
ZEILENWEISE RUHE. Lesen ohne Ablenkung ist im Alltag zu einem wahren Luxus geworden.
©UnsplashEndlich Zeit zum Lesen zu haben, ohne Ablenkung? Das gelingt am mondänsten in sogenannten Readaways - nahen oder fernen Rückzugsorten, die wie geschaffen sind, um sich ganz dem Schmökern hinzugeben.
Viele von uns haben ihn zu Hause, den Stapel ungelesener Bücher. Gekauft mit dem Vorsatz: Bald nehme ich mir richtig Zeit zum Lesen, spätestens im Urlaub. Oft wird die Reise aber vollgepackt mit Unternehmungen, und die Bücher bleiben ungelesen. Der Trendreport „Unpack ’26: The Trends in Travel“ der Reiseplattform Expedia zeigt, dass viele das ändern wollen: Die Suchanfragen betreffend „Ideen für BuchclubRetreats“ stiegen allein auf Pinterest um 265 Prozent. Weltweit interessieren sich 91 Prozent der Ferienhausurlaubenden für Trips, bei denen Lesen im Mittelpunkt steht. Der Suchbegriff lautet: Readaways. Bei diesen Reiseformaten geht es nicht darum, möglichst viel zu erleben, sondern ums Bücheraufschlagen und Abschalten.
Der Buchclub „Ladies Who Lit“ organisiert etwa Lese-Retreats an traumhaften Orten von Griechenland bis Marokko. In den reinen Frauenrunden mischen sich Generationen und Lebensrealitäten, Termine sind innerhalb kurzer Zeit ausgebucht, oft von Stammurlaubenden. Kein Wunder, denn Lesen kann viel: Laut Studien sinkt der Cortisolspiegel, der Körper kommt schneller in den Ruhemodus, Zeile für Zeile. Es trainiert außerdem die Empathie. Wer in andere Figuren eintaucht, erweitert seine Vorstellung davon, wie Menschen denken, fühlen und handeln.
Pure Entspannung
Bibliotheken sind mehr als Deko, das sehen mittlerweile auch Hotels so und schaffen bewusst Anreize zum Schmökern. Die Wasnerin in Bad Aussee zum Beispiel integriert Literatur an allen Ecken: in der umfangreichen Bibliothek, in der Kaminlounge beziehungsweise überall im Hotel während der „Langen Nacht des Lesens“. Manche kommen erst an abgeschiedenen Orten zum Lesen. Am Semmering etwa, wo einst Literaturgrößen wie Stefan Zweig Ruhe und Inspiration fanden. Fotograf Meinrad Hofer hat hier gemeinsam mit dem Architekturbüro KENH einen minimalistischen Rückzugsort erschaffen. In Caspar’s Home gibt es keinen Fernseher, keine Ablenkung, dafür Natur und Geschichte im Überfluss.
Im Japanischen gibt es für das Phänomen der ungelesenen Bücher ein Wort: Tsundoku. In seiner Bedeutung schwingt dabei nichts Negatives mit, eher Verheißungsvolles. Die Bücher, so sagt man, warten einfach geduldig auf den richtigen Zeitpunkt, um gelesen zu werden – oder eben auf den richtigen Ort.
Die schönsten Readaways weltweit
LOST IN TRANSLATION
Das Book and Bed in Tokio ist eine Mischung aus Buchhandlung und Hostel, Gäste können Schlafnischen zwischen den Bücherregalen buchen – perfekt für eine kostengünstige Nacht oder um sich direkt nach dem Stöbern mit dem neuen Buch zurückzuziehen.
PORTUGALS MITTELALTERLICHE BÜCHERSTADT
Im Hotel The Literary Man in Óbidos ist jede Ecke mit Büchern gefüllt. Untergebracht in einem ehemaligen Kloster, kann man es sich in Lese-Lounges gemütlich machen. Im Restaurant Book & Cook ist jedes Gericht von Literatur inspiriert.
DER RAUM DER TAUSEND REZEPTE
Das Boutiquehotel Almaranto liegt in der Weinregion Monferrato. Die deutsche Gastgeberin Alexa ist Köchin, gibt Kurse und stellt ihre große Bibliothek an Kochbüchern allen Gästen zur Verfügung. Die einzige Agenda im ruhigen Piemont: essen, Wein trinken und natürlich lesen.
ESSEN ZWISCHEN DEN ZEILEN
Das B2 Hotel Zürich war einmal eine Brauerei und ist heute mit einer Bibliothek aus über 33.000 Büchern mitten im Restaurant ein Treffpunkt für Literaturfans.