
Perspektivenwechsel für deine berufliche Neuorientierung - Gastbeitrag von Isabella Raunigk.
Du sitzt beim Abendessen mit Freundinnen. Eine erzählt von ihrem neuen Job, eine andere überlegt sich selbstständig zu machen. Und dann bist du dran. "Und, wie läuft's bei dir?"
Du zögerst. Dann kommt's raus: "Naja, ehrlich gesagt... ich weiß nicht. Ich bin irgendwie unzufrieden. Aber gleichzeitig..." Du suchst nach Worten. "Ich sollte eigentlich dankbar sein, oder? Sicherer Job, gutes Gehalt, nette Kolleg:innen. Anderen geht's viel schlechter."
Kennst du diesen Satz? "Ich sollte dankbar sein."
Das ist der Satz, der mehr Träume erstickt hat als jeder Chef, jede Absage, jeder Rückschlag. Weil er dich klein macht. Weil er dir sagt: Deine Unzufriedenheit ist ungerechtfertigt. Du hast kein Recht, mehr zu wollen.
Aber hier kommt die Wahrheit: Dankbarkeit und der Wunsch nach Veränderung schließen sich nicht aus. Du kannst gleichzeitig dankbar sein für das, was du hast, UND erkennen, dass es nicht mehr zu dir passt. Beides darf nebeneinander existieren.
Die größten inneren Saboteure (und wie du sie erkennst)
Bevor wir über Veränderung reden können, müssen wir über die Stimmen in deinem Kopf reden. Die, die dir ständig einreden, dass du nicht darfst, nicht kannst, nicht solltest.
Ich nenne sie die "inneren Saboteure". Und sie haben alle denselben Job: Dich davon abzuhalten, aus deiner Komfortzone rauszugehen. Nicht weil sie böse sind. Sondern weil sie dich beschützen wollen. Vor Risiko. Vor Enttäuschung. Vor Veränderung.
Das Problem: Was ursprünglich Schutz war, wird irgendwann zum Gefängnis.
Und was man generell über seine eigenen Gedanken wissen sollte: Gedanken sind keine Wahrheit. Gedanken sind oftmals einfach nur Hirnfürze, Sorgenäffchen, schlechte Ohrwürmer, oder deine innere Helikoptermama. Du bist der Boss deiner Gedanken. Du darfst Stop sagen und sie unterbrechen. Du darfst sagen, "danke für deine Hinweise und dass du auf mich aufpassen willst, aber ich pack das schon."
Saboteur Nr. 1: Die Dankbarkeitspolizei
"Du solltest dankbar sein. Andere haben es viel schwerer. Du bist verwöhnt/undankbar/realitätsfern/gierig."
Dieser Saboteur ist tückisch, weil er sich als moralisch überlegen tarnt. Als wärst du ein schlechter Mensch, wenn du mehr willst. Aber mal ehrlich: Seit wann ist es verwöhnt, sich nach Erfüllung zu sehnen? Seit wann ist es undankbar, zu merken, dass etwas nicht mehr passt auch wenn es lange gut oder genug war?
Real Talk: Dass es anderen schlechter geht, macht deine Situation nicht automatisch gut. Das ist keine Mathematik, wo sich Leid gegeneinander aufrechnet.
Saboteur Nr. 2: Die Sunk-Cost-Falle
"Ich hab doch studiert/eine Ausbildung gemacht/jahrelang Erfahrung gesammelt/so viel Zeit investiert. Das kann ich doch jetzt nicht einfach wegwerfen!"
All das kannst du gar nicht wegwerfen. Es bleibt immer ein Teil von dir worauf du aufbaust. Erfahrungen die man in einem Job gemacht hat können dir bei einem ganz anderen Bereich nützlich sein. Softskills sind sowieso nie umsonst gelernt und viel schwerer zu lernen als Hardskills.
Die Jahre, die du weiter in einer Situation, einem Job, bleibst in dem du frustriert und unglücklich bist, das sind Jahre die man rückblickend als verschwendet ansehen kann. Die einzige Frage ist also: Willst du die nächsten 20-30 Jahre auch noch in etwas investieren, das dich nicht erfüllt? Nur weil du schon so viel Zeit reingesteckt hast?
Eine meiner Klientinnen hat nach 8 Jahren Jus-Studium und 5 Jahren als Anwältin gewechselt. Heute arbeitet sie in der Erwachsenenbildung und ist so glücklich wie nie. Ihre Reaktion damals: "Ich wünschte, ich hätte früher den Mut gehabt. Die Jahre waren nicht umsonst - ich hab wahnsinnig viel gelernt. Aber sie sind auch kein Grund, unglücklich zu bleiben."
