Gastbeitrag: Wenn Sonntags schon die Angst vor Montag kommt

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©Midjourney / Isabella Raunigk

5 Zeichen, dass dein Job dir nicht guttut. - Gastbeitrag von Isabella Raunigk

Es ist Mittwochabend. Du sitzt auf der Couch, scrollst durch LinkedIn, und plötzlich bleibt dein Daumen hängen. Eine ehemalige Kollegin hat Job gewechselt. Neue Stelle, neues Team, strahlendes Foto. Und in dir rumort etwas. Keine Freude für sie. Kein "Wow, gut für sie." Sondern: "Warum bin das nicht ich?". Du fühlst vielleicht eine Mischung aus Neid und Traurigkeit gefolgt von Schamgefühl, denn du solltest dich ja gefälligst freuen.

Oder anders: Sonntagnachmittag. Die Sonne scheint, du könntest spazieren gehen, ein Buch lesen, irgendwas Schönes machen. Stattdessen bist du angespannt und gestresst und kannst das restliche Wochenende gar nicht genießen. Nicht weil am Montag eine große Präsentation ansteht. Sondern einfach… weil Montag ist. Weil die Arbeitswoche wieder losgeht. Weil du schon jetzt weißt, wie sich die nächsten fünf Tage anfühlen werden.

Falls du dich in einem dieser Momente wiedererkennst: Du bist nicht allein. Und nein, das ist nicht "halt so" beim Erwachsensein. Alle diese unangenehmen Gefühle sind gut und wichtig. Denn sie sind dein Signal, dass etwas nicht in Ordnung ist und deine Aufmerksamkeit braucht. Das schlimmste wäre sie zu ignorieren, oder wegzudrängen.

Der Unterschied zwischen "schlechter Phase" und "Änderungsbedarf"

Bevor wir zu den Signalen kommen, eine wichtige Unterscheidung: Jeder Job hat beschissene Tage. Jeder. Auch der Traumjob. Auch die Selbstständigkeit. (Ich kann ein Lied davon singen.) Die Frage ist nicht, ob du mal einen schlechten Tag hast. Die Frage ist: Wie viele gute Tage hast du?

In meinen Gesprächen mit meinen Klientinnen frage ich manchmal: "Auf einer Skala von 1 bis 10 - wie erfüllend ist deine Arbeit gerade?" Und dann kommt meistens: "Naja, so 4-5?" Gefolgt von: "Aber das ist doch normal, oder?"

Normal ist Ansichtssache. Aber willst du dich die nächsten 20-30-50 Jahre nur 4-5 fühlen wenn eine 10 möglich ist?

Natürlich schwankt das. Mal bist du bei 7, mal bei 3. Aber wenn du über Monate hinweg unter 5 dümpelst, wenn die guten Tage die Ausnahme sind und nicht die Regel - dann ist das kein "Durchhänger". Dann ist das ein Muster.

Mit einer 10 ist übrigens nicht gemeint: 10.000 Euro netto und jeden Tag Ekstase Gefühle in der Arbeit. Was deine 10 ist ist ganz individuell. Ist dir ein gutes Miteinander am wichtigsten, oder viel Flexibilität, oder sinnstiftende Arbeit, oder das Gehalt? Schau dir alle Aspekte an.

Signal 1: Die Sonntagsangst

Du kennst das vielleicht unter einem anderen Namen. Sunday Scaries. Sonntagsabend-Magenschmerzen. Oder einfach: dieses Gefühl von Schwere, das sich ab 17 Uhr einstellt.

Es geht nicht darum, dass du dich nicht auf den Montag freust. Es geht darum, dass du aktiv Angst davor hast. Dass du dir vorstellst, wie du ins Büro gehst oder den Laptop aufklappst, und schon beim Gedanken daran wird dir schlecht.

