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Warum ich mich seit Jahren nicht mehr auf die Waage stelle

Eine Redakteurin erzählt über den jahrelangen Kampf mit ihrem Gewicht und sie hat gute Gründe, warum auch du aufhören solltest, dich auf die Waage zu stellen!

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Warum ich mich seit Jahren nicht mehr auf die Waage stelle

Warum eure Waage absolut nichts über eure Figur aussagt

© Photo by i yunmai on Unsplash

Ich kann mich noch genau erinnern, als ich zum ersten Mal vor dem Spiegel stand und nicht mehr nur mich, sondern vor allen Dingen einen Körper sah. Ich muss 13 gewesen sein. Ich kniff in meine Oberschenkel. So fest, bis es weh tat. Zwischen Zeigefinger und Daumen formte sie sich,- die Orangenhaut, über die sich meine Mutter immer so ärgerte. Ich war damals größer als die meisten meiner Mitschüler und Kategorie spindeldürr. Mein Wachstumsschub bescherte mir hervorstehende Hüftknochen, aber eben auch Dehnungstreifen und einen weiblicheren Po - und noch immer keine Brüste. Ich war 13 Jahre alt und zum ersten Mal unzufrieden mit meinem Körper.

Ich wurde 16 und war noch immer superschlank. Ich inhalierte alles, was ich an Essen in die Finger bekam, was meinem pubertärem Stoffwechsel aber glücklicherweise völlig egal war. Das kann ich jetzt sagen. Im Nachhinein. Wenn ich an meine 24er Jeans denke, in die ich locker hineinpasste. Damals? Damals fühlte ich mich fett . Die Zeit der Kardashians mit ihren ausladenden Hintern lag noch vor uns. Es waren die 00er Jahre. In den 2000ern zählten Brüste. Und die hatte ich auch mit 16 noch nicht. Die Lösung? Diät. Das "Brigitte Diät "-Buch meiner Mutter aus den Neunzigern musste dafür reichen. Im Klartext bedeutete das für mich eine Kalorienzufuhr von täglichen 1000 Kalorien. Weil ich irgendwo gelesen hatte, dass man nach 18:00 besser überhaupt auf Nahrung verzichten solle, wurden daraus schnell 800 Kalorien. 800 Kalorien und eine Kilozahl, die ich mir von nun an als Ansporn mit Kajal auf meine Kinderzimmerspiegel schrieb. Zu dieser Zeit begann die Hassliebe zu unserer Waage.

Gewicht: Eine Zahl bestimmt das Glück

Mehrmals täglich kontrollierte ich jetzt mein Gewicht. Es war nichts anderes als zwanghaft. 200 Gramm mehr oder weniger entschieden über meine jeweilige Tagesverfassung. Das Kribbeln, dass ich jedes einzelne Mal spürte, wenn sich die Zahlen rot am Display formten war mir kein Warnzeichen, sondern mein ganz persönlicher Adrenalinkick. 50 Kilo - das war die magische Zahl, die mich glücklicher, schöner, beliebter und begehrenswerter machen sollte. Spoiler: Ich wurde mit den paar Kilos weniger auch nicht glücklicher.

Die Waage als Übergepäck

Das alles änderte sich auch nicht, als ich zum Studieren daheim auszog. Es wurde nur schlimmer. Mein Stoffwechsel war immerhin nicht mehr ganz so gnädig wie in meiner Pubertät. Ich nahm meine eigene Waage in den Ferien sogar mit nach Hause zu meinen Eltern, weil sie genauer war, als die in meinem Elternhaus. Die Waage bestimmte. Sie bestimmte, ob ich mich in meinem neu gekauften Kleid gut fühlen würde. Sie bestimmte, ob ich beim Weggehen tanzen und Spaß haben würde. Ja einmal bestimmte sie sogar darüber, ob ich zu dem Vorstellungsgespräch für einen Studentenjob gehen würde. Ich ging nicht. Mir war die absolute Lächerlichkeit meiner Handlungen bewusst. Aber ich konnte trotzdem nicht anders.

Gestörtes Essverhalten gibt es auch bei Normalgewichtigen

Ich war während dieser ganzen Zeit im Übrigen nie übergewichtig – nicht einmal annähernd. Aber eben auch nicht zu dünn. Gestörtes Essverhalten und eine gestörte Beziehung zu seinem Körper gibt es auch bei Normalgewicht. Das gestand ich mir irgendwann ein. Nach Jahren, die von Selbsthass, peinlich genau aufgeschriebenen Oberschenkelmaßen, Suppen- und Trinktagen geprägt waren, fütterte ich meine Waage irgendwann nicht mehr mit einer neuen Batterie und weiß seit nunmehr fünf Jahren nicht, was ich wiege. Ich kann es noch nicht mal erahnen. Bei der letzten Gesundenuntersuchung bat ich den Arzt, mir das Gewicht, nicht zu sagen – und schloss auf der Waage meine Augen.