Saboteur Nr. 3: Der Perfektionismus-Teufel
"Ich kann doch nicht wechseln, solange ich nicht zu 100% weiß, was ich stattdessen machen will. Ich brauch einen wasserdichten Plan. Ich muss sicher sein."
Spoiler Alert: Du wirst nie zu 100% sicher sein. Nie.
Und weißt du was? Das ist auch gar nicht nötig. Niemand verlangt von dir, dass du heute schon weißt, was du in 5 Jahren machen wirst. Niemand verlangt, dass du den perfekten Plan hast, bevor du auch nur einen Schritt machst. Und wenn es jemand verlangt soll dir die Person zeigen wo sie den perfekten Plan in ihrem Leben hatte :)
Manchmal musst du einfach anfangen zu gehen, und der Weg formt sich während du gehst. (Klingt esoterisch, ich weiß. Ist aber wirklich so.) Egal wie viele Pläne du machst sobald du loslegst werden sich so viele neue Türen öffnen und manche Dinge nicht klappen dass du sowieso eine grund-flexibilität brauchst um diese Wellen mitzureiten. Das ist es was erfolgreich macht. Anpassungsfähigkeit an äußere Umstände. Als Basis dafür sollte man aber wissen wo die eigenen Grenzen sind und wie es mit den eigenen Werten aussieht. Werden diese nämlich übergangen hat das nichts mehr mit Flexibilität zutun sondern schreit nach Burnout. (Siehe Teil 1 dieser Serie)
Saboteur Nr. 4: Die Verantwortungs-Keule
"Ich kann nicht einfach... ich hab Verantwortung. Familie, Kredit, Verpflichtungen. Ich kann es mir nicht leisten, ein Risiko einzugehen."
Hier wird's kompliziert. Weil: Ja, du hast Verantwortung. Und ja, die ist wichtig. Aber Verantwortung bedeutet nicht, dich selbst komplett aufzugeben.
Die Frage ist: Verantwortung wofür? Und für wen?
Bist du verantwortlich dafür, dich selbst unglücklich zu machen, damit andere bequem bleiben? Oder bist du vielleicht auch dir selbst gegenüber verantwortlich? Für dein Wohlbefinden? Deine mentale Gesundheit? Deine Lebensqualität?
Wer ist dein Supportsystem? Partner:in, Familie, Freunde? Wen kannst du miteinbeziehen? Du musst nicht alles alleine lösen und schaffen.
Der Unterschied zwischen Verantwortung und Selbstaufgabe
Lass uns da kurz tiefer eintauchen, weil das ein Punkt ist, wo viele Frauen strugglen.
Verantwortung bedeutet: Du triffst Entscheidungen unter Berücksichtigung deiner Lebensumstände. Du wägst ab. Du planst. Du gehst klug vor.
Selbstaufgabe bedeutet: Du stellst deine eigenen Bedürfnisse komplett hinten an. Du existierst nur noch in Bezug auf andere. Deine Wünsche, deine Träume, deine Gesundheit - alles egal, solange du "funktionierst" für andere.
Beispiel: Du bleibst in einem Job, der dich kaputtmacht, weil du Angst hast, dass du mit weniger Geld deine Familie nicht mehr ernähren kannst. Das ist Selbstaufgabe.
Alternative: Du bleibst vorerst in diesem Job, während du parallel nach Alternativen suchst, dich weiterbildest, Kontakte knüpfst, einen Plan entwickelst. Du nimmst deine Verantwortung ernst, aber du gibst dich nicht auf. Das ist Verantwortung.
Siehst du den Unterschied?
Tipp: Such dir eine Community: Ich habe zum Beispiel die Fempreneur Community für Frauen gegründet die sich selbstständig machen wollen, oder es schon sind wo wir uns gegenseitig supporten und alle 2 Wochen online über Sorgen, Ängste und Erfolge sprechen. Mehr Infos zu unserer Gruppe findest du hier.
Die "Ich darf"-Liste
Jetzt kommt eine Übung, die sich vielleicht erst mal seltsam anfühlt. Aber stay with me.
Nimm ein Blatt Papier. Oder dein Handy. Oder was auch immer. Und schreib folgende Sätze auf - und zwar so, dass du sie dir selbst sagst:
Ich darf unzufrieden sein, auch wenn andere es schlechter haben.
