
Ein Mindset-Trend überzeugt. Mit mehr als 10.000 Google-Suchanfragen pro Monat in Österreich sind Vision Boards ein wichtiges Thema. Doch was steckt hinter diesem kraftvollen Tool? Psychologin Sabine Standenat weiß, warum eine Pinnwand voller Wünsche der beste Reminder für Ziele ist und ein starker Motivationstreiber sein kann.
Life- und Business-Coaches raten dazu, und Showbusiness-Größen wie Reese Witherspoon, Oprah Winfrey, Beyoncé oder Ellen DeGeneres tun es. Sie alle nutzen, wie viele von uns, Vision Boards als Kraftquelle für Zukunftsträume. DeGeneres pinnte zum Beispiel ihren Wunsch, einmal auf dem Cover des "O"-Magazins zu erscheinen, auf ihre Pinnwand. Ratet, was passiert ist! Genau! Wenige Monate danach stand sie für eine Fotostrecke vor der Kamera.
Aber gelingt das tatsächlich? Braucht es nur eine selbst gefertigte Collage aus Bildern, Zeitungsausschnitten, Illustrationen und Zitaten, um alle Ziele, ob beruflich oder privat, zu erreichen? Pinnwand-Unikate, gefüllt mit persönlichen Gedanken, Träumen, Wünschen und Visionen? Versprochen wird die Steigerung von Durchhaltevermögen und Motivation. Zugegeben, es klingt ein bisschen nach einer netten Bastelei für Menschen, die auf Ying und Yang schwören, aber weniger nach einem sinnvollen Tool, das zu einer Lebensveränderung führt.
Es ist wichtig, wie wir denken
Wie groß ist die Macht über unsere Psyche, fragen wir Psychologin Sabine Standenat: "Sehr groß. Unsere Gedanken erzeugen Realität. Mein Lieblingsspruch lautet: 'Angst beginnt im Kopf. Mut auch.' Alles, das auf der psychischen Ebene passiert, hat auf den Körper eine Auswirkung." Es ist eben nicht egal, was oder wie wir denken, vielmehr ist es die Basis für alles. Deshalb sollte man immer wieder seine Einstellung zu wichtigen Lebensbereichen wie Gesundheit, Liebe, Partnerschaft, Sexualität, Geld und Erfolg hinterfragen: "Überlegt, welche Gedanken überwiegen. Sind es stärkende, Mut machende oder eher welche, die schwächen oder Kraft nehmen? Nur positive Visualisierungswünsche ergeben einen Sinn." Und sinnvolle Nachdenkprozesse können durch Vision Boards unterstützt werden: "Für viele sind sie ein wirkungs- und kraftvolles Tool, um sich seiner eigenen Ziele bewusst zu werden und sich darauf zu fokussieren. Sie vermitteln Klarheit, Fokus und Orientierung." Dabei müssen nicht immer große Visionen verfolgt werden, ist die Expertin überzeugt: "Selbst wenn im Alltag viele Dinge gleichzeitig anfallen, dient ein Vision Board als hervorragende Entscheidungshilfe. Letztendlich erinnert es daran, was wirklich wichtig ist, wo die Prioritäten liegen. Durch das ständige Visualisieren verankern sich die Zukunftsvisionen stärker in das Unterbewusstsein und nehmen mit der Zeit positiven Einfluss auf das Denken und Handeln."
Standenat nennt ein Beispiel: "Du wünscht dir, zum Beispiel, bald eine schönere Wohnung zu finden. Beschäftige dich im positiven Sinn mit der Realisierung und schreib dir auf: ,Das wird mir gelingen.' Und steh auch dazu. Belaste dich keinesfalls mit negativen Vorhersagen wie: ,Ich schaffe das ohnehin nicht.' Oder du fokussierst dich auf Zukunftsfragen: Wie möchte ich leben? Was möchte ich noch alles erreichen? Anhand der Fragen kannst du zur Unterstützung eine schöne Collage erstellen. Wichtig dabei ist jedoch, mit möglichst viel Leichtigkeit an die Traumerfüllung ranzugehen, keinesfalls mit Verbissenheit."
