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Wenn er keine Lust mehr hat ...

Männer wollen doch immer. Wieso hab gerade ich ein Exemplar daheim, das keine Lust auf Sex hat? Wenn du dich das fragst, gibt es Trost: Du bist mit dem Problem nicht allein. Und es gibt Abhilfe. Wie du seine Libido wieder aus dem Kühlschrank holen kannst, verrät ein neues Buch.

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Wenn er keine Lust mehr hat ...
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Frage: In einem Schlafzimmer fällt der Satz: "Heute nicht, Schatz!" Wer hat's gesagt? Er oder sie? Na, sie natürlich. Denn Männer wollen immer, und Frauen haben schon mal Kopfschmerzen. So weit, so Klischee. Dabei gibt es zig Frauen, die schieben wegen ihm den Frust der Unlust. In ihrem Doppelbett herrscht tote Hose, weil er sich lieber umdreht und schläft. Und weil das gar nicht so selten vorkommen soll, hat Michele Weiner-Davis, renommierte amerikanische Paartherapeutin und Autorin mehrerer Bestseller, ihr neuestes Buch diesem Thema gewidmet. "Lustlos" (Klett-Cotta, 18,95 Euro, divorcebusting.com) holt all jene Frauen ab, deren Partner ihre Geilheit irgendwo am Weg verloren haben. "Die Leute haben ja keine Ahnung, wie weit das verbreitet ist", so die erfahrene Therapeutin. Es redet ja auch keiner darüber. Er schon gar nicht. "Männer schämen sich", weiß Weiner-Davis, "sie sprechen weder mit ihren Frauen noch mit Freunden oder Ärzten über ihr Problem. Was zur Folge hat, dass ihre Selbstachtung und ihre Beziehung darunter leiden." Und Frauen gehen das Thema auch nicht immer offensiv an. "Die suchen häufig die Schuld bei sich, fragen sich: Was stimmt nicht mir? Bin ich nicht begehrenswert?" Die Selbstzweifel gehen bis zu: "Bin ich nicht normal, weil ich mehr Sex will als mein Partner?"

Willst du bleiben? "Derjenige von beiden, der weniger Verlangen hat, tut das Thema dann gern als Bagatelle ab", kennt die Paarexpertin die Abläufe, "Aber das Gegenteil ist richtig: Es geht darum, sich begehrt, geliebt, wertgeschätzt, sexy und attraktiv zu fühlen. Einander nahe und verbunden zu sein. Sex ist das, was Paare zusammenhält. Sex schafft emotionale Intimität." Du kannst das Ganze natürlich abkürzen und dir einen anderen suchen, der mehr Feuer zu bieten hat. Aber wenn du bei deinem Schatz bleiben willst, dann heiß's, sich dem Problem zu stellen, mit all seinen Fragen: Was kann hinter seiner Lustlosigkeit stecken? Was kann ich tun, und vor allem: Wie bringe ich ihn gegebenenfalls dazu, zum Arzt oder Therapeuten zu gehen? Zuerst aber mal Facts aus dem Buch der Expertin. Erstens: Laut einer Umfrage, die Weiner-Davis mit dem US-Magazin "Redbook" lancierte, gaben 60 Prozent aller befragten Frauen an, dass sie mindestens ebenso viel Interesse an Sex haben wie ihre Männer. Zweitens: Wenn du meinst, gerade übermäßig auf Sex fixiert zu sein, dann geht das auf ein Phänomen der Paardynamik zurück: Beziehungen sind wie eine Wippe. Je mehr der eine Partner tut, desto weniger wird der andere machen, Also je öfter der eine kocht, desto seltener wird der andere einen Gedanken daran verschwenden. Je öfter der eine Geburtstagskarten verschickt, desto weniger wird der andere sich verantwortlich fühlen. Und je weniger Lust der eine auf Sex hat, desto besessener wird der andere von dem Thema sein. Also dann, in medias res: Was steckt hinter seinem Sexstreik?

