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Krauselhärchen – wie stehen wir heute eigentlich zum Thema Körperbehaarung?

Oku-Ula: Oben kurz, unten lang? Ein paar Gedanken zum Thema Körperbehaarung. Wozu dienen Schamhaare? Und (wie) trägt frau eigentlich ihre lockigen Begleiter?

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Intimbereich einer Frau abgedeckt
© iStock/VladimirFLoyd

Da war er: Mein Cara Delevingne-Achselhaar-Moment. Ihr Posting zum Thema Perücke für die Achsel bescherte mir ein Flashback in meine Jugend, als ich mein erstes Achselhaar stolz der Welt präsentierte. Und ja, richtig gehört: Ich war damals so voller Stolz über mein erstes Achselhaar, dass ich es auch unbedingt der Welt, zumindest aber meinen Schulkolleginnen, präsentieren wollte.

"Tu das weg – Männer finden das nicht schön". Tja, und das war dann wiederum mein Moment der kompletten Desillusion. Ich weiß zwar, dass mir mein Bruder mit seiner Aussage nicht weh tun wollte, aber durch seine Anmerkung überfiel mich ein Gefühl tiefer Scham. Hatte ich doch Minuten zuvor bei meiner Schnitzelsemmerl-Bestellung meinen Arm noch extra hoch gehoben und dabei dem Buffetwart beinahe mit meiner Borste das Auge ausgestochen.

Aber wie sieht die Körperbehaarung der Frau eigentlich heutzutage aus? Behaart, komplett nackt, ein bissi behaart und der Rest nackt? Oder doch eher Körperbehaarung á la let nature run its course ? Und wozu sind unsere Schamhaare eigentlich gut? Ich war angefixt und wollte es genauer wissen...

"Sagt mal, wie steht ihr eigentlich zum Thema weibliche Körperbehaarung?"

Bis heute steckt im Thema weibliche Körperbehaarung einiges an Diskussionspotenzial. Die einen finden, eine Frau müsse sich jegliches Intim-, Achsel – oder Beinhaar auf Lebenszeit entfernen lassen, andere hingegen hinterfragen den natürlichen Haarwuchs und legen den Rasierer oder das Epilier-Gerät immer öfter beiseite.

Für mich persönlich war seit meinem Schnitzelsemmerl-Buffet-Erlebnis klar, dass diese viel diskutierten Haare an mir nichts verloren hätten. Ob das an der Aussage meines Bruders lag oder ich mir meine Borste mal genauer ansah und sie für doch nicht ganz so sexy empfunden hatte, kann ich an dieser Stelle nicht sagen.

Aber wie stehen meine Freundinnen zu diesem Thema? Beim nächsten Mädelsabend sprudelte es dann nur so aus mir heraus: "Sagt mal, wie steht ihr eigentlich zum Thema weibliche Körperbehaarung?". Im ersten Moment haben sie mich angesehen, als hätte ich ihnen die traurige Botschaft über das Ableben meines geliebten Hündchens überbracht. Beklemmende Stille, verstörte Blicke.

Nach kurzer Zeit entwickelte sich aber eine herrlich erfrischende Konversation rund um unsere gelockten Freunde. Zumindest in einem Aspekt waren wir uns alle einig: Achselhaare sind jetzt nicht so unser Ding. Dafür war die Schambehaarung dann aber ein kontroverses Thema!

Schamhaare: Was haltet ihr von Intimrasur?

Während sich die eine seit Jahrzehnten dem Landing Strip verschrieb, gingen die anderen regelmäßig zu ihren Laserbehandlungen oder Waxing-Sessions, um den "lästigen" Körper-Härchen vollends den Kampf anzusagen. Wir waren uns also grundsätzlich darin einig, dass wir keine großen Intimbehaarungs-Befürworterinnen sind – zumindest, was unsere Körper anging.

