast allen Filmen und Büchern so oft suggeriert wird - zu Beginn des Kennenlernens, aber zumindest dann, wenn es zu einer Liebesbeziehung kommen soll, braucht es einen leidenschaftlichen Rausch. Das braucht es jedoch nicht immer gleich, sondern einfach eine gewisse Sympathie.

Wie beispielsweise bei dem einen Paar, welches seit vielen Jahren überwiegend glücklich ist, die sich beim Kennenlernen nicht auf Anhieb mochten. Er war „schrecklich arrogant“ – hatte seine Unsicherheit versteckt und später erst den Mut gehabt, sich zu zeigen. Viele Menschen haben erlebt, dass es nicht immer Liebe auf den ersten Blick sein muss. Manchmal entsteht Liebe aus dem langjährigen KollegInnenkreis, in der Nachbarschaft oder auch einer guten Freundschaft heraus. Schaut oder hört euch mal um - wie ist das mit „tausend mal berührt, tausend mal ist nix passiert... und dann hat es zoom gemacht?“

Erwartungen an Leidenschaft killen Möglichkeiten der Entwicklung einer Liebe

Heute sind die Erwartungen „sofort zu wissen oder zu spüren“, ob das Gegenüber einE potenzielleR Lust- oder Liebes-PartnerIn sein kann, sehr weit verbreitet. Viele erwarten wirklich „Liebe auf den ersten Blick“. Das hat sicherlich auch mit den scheinbar unendlichen Möglichkeiten des Online-Daten zu tun. Der Radius ist ja auch viel größer geworden, in dem wir suchen können.

Viele sehen und glauben zu wissen, wenn nicht gleich irgendwas in uns anspringt, ziehen wir weiter. Diese Herangehensweise macht es nicht unbedingt einfacher und zufriedener.

Ist die Liebe vorüber, wenn die Leidenschaft geht?

Zu oft denken wir, wenn das Begehren nicht mehr ist, ist die Liebe dahin. Ist das so? Wirklich? Immer? Es kommt, öfter als wir wollen, zu beiderseitiger Ernüchterung und Enttäuschung, wenn dieser leidenschaftliche Rausch nach einiger Zeit von alleine nachgelassen hat.

Das muss natürlich nicht sein, vielleicht gehörst du zu den Menschen, bei denen auch Anziehung und Lust auf einander über viele Jahre ganz von alleine und gut funktionieren. Das ist ein ganz wunderbares Geschenk - oder auch bewusst von dir und euch gestaltet. Ja, richtig gelesen, leidenschaftliche Lust lässt sich auch gestalten.

Nein, natürlich ist die Liebe nicht vorüber – Leidenschaft lässt sich beleben

Lust und Leidenschaft ist nichts, was von selbst dauerhaft einfach da ist. Wenn doch, macht ihr vielleicht unbewusst ganz viel richtig - herzliche Gratulation! Es braucht verschiedene Faktoren, wie bewusste Zeit miteinander, Zweisamkeit ohne belastende Alltagsgespräche, Gelegenheiten für gemeinsame neue Erlebnisse, den gegenseitigen Wunsch, den oder die andereN zu stärken, liebevoll zu fordern und zu fördern.

Aber auch bewusste Entscheidungen, die eigene Sinnlichkeit wieder zu genießen und auch den oder die andereN gut spüren zu wollen. Natürlich gibt es immer wieder Lebenssituationen, in denen ganz andere Dinge wichtiger sind. Aber wenn wir wollen, können wir immer wieder neue Spielräume zu Lust und gelungener, leidenschaftlicher Sexualität öffnen.

Über die Autorin:

Nicole Siller bietet psychologische Beratung, Sexualberatung und systemisches Coaching an. Sie ist Autorin von „Finde deine Lust!“ - das Praxisbuch für weibliche Sexualität.

Jeden letzten Donnerstag im Monat, findet von 19.00 - 21.00 Uhr in ihrer Praxis im geschützten Rahmen ein offener Abend (ANMELDUNG!) zum Thema „Frauengespräche über Sex und Sinnlichkeit“ statt. Alles dazu sowie Infos zu individueller Beratung, zu ihrem Blog und Kursen gibt's auf lebendich.at..

Thema: Liebe

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