Gib den Anstoß. Da wären natürlich rein biologische Ursachen. Krankheiten, Nebenwirkungen von Medikamenten, hormonelle Störungen wie zu wenig Testosteron oder ein ungesunder Lebensstil. Auch sexuelle Störungen wie erektile Dysfunktion oder vorzeitiger Samenerguss fallen unter diese Rubrik. "Es ist absolut nachvollziehbar, dass ein Mann Sex meidet, wenn er für ihn mit Versagen assoziiert ist", sieht es Weiner-Davis nüchtern. Eine Abklärung beim Sexualmediziner, der in den meisten Fällen helfen kann, ist daher der erste Schritt. Aber wie kriege ich ihn dorthin? Wie gerne Männer zum Arzt gehen, weiß man ja. "Reden Sie mit ihm", gibt die Therapeutin betroffenen Partnerinnen den Rat, "und wenn er auch nur halbherzig zustimmt, dann machen Sie einen Termin für ihn aus." Frauen würden dann oft argumentieren: "Wie komm ich dazu? Bin ich seine Mama?", so die Paarspezialistin. "Und ich sage ihnen dann: 'Tun Sie, was Sie können, damit sich die Dinge in eine positive Richtung bewegen. Ich weiß, es ist nicht fair. Aber starten Sie einfach den Prozess.'" Denn die Frage ist: Was ist mein Ziel? Was will ich erreichen? Mehr Sex mit ihm. Eben.

Den Sturm aussitzen. Wenn's nichts Körperliches ist, kommen psychische Belastungen in Betracht. Stress, Erschöpfung, Verlust des Arbeitsplatzes sowieso. Leidet dein Partner an Depressionen? Steckt in ihm unbewältigte Trauer oder wirkt ein nicht aufgearbeitetes Kindheitserlebnis nach? Lassen ungelöste Gefühle wie Wut, Groll, Verletzung und Enttäuschung den Gedanken, Liebe zu machen, nicht verlockend erscheinen? Oder ihr habt in letzter Zeit viel gestritten – und einen sensiblen Burschen an der Seite, für den emotional erst alles geklärt sein muss, bevor er sich wieder auf körperliche Nähe einlassen kann? Versuche, die Probleme anzusprechen. Möglichst liebevoll. Und wenn du nicht weiterkommst, würde vielleicht eine Paartherapie Sinn machen. Will er nicht mitgehen, kannst du dir auch erst mal alleine Rat holen. Extra schwierig wird's, wenn er in einer Midlife-Crisis steckt. Die übrigens auch schon vor der Mitte des Lebens auftreten kann. "Schien Ihre Beziehung gut bis zu dem Tag, an dem Ihr Partner aufwachte, sich umsah und entdeckte, dass er mit ziemlich allem in seinem Leben unglücklich ist? Sie eingeschlossen? Er sagt, er liebt Sie, ist aber nicht mehr verliebt in Sie? Herzlich willkommen bei der Midlife-Crisis Ihres Mannes", so Weiner-Davis. Wenn Sie um ihn kämpfen wollen, ist strategisches Vorgehen angesagt: "Denn", so die Autorin, "wenn Menschen unglücklich sind, erliegen Sie oft dem Irrglauben, das Lösen einer Bindung würde sie glücklich machen." Jetzt geht es für Sie um Geduld, um Gelassenheit, um Zuhören, ohne zu urteilen. "Auch wenn Sie die weltbesten Ratschläge parat haben, Sie können ihm seine Krise nicht ausreden." Er hat sich sexuell zurückgezogen, weil sein Leben nicht mehr stimmig ist. "Aber es gibt Hoffnung, wie ich von vielen Paaren weiß." Irgendwann ist schon so mancher wieder zur Vernunft gekommen. "Während Sie den Sturm aussitzen, überlegen Sie, was Sie als Single glücklich machen würde." Ein neues Hobby? Ehrenamtliche Arbeit? Mehr Zeit mit Familie und Freunden? Mehr Sport? Gehe es schon mal an!

