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Waldorfschule: Einzigartigkeit steht im Fokus der Waldorfpädagogik

Die Entfaltung als einzigartiges Individuum und eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung steht im Fokus der Waldorfpädagogik. Was einige kritisch beäugen, weil unabhängige Kontrolle von außen bei Lehrplänen und Zielen fehlt, findet andererseits unter bekannten Persönlichkeiten immer mehr Zuspruch. Wir sprechen über Vor- und Nachteile der Waldorfschule, Lernziele und Kritik am pädagogischen Konzept.

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Waldorfschule
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Im Waldorfbund Österreich befinden sich 19 Schulen. Dabei stehen die Schulen grundsätzlich allen Kindern offen, unabhängig von Religion, ethnischer Herkunft, Weltanschauung und auch dem Einkommen der Eltern. Das Motto der Waldorfschulen: Jeder Mensch ist einzigartig und soll sich individuell und vielseitig entfalten können.

Das Konzept hinter der Waldorfschule

So ist das Ziel der Schulausbildung intellektuelle, kreative, künstlerische, praktische und soziale Fähigkeiten bei den Kindern und Jugendlichen zu entwickeln. 12 Jahre dauert die (Aus-)Bildung an einer Waldorfschule. Dabei ist ein Sitzen bleiben nicht möglich.

Der Lehrplan ist auf die Entwicklungsphasen junger Menschen abgestimmt und der Waldorfpädagogik entsprechend, sollen die Kinder ganzheitlich auf das Lernen für das Leben und nicht für die Schule vorbereitet werden. Ziel ist zum selbstständigen Handeln und Urteilen zu ermutigen.

Fremdsprachen, sogenannter Epochenunterricht (das intensive Arbeiten an jeweils einem Fachgebiet über mehrere Wochen hinweg) oder auch Ethikunterricht finden sich in Waldorfschulen auf dem Lehrplan.

Lernziele und Waldorfpädagogik

Dabei trifft das Motto "für das Leben und nicht für die Schule lernen wir" auf die Pädagogik der Waldorfschule zu. So sollen die Kinder ganzheitlich und anthroposophisch (nach Waldorf-Begründer Rudolf Steiner: "Bewusstsein des eigenen Menschentum") unterrichtet werden.

Hier ist ein wichtiger Grundpfeiler die Menschenbildung und Persönlichkeitsentwicklung durch das Kennenlernen der vier Temperamente Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker und Phlegmatiker. Der Unterricht passt sich dabei der Entwicklung des Kindes an. So stehen Fremdsprachen – die langsam durch Gedichte vermittelt werden – und rhythmische Spiele ab der ersten Schulstufe auf dem Lehrplan.

Auch die sogenannte Eurythmie bei der Kinder erlebte Musik und Sprache über selbst ausgeführte Bewegungen und gemeinsamen Tanz ausdrücken ist ein Teil des Unterrichts. Lehrausflüge, Praktika im Bereich Forst-, Sozial- und Landwirtschaft während der Oberstufe sollen den Unterricht lebensnaher gestalten.

Enge Zusammenarbeit & Eigenständigkeit

Darüber hinaus zeichnet eine enge Zusammenarbeit zwischen Schülern:innen, Lehrer:innen und Eltern mittels regelmäßige Schüler-Lehrer-Elterngespräche, Monatsfeiern gemeinsam mit den Eltern oder auch gemeinsam gestaltete Schulfeste den Ablauf einer Waldorfschule aus.

Dabei werden Themen in Projekten erarbeitet, die gemeinsam diskutiert werden. Dies soll auch den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zum Klassenlehrer, der zugleich auch eine Vorbildfunktion hat, erleichtern.

Ganz allgemein soll verfrühte Abstraktion vermieden werden. Denn nach Ansicht der Waldorf Pädagogik ermüdet abstraktes Lernen. Doch die geistige Beschäftigung mit Künstlerischem beflügelt. Weshalb eigenständiges Probieren und Fühlen, sowie das Erkunden der Natur am Lehrplan stehen.

Waldorfschule: Der Lehrplan

Der Lehrplan der Waldorfschule beinhaltet das Erlernen verschiedenster Fremdsprachen, neben Englisch kann zwischen Französisch, Russisch oder Latein gewählt werden, ebenso wie Theaterspielen oder auch Chor und Orchester. Darüber hinaus werden Leseförderung, Bewegungstherapie und Einzelförderstunden angeboten.

Ebenso ist es möglich in der Waldorfoberstufe eine anerkannte Matura abzulegen. Dies wird durch den sogenannten öffentlichen Lehrplan ermöglicht. Dabei ist das Ziel des Lehrplans das Bewusstsein und das Verständnis für andere Verhaltensweisen zu fördern. Dadurch sollen die Schüler:innen trotz ihrer ausgeprägten kritisch-moralischen Haltung Toleranz üben.

Waldorf vs. Montessori

Wer darüber nachdenkt sein Kind in eine anderen Schulform als in Regelschulen wie (Mittelschule oder auch AHS) unterzubringen, hat vielleicht auch schon über Montessorischulen nachgedacht. Hier ein kurzer Vergleich zwischen Waldorf- und Montessorischulen.

Wer leitet das Lernen: Während in der Waldorfschule die Beziehung zu Lehrer:innen und Klassenvorständen überaus wichtig ist, diese das Lernen leiten, geht man in Montessori Schulen von der Überzeugung aus, dass die Schüler:innen selbst entscheiden was sie wann lernen wollen.

