Zwischen Architektur und Erzählkunst: Jana Revedins Blick auf Venedig

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©Foto: Martin Rauchenwald

In „Die Gärtnerin von Venedig“ verbindet Jana Revedin ein biografisches Porträt mit einer Reise durch die Lagunenstadt.

Eine Vita wie ihre würde schon mehrere Bücher füllen. Jana Revedin, die Handwerkerin, die Visionärin, die Erzählerin. In Konstanz geboren, ließ sich die zweifache Mutter zunächst zur Tischlerin ausbilden. Schnell wollte sie mehr, studierte Architektur und Städtebau in Buenos Aires, Princeton und an der Polytechnischen Universität Mailand, promovierte und habilitierte mit Aldo Rossi (einflussreicher italienischer Architekt, Anm.) an der Universität IUAV Venedig. Heute ist sie Professorin für Architektur und Städtebau in Paris und pendelt zwischen ihren Wohnorten in Kärnten sowie Venedig. Und fast nebenbei schreibt sie einen Bestseller nach dem anderen: „Das ist mein Auftrag, mein Lebensgeschenk.“

Starke Verbindung

Das Schreiben als Lebenselixier wurde ihr von ihrer Mutter Renina, einer Journalistin und Philosophin, vorgelebt. Diese gründete 1953 im Alter von 24 Jahren die erste emanzipierte Frauenzeitschrift Deutschlands, „Lady“. „Ich sollte den Verlag weiterführen“, erzählt Revedin. „Dieser Plan zerschlug sich aber nach dem Tod meines Großvaters. Es kam zu einer feindlichen Übernahme durch meinen Onkel.“

Das änderte allerdings nichts an Janas Liebe zur Literatur. Ihr Debütroman „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“ machte sie 2018 zur Bestsellerautorin. Jetzt erscheint ihr fünfter Belletristik-Titel, „Die Gärtnerin von Venedig“, in dem die 60-Jährige Herkunft, Mut und die Kraft eines Neuanfangs in den Mittelpunkt ihrer Erzählung stellt und gleichzeitig ein authentisches Bild von Venedig zeichnet. Jana Revedin spricht über Neuanfänge, das Loslassen und warum beides manchmal der Schlüssel zum Erfolg ist.

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„Die Gärtnerin von Venedig“ spielt im Gegensatz zu Ihren anderen Romanen erstmals in der Gegenwart. Warum?

Jana Revedin

Nach dem Erscheinen meines letzten Romans, „Der Frühling ist in den Bäumen“, schrieb mir Eri Jung, eine betagtere Dame. Das Buch hatte mir meine Mutter noch am letzten Tag ihres Lebens aufgetragen – eine brutale Geschichte, die stark an die von Gisèle Pelicot erinnert. Meine Mutter hatte von mir gefordert: „Schreib das für Frauen, die Ähnliches erleiden und sich doch wehren können.“ Eri Jung eröffnete mir, dass sie die allererste Sekretärin meiner Mutter gewesen sei. Ihre Bewerbung für diese Stelle habe in Venedig stattgefunden, und sie müsse mir so viele Geschichten dazu erzählen, die bis in die Gegenwart reichen. Ich hörte natürlich zu. „Die Gärtnerin von Venedig“ ist das Ergebnis.

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Ihr Buch handelt von der Rettung der Lagune durch eine neue Bepflanzung. Man spürt dabei Ihre Liebe zur Natur ...

Jana Revedin

Als Kind wollte ich Gärtnerin werden. Mein Vater, Chirurg und junger Primar, hatte einen einzigen Nachmittag in der Woche ein paar Stunden frei: am Donnerstag, unserem „Gartentag“. Schon montags richtete ich unsere Gartengeräte her und bereitete alles vor. Noch heute sagen meine Töchter: „Am glücklichsten ist sie im Garten und beim Schreiben.“

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Ihre Romane sind voller atmosphärischer Details, die Figuren beschreiben Sie extrem realistisch. Wie sammeln Sie diese Eindrücke?

Jana Revedin

Ich achte auf das Licht, die Stille und auf das, was die Stille durchbricht. Auf die Gerüche, die Melodien, auf das, was wir ertasten, und das, was uns bewegt und überrascht. Die Bilder und kognitiven Erfahrungen eines Orts gravieren sich in unser Unbewusstes ein.

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Sie leben großteils in Venedig – wann wurde aus dem Ort Ihr Zuhause?

Jana Revedin

Ich zog für mein Studium über die Kontinente. In Venedig traf ich meine Lebensliebe, meinen „Capitano“ (Antonio Revedin ist Venedigs Hafendirektor, Anm.). Seine alteingesessene Familie hatte in der Weltwirtschaftskrise zwischen den Kriegen alles verloren. Das Materielle hat uns zwar nie interessiert, doch seine Mission war es, den Revedins in seiner Stadt ein neues Renommee zu erarbeiten. Ich habe ihn tagtäglich unterstützt. Ich liebe Venedig – für mich ist es „die älteste Stadt der Zukunft“. Und ich habe nach 40 Jahren das Gefühl, sie liebt mich auch.

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Eri agiert im Buch sehr beharrlich. Sind Sie das auch?

Jana Revedin

Erst als Eri die Gärtnerei, bei der sie gelernt hat, verlässt, beginnt ihr Erfolg. Sie erfindet ihre Rolle neu. Man muss im Leben das loslassen können, was andere genauso gut, wenn nicht besser, machen. Ich habe vor 15 Jahren mein geliebtes Architekturbüro verkauft, um mich wieder der Forschung und der Lehre der nachhaltigen Architektur zu widmen. 2006 gründete ich den Global Award for Sustainable Architecture, der heute die Bedeutung des PritzkerPreises erreicht hat. Weil ich mir mehr Zeit für das Schreiben wünschte, gab ich meine Pariser Meisterklasse an meine jüngeren Kolleg:innen ab und widmete mich der Gründung der neuen Doktorat-Schule meiner Universität. Loslassen mag als das Gegenteil von Erfolg erscheinen, doch ich sehe es als das Rezept dazu.

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Ihre Hauptdarstellerin ist eine starke Persönlichkeit. Was kann man von ihr mitnehmen?

Jana Revedin

Ihre gewissenhafte Vorbereitung auf ihre Ankunft in einem neuen Leben, ihre Selbstkritik, ihre Liebe zur Sprache, ihren Humor.

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Sie schreiben viel über Stille und Einsamkeit. Wo finden Sie diese Momente selbst?

Jana Revedin

In meiner Liebe zur Natur, zu den Gärten, zum Wald. Ich kann auf meinem kleinen Bauernhof in Kärnten eine Runde durch den Wald spazieren und erst drei Stunden später zurückkehren, denn ich treffe dort meine „Waldnachbarn“ und höre ihnen zu. Die Liebe zur Architektur, zu Büchern, zu meinen Kindern, meinem Mann, zu Pferden und Hunden braucht kein Sich-Herzeigen und kein Überall-Dabeisein. Im Gegenteil.

Loslassen mag als das Gegenteil von Erfolg erscheinen, doch ich sehe es als Rezept dazu.

Jana Revedin
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DIE GÄRTNERIN VON VENEDIG Jana Revedins biografischer Roman über die junge Eri, die in Venedig die Wiederbepflanzung der Lagunenstadt vorantreibt, aber auf Ungereimtheiten stößt. Braumüller Verlag, € 25,–.

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