Modedesignerin Marlen Sabetzer ist von der Kraft der Gedanken jedenfalls überzeugt: "Tatsächlich habe ich fast jedes Ziel, das ich mir bewusst gesteckt habe, auch erreicht. Sei es im privaten oder beruflichen Bereich. Nächste Einträge stehen bereits auf meinem Vision Board. Endlich wieder mehr verdienen, damit einer Australien-Reise zu meinem 40. Geburtstag nichts mehr im Weg steht." Ob man seine Vorgaben mit Zeitlimits pusht, hängt von der Persönlichkeit ab, meint Psychologin Standenat. Für sie selbst "bedeutet es eher Stress, wenn ich mir vorsagen würde, bis Weihnachten möchte ich mir diesen oder jenen Wunsch erfüllen". Das Wichtigste sei ohnehin, einerseits alles für möglich zu halten, andererseits nicht zusammenzubrechen, falls die Träume eben doch nicht in Erfüllung gehen sollten.
Es ist nicht egal, was wir denken – es ist die Basis für alles.

Im Heute leben
Wie wichtig ist es, bei all den Zukunftsvisionen den Sinn für das Hier und Jetzt nicht zu verlieren? "Sehr", meint Standenat: "Das betrifft nicht ausschließlich Zukünftiges. Viele beschäftigen sich viel zu viel mit der Vergangenheit. Doch die ist nun mal vorbei, man kann sie nicht mehr ändern. Und wenn man genau überlegt, dann kommt die Zukunft nie, denn wenn ich morgen früh aufstehe, bin ich schon wieder im Hier und Jetzt. Man sollte also nicht mit den Gedanken an Vergangenem festhalten oder alle Wünsche in die Zukunft projizieren, denn dann fehlt einem die Energie für das Heute." Neben Visionen gebe es "im Leben ohnehin immer einen Faktor X, der nach wie vor ein großes Mysterium darstellt". Die Therapeutin reflektiert dazu: "Das soll heißen, dass die Kraft der Gedanken zwar stark ist, das Leben allerdings doch immer Unvorhersehbares bereithält." Dementsprechend sollte man auf Flexibilität achten und diese trainieren! Je mehr man sich davon im Leben bewahrt, desto leichter gelingt es, mit unvorhergesehenen Ereignissen umzugehen. Standenat überzeugt mit einem klugen Satz: "Sagt euch vor: Was auch immer geschieht, ich vertraue darauf, dass ich damit fertigwerde. Nie einreden: Das oder jenes darf niemals passieren. Das schwächt nur unnötig und bringt absolut nichts."
Visionen als klare Zielsetzung
Gut, ich habe mich also dazu entschlossen, ein Vision Board anzulegen. Wie gehe ich es konkret an? Lieber digital oder mit der Bastelschere? "Wie man mag. Entweder klassisch auf Papier alles aufkleben, das man mit seinen Wünschen verbindet, oder man holt sich eine App beziehungsweise fertige Vorlagen von Pinterest zur Hilfe. Mittlerweile gibt es auch fertige Boards zu kaufen." Die Gestaltungsmöglichkeiten sind vielfältig, jedenfalls sollte man sich Schwerpunkte setzen: "Frag dich, ob du eine große Zielcollage für alle Lebensbereiche erstellen möchtest oder mehrere Vision Boards für einzelne, wie Gesundheit, Mindset, Familie, Karriere." Und wo sollte man sie am besten platzieren? Dort, wo man sich oft aufhält und hinschaut, das kann über der Couch sein, am Kühlschrank, im Vorzimmer oder auch am Klo. "Da bleibt wenigstens Zeit, alles zu verinnerlichen", lacht die Expertin.
Aufgrund unseres Gesprächs fühlt sich die Psychologin inspiriert, selbst eine Ziel-Pinnwand anzulegen: "Das ist doch eine schöne Arbeit, und ich habe viele alte Zeitschriften. Bevor ich in eine Nachdenkkrise falle, bastle ich lieber an meiner Zukunft. Was ich mir persönlich wünsche? Gelassenheit und inneren Frieden, unabhängig von den äußeren Turbulenzen des Lebens. Dass es mir gelingt, ruhig zu bleiben, auch wenn rundherum das Drama tobt. Und ja, natürlich Gesundheit."