Ich darf meine Meinung ändern, auch wenn ich jahrelang etwas anderes wollte.
Ich darf Fehler machen, während ich herausfinde, was ich wirklich will.
Ich darf langsam vorgehen, ich muss nicht morgen alles hinwerfen.
Ich darf mir Unterstützung holen, ich muss das nicht allein schaffen.
Ich darf Angst haben und es trotzdem probieren.
Ich darf mehr wollen vom Leben, das macht mich nicht gierig oder egoistisch.
Lies dir diese Sätze laut vor. Ernsthaft. Laut.
Merkst du, wie sich das anfühlt? Vielleicht unangenehm? Vielleicht sogar ein bisschen rebellisch? Als würdest du gegen eine unsichtbare Regel verstoßen?
Das ist normal. Weil wir als Frauen oft gelernt haben, uns klein zu machen. Bescheiden zu sein. Nicht zu viel zu wollen. Dankbar zu sein für das, was wir haben.
Aber weißt du was? Diese unsichtbaren Regeln - die darfst du in die Tonne schmeißen.
Von Grübeln zu Handeln (ohne in Aktionismus zu verfallen)
Okay, du hast jetzt erkannt, dass du unzufrieden bist. Du hast die Signale gesehen. Du hast die inneren Saboteure identifiziert. Du weißt, dass du mehr willst.
Und jetzt?
Naja, entweder du verharrst in Grübel-Paralyse ("Ich weiß nicht, was ich tun soll, also tu ich gar nichts") oder du verfällst in blinden Aktionismus ("Ich kündige morgen und dann seh ich schon weiter!").
Beides ist suboptimal.
Was du brauchst, ist der Mittelweg: Reflektierte Bewegung.
Schritt 1: Unterscheide zwischen "Ich muss sofort entscheiden" und "Ich darf erkunden"
Du musst nicht morgen kündigen. Du musst nicht nächste Woche einen neuen Job haben. Du musst nicht in drei Monaten ein komplett anderes Leben führen.
Was du darfst: Erkunden. Ausprobieren. Fühlen, was sich richtig anfühlt.
Konkret: Sprich mit Menschen, die Jobs machen, die dich interessieren. Mach einen Online-Kurs zu einem Thema, das dich neugierig macht. Geh zu Netzwerk-Events. Schreib auf, was dir Energie gibt. Probier Dinge aus.
Kein totales Commitment. Keine endgültigen Entscheidungen. Nur: Neugierig sein.
Schreib dir auf wie verschiedene ideale Traumjob Szenarios aussehen könnten.
Wann stehst du morgens auf
Was ziehst du an
Wo arbeitest du
Mit wem arbeitest du
Was verdienst du
Welche deiner Fähigkeiten kommen zum Einsatz
Wie verbringst du deine Wochenenden
Und dann schau dir an welche Schritte nötig werden um dahin zu kommen.
Schritt 2: Das "Run to, not run from"-Prinzip
Wenn du einen Jobwechsel oder eine Veränderung in Betracht ziehst, frag dich:
Renne ich von etwas weg? Oder renne ich zu etwas hin?
"Weg von" klingt so: "Ich halt's hier nicht mehr aus, egal was kommt, Hauptsache weg."
"Hin zu" klingt so: "Ich hab eine Vorstellung davon, was ich will, und ich geh bewusst in diese Richtung. Ich will X unbedingt"
Ersteres bringt uns dazu, ungünstige Entscheidungen zu treffen, die wir bereuen, weil es kein Ziel gibt außer weg. Zweiteres gibt uns eine Richtung vor und der Weg ist flexibel. Wie ist noch nicht so wichtig, aber wo wir ankommen ist klar.
Schritt 3: Der 10-10-10-Test
Wenn du vor einer Entscheidung stehst und nicht weißt, was richtig ist, probier das:
Stell dir vor, du triffst Entscheidung A (z.B. bleiben wo du bist).
Wie fühlst du dich in 10 Minuten?
Wie fühlst du dich in 10 Monaten?
Wie fühlst du dich in 10 Jahren?
Dann stell dir vor, du triffst Entscheidung B (z.B. wechseln).
Wie fühlst du dich in 10 Minuten?
Wie fühlst du dich in 10 Monaten?
Wie fühlst du dich in 10 Jahren?
Oft ist die Antwort ziemlich klar, wenn du die langfristige Perspektive einbeziehst.
Umgang mit Zweifeln (die kommen nämlich garantiert)
It's a fact: Zweifel gehen nicht weg. Sie verändern sich nur. Selbst wenn du die perfekte Entscheidung triffst, werden irgendwelche Zweifel auftauchen.