Er hat Affären. "Wenn Sie Untreue hinter der sexuellen Unlust Ihres Mannes vermuten, sind Sie wahrscheinlich am Boden zerstört", spricht Weiner-Davis natürlich auch den häufigsten Verdacht an. "Ihr Mann sucht den Sex außerhalb. Was könnte verletzender sein?" Wird das zur Gewissheit, "ist es ganz normal, wenn Sie oft weinen müssen, nichts essen oder nicht schlafen können, unfähig sind, sich zu konzentrieren. Ein kleiner Trost aus dem umfangreichen Kapitel zu dem Problem in Weiner-Davis' Buch: "Ich kann gut verstehen, wenn Sie darüber nachdenken, Ihren Mann zu verlassen. Doch Sie sollten wissen, dass es viele Partnerschaften gibt, die Untreue überleben. Dass diese Beziehungen sogar gefestigter sein können als zuvor. Vorausgesetzt, das Paar entschließt sich, die nötige Arbeit zur Heilung der Verletzung zu leisten. Vielleicht hilft Ihnen auch das Wissen, dass die meisten Affären nach sechs Monaten vorbei sind."

Er macht sich's selbst. Vielleicht steckt aber auch eine andere Art von Fremdgehen hinter seiner Bettflucht: Dein Schatzi schaut lieber Pornos und masturbiert, statt mit dir Spaß zu haben. Warum? "Weil er so niemand anderen beglücken muss als sich selber", weiß die Expertin: "Das ist einfacher – und er weiß, was er mag." Ist gegen gelegentliche Pornos gar nichts einzuwenden, so kann Dauerkonsum – bis zum Zwang – ein ernstes Problem für die Partnerschaft werden. "Seine Chemie im Gehirn verändert sich. Oft ist es dann schwer für ihn, im echten Leben stimuliert und erregt zu werden." Es gibt Männer, die masturbieren auch ohne Web, was das Zeug hält. "Ich liege neben ihm, und er steht auf und onaniert", klagt eine Klientin im Buch. Natürlich ist sie wütend. Generell, so die Therapeutin, wäre Solosex eine Spielart, die die Partnerschaft weder gefährdet noch von ihr ablenkt. Ist sie allerdings extrem ausgeprägt, schaut's anders aus. "Denken Sie darüber nach, wie Sie Selbstbefriedigung vielleicht in den gemeinsamen Sex einbauen können. Das Gleiche gilt für Pornos. Immer mehr Paare schauen das gerne zusammen."

Neugierig bleiben. Ja, und natürlich soll auch jener Lustkiller, der am offensichtlichsten ist, erwähnt werden: Langeweile. Wenn sich die Routine in einer Partnerschaft bis unter die Bettdecke einschleicht. "Will man seine Beziehung leidenschaftlich halten, dann muss man das zu einer Priorität machen", stellt Weiner-Davis klar. "Und das bedeutet, dass man den anderen nicht für selbstverständlich nimmt. Und nicht immer die gleichen Dinge macht." Warum versuchen wir nicht mal diese Position? Warum stellen wir uns nicht vor, dass wir uns gerade getroffen haben? Das wären zwei Fragen für frischen Wind im Schlafzimmer. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. "Ich bin 44 Jahre verheiratet", erzählt die Paarcoachin, "ich denke immer über neue Dinge nach, die man ausprobieren kann. Nicht nur im Bett. Mein Mann und ich schauen uns neue Orte an, Restaurants, Filme, treffen uns mit Leuten. Man kann ganz bewusst die Neugierde am anderen und am Leben aufrechterhalten."

Wer kann hellsehen? Apropos: So gut man manche Fähigkeiten bewusst erlernen kann, so wenig wird es einem gelingen, zum Hellseher zu werden. Will meinen: Man muss dem Partner schon sagen, was einen erotisch antörnt und was nicht. Aber, Frau Weiner-Davis, kann zu viel Gerede nicht auch die Magie zerstören? "Wenn alles gut läuft," meint die Expertin, "muss man ja auch nicht darüber sprechen. Aber wenn Sex nicht oft genug passiert oder einen nicht befriedigt, dann sollte man den Mund aufmachen. Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Paare in meiner Praxis, die seit vielen Jahren zusammen sind, niemals über Sex gesprochen haben. Und das öffnet anderen Problemen wie Untreue die Tür. Und dann haben wir's schneller, als wir schauen können, wieder, das 'Schatz, heute nicht!'"