So entsteht ein gesunder Arbeitsplatz

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POSITIVE ENERGIE. Neben den Kolleg:innen beeinflusst auch die physische Umgebung unser Job-Wohlgefühl.©Stocksy

Ein Arbeitsplatz kann inspirieren oder Energie rauben. Woran Sie gesunde Dynamiken erkennen und wie Sie aktiv zu einer besseren Zusammenarbeit beitragen.

Es beginnt leise. Mit diesem unangenehmen Sonntagabend-Gefühl. Mit einer gewissen Anspannung vor dem ersten Meeting. Mit dem Gedanken: Ich will da morgen nicht hin. Wenn der Job zur Belastung wird, liegt das nicht immer daran, zu viel zu tun zu haben, sondern oft an der Atmosphäre. Life- & Business-Coach Marie Meyer-Marktl sieht genau das regelmäßig bei ihren Klient:innen: „Eine toxische Umgebung ist es dann, wenn wir beginnen, uns vor der Arbeit zu fürchten, wenn wir über längere Zeit über unsere Grenzen gehen müssen oder klein gehalten werden.“

Kurzum: Wenn wir nicht als Mensch gesehen werden, sondern als Maschine, die zu funktionieren hat. Klar, Stress gehört zum Berufsleben. Phasen hoher Belastung, enge Deadlines, herausfordernde Projekte, all das ist lösbar, wenn Unterstützung, Wertschätzung und ein grundlegendes Miteinander vorhanden sind. Entscheidend sind die Menschen, mit denen wir täglich zusammenarbeiten – ein toxisches Klima betrifft meistens die zwischenmenschliche Ebene: Abwertung, Machtspiele, systematisches Übergehen, fehlende Sicherheit. „Der entscheidende Punkt ist, ob im Fundament noch ein Miteinander vorhanden ist“, so Meyer-Marktl.

Dynamiken erkennen

Der Zusammenhalt im Team spielt eine zentrale Rolle. Die Expertin plädiert dafür, sich im Kolleg:innenkreis ein gutes Netzwerk aufzubauen: „Sich bei einem gemeinsamen Mittagessen oder Kaffee auszutauschen oder vor beziehungsweise nach einem Meeting die Zeit zu nutzen, sich besser kennenzulernen. Viele denken, nur ein fachlicher Austausch sei wichtig, aber die persönliche Ebene ist nicht zu unterschätzen. Wichtig: Ein Netzwerk besteht aus Geben und Nehmen, daher also auch immer fragen: Wobei kann ich unterstützen?“

Doch woran liegt es, wenn genau dieses Miteinander bröckelt? Aus der Praxis weiß Meyer-Marktl: Narzissmus und Mobbing am Arbeitsplatz sind häufig. Genauso wie Herausforderungen mit Vorgesetzten. Ihre Klientin Luisa hat zum Beispiel in einem Unternehmen begonnen, das von zwei Männern geleitet wurde: „In Meetings wurden ihre Ideen regelmäßig abgewertet oder ins Lächerliche gezogen, ihre Arbeit übergangen oder später von anderen als ihre ausgegeben. Rückmeldungen erhielt sie fast ausschließlich in Form von Kritik – oft vor versammeltem Team.

Mit der Zeit begann sie, an sich selbst zu zweifeln, zog sich zurück und suchte schließlich Unterstützung bei mir, um Klarheit, Selbstvertrauen und Handlungsspielraum zurückzugewinnen.“

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Ein gutes Team erkennt man daran, dass Menschen aufblühen – nicht daran, wie laut Leistung eingefordert wird.