Lehrplan: Waldorfschulen haben einen ziemlich starren Lehrplan, der auf der Grundlage dessen erstellt wurde, was für jede Klasse oder Schüler:in als entwicklungsgerecht angesehen wurde. Montessori-Schulen haben einen Lehrplan, aber die Schüler:innen werden ermutigt, ihr tägliches Lernen mit den Ressourcen zu leiten, die ihnen im Klassenzimmer zur Verfügung gestellt werden.

Lerninhalte: Montessori legt großen Wert auf praktische Fähigkeiten oder "Arbeit" und eine Verbindung zur realen Welt und zu Fakten von einem sehr jungen Alter an. Im Vergleich dazu geht die Waldorfphilosophie davon aus, dass junge Schüler:innen stark von Fantasie und imaginärem Spiel profitieren. Deshalb wird bei jüngeren Schüler:innen der Schwerpunkt auf Spiel, Geschichten, Musik und Kunst gelegt. Während der öffentliche Lehrplan, das Erlernen von Fakten für ältere Schüler:innen vorgesehen ist.

Für welche Kinder eignet sich die Waldorfschule?

Wie eingangs erwähnt, stehen Waldorfschulen grundsätzlich allen Kindern offen – unabhängig von Religion, ethnischer Herkunft, Weltanschauung und Einkommen der Familie. Vor Schulbeginn und Anmeldung finden Informationselternabende statt und danach gibt es für jedes Kind ein individuelles Aufnahmegespräch an der Schule.

Kinder, die Themen gerne künstlerisch erarbeiten, auch Freude am Musizieren haben sind an einer Waldorfschule sicher gut aufgehoben. Auch in der Eurythmie sieht wahrscheinlich nicht jedes Kind etwas Sinnvolles für sich.

Darüber hinaus sollten Schüler:innen sich mit dem Epochenunterricht gut arrangieren können. Denn liegt einem Kind diese Art des Themen erarbeiten nicht, wird der Unterricht in einer Waldorfschule wahrscheinlich nicht der richtige sein, gleiches gilt für Projektarbeiten, die gemeinsam diskutiert werden. Auch die enge Bindung zu wenigen Lehrer:innen ist nicht für jedes Kind wichtig.

Waldorfschule kritisch betrachtet

Die wohl größte Kritik am Waldorf-System ist das Manko an Transparenz und Kontrolle. Denn die Schulen unterliegen keiner unabhängigen Kontrolle von außen. So liegen Lehrpläne nicht öffentlich vor, diese hängen ausschließlich von den Lehrer:innen ab. Ebenso fehlen Schulbücher, die Schüler:innen schreiben auf, was das Lehrpersonal vermittelt.

Der Bildungsforscher Stefan Hopmann meinte dazu in einem Interview einmal: "Die Schwierigkeit dabei ist, dass die Steiner Schulen systematisch einen vernünftigen Einblick von außen verhindern."

Darüber hinaus wird auch oftmals das fehlende Allgemeinwissen kritisch hinterfragt. Da Schüler:innen dadurch über keine fundierten Grundkenntnisse in allen Bereichen verfügen. Die Schüler:innen erlangen zwar in einigen Bereichen vertiefte Kenntnisse, haben jedoch in manch anderen Themengebiet deutliche Lücken. Auch dadurch kann sich ein Wechseln in eine reguläre Schule schwierig gestalten.

Die mitunter größte Kritik besteht allerdings darin, dass das Lehrpersonal an Waldorfschulen nicht immer ausreichend ausgebildet ist. Denn wer Lehrer:in an einer Waldorfschule werden möchte, benötigt dafür kein klassisches Studium, was das Vermitteln von Lerninhalten erschweren kann.

Vor- und Nachteile

Vorteile:

  • Kein Leistungsdruck: Keine Schulnoten, kein Sitzenbleiben, stattdessen das individuelle Eingehen auf jede/n Schüler:in
  • Konstante Klassengemeinschaft: Von der ersten bis zur zwölften Klasse
  • Fremdsprachen ab der ersten Klasse
  • Individuelle Lerninhalte: Eingehen auf die Fähigkeiten der einzelnen Schüler:innen
  • Epochenunterricht: Der Fokus kann für einige Wochen auf ein Thema gelenkt werden. Dies ermöglicht das konzentrierte Erarbeiten von Lerninhalten.
  • Praktika: Während der Schulzeit sind mehrere Praktika, beispielsweise in landwirtschaftlichen und sozialen Bereichen, vorgesehen. Dies soll eine berufliche Orientierung erleichtern und auch soziale Kompetenzen fördern.

Nachteile:

  • Keine Schulbücher und Computer: Nicht nur auf Schulbücher wird bis zur Mittelstufe in der Regel verzichtet, auch der Umgang mit elektronischen Medien ist für zur elften oder zwölften Klasse nicht vorgesehen.
  • Probleme mit den Lehrer:innen: Da ein enger Bezug zu den Lehrer:innen, besonders auch Klassenvorständen besteht, kann es für Schüler:innen schwierig werden, wenn das Verhältnis nicht passt. Vor allem, da Lehrer:innen ihre Schüler:innen für viele Schulstufen hinweg begleiten.
  • Zweifelhafte Lerninhalte: Ob anthroposophische Theorie oder rhythmische Bewegungstechniken (Eurythmie), einige Theorien und Lernmethoden sind umstritten
  • Fehlende Allgemeinbildung: Ebenso wird Kritik an der fehlenden Vermittlung von Allgemeinwissen geübt.
  • Kosten: Zwar erhalten Waldorfschulen auch staatliche Mittel, aber nicht zur Gänze, die Finanzierung erfolgt auch über Schulgelder. Dies macht den Besuch nicht für jedes Kind möglich.

Thema: Schule
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