Und weil ich es so genau wie möglich wissen wollte, fragte ich auch noch in meinem männlichen Umfeld nach: Angefangen von meinem Freund über den Bruder bis hin zu Freunden, die sich, ihrer Reaktion zufolge, im ersten Moment wahrscheinlich gewünscht hätten, sie hätten den Kontakt zu mir schon vor Jahren abgebrochen. Die Rückmeldung war einheitlich: Sie alle bevorzugen ein "Unten ohne". Sowohl bei Frauen als auch bei sich selbst.

Studie zum Thema Enthaarung

2008 führte die Uni Leipzig eine Studie zum Thema Enthaarung durch. Das Ergebnis war eindeutig: Von 314 befragten StudentInnen gaben 89 Prozent der weiblichen Teilnehmerinnen an, der körperlichen Haarpracht regelmäßig den Kampf anzusagen - und das an mehr als 3 Körperstellen. Aber woran liegt das? Sind die Hintergründe dafür intrinsischer oder extrinsischer Natur?

Als Gründe für die Körperenthaarung wurden von den StudienteilnehmerInnen vor allem die Aspekte Hygiene und Aussehen genannt. Dass aber vor allem ersteres ein ganz schöner Irrglaube ist, ist vielen Menschen offensichtlich bis heute gar nicht bewusst!

Welchen Nutzen erfüllen unsere Schamhaare?

Wenn es nämlich darum geht, welchen Nutzen unsere wunderbar lockigen Freunde aus dem tiefen Süden so erfüllen, dann scheint es eigentlich nicht so schlau, sich ständig diesen ganzen Enthaarungsprozeduren auszusetzen:

  • Schamhaare schützen unsere Vagina: Krankheitserreger sollen durch sie davon abgehalten werden, in unser Innerstes zu gelangen.
  • Infektionen durch Enthaarung: Jede Frauenärztin predigt es immer und immer wieder - wir alle überpflegen unseren Schambereich! Mildes Duschgel und Wasser seien absolut ausreichend, wenn es um die Intimpflege geht! Ach ja, und ein frisches Unterhoserl jeden Morgen sollte übrigens auch in jedem Fall drin sein, damit etwaige Bakterien nicht verbreitet werden!
  • Mehr Schwitzen durch weniger Haare: Ja, hört sich im ersten Moment komisch an, ist aber so. Durch das Wegrasieren der Haare, liegen die Hautfalten genau aufeinander. Dadurch schwitzt frau untenrum mehr als wenn sie es eher natürlich hält.
  • Juckreiz, Hautirritationen, Ausschläge, Abszesse: AUA! Das ist jetzt alles nicht unbedingt erstrebenswert. Wenn wir uns also rasieren, dann immer mit einer frischen und glatten Klinge. Stumpfe Klingen können nämlich sogar bis zu einem Abszess führen!
  • Crazy, aber gesunde Intimhaar-Frisuren: Warum nicht einfach mal was Neues ausprobieren und sich eine verrückte Frisur im Intimbereich zulegen? Durch die noch vorhandenen Haare wäre die Vulva zum einen geschützt, zum anderen könnte dadurch vielleicht sogar die Stimmung zwischen einem Liebespaar angeheizt werden. Neues ist schließlich immer irgendwie aufregend! Und wenn's nicht gefällt, kann man sie ja immer noch abmachen!

Mehr zur richtigen Intimhygiene

Gynäkologin Dr. Mirjam Hall hat in einem ausführlichen WOMAN-Artikel zum Thema "Intimhygiene" ebenfalls dargelegt, dass Schamhaare ja eigentlich eine wichtige Schutzfunktion inne haben. Welche Intimfrisuren sie bei Ihren Patientiennen sieht? "Ich würde sagen, dass gut zwei Drittel der Frauen, die ich täglich sehe, komplett haarentfernt sind. Back to nature sehen wir nur ganz selten, das übrige Drittel wählt den Mittelweg. Immer mehr Frauen gehen dabei weg vom Rasieren und gehen zum Waxing oder Sugaring – hält schließlich auch länger und das Problem mit den eingewachsenen Haaren wird kleiner."

