Die Frau hinter dem Mythos

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STARKE PRÄSENZ. Roxane Duran freut sich auf der Presseterrasse in der Nähe des Großen Festspielhauses auf das Salzburger Festspiel-Flair: „Ich lasse mich mitreißen und genieße den Zauber der Stadt."©Foto: Salzburger Festpiele / Wildbild.at

Der Hype um die neue Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen ist eröffnet. Roxane Duran will als Jedermanns Geliebte frei und selbstbestimmt wirken. Ein Gespräch über Weiblichkeit, Loyalität und ein gutes Leben.

Was für eine energiegeladene Aura, was für eine melodische Stimme, was für eine Lebensfreude! Und was für eine Geduld … Nachdem die Aufnahme unseres ersten Gesprächs nicht funktioniert hat, ist Roxane Duran sofort bereit, das Interview am nächsten Tag in ihrer Freizeit zu wiederholen. Statt genervt zu reagieren, motiviert sie auch noch: „Technische Pannen können passieren. Das kriegen wir sicher hin.“ Die Schauspielerin beeindruckt während unseres (endlich geglückten) Gesprächs und sicher auch ab 18. Juli als Buhlschaft beim legendären „Jedermann“ in Salzburg: „Ich freue mich extrem darauf und lasse mich vom Festspielzauber rundherum mitreißen“, strahlt die 33-Jährige. Seit 106 Jahren ist diese Rolle weit mehr als nur eine Nebenfigur in Hugo von Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes. Sie ist Projektionsfläche, Stilikone, mediales Ereignis. Dass die Künstlerin in diese prestigeträchtige Rolle schlüpfen wird, mag auf den ersten Blick überraschen, auf den zweiten erscheint die Entscheidung logisch. Duran verkörpert genau jene Mischung aus Eleganz, Selbstsicherheit und internationalem Flair, die eine moderne Buhlschaft heute braucht.

Geboren wurde Roxane Duran, die mehrere Sprachen akzentfrei spricht, in Paris als Tochter eines französischen Vaters mit spanischen Wurzeln und einer österreichischen Mutter. Sie bewegt sich ganz selbstverständlich zwischen verschiedenen kulturellen Welten. Paris liebt sie, Österreich ist ihr emotionaler Anker: „Mein Elternhaus ist mein Heimathafen. Dort ist meine Familie.“ Mit nur 15 Jahren wurde Duran von Regisseur Michael Haneke entdeckt und für dessen vielfach ausgezeichnetes Drama „Das weiße Band“ besetzt. Darin spielt sie die verstörte Arzttochter Anna – eine Rolle voller psychologischer Abgründe. Der Film gewann die Goldene Palme in Cannes und machte sie schlagartig international bekannt. Bemerkenswert war ihre Präsenz: kühl, verletzlich, geheimnisvoll. Eigenschaften, die später zu ihrem Markenzeichen wurden. Die Künstlerin arbeitete bereits mit Regisseuren wie Dominik Moll, Stefan Ruzowitzky und Anthony Fabian. Sie spielte in internationalen Filmen wie „Michael Kohlhaas“ neben Mads Mikkelsen, in „Narziss und Goldmund“ und in „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“. Auch Serienfans kennen ihr Gesicht, etwa aus „Riviera“ oder „Interview with the Vampire“. Und jetzt die Buhlschaft, in die sie sich voller Emotionen reinstürzen will. „Ich möchte viel Persönliches in die Rolle einbringen“, sagt Duran und erklärt mit viel Begeisterung, wie sie eine Frauenfigur, die vor über 100 Jahren geschrieben wurde, in die Moderne führen möchte.

Viele Buhlschaften wurden zur Projektionsfläche ihrer Zeit. Welche Facetten möchten Sie der Figur geben?

ROXANE DURAN: Ich würde es gerne schaffen, Frei- heit und Selbstbestimmung rüberzubringen. Für mich ist die Beziehung zwischen der Buhlschaft und Jedermann wichtig. Die beiden sind in der ersten Szene so innig vertraut, ihre Liebe steht im Vordergrund. In der zweiten Szene wird diese schöne Illusion komplett zerbrochen. Zwei Extreme, die für mich höchst interessant sind. Es ist großartig, diese Energie und diesen Text mit Philipp (Philipp Hochmair ist wieder als Jedermann zu sehen, Anm.) und mit unserem Regisseur Robert Carsen anzupacken.

Sehen Sie die Buhlschaft als starke Frauenfigur oder doch als männlichen Fantasieentwurf?

Klar ist sie auch eine Fantasiefigur. Immerhin wurde sie von einem Mann erdacht. Aber da diese Rolle so klein ist, kann man viel in sie reininterpretieren. Weil die Hintergründe ihrer Beziehung zu Jedermann von Hugo von Hofmannsthal nicht beschrieben wurden, gibt mir das die Möglichkeit, viel Persönliches einzufügen. Jede bisherige Buhlschaft hat die Chance gehabt, diese Figur ein bisschen nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Da spielt auch mit rein, an welchem Punkt man im Leben selbst gerade steht. Das wird dann im Stück reflektiert.

