
Ein Aufwachsen zwischen Werbedeals und inszeniertem Familienleben: Der neue Film „Babystar" beleuchtet den Alltag von Family-Influencer:innen kritisch. Was es mit Kindern macht, wenn ihr Leben online stattfindet ...
Luca ist 16 und eine glückliche Teenagerin. Zumindest auf Social Media. Zusammen mit ihren Eltern Stella und Chris lebt sie ein makelloses Insta-Life. Seit Lucas erstem Ultraschallbild produzieren sie gemeinsam Lifestyle-Content für ihre nach Updates gierenden Follower:innen und verdienen viel Geld durch Werbedeals. Ein perfekt inszeniertes Leben, das sich im Laufe der Jahre als emotionaler Ausnahmezustand entpuppt hat. Stella und Chris überschreiten immer wieder Grenzen, um mehr Klicks zu generieren. Und Lucas fragile Identität gerät ins Wanken. Was aktuell im Filmdrama „Babystar“ fiktional zugespitzt wird, ist bei vielen Realität. Drehbuchautorin Nicole Rüthers erklärt die Idee hinter der Satire: „Regisseur Joscha Bongard und ich stellten uns die Frage, was es mit der Psyche eines Kindes macht, wenn es ständig dem Feedback auf Social Media ausgesetzt ist und die gesamte Existenz der Eltern von der Performance des Kindes abhängt.“ Eine Szene wirkt besonders drastisch. Luca zieht sich bei einem Restaurantbesuch mitten im Lokal aus und pinkelt vor allen Leuten auf den Boden. „Wir wollten die Absurdität veranschaulichen, wie normal es für manche Eltern ist, intime Momente ihres Kleinkindes öffentlich zu teilen. Es kann sich ja nicht dagegen wehren“, so Rüthers.
Galten Family-Accounts vor einigen Jahren oft als „harmlose Familienunterhaltung“, kippt die öffentliche Stimmung nun deutlich. Die ersten YouTube-Babys der 2010er-Jahre hinterfragen, ob ihr Aufwachsen im Rampenlicht von Social Media ethisch richtig war. Shari Franke (@sharilfranke), eines der Kinder des extrem erfolgreichen YouTubeKanals „8 Passengers“, schildert, Familienmomente seien nur positiv gewesen, wenn gefilmt wurde. Wünsche wurden besser „vor der Kamera“ geäußert, weil die Mutter dort freundlicher wirkte. Und sensible Themen wie Pubertät oder Emotionen seien für Klicks ausgeschlachtet worden. Sie und ihre Geschwister hätten kaum Privatsphäre gehabt. Heute fordert Shari Franke strengere Gesetze gegen Family-Vlogs. Auch andere Betroffene sprechen von der Belastung durch das ständige Filmen, Wiederholen von Szenen für bessere Aufnahmen und dem emotionalen Druck, vor der Kamera „gut drauf“ zu sein.
DIGITALE IDENTITÄT. Laut einer Studie zeigt rund ein Drittel aller Influencer:innen ihre Kinder klar erkennbar in Posts. Eine geringere Anzahl an Eltern dokumentiert lediglich Erfahrungen oder hält den Nachwuchs völlig raus. Klar darf man bei der Debatte positive Aspekte nicht ausblenden. So sprechen viele Content Creator:innen offen über mentale Belastung, Fehlgeburten, Wochenbettdepression, Überforderung. Nebenbei werden traditionelle Familienbilder aufgebrochen, etwa Regenbogenfamilien, Alleinerziehende, Patchwork-, interkulturelle Familien oder der Alltag mit behinderten Kindern. Das schafft Repräsentation, die klassische Medien nach wie vor kaum bieten. Bei professionellen Family-Influencer:innen bildet das Leben der Kinder jedoch den Kern des Geschäftsmodells. Und genau da kippt das Ganze: Community wird zur Markenbindung, Aufklärung zur Selbstvermarktung, Familienalltag zur Content-Maschine. Medienpsychologinnen und Kinderschutz-Expertinnen warnen seit Jahren vor „dieser Social-Media-Truman-Show“. Eine davon ist Sara Flieder. Die Soziologin und Aktivistin für Kinderrechte ist überzeugt: „Die ‚Jungstars‘ werden finanziell ausgebeutet, da die Einnahmen oft bei den Eltern landen, während Kinder die Arbeit erledigen. Und
