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Eine Frau und ein Mann gestehen: "Ich bin fremdgegangen, weil..."

Viele tun's, aber kaum einer spricht wirklich ehrlich darüber. Uns berichten ein Mann und eine Frau über ihren Seitensprung. Zwei intime Geständnisse, hinter denen viel mehr steckt als ein schnelles, unverbindliches Sex-Abenteuer.

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Seitensprung
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Neues Leben nach dem Seitensprung? Alexandra hat ihren Mann betrogen. Sie hat sich für den Neuen entschieden. Auch Stephan hatte eine Affäre. Vier Jahre später beichtete er den Fehltritt seiner Frau. Heute sagt er: "Ich gehe nie wieder fremd."

Alexandra, 40:

Das Wichtigste in einer Beziehung: Ehrlichkeit, Loyalität und Zusammenhalt. Fremdzugehen bedeutet, das Vertrauen des anderen zu missbrauchen. Deshalb war ein Seitensprung für mich auch das größte Tabu überhaupt. Ich habe in den zwölf Jahren, in denen ich mit meinem Mann zusammen war, nie einen Gedanken daran verschwendet, wie es wäre, mit einem anderen etwas anzufangen. Klar gab es auch Zeiten, in denen es nicht so lief zwischen uns, aber das ist normal, und wegen einem kleinen Abenteuer meine Familie aufgeben? Als Mutter zweier Kinder? Niemals!

"Wegen einem kleinen Abenteuer meine Familie aufgeben? Als Mutter zweier Kinder? Niemals!"

Mein Mann und ich wollten uns nach vielen Jahren unseren Herzenswunsch vom eigenen Haus erfüllen. Bis dahin hatten wir zu viert in einer Wohnung in der Stadt gewohnt. Ganz okay, bald aber schon sollten wir auf 180 Quadratmeter im Grünen leben. Wie herrlich! Ich träumte schon ewig von einer großen Terrasse und einem eigenen Garten. Wir hatten klare Vorstellungen von unserem zukünftigen Haus und auch schon einen Termin bei einem Architekten. Dieser Mann sollte mein Leben komplett auf den Kopf stellen. Allerdings anders, als ich je vermutet hätte.

Wow, dachte ich mir, als ich ihn zum ersten Mal sah. Er war groß, gut gebaut, hatte breite Schultern, und seine dunkelbraunen Augen strahlten eine besondere Wärme und Reife aus. Aber da war noch etwas anderes, das mich anzog. Ein Gefühl, das ich noch nie so intensiv erlebt hatte. Eine Art Vertrautheit, als ob wir uns schon ewig kennen würden. Dabei hatten wir nur ein paar Worte miteinander gewechselt. Thomas, so hieß er, ging mir seit unserer ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf. Ich wollte am liebsten ständig in seiner Nähe sein. Jede Begegnung auf der Baustelle war für mich Magie pur.

Ich fühlte mich schlecht. Sollte ich mich nicht darauf freuen, mit meinem Mann bald im neuen Haus zu leben?! Jedes Mal, wenn wir uns auf der Baustelle begegneten, tauschten wir verstohlene Blicke aus. Manchmal schickte er mir SMS. Mit Updates vom Haus. Und immer wieder auch Komplimenten. Dennoch blieben wir beide standhaft. Ich war überzeugt: Das zwischen uns durfte nicht sein. Ich konnte das meiner Familie nicht antun. Meine Kinder waren erst zwei und vier.

"Reiß dich zusammen, diese Phase vergeht auch wieder!"

Monate später siedelten wir. Während ich die zig Kisten auspackte, dachte ich an Thomas. Während ich das Haus dekorierte, dachte ich auch an ihn. Er war ständig präsent in meinem Kopf. Bis ich es nicht mehr aushielt. Eines Abends schrieb ich ihm: "Wir müssen uns treffen." Ich fuhr zu ihm, und es passierte. Wir küssten uns. Später schliefen wir zum ersten Mal miteinander. Und innerlich hatte ich mich entschieden: für Thomas.