Wie definieren Sie Weiblichkeit?

Es gibt so viele Facetten davon, und jede:r kann immer wieder neue Seiten an sich entdecken. Das schließt auch Männer nicht aus, die ihre feminine Aura ausdrücken können. Für mich selbst bedeutet das, dass ich zu mir stehe, mich wahrnehme und mich traue, ganz ich selbst zu sein.

Warum fasziniert der „Jedermann“ auch noch nach über 100 Jahren?

Ich glaube, weil die Themen im Stück nach wie vor aktuell sind. Uns beschäftigt die ewige Jugend, aber auch die Angst vor dem Tod. Und alle paar Jahre kommt ein neuer Regisseur beziehungsweise andere Darsteller:innen dazu und verwandeln den „Jedermann“ erneut in etwas Besonderes.

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Im Stück von Hugo von Hofmannsthal geht es um das Streben nach Macht und Geld. Was ist für Sie ein gutes Leben?

Gut essen. (lacht) Aber vor allem mit meiner Familie und Freunden zusammen zu sein, gemeinsame Zeit zu genießen. Das ist so wertvoll. Wichtig ist für mich allerdings genauso ein Wechselspiel von Arbeit und Freiheit, auch wenn mir die Arbeit viel Freiheit gibt. Ich genieße es, beides so intensiv wie möglich zu leben, und bin glücklich, wenn mir das gelingt.

Die Buhlschaft verlässt Jedermann, nachdem er alles verloren hat. Was muss in einer Beziehung passieren, damit Sie sich von einem Menschen – ob Freundschaft oder Liebe – endgültig abwenden?

Die Basis ist immer Vertrauen. Wenn das gebrochen wird oder man das Gefühl hat, nicht mehr völlig authentisch sein zu können, wird eine Beziehung, zu wem auch immer, kompliziert. Das führt unweigerlich zu mehr Distanz. Als Schauspielerin ist es für mich umso schwieriger, wenn die Loyalität wegfällt, denn ich lege sehr viel Wert auf Privatsphäre. Das vergesse und vergebe ich nie. Dann ist die Freundschaft vorbei. Da bin ich sehr radikal.

Beim Betrachten Ihrer Filmografie fällt die Vielzahl an gebrochenen Charakteren, die Sie dargestellt haben, auf. Worauflegen Sie bei der Rollenauswahl Wert?

Wichtig ist mir die Auseinandersetzung mit einer Figur. Es ist ein Glück, dass die Regisseur:innen beim Casting die jeweilige Rolle in mir sehen. Das motiviert mich. Es ist faszinierend, in die Haut von anderen zu schlüpfen, das ermöglicht mir, jede Figur individuell auszuleben. Manchmal gibt es einem viel Energie, manchmal nimmt es einem viel. In welche Richtung es geht, merke ich nach einem Dreh. Entweder bin ich müde oder habe ungemein viel Power.

Gibt es Künstler:innen, die Sie als Kreative besonders geprägt haben?

Ja, einige, wie Michael Haneke. Er ist einer der bedeutendsten Regisseure unserer Zeit. Ein höchst interessanter Mensch, unglaublich inspirierend und intelligent. Oder die Maler Mark Rothko und Gerhard Richter. Ausstellungen ihrer Werke habe ich in Paris bewundert. Ich hatte auch die Ehre, vor dem begehbaren Kunsthaus „A.E.I.O.U.“ von Anselm Kiefer in Salzburg ein Shooting zu machen, ebenfalls ein grandioser Künstler. Und ich bin eine Leseratte. Die Doku „I Am Not Your Negro“ über James Baldwin ist ein Meisterstück. Letztens habe ich von Naomi Klein „Doppelgänger“ gelesen. Ganz großartig. Ich bin auch immer dankbar für Buchtipps.

Was war die mutigste Entscheidung Ihres Lebens?

Schauspielerin zu werden. (lacht) Verrückt und schön zugleich. Ich glaube, dieser Beruf hat mich auserwählt. Als Michael Haneke mich 2008 gecastet hat, fragte er meine Mutter, ob wir Schauspieler:innen in unserer Familie haben. „Nein“, antwortete sie. Er sagte dann: „Aber Ihre Tochter muss es werden.“ Meine Mutter hat gelacht, aber seinen Rat befolgt und mich immer unterstützt. Doch erst als ich die Rolle der Anne Frank 2012 im Théâtre Rive Gauche in Paris erobert habe, wurde mir klar, wie bedeutsam diese Art der Kunst für mich ist. Ich musste mich zwischen meinem Studium an der Sorbonne und der Bühne entscheiden. Man sieht, in welche Richtung es gegangen ist. (lacht)

Wie definieren Sie Erfolg?

nicht zurückzuschrecken. Wenn ich ein Projekt abschlieDass man ganz bei sich und wahrhaftig sein kann. Und die Kraft und den Mut hat, auch vor Herausforderungen ße, denke ich mir: Ich habe schon so vieles erlebt, mich kann nichts mehr destabilisieren. Sobald der nächste Job kommt, muss ich mit neuen Anforderungen klarkommen, die zu meistern sind. Es bleibt immer spannend. •

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