"Schamhaare werden ein Comeback feiern - wie große Augenbrauen!"

Erschreckend, was Dr. Hall zum Thema gesellschaftlicher Druck zu sagen hat: "Ich habe schon Männer getroffen, die noch nie eine Frau mit Schamhaaren gesehen haben – das ist schon ein bisschen verrückt. Also ist der Druck auf Frauen diesbezüglich sicher groß, allerdings ist auch die Selbstwahrnehmung dadurch eine ganz andere. Viele junge Frauen fühlen sich selbst nur mehr wohl wenn sie keine Haare haben, weil haarfrei eben "in" ist.
Ob wir ihrer Meinung nach irgendwann wieder von dem Trend wegkommen? Ich denke schon. So wie große Augenbrauen irgendwann wieder modern geworden sind, statt den dünnen tätowierten Linien, wird auch die Schambehaarung ihr Comeback feiern!"

Wie offen sind wir eigentlich gegenüber fremden Härchen?

Was sagt die breite Masse dazu, wenn wir im Sommer in der U-Bahn stehen und plötzlich in eine vollbewachsene Achselhöhle starren? Oder uns im Fitnessstudio von fremden Intimbereichen ein dichtes, gekräuseltes Büschchen entgegenlacht? Das Portal AskMen.com hat dazu mehr als 5.000 Männer befragt. Eines vorweg: Das Ergebnis überrascht uns nur wenig.

  • 41 Prozent der Befragten gaben an, dass eine Frau untenrum enthaart sein sollte.
  • 38 Prozent hätten aber auch keinerlei Probleme damit, wenn der Intimbereich einer Frau flauschig weich wäre. Allerdings sollten die Schamhaare dennoch gepflegt sein und nicht einem natürlichen Wildwuchs gleichen. Die Natur-pur-Variante sei nämlich abschreckend.
  • 91 Prozent der Männer - und das freut uns ganz besonders - würden aber auch dann ein Date nicht abbrechen, wenn die Intimfrisur der Angebeteten eben nicht unbedingt ihre Vorstellungen erfülle.

Auch das Insta-Magazin Vulvalution beschäftigt sich immer wieder mit dem Thema Intimbehaarung und ruft zu mehr Offenheit auf: "Intimbehaarung wird cool. Sie steht für Weiblichkeit". Ihrer Meinung nach würden die Intimfrisuren mittlerweile so vielfältig wie die Vulven darunter.

»Es braucht keine Trends, keine Vorgaben. Es braucht das Gefühl, mit der eigenen Behaarung ins Reine zu kommen. Im Trend zu sein, meint bei Intimhaaren nämlich nicht die Frisur, die alle tragen – sondern das Bewusstsein dafür zu haben, dass Haare bei erwachsenen, weiblichen Körpern einfach dazugehören.«

Aufgrund der Recherche zu diesem Thema scheint es tatsächlich so, als würde sich frau im Großen und Ganzen lediglich aus gesellschaftlichem Zwang heraus von ihrer Schambehaarung trennen und nicht, weil sie selbst es als ästhetischer empfindet. Es ist nun mal das, was sich die Gesellschaft erwarte. Eigentlich sollte das Thema Intimbehaarung aber in der heutigen Zeit, wo immer mehr zu Body Positivity aufgerufen wird, keine große Sache mehr sein! Denn wenn's wirklich zur Sache geht, dann muss frau sich ja schließlich wohlfühlen und den Kopf ausschalten können! Und das kann sie mit einer misslungenen Frisur auf eben diesem genauso wenig wie mit einem unfreiwilligen Haarwunsch in ihrem Intimbereich!

In diesem Sinne: Free the Schamhaare! Jede Frau sollte ihre Körperbehaarung so tragen dürfen, wie sie es als schön und vor allem angenehm empfindet!