
Flache Hierarchien, flexible Arbeitszeiten - gut so! Doch es braucht bessere Strategien, um den Arbeitsalltag zu optimieren, weiß Business-Coachin Kira Marie Cremer.
Der massive Schub kam 2020: Durch die Coronapandemie wurde New Work zum Mainstream-Thema. Die Parole lautete: Weniger Hierarchie, mehr Freiheit. Flexible Arbeitszeiten, Remote-Office, Workation und Purpose sollten den klassischen Büroalltag ablösen. Unternehmen warben mit Feelgood-Manager:innen, Vier-Tage-Woche und der Aussicht, Arbeit nicht länger als Pflicht, sondern als Raum für Selbstverwirklichung zu erleben. Doch inzwischen hat sich der Ton verändert. Immer häufiger fällt ein neuer Begriff: Real Work. Er steht für Verantwortung, sichtbare Ergebnisse und die Rückkehr zu einer Frage, die in manch aktuellen Debatten fast veraltet wirkt: Was muss Arbeit eigentlich leisten? Ist Real Work also die Gegenbewegung zu New Work? Oder lediglich eine notwendige Korrektur? Kira Marie Cremer, eine der bekanntesten Stimmen zu neuen Arbeitsmodellen, kennt die Schwachstellen und vor allem Lösungen.


Kira Marie Cremer, Autorin des Buches „New Work: Wie arbeiten wir in Zukunft?“ (Community Editions, € 13,30), Speakerin & Business-Creatorin.
© Maja PupaczNew Work ist seit Jahren ein Buzzword. Was läuft falsch in der Debatte?
Jahrelang wurde es wie ein Zukunftsversprechen verkauft, das sich oft auf wenige Schlagworte reduzieren ließ: flexible Arbeitszeiten, Obstkorb oder Tischkicker. Bei einer Recherche habe ich erlebt, wie groß die Lücke in der tatsächlichen Arbeitsrealität mancher Unternehmen noch immer ist. Menschen berichteten, dass nicht einmal kostenfreies Wasser angeboten wird oder das Laden privater Smartphones untersagt ist. Extrembeispiele, die ein grundlegendes Problem zeigen: Wir diskutieren häufig über Trends, während vielerorts noch nicht einmal die Basis stimmt. Homeoffice, Vier-Tage-Woche oder Benefits können sinnvoll sein, aber sie lösen keine kulturellen Probleme. Die entscheidende Frage lautet: Wie schaffen wir Arbeitsbedingungen, in denen Menschen gesund, motiviert und wirksam arbeiten können?
Was bedeutet der Begriff Real Work konkret?
Real Work beginnt dort, wo wir ehrlich hinschauen, statt Arbeitswelten schöner zu reden, als sie tatsächlich sind. Gleichzeitig ist Real Work ein bewusster Gegenentwurf zu einer überhöhten Vorstellung von Arbeit. Doch sie muss nicht gleichzeitig Identität, Sinnquelle und permanente Selbstverwirklichung sein. Dieser Anspruch erzeugt oft mehr Druck als Orientierung. Ich wünsche mir einen realistischeren Blick auf Arbeit: Man kann ambitioniert sein und seinen Job gerne machen, ohne sich ausschließlich darüber zu definieren oder die eigenen Grenzen zu ignorieren. Real Work bedeutet deshalb für mich, Arbeit von Buzzwords und überladenen Erwartungen zu befreien und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: faire Bezahlung, gesunde Arbeitsbedingungen, ehrliche Strukturen und Lösungen, die zur jeweiligen Organisation passen. Arbeit muss nicht perfekt sein. Sie sollte vor allem fair, menschlich und machbar sein. Und sie darf am Ende auch einfach ein Mittel zum Geldverdienen sein – ohne dass wir darin ein persönliches Scheitern sehen.
Wenn Flexibilität, Sinn und Selbstverwirklichung geboten werden, klingt das doch gut. Warum erkennen Sie dabei negative Aspekte?
Weil viele Maßnahmen aus Unternehmenssicht entwickelt werden und nicht aus Sicht der Mitarbeitenden. Der aktuelle „Circula Benefits Report“ zeigt beispielsweise, dass der klassische Obstkorb weiterhin zu den am häufigsten angebotenen Benefits gehört. Gleichzeitig zählt er nicht zu den Angeboten, die Beschäftigte besonders attraktiv finden. Das Problem ist selten der Benefit selbst. Das Problem ist, dass viele Unternehmen zu wenig zuhören. Mich macht es ehrlich gesagt wütend, wenn ich höre, dass Mitarbeitende bei Veränderungen oder Innovationen kaum einbezogen werden. Dabei sind sie die wichtigste Informationsquelle überhaupt. Menschen wünschen sich keine Maßnahmen, die auf Karriereseiten gut aussehen. Sie wollen Angebote, die ihren Alltag tatsächlich ereichtern. Mobilität, Gesundheit, Kinderbetreuung, Entwicklungsmöglichkeiten oder schlicht mehr Vertrauen. Gute Arbeit entsteht dort, wo Menschen mitgestalten dürfen, nicht dort, wo für sie entschieden wird.