Leistung zählt. Je mehr Aufmerksamkeit die Eltern von ihren Follower:innen erhalten, desto mehr Zuneigung gibt es für das funktionierende Kind.“ Die Soziologin erzählt von extremen Beispielen: „Einmal hat eine Mutter sogar ihr vollgekotztes, auf dem Boden sitzendes Kleinkind gezeigt. Der Vater hat nebenbei ein Baby gewickelt. Ihr Kommentar dazu: ‚Mein Mann musste sich gerade fast übergeben. Die Kacke stinkt so, weil die Kleine Durchfall hat.‘ Zum Schluss hat sie lächelnd zu einer WaschmittelWerbung übergeleitet.“ Flieder hinterfragt: „Welcher Erwachsene würde sich vollgekotzt im Internet zeigen, von seinem Durchfall erzählen und mit diesen Aufnahmen werben? Und welche Firma würde mit dieser Idee kooperieren?“
Aufhorchen lässt ein Projekt, für das die Expertin vor einiger Zeit Volksschulkinder fragte, ob es für sie okay wäre, ohne Zustimmung fotografiert und in den sozialen Medien präsentiert zu werden. Die einheitliche Antwort: „Mögen wir gar nicht!“ Schon gar nicht morgens nach dem Aufstehen, krank, schlafend oder im Pyjama. Selbst Gruppenfotos bei Ausflügen fanden sie blöd, wenn diese dann von anderen im Status gezeigt werden. Ganz zu schweigen von der hohen Gefahr, dass durch diese Online-Inhalte Deepfakes in einem sexualisierten Kontext entstehen. Flieder: „Neueste Studien zeigen, dass bis zu 50 Prozent der Kinderfotos im Darknet landen.“ Eine erschreckende Bilanz.
WER TRÄGT DIE VERANTWORTUNG? Eltern, Plattformen oder das Publikum? Flieder ist überzeugt: „Jede:r, der diese Seiten verfolgt. Aber diejenigen, die das Ganze bereitstellen, sind erst mal die Eltern. Belohnt werden sie von Firmen, die mit ihnen Geschäfte machen.“ Psychologische Studien zeigen, dass Kinder, die früh vor Kameras auftreten, stärker unter Leistungsdruck, Schamgefühlen und Selbstzweifeln leiden können. Die Politikwissenschaftlerin und Aktivistin ärgert sich, dass Plattformen weder ausreichend Schutzmechanismen noch Meldefunktionen bieten. In Österreich gelten Kinder grundsätzlich als besonders schutzbedürftig, das Recht auf Privatsphäre ist gesetzlich verankert. Auch online. Konkret: Ein Kind muss zustimmen, bevor seine Daten veröffentlicht werden. Eltern sind gesetzlich verpflichtet, das Wohl des Kindes zu wahren. Allerdings gibt es in der Praxis eine Grauzone. Family-Influencer:innen agieren oft außerhalb traditioneller Medienkontrollen. Plattformen wie YouTube, Instagram oder TikTok haben zwar Richtlinien zum Schutz von Minderjährigen, setzen diese aber selten effektiv durch. Eltern posten Inhalte eigenständig, und das Publikum konsumiert diese ohne prüfende Instanz. Flieder fordert, „dass Kinder unter sieben Jahren nicht mehr auf kommerziellen Accounts gezeigt werden dürfen“. Ideal wäre es, den Nachwuchs von klein auf zu sensibilisieren: „Man sollte fragen: Kann ich kurz ein Foto von dir machen? Ist es okay, wenn ich es Oma und Opa schicke?“
Drehbuchautorin Rüthers freut sich, dass „Babystar“ in Deutschland auch in einem bildungspolitischen Kontext relevant geworden ist und bei Schulkino-Events gezeigt wird. Hoffentlich folgt bald Österreich! Denn es ist fast schmerzhaft, die unbequeme, kühle Satire anzusehen. Sie zeigt eine Welt, in der Likes wichtiger sind, als Grenzen zu akzeptieren. Stellt sich die Frage: Wer profitiert wirklich, und wer zahlt den Preis?