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Strukturelle Faktoren

Wie kann der Profi in so einem Fall helfen? „Im ersten Schritt geht es darum, das Thema zu identifizieren: Manchmal ist es ‚nur‘ die Führungskraft, häufiger kommen auch mehrere Punkte zusammen. Dann stellen wir diesen Ist-Zustand der Wunschsituation gegenüber.“ Im weiteren Prozess stehen konkrete Lösungsstrategien im Mittelpunkt: Wie geht es weiter? „In erster Linie rate ich immer zum Gespräch mit dem oder der unmittelbaren Vorgesetzten. Wenn über einen längeren Zeitraum keine Veränderung passiert, ist oft eine Auflösung des Dienstverhältnisses die bessere Lösung.“

Wer das Gespräch sucht, sollte vorbereitet sein. Fakten sammeln: Welche konkreten Situationen belasten Sie? Was genau wurde gesagt oder getan? Konkrete Situationen notieren, Beobachtungen von Bewertungen trennen, erst dann Gefühle und Bedürfnisse formulieren. Auch intransparente Entscheidungen oder eine Kultur, in der Konkurrenz wichtiger ist als Kooperation, hinterlassen Spuren. Wird bei einem abwertenden Witz geschwiegen? Wird Kritik nur öffentlich geäußert? Unternehmenskultur zeigt sich im Alltag, nicht im Leitbild.

Marie Meyer-Marktl erinnert sich an die Geschichte einer weiteren Klientin: „Christina war fachlich erfolgreich, bis sie eine neue Führungskraft bekam, die sie als Konkurrenz empfand. Sie wurde vor anderen bloßgestellt, permanent unter Druck gesetzt. Im Coaching wurde klar: Es ging nicht um Optimierung, sondern um eine narzisstische Dynamik. Schlussendlich entschied sie sich zu kündigen.“

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MOTIVATION STATT BELASTUNG. Zusammenarbeit gelingt dort am besten, wo Vertrauen wächst.

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Der erste Eindruck

Aber nicht nur Menschen, auch Systeme können vergiften. Toxische Dynamiken entstehen nicht ausschließlich durch schwierige Persönlichkeiten. Oft sind es Strukturen, die problematisches Verhalten begünstigen oder dulden. Digitale Dauererreichbarkeit, Meeting-Marathons ohne Fokuszeiten, unklare Rollen oder widersprüchliche Erwartungen zermürben auf Dauer. Dazu kommen physische Faktoren wie Lärm, fehlende Rückzugsräume, schlechte Beleuchtung, überfüllte Räume – in vielen Großraumbüros üblich. „Das Nervensystem bekommt kaum Regenerationsphasen“, warnt Meyer-Marktl. Ein häufiges Problem ist die 24/7-Verfügbarkeit. Die erste Frage in diesem Zusammenhang lautet: Ist es okay für mich, ständig erreichbar zu sein? Die Jobcoachin unterscheidet dabei: „Manche Menschen mögen das. Kritisch wird es, wenn es über die eigenen Grenzen geht.“ Deshalb animiert sie dazu, im Team klare Regeln zu definieren. Etwa: keine internen Mails nach 18 Uhr. Fixe Meeting-freie Zeiten oder Antwort-Zeitfenster von 24 Stunden, anstatt immer sofort reagieren zu müssen. „Klare Absprachen senken Stress und erhöhen die Selbstverantwortung.“ Tipp: Grenzen definieren. Ist ständige Erreichbarkeit wirklich Teil Ihrer Rolle – oder ein unreflektiertes Muster? Neinsagen ist lernbar. Entscheidend ist, ob die Organisation individuelle Grenzen respektiert.

Über die Autor:innen

Bild von Melanie Zingl

Melanie Zingl

Chefredakteurin für Gesellschaft, Karriere & Kultur

Melanie ist seit 2007 bei der Verlagsgruppe News (VGN) tätig. 2016 wurde sie Leitende Redakteurin und 2018 Stellvertretende Chefredakteurin. Seit 2024 ist Melanie Chefredakteurin bei WOMAN. Ihr erklärtes Ziel: "Make the World more WOMAN. Weil wir davon überzeugt sind, dass eine gleichberechtigte Welt eine bessere ist."

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