
IMMER MIT AUGENZWINKERN. Nach den witzigen Kunstwerken des ortsansässigen Künstlers Jean Jullien sollte man im Jardin des Plantes Ausschau halten.
©Garance Wester / Nantes MétropoleVom unscheinbaren Industriestandort zur kreativen Pionierin: Nantes setzt auf Kunst, Food-Events und ein inklusives Stadtbild. Gründe genug, um die französische Hafenstadt vor den Vorhang zu holen.
-Text Jennifer Koutni
Schritt für Schritt gehe ich auf einer grünen Linie am Boden entlang. Google Maps, bei Städtetrips sonst ständiger Begleiter, brauche ich diesmal nicht. Über 60 Kunstwerke reihen sich nämlich hier entlang der 20 Kilometer langen Linie, die sich quer durch die Stadt zieht und dabei nicht nur Open-Air-Kunst, sondern auch Sehenswürdigkeiten hervorhebt. Ich setze meinen Fuß auf die Linie und spaziere los zum Jardin des Plantes, in dem es von fantasievollen Werken nur so wimmelt. Hier in Nantes gehört Kunst zum Stadtbild wie die Weinberge zu Frankreich – und das kostenlos, ob permanent oder temporär im Rahmen von Art Festivals. Nach dem wirtschaftlichen Einbruch der 1980er-Jahre setzte die Stadt nämlich konsequent auf Kultur: Kunstschaffende wurden eingeladen, den öffentlichen Raum mitzugestalten, von Ladenschildern über Straßenbahnen bis zu ganzen Stadtteilen. Hier sollte man also stets mit offenen Augen und gezückter Kamera durch die Straßen streifen.


Das überdimensionale Maßband von Lilian Bourgeat befindet sich in der modernsten Wohngegend, der Île de Nantes.
© Frank TompsEs geht Richtung Westen.
Rund um die wunderschöne Passage Pommeraye fällt eines angenehm auf: Es gibt kaum große Fast-Fashion-Ketten, stattdessen dominieren unabhängige Concept Stores, Delikatessenläden, Fair-Fashion-Shops. Mit dem Restaurantführer „Les Tables de Nantes“ in der Hand versuche ich, eine Wahl fürs Mittagessen zu treffen – bei 186 Empfehlungen nicht leicht. Ich entscheide mich für das Sépia, in dem Chefköchin Lucie Berthier Gembara auf hohem Niveau vorwiegend pflanzlich kocht. Da ich die lokale Weinsorte Muscadet probieren will, bestelle ich ein Glas – man ist schließlich in Frankreich. Noch vor nicht allzu langer Zeit galt Nantes kulinarisch als Außenseiterin, aber mit dem Fokus auf Kunst kamen experimentelle Ansätze in die Gastronomie. Statt schwerer, fleischlastiger Traditionsküche findet man heute kreative und auch mal mutige Gerichte, inspiriert von regionalen Zutaten und internationalen Einflüssen. Essen in Nantes macht einfach Spaß, bestätigt auch das Ranking „La Liste“, das die Stadt 2025 mit dem „New Destination Champion Award“ ausgezeichnet hat.


SANTÉ! Noch vor 15 Jahren war Nantes eine Außenseiterin der französischen Gastronomie. Heute sieht das anders aus: Immer mehr experimentelle, moderne Ansätze und Events mischen die Szene auf.
© Guillaume BlotTierisch schön.
Mein Weg führt über die Loire in ein Viertel mit modernen Wohnkonzepten, viel Grün und interaktiver Kunst. Pingpong-Tische mit Looping, ein Baum mit Ästen aus Basketballkörben und natürlich der Park Les Machines de l’Île. Inspiriert vom gebürtigen Nantaiser Jules Verne erwartet mich in den ehemaligen Werften eine Tierwelt aus Holz und Stahl. Auf den zwölf Meter großen Elefanten kann man sogar aufspringen, während er trompetend und Wasser sprühend übers Gelände wandert. Der Abschied aus dieser Wunderwelt fällt schwer, doch weitere Hingucker warten, wie die riesigen Gummistiefel von Lilian Bourgeat im urbanen Gemüsegarten (einer der ersten des Landes).


FOTOMOTIVE EN MASSE. Mitten in der Stadt: das Château des ducs de Bretagne
© Philippe PironIn Nantes versucht man stets in die Zukunft zu blicken. Bis 2030 setzt man sich etwa das Ziel, die erste nichtsexistische Stadt Frankreichs zu werden. Erste Maßnahmen sind bereits sichtbar: offene Sichtachsen, Förderung von Frauensport sowie mehr weibliche Straßennamen. Eine kurze Bootsfahrt weiter lasse ich den Tag in der Little Atlantique Brewery ausklingen. Mit Blick aufs Wasser und salziger Brise im Gesicht genieße ich mein Craft Beer mit frischen Muscheln und frage mich, wie viele Geschichten entlang der grünen Linie wohl noch verborgen liegen.


Highlight im Park Machines de l‘île ist ein Ritt auf dem Elefanten. Es warten aber noch andere von Jules Verne und da Vinci inspirierte mechanische Wesen.
© David GallardTipps für Nantes
In und rund um die kreative Hafenstadt ist einiges los, vom kunstvollen Radweg bis zum Tagestrip nach „Italien“.
PORTAL IN DEN SÜDEN
Nur eine halbe Stunde Zugfahrt entfernt, befindet sich das Städtchen Clisson, in dem man seinen Augen nicht traut: Plötzlich ist man in Italien. Grund dafür ist einer der Stadtentwickler, der hier im 19. Jahrhundert ein Stück Toskana mitten in Frankreich schuf. Sehenswert: der wunderschöne Park rund um die Villa La Garenne sowie die mittelalterlichen Markthallen.


Am Ufer der Sèvre liegt der Ort Clisson, der im 19. Jahrhundert von Liebhabern italienischer Kultur neu gestaltet wurde.
© Jennifer KoutniSTILECHT WOHNEN
Zwei neue Hotels für Designfans: Das Chachacha sorgt mit farbenfrohem Interieur und Extras wie Coworking, Workshops und Künstlerresidenzen für frischen Wind, wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Oldegar ist wiederum ein hybrider Mix aus Hotel, Kulturort und Szene-Treff mit Musikbar, Schlafwagen- Apartments und nachhaltigem Design.


FAD? NIEMALS. Das Highlight im eh schon kunterbunten Hotel Chachacha ist die Bibliothek/ Kuriositätensammlung
© Guillaume BlotEINE NACHT FÜR FOODIES
In der „La Nuit des Tables de Nantes“ am 4. Juli werden 50 Gastrobetriebe kreativ und tischen auf Straßen, Plätzen und in Parks auf. Das Signature-Gericht gibt’s dann zum Probierpreis von zwei bis zehn Euro.
RADTOUR DURCHS MUSEUM
Westlich von Nantes geht der Open-Air-Kunstparcours entlang der Loire weiter: Auf 60 Kilometern versammelt er bis zur Atlantikküste 33 monumentale Open-Air-Kunstwerke. Perfekt geeignet für eine lange Radtour.


Der Kunstparcours entlang der Loire folgt der Radroute La Loire à Vélo
© Frank Tomps