Detox für den Kleiderschrank

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Das kann weg! Weshalb radikales Ausmisten zum Statement wird, Vintage ein Upgrade erlebt – und Luxus heute oft heißt: weniger Ballast!

Der Moment kommt bei mir garantiert zu jedem Saisonwechsel – meist ist es der erste warme Tag, an dem man den Frühling erahnen kann, aber der Welt immer noch im dicken Kaschmirpullover begegnet. Noch dazu sichte ich für unser Magazin seit Monaten die neuen Frühling/Sommer-Kollektionen und habe Lust, mich modisch (wieder einmal!) neu zu erfinden. Ich stehe also vor meinem offenen Kleiderschrank und fühle mich etwas überfordert. Denn bevor ich anfange, alte Lieblingsteile, ein paar Neuanschaffungen und durchaus auch ein paar Fehlkäufe zu sortieren, muss ich mir klar werden: Wie sollen für mich die nächsten Monate aussehen? Wohin will ich? Und wie sehe ich mich modisch gerade? Für dieses Vorhaben habe ich mir den ganzen Vormittag reserviert, eine meiner regelmäßigen Runden in Sachen „Closet Detox“ steht an – mittlerweile zum Lifestyle avanciert, für mich aber auch wichtig für Klarheit im Kopf und schnelleres Styling im Alltag.

Im Selbst-Check

Zuerst muss alles raus. Ich lege also den gesamten Inhalt des Kastens aufs Bett – schließlich muss ich jedes einzelne Stück angreifen, fühlen und eventuell anprobieren. Die eigene Garderobe ist niemals nur Kleidung. Es sind gespeicherte Versionen des eigenen Lebens: frühere Jobs, Beziehungen, neue und alte Hobbys, Sportleidenschaften und „Destination-Dressing“ für Urlaube oder Events. Und manches davon passt plötzlich nicht mehr. Ich spreche hier nicht von der Konfektionsgröße (okay, passiert auch manchmal!), sondern von Lebensabschnitten. Oder eben vom Selbstbild und den Dingen, die man sich für sich wünscht. Der elegante Pucci-Seidenkaftan, den ich jüngst vintage gekauft habe, wird heuer noch an der Côte d’Azur ausgeführt, das habe ich mir fest vorgenommen. Ich nenne das „Styling-Manifestation“. Andere Dinge fühlen sich beim Ausmisten aber auch wie ein kleiner Abschied an. Und genau darin liegt die Kraft des Detox: Man schafft Raum für die Person, die man jetzt ist – nicht für die, die man einmal war oder dachte, sein zu müssen.

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WAS PASST WIRKLICH ZU MIR? Wer seinen Stil kennt, vermeidet Fehlkäufe. Und wenn die eigenen Keypieces – etwa als fein kuratierte Capsule Collection, farblich und stilistisch abgestimmt – harmonieren, wird das tägliche Styling mühelos.

 © Werk

Vintage-Boom

Doch wohin mit den aussortierten Teilen? Designerware, Taschen, Schuhe, besondere Vintage-Pieces oder Accessoires wie Sonnenbrillen und Gürtel verkaufe ich weiter. Entweder online auf diversen Plattformen (eine Liste meiner Favoriten finden Sie auf Seite 70), bei privaten Flohmärkten oder an kleine, kuratierte Vintage-Boutiquen. Und: „Clothing Swaps“ mit Freundinnen erleben ein Revival – gemeinsame Tauschabende, bei denen Lieblingsstücke neue Besitzerinnen finden.

Checkliste

Was ich gelernt habe: Der größte Fehler beim Ausmisten ist Impulsivität. Daher noch einmal die beste Taktik im Überblick: Alles startet mit der 3-Fragen-Regel: Würde ich das Stück heute wieder kaufen? Passt es zu meinem aktuellen Leben? Fühle ich mich darin wie die Person, die ich sein möchte? Ein einziges Nein reicht, und das Teil kommt weg. Zum Schluss wird kategorisiert: Zurück in den Schrank (Lieblingsteile, hochwertige Basics, Signature Pieces), zum Schneider (Schönes mit Optimierungsbedarf), verkaufen (kaum getragene Designerstücke) oder spenden (gut erhaltene Alltagsmode). Mein Ass im Ärmel: die 7-Tage-Regel. Unsichere Stücke pausieren eine Woche. Was man nicht vermisst, braucht man nicht. Das ist kein radikaler Minimalismus, sondern zeitgemäßer Luxus – Stil zeigt sich in Klarheit und Auswahl, nicht im Überfluss.

Der Idealzustand danach: Plötzlich passt alles zusammen. Entscheidungen fallen leichter. Anziehen wird wieder ein kreativer Akt, der Freude bereitet. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum das Thema gerade so präsent ist: In einer komplexen Welt suchen wir Klarheit im Kleinen. Und manchmal beginnt guter Stil nicht mit einem Neukauf, sondern mit dem mutigen Satz: Das kann weg!

Vintage-Adressenx

Ob verkaufen oder gustieren: Preloved-Mode findet man heute online ebenso wie in ausgewählten Stores vor Ort:

  • WILLHABEN.AT Große Reichweite, lokale Käufer:innen,

    keine Provision. Ideal für unkomplizierte

    Deals – allerdings in Eigenregie von Inserat

    bis Übergabe.

  • VINTED.AT Einfaches Hochladen, große Community.

    Käufer:innen zahlen eine Gebühr für den

    Käuferschutz – bei Problemen mit der Ware

    sorgt die Plattform für Rückabwicklung.

    Weniger geeignet für Luxury-Pieces.

  • SELLPY.AT

    Kleidung im angeforderten Sack einsenden,

    den Rest übernimmt die Plattform: Fotos,

    Preisfestlegung, Verkauf und Versand. Be-

    quem, aber mit wenig Einfl uss auf die Preis-

    gestaltung, da Sellpy den Wert defi niert.

    Ideal für alle, die unkompliziert aussortieren

    möchten. Ausgewählte Stücke werden

    künftig auch in H&M-Filialen angeboten.

  • VESTIAIRECOLLECTIVE.COM

    Spezialisiert auf Designermode. Optio-

    nal mit Echtheitsprüfung für Käufer:innen

    (gebührenpfl ichtig), Verkäufer:innen zahlen

    Provision. Besonders geeignet für High-

    Luxury mit globaler Reichweite.

  • VORSTADTKLEIDER

    Der Vintage-Store in Pressbaum (NÖ) setzt

    auf „Slow Shopping“: Stilvolles Stöbern,

    anprobieren und kaufen – oder eigene Stü-

    cke auf Kommissionsbasis verkaufen.

  • MAISONRIVEE.COM

    Österreichs neue Adresse für kuratierte

    Statement-Pieces – mit Schwerpunkt auf

    Vintage-Schmuck und Designertaschen.

    Online und nach Terminvereinbarung im

    Wiener Offi ce.

  • KAMIEMPIRE.COM

    Gegründet von Vintage-Bag-Liebhaberin

    Kamila, setzt der Webshop auf limitierte

    Drops. An- und Verkauf erfolgen online

    oder nach Termin im Wiener Büro.

Über die Autor:innen

Bild von Michaela Strachwitz

Michaela Strachwitz

Chefredakteurin für Mode, Beauty & Lifestyle

Michaela ist seit 2024 Chefredakteurin bei WOMAN für die Themen Mode, Beauty & Lifestyle. Davor war sie 8 Jahre lang stellvertretende Chefredakteurin und 9 Jahre Chefin vom Dienst.

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