In derselben Nacht nahm ich meinen Ehering ab. Nur wie sollte ich es meinem Mann und meinen Kindern beibringen? Wie sagt man einem Menschen, dass man ihn nach so langer Zeit für einen Neuen verlassen wird? Wie kann man damit leben, einen anderen ins Unglück zu stürzen, um selbst glücklich zu sein? In manchen Momenten versuchte ich zu relativieren, was passiert war. Du bist eine frustrierte Frau mitten in einer Sinnkrise! Reiß dich zusammen, diese Phase vergeht auch wieder!, sagte ich mir.

"Du bist so egoistisch", hörte ich von vielen Seiten. Und: "Die armen Kinder!"

Egal wie sehr ich versuchte, das Ganze zwischen Thomas und mir zu vergessen, es ging nicht. Ich konnte mich nicht länger gegen die Gefühle, die ich für ihn hatte, wehren. Nach einem wochenlangen Versteckspiel nahm ich all meinen Mut zusammen und sprach mit meinem Mann. Er war traurig, enttäuscht. Freunde und Verwandte waren empört. "Du bist so egoistisch", hörte ich von vielen Seiten. Und: "Die armen Kinder!" Kaum jemand hat mich verstanden, die meisten haben mich verurteilt und schlecht über mich gesprochen.

Ich aber war mir in meiner Entscheidung sicher. Das zwischen Thomas und mir war Bestimmung. Nach dem ersten Schock wollte mein Ehemann die Scheidung, die schließlich einvernehmlich ablief. Er akzeptierte meine Entscheidung, mit Thomas zusammenzuleben. Ich zog mit den Kids aus unserem neuen Haus aus, und wir alle arrangierten uns langsam mit der neuen Situation. Zum Wohle der Kinder hielten mein Ex und ich auch nach unserer Trennung zusammen. Bald fand auch er eine neue Partnerin.

Über acht Jahre führten Thomas und ich eine glückliche Beziehung. Heuer im Frühjahr ist er nach schwerer Krankheit verstorben. Rückblickend kann ich sagen: Ihn in mein Leben zu lassen, war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Ich weiß, dass ich mit meinem Verhalten manchen Menschen wehgetan habe, und das wollte ich nicht. Dennoch: Die Liebe zu Thomas war ein Geschenk, und ich bin dankbar, dass ich damals den Mut hatte, meinem Herz zu folgen.

Stephan, 47:

Fünfzehn Minuten, und dann war es wieder vorbei. Es war nichts Besonderes, wenig emotional, eher stressig. Ich hatte dauernd im Hinterkopf, ihr Freund, der mein Arbeitskollege war, könnte früher als angenommen nach Hause kommen und uns beim Sex erwischen. Dann wäre ich geliefert. "Wir sollten das wiederholen", sagte sie, als ich mich wieder anzog. Ich nickte. Warum auch nicht!? Meinem tristen Alltag würde ein bisschen Abwechslung nicht schaden.

"Ein schlechtes Gewissen meiner Frau gegenüber hatte ich nicht wirklich."

Ein schlechtes Gewissen meiner Frau gegenüber hatte ich auch nicht wirklich. Immerhin hatte sie mit dieser Seitensprung-Geschichte angefangen. Drei Mal hat sie mich in fünf Jahren betrogen. Und jedes Mal, nachdem es passiert war, mir davon erzählt. Weil es ihr im Nachhinein immer sehr leid getan hat. Mit ihren Geständnissen lud sie die volle Ladung schlechter Gefühle ungefiltert auf mich ab.