Was dahintersteckt: Dein Körper reagiert auf etwas, das dir emotional oder mental nicht guttut. Das kann toxische Arbeitsatmosphäre sein, ein:e Chef:in, der/die dich kleinmacht, Arbeitsbedingungen die machen, dass du dich ständig verbiegen und zerreißen musst, oder einfach die Tatsache, dass du 30-40 Stunden pro Woche etwas machst, das dir eigentlich nichts bedeutet.

Wir merken uns: Sonntagsangst ist nicht dasselbe wie "mal keine Lust auf Arbeit". Das eine ist menschlich. Das andere ist ein Alarmsignal.

Signal 2: Du funktionierst, aber du lebst nicht

Kennst du dieses Gefühl von "Autopilot"? Du stehst auf, machst deinen Job, erledigst deine Aufgaben, bist vielleicht sogar gut darin. Aber es fühlt sich an, als würdest du neben dir stehen. Als wärst du ein Roboter, der ein Programm abspielt.

Eine Klientin beschrieb es mal so: "Ich bin wie in Watte gepackt. Ich spüre nichts mehr. Weder Freude noch Ärger. Nur so ein... Nichts."

Das ist deshalb tückisch, weil es sich nicht dramatisch anfühlt. Du brennst nicht aus, du brichst nicht zusammen. Du funktionierst halt. Und genau das macht es so schwer erkennbar. Weil du denkst: "Naja, geht eh..."

Aber Leben ist mehr als Schaffen. Leben ist Fühlen. Und wenn dein Job dich emotional so abstumpft, dass du nur noch durchkommst statt zu leben - dann ist das ein massives Signal. Wir wollen Main-Character-Energy und nicht NPC Autopilot!

Signal 3: Deine Skills verstauben in der Ecke

Du hast Fähigkeiten. Talente. Dinge, die du richtig gut kannst. Vielleicht hast du ein Händchen für Organisation, bist kreativ, kannst gut mit Menschen, löst gern komplexe Probleme.

Und dann schaust du auf deinen Arbeitsalltag und merkst: Von dem, was dich ausmacht, nutzt du vielleicht 30 Prozent. Der Rest liegt brach. Wie ein Muskel, den du nicht trainierst.

Beispiel: Ich hatte mal eine Klientin, die war richtig gut darin, Prozesse zu optimieren, kreative Lösungen zu finden, das große Ganze zu sehen. Ihr Job? Excel-Tabellen pflegen. Tag für Tag. Sie wurde dafür bezahlt, ihre Fähigkeiten NICHT zu nutzen.

Das Gemeine hier ist, du gewöhnst dich irgendwann dran. Du denkst: "Naja, dafür krieg ich halt Geld." Aber innerlich verhungerst du. Weil du weißt, dass da mehr in dir steckt. Und niemand fragt danach. Am Ende des Tages hast du das Gefühl nichts geleistet zu haben, weil dir das Erfolgserlebnis fehlt.

Signal 4: Du glaubst du bist eine Hochstaplerin (excuse me?)

Impostor Syndrome. Das Gefühl, dass du eigentlich keine Ahnung hast, dass jeden Moment jemand draufkommt, dass du hier nicht hingehörst, dass du dich durchmogelst und eigentlich gar nichts drauf hast.

Das Impostor Syndrome kann zwei Ursachen haben.

Erstens: Du bist tatsächlich kompetent, aber dein Gehirn spielt dir einen Streich. (Das ist die klassische Variante, über die viel gesprochen wird und wo es um andere Themen geht.)

Zweitens - und das wird seltener thematisiert: Du fühlst dich wie eine Hochstaplerin, weil du tatsächlich nicht authentisch bist. Weil du eine Rolle spielst, die nicht zu dir passt. Weil du dich verbiegen musst, um in diesen Job, diese Firma, diese Kultur zu passen.

Wenn du merkst, dass du bei der Arbeit eine Version von dir darstellst, die sich fremd anfühlt - das ist ein Signal. Ein verdammt wichtiges sogar. Frag dich mal selbst ob du stolz bist auf das was du arbeitest.