Welche Rolle spielen Führungskräfte dabei, ob Arbeit „real“ oder „gut verkauft“ ist?
Eine entscheidende. Mitarbeitende erleben ein Unternehmen nicht über die Karriereseite, sondern über ihre direkte Führungskraft. Deshalb unterschätzen viele Leader:innen meiner Meinung nach, wie wichtig sie tatsächlich sind. Sie sind Vorbilder. Sie prägen Kultur durch ihr Verhalten. Und das jeden Tag. Wer Vertrauen predigt, aber kontrolliert, verliert Glaubwürdigkeit. Wer Beteiligung verspricht, aber Entscheidungen allein trifft, ebenfalls. Ich bin selbst in einer leitenden Position und weiß genau, wie wichtig meine Rolle als Vorbild ist, damit mein Team an einem Strang zieht. Oft höre ich von meinen Teammitgliedern, wie sehr sie mich als Führungsperson schätzen, weil sie es oft anders erlebt haben. Besonders kritisch wird es, wenn nach außen andere Werte kommuniziert als nach innen gelebt werden. Mitarbeitende merken solche Widersprüche sofort. Real Work entsteht dann, wenn Führungskräfte nicht nur über Kultur sprechen, sondern sie vorleben.
Gerade jüngere Generationen haben hohe Erwartungen an Arbeit. Sind diese realistisch?
Viele dieser Erwartungen sind durchaus realistisch. Die Ergebnisse meiner Studie „Ready, Set, Work!“ mit dem Marktforschungsinstitut appinio zeigen deutlich, dass junge Menschen sich vor allem Entwicklungsmöglichkeiten, Wertschätzung, Flexibilität, gute Führung und eine sinnvolle Tätigkeit wünschen. Keine überzogenen Forderungen, sondern nachvollziehbare Erwartungen. Dennoch, kein Job wird jeden Wunsch erfüllen können. Arbeit darf Freude machen, sie darf sinnstiftend sein, aber sie wird immer auch Herausforderungen, Konflikte und Verantwortung mit sich bringen. Die Zukunft liegt in einem gesunden Mittelweg zwischen hohen Ansprüchen und realistischer Erwartungshaltung.
Was können Unternehmen konkret tun, um von New Work zu Real Work zu kommen?
Unternehmen sollten aufhören, irgendeiner vermeintlichen New-Work-Utopie hinterherzulaufen. Nicht jede Organisation muss aussehen wie ein Start-up aus dem Silicon Valley. Viel wichtiger ist es, das eigene Ideal von guter Arbeit zu entwickeln. Was brauchen unsere Menschen? Welche Kultur passt zu uns? Wo wollen wir hin? Ich empfehle, klein anzufangen: mit Pilotprojekten, Arbeitsgruppen beziehungsweise einzelnen Teams, die neue Formen der Zusammenarbeit testen. Veränderungen müssen nicht perfekt sein. Sie müssen erlebbar sein. Und auf individueller Ebene gilt: Wer Selbstbestimmung möchte, muss auch Verantwortung übernehmen. Gute Arbeit entsteht immer gemeinsam. Unternehmen und Mitarbeitende sind beide Teil der Lösung.
Welche Entwicklungen werden die Arbeitswelt in den nächsten Jahren prägen?
Künstliche Intelligenz wird zweifellos eine der größten Veränderungen auslösen. Viele Routinetätigkeiten werden automatisiert, gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Kreativität, kritisches Denken und Problemlösung. Deshalb werden Future Skills immer wichtiger: Lernfähigkeit, Anpassungsfähigkeit, Kommunikationsstärke, Empathie sowie die Fähigkeit, mit Veränderungen umzugehen. Mehr dazu findet man auch im „The Future of Jobs Report“ vom World Economic Forum, der jedes Jahr erscheint. Gleichzeitig glaube ich, dass der menschliche Faktor an Bedeutung gewinnen wird. Je digitaler Arbeit wird, desto wichtiger werden Vertrauen, Zugehörigkeit und ein positives Miteinander. Die Zukunft der Arbeit ist nicht nur technologisch, sondern vor allem menschlich.
Was ist für Sie persönlich erfüllte Arbeit?
Dass nicht jeder Tag perfekt ist. Auch ich habe Aufgaben, auf die ich weniger Lust habe. Entscheidend ist für mich, dass Arbeit Freude macht, Entwicklung ermöglicht und keinen Sonntagabend-Blues auslöst. Und das sollten wir alle anstreben! Ich nenne es das Gegenteil von „Monday Madness“: morgens aufzuwachen und grundsätzlich gerne zu dem zurückzukehren, was man tut. Arbeit muss nicht der alleinige Sinn des Lebens sein. Aber sie sollte ein positiver Teil davon sein.