Wieder ein Extrem? Vielleicht. Es sind aber gerade die letzten fünf Jahre, die mich gelehrt haben, meinen Körper zu akzeptieren, ja sogar ein bisschen zu lieben. Wir wissen es alle: Die Waage sagt absolut nichts über unserer Figur aus. Unsere Figur sagt wiederum absolut nichts über uns aus. Und ein bisschen mehr Selbstliebe würde die Welt zu einer besseren machen. (Das mit der Waage sieht Kate Winslet übrigens auch so!)

6 Dinge, dich ich heute weiß

1. Die Waage lügt

Muskeln sind schwerer als Fett. Punkt. Und weil Fett viel mehr Platz braucht, als Muskelgewebe, passen uns zu eng gewordene Hosen nach regelmäßigem Training plötzlich wieder, obwohl sich die Zahl auf der Waage nicht geändert hat, oder sogar größer geworden ist.

Mein Gewicht war lange der Grund, warum ich auf zu Kraftsport verzichtet habe und mich lieber am Laufband quälte. Eine nichtssagende Zahl störte meine Wahrnehmung derart, dass ich die positiven Veränderungen meines Körpers gar nicht sah. Nehmt euch selbst wahr, schaut, wie ihr euch in eurem Körper fühlt. Eine Waage sagt nur wenig über eure Gesundheit oder euren Körper aus! Ihr wollt eure Fortschritte unbedingt messen? OK, dann greift doch mal zum Maßband.

Bestes Beispiel? Kelsey Wells:

2. Zahlen im Generellen sagen nicht viel aus

Ich habe in meinem Schrank Jeans in der Größe 36, Kleider in XS aber auch Hosen, die in einer 40 noch recht stramm an den Oberschenkeln sitzen. Und? Weiter?

3. Die Waage nimmt dir Motivation und Freude

Jeder Tag, an dem du gut zu deinem Körper bist, dich bewegst und ausgewogen isst, ist ein guter. Warum lässt du dich von einem seelenlosen Teil eines besseren (schlechteren!) belehren? Die Waage sagt dir nicht, wie gut du in deiner neuen Hose aussiehst und wird dir sicher auch keinen Schultertätschler geben, wenn du einen neuen Rekord beim Bankdrücken aufstellst.

4. Die Waage setzt dir falsche Ziele

Du gehst brav trainieren, ernährst dich gesund und auf deiner Waage tut sich nichts? Die Versuchung ist groß, deshalb weniger zu essen und noch mehr Cardio zu machen. Das ist mit Sicherheit kein gesundes Verhalten und bringt dir auf lange Sicht auch sicher nicht die Ergebnisse, die du dir wünscht.

Höre auf deinen Körper. Er braucht Treibstoff zum Überleben und es ist absolut notwendig ausreichend zu essen, um effektiv trainieren zu können und dauerhafte Ergebnisse zu erzielen. Die Waage wird nicht da sein, um dir zu helfen, wenn du dann auf dem Laufband ohnmächtig wirst.

5. 10 Kilo weniger machen dich nicht glücklicher...

Lies das von einer Redakteurin für ein Frauenmagazin: Hör nicht auf die Zeitschriften, die dir sagen, dass du nur noch eine Diät von deinem Glück entfernt bist. Ich habe gerade 60 Kilo. Vielleicht auch 63 oder 58. Ich weiß es ehrlich nicht. Aber eines weiß ich ziemlich genau: Mit 50 Kilo war ich NICHT glücklich. Ich war getrieben, angespannt und hasste mein Aussehen mehr, als ich es heute jemals könnte. Schokolade hätte damals sicher geholfen. Die habe ich mir aber verboten.

6. ...und Cellulite hat JEDE

Meine Dellen schrumpften nämlich auch bei 50 Kilo nicht wirklich. 90 Prozent aller Frauen haben Cellulite. Das liegt ganz einfach an unserem Bindegewebe. Wir „leiden“ also nicht daran – es ist schlichtweg normal. Beyoncé, Bella Hadid, meine beste Freundin, ich, meine Mama – wir alle haben Dellen.

Dass Artikel, die mit „Cellulite-Alarm“ getitelt werden, nicht unbedingt förderlich dabei sind, seinen Körper zu lieben, ist klar. Tut uns also einen Gefallen und geht mit gutem Beispiel voran. Zeigt euren Töchtern eure Dellen mit Stolz. Versteckt euch am Badesee nicht unter einem Kaftan, und steht zu eurem Körper. Wenn schon nicht für euch, dann für das Selbstbewusstsein einer ganzen kommenden Generation. So schmalzig das klingen mag!