Signal 5: Urlaub ist deine Lebensader

"Nur noch 47 Tage bis zum Urlaub." Du zählst die Tage runter wie ein Kind bis Weihnachten. Nicht weil du dich so auf die Reise freust, sondern weil du raus musst. Weil du es nicht mehr aushältst und der Urlaub dein Luft holen aus dem Arbeitsalltag ist den du nicht magst.

Und dann kommst du aus dem Urlaub zurück, und nach zwei Tagen ist alles wieder wie vorher. Dieser kurze Hauch von "Es geht auch anders" verfliegt, und du bist wieder im Hamsterrad. Bis zum nächsten Countdown.

Wenn Urlaub für dich nicht Erholung ist, sondern Flucht - wenn du ihn brauchst, um zu überleben statt um aufzutanken - dann läuft grundsätzlich was schief.

Leben ist nicht "sich durchquälen und alle paar Monate zwei Wochen durchatmen". Das ist keine Work-Life-Balance. Das ist ein Überlebensmodus.

Das "Energiefresser vs. Energiegeber"-Protokoll

Also was tun? Ich geb dir eine Übung mit, die simpel ist, aber richtig viel aufdecken kann.

Nimm dir eine Woche Zeit. Jeden Abend schreibst du auf:

·       Was hat mir heute Energie gegeben?

·       Was hat mir heute Energie geraubt?

Wichtig: Keine Romane. Stichwörter reichen.

Beispiele:
Energiegeber: Brainstorming-Session mit Team, Mittagspause im Park, Projekt XY abgeschlossen
Energiefresser: Meeting mit Chef:in, Admin-Kram, E-Mails

Nach einer Woche schaust du dir das Ganze an. Und dann fragst du dich:

·       Wo sind mehr Einträge? Bei den Energiegebern oder Energiefressern?

·       Gibt es Muster? Sind es immer dieselben Dinge/Menschen, die dir Energie rauben?

·       Was davon gehört zu deinem Kernauftrag? Was ist Beiwerk?

·       Was davon kann ich verändern/beeinflussen und was nicht?

Diese Übung zeigt dir schwarz auf weiß, wo deine Energie hingeht. Und manchmal ist das schon der erste Schritt zur Veränderung: zu sehen, was wirklich los ist. Ohne es dir schönzureden. Manchmal ist es nicht notwendig gleich zu kündigen oder einen neuen Beruf zu lernen, sondern einfach die Arbeitsbedingungen und Aufgaben nachzuverhandeln und ein paar Rädchen zu drehen. In einigen Fällen hilft allerdings wirklich nur zu gehen.

Was diese Signale dir sagen wollen

Falls du dich in mehreren dieser Punkte wiedererkennst: Das ist okay. Wirklich. Du bist nicht kaputt. Du bist nicht zu anspruchsvoll. Du bist nicht undankbar.

Du bist einfach an einem Punkt, wo dein System dir sagt: "Hey, das hier passt nicht mehr."

Und das Wichtigste: Diese Signale sind nicht dein Feind. Sie sind deine Verbündeten. Sie zeigen dir, wo du hinschauen musst. Sie geben dir die Erlaubnis, ehrlich zu sein mit dir selbst.

Im nächsten Teil der Serie schauen wir uns an, welche mentalen Blockaden dich davon abhalten, auf diese Signale zu reagieren. Warum wir uns so oft einreden, dass wir "dankbar sein sollten" statt zu hören, was wir wirklich brauchen. Und wie du anfangen kannst, dir selbst die Erlaubnis zu geben, mehr zu wollen.

Aber für heute: Nimm dir einen Moment. Atme durch. Und wenn du magst, fang mit dem Energieprotokoll an. Manchmal ist der erste Schritt einfach, hinzuschauen.

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