"War das richtig?"
"Hätte ich doch bleiben sollen?"
"Was, wenn ich einen Fehler gemacht hab?"
Das ist menschlich. Das ist normal. Und das bedeutet nicht, dass du falsch liegst. Was haben wir gelernt? Zweifel wollen uns schützen. Wir dürfen sie prüfen, aber auch verwerfen.
Was hilft:
1. Unterscheide zwischen produktiven und destruktiven Zweifeln
Produktive Zweifel: "Hab ich an alles gedacht? Gibt es noch etwas, das ich bedenken sollte?"
Destruktive Zweifel: "Ich bin zu dumm/alt/unerfahren/whatever für Veränderung."
Produktive Zweifel helfen dir, gute Entscheidungen zu treffen. Destruktive Zweifel lähmen dich nur.
2. Setz dir einen "Zweifel-Termin"
Klingt absurd, funktioniert aber: Wenn die Zweifel kommen (und sie werden kommen), sag zu ihnen: "Danke, ich hab euch gehört. Wir reden darüber am Samstag um 10 Uhr. Bis dahin: Ruhe."
Dann mach am Samstag um 10 Uhr wirklich einen Termin mit dir selbst. Schreib die Zweifel auf. Schau sie dir an. Und dann entscheide bewusst: Welche davon sind berechtigt und brauchen Aufmerksamkeit? Welche davon sind nur Lärm?
3. Hol dir Menschen ins Boot, die an dich glauben
Du brauchst nicht nur Leute, die dir sagen "Das schaffst du!". Du brauchst Leute, die dich kennen, die ehrlich sind, die dich auch mal challengen.
Aber gleichzeitig: Distanzier dich von Menschen, die ständig Zweifel säen. Die dir erzählen, warum alles nicht funktionieren wird. Die ihre eigenen Ängste auf dich projizieren.
Du brauchst realistischen Optimismus, keine toxische Positivität. Aber auch keine ständige Schwarzmalerei.
Was jetzt?
Du bist am Ende von Teil 3 angekommen. Du weißt jetzt:
Welche inneren Saboteure dich zurückhalten
Dass Dankbarkeit und der Wunsch nach Mehr sich nicht ausschließen
Dass Verantwortung nicht Selbstaufgabe bedeuten muss
Wie du mit Zweifeln umgehst, ohne in Paralyse zu verfallen
Im nächsten Teil schauen wir uns konkrete Strategien an: Wie gehst du praktisch vor, wenn du eine Veränderung willst? Welche Schritte machst du, ohne dein Leben von heute auf morgen auf den Kopf zu stellen? Und wie entscheidest du, ob du bleiben und verändern, oder gehen solltest?
Aber für heute: Mach die "Ich darf"-Übung. Wirklich. Schreib die Sätze auf. Lies sie dir vor. Und schau, was das mit dir macht.
Manchmal ist der erste Schritt zur Veränderung, dir selbst die Erlaubnis zu geben.
Isabella Raunigk ist diplomierte psychologische Beraterin, systemische Business Coach, Trainerin für Erwachsenenbildung und Gründerin von Mind Distillery. Seit 2012 arbeitet sie als selbstständige Digital Product Designerin für Kund:innen in ganz Europa und kombiniert diese Expertise mit psychologischem Fachwissen.
Isabellas Weg war alles andere als gradlinig: Mit 14 zog sie von zuhause aus, mit 21 machte sie sich selbstständig. Sie war oft die jüngste und einzige Frau in Räumen voller Männer, musste sich behaupten, erlebte Mobbing und Sexismus. Aber sie blieb dran. Diese Resilienz und der Mut, immer wieder neue Wege zu gehen, prägen heute ihre Arbeit.
Als ehemalige Geschäftsführerin einer digitalen Agentur und mit über einem Jahrzehnt Selbstständigkeit weiß sie aus erster Hand, was es bedeutet, unternehmerische Entscheidungen zu treffen, zu scheitern, aufzustehen und weiterzumachen. Heute nutzt sie diese Erfahrungen, um andere Frauen auf ihrem Weg zu begleiten - authentisch, auf Augenhöhe.
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Lies auch:
Teil 1: Wenn der Traumjob plötzlich nicht mehr passt - Warum die berufliche Sinnkrise in den 30ern völlig normal ist
Teil 2: Wenn Sonntags schon die Angst vor Montag kommt - 5 Zeichen, dass dein Job dir nicht guttut