Ich habe ihr jeden ihrer Fehltritte verziehen. Verändert hat es dennoch viel. Von meinen einstigen Gefühlen zu ihr waren kaum noch welche da. Warum ich mich nicht getrennt habe? Ich weiß es ehrlich gesagt selbst nicht. Gewohnheit? Bequemlichkeit? Angst? Irgendetwas in dieser Richtung Vielleicht war es mir auch einfach nur egal. In dieser Zeit meines Lebens war ich ziemlich abgestumpft. Ich habe nicht nur meine Frau und meinen Arbeitskollegen hintergangen, sondern war sogar so dreist, genau ihn um ein Alibi für meine Frau zu bitten. Wenn sie fragte, sollte er sagen, wir seien beim Nachtfischen. Er wusste, dass ich bei einer anderen war, aber nicht, dass es sich dabei um seine eigene Freundin handelte...

"Wann war aus mir so ein gefühlskalter Mensch geworden?"

Dieser eine Seitensprung brachte mich mehr zum Nachdenken, als ich vermutet hätte. Ich fragte mich: Wann war aus mir so ein gefühlskalter Mensch geworden? Was für eine Beziehung führten meine Frau und ich eigentlich? Und wie lange noch wollten wir so weitermachen? Einander betrügen und verletzen in Endlosschleife? Ich beendete meine Affäre, obwohl sie eine Zeit lang hartnäckig versuchte, das mit mir noch länger weiterzuführen. Den einmaligen Ausrutscher behielt ich für mich. Vielleicht ließe sich unsere Beziehung ja doch noch retten, dachte ich mir damals. Ich hielt an der Idee, unsere Liebe sei stärker als der Vertrauensmissbrauch, fest.

Vier Jahre lang ging es so weiter, dass meine Frau und ich uns etwas vormachten. Wir hatten uns längst auseinandergelebt. Jeder zog sein Ding durch. Anstatt mit mir fuhr sie nur noch mit ihren Freundinnen auf Urlaub. Ich machte mir nichts draus, sondern war froh, zeitweise von ihr getrennt zu sein. Das Einzige, was wir noch zusammen machten, war jeden Sonntag zu ihren Eltern zum Essen zu fahren. Kurz vor meinem 42. Geburtstag fasste ich den Entschluss, dass das nicht mehr so weitergehen konnte. Wir mussten dringend etwas verändern. "Ja, das sollten wir", meinte meine Frau, als ich sie um ein Gespräch bat. "Ich will die Scheidung." Ich hatte selbst oft über diesen Schritt nachgedacht. Endlich wieder frei und unabhängig sein.

Endlich all die alten Kränkungen hinter mir lassen. Im ersten Moment empfand ich es aber gar nicht als so befreiend, wie ich es mir in meinen Gedanken oft ausgemalt hatte. Das Gefühl, eine Ehe in den Sand gesetzt zu haben, ist alles andere als berauschend. Aber ich wusste, dass das die einzig richtige Entscheidung war. Also stimmte ich dem Ganzen zu. In diesem Gespräch erzählte ich ihr auch von meinem Seitensprung. Sie nahm es wortlos hin.

"Ich fühlte mich nach meiner Beichte nicht besser."

Ich fühlte mich nach meiner Beichte nicht besser. Im Gegenteil. Es laut ausgesprochen zu haben, führte mir erst recht vor Augen, was ich getan hatte. Ich schämte mich. Nicht vor ihr. Sie hatte mich auch oft genug belogen und betrogen. Aber vor mir selbst. Ich hatte gegen meine eigenen Prinzipien gehandelt. Ich war plötzlich der Mensch, der ich nie sein wollte. Meine Devise lautete immer: Ehrlich und fair zu anderen sein, auch wenn sie es nicht waren.

Sogar heute noch bereue ich mein Verhalten. Aber ich kann es nicht rückgängig machen. Im Moment bin ich Single. Wenn ich eine Frau kennenlerne und sie mich fragt, ob ich schon mal fremdgegangen bin, sage ich immer die Wahrheit und stehe zu meinem Seitensprung. Ich habe mich geändert, bin reifer geworden und weiß, was ich jetzt zu tun habe, damit ich nicht mehr betrüge. Ich bin nicht stolz auf diese Geschichte, aber sie ist nun mal ein Teil von mir.

Sämtliche Namen wurden von der Redaktion geändert.