Im Schmerz lachen

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©Fotos: Philipp Horak

Valerie Pachner beeindruckt in ihrem neuen Film mit der Darstellung einer Mutter, die durch einen Unfall ihre Familie verliert. Sie fühlt die Trauer, aber auch ein lautes Ja zum Leben.

Wir erreichen sie in Berlin, das seit dem Jahr 2019 Valerie Pachners Lebensmittelpunkt ist. Die Charakterdarstellerin, bekannt für ihre intensiven Rollen in „Der Boden unter den Füßen“ (2019) von Marie Kreutzer, der Gesellschaftssatire „Delicious“ (Netflix, 2025) oder an der Seite von Jude Law und Ralph Fiennes in internationalen Produktionen, ist bestens gelaunt: „Es ist im Moment viel los bei mir. Ich arbeite viel, aber das ist schön.“ Wir sprechen mit der Oberösterreicherin über ihre letzte Rolle, eine große emotionale Herausforderung. Man hört ihr gerne zu. Ihr weiches, dunkles Timbre spielt Valerie auch in „Vier minus drei“ (Kinostart: 6. März) in allen Facetten aus. Sie ist leise und laut, lacht und weint – manchmal alles gleichzeitig. Die mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin mimt Barbara Pachl-Eberhart, deren Schicksal 2008 ganz Österreich erschüttert hat. Sie und ihr Mann Heli führten als professionelle Clowns mit ihren Kindern Fini, 2, und Thimo, 6, ein ungezwungenes Leben. Doch dann starben Barbaras drei Liebsten bei einem tragischen Autounfall. Ein unfassbarer Verlust, ein kaum erträgliches Leiden, dem sie sich mit aller Kraft entgegenstemmte.

Die Herausforderung einer realen Rolle

Valerie Pachner spielt diese starke Frau mit mitreißend schmerzvoller Intensität: „Ich bin mit allen Gefühlen dabei.“ Ein emotionales Gespräch über Verlust, Loslassen und das Spannungsfeld zwischen tiefer Trauer und Lebensmut. Empfindet man eine besondere Verantwortung, wenn man eine reale Person darstellt, die noch dazu so ein tragisches Schicksal erlebt hat? VALERIE PACHNER: Absolut. Ich habe schon öfter echte Personen gespielt, aber nie jemanden, der noch lebt. Dabei spüre ich immer eine Verpflichtung – auch denjenigen gegenüber, die schon gestorben sind. Aber bei Barbara noch viel mehr. Um ihr nicht zu sehr nahezutreten, wollten wir als Team, zusammen mit Regisseur Adrian Goiginger und Senad Halilbašić, dem Autor, eine eigene Version entwickeln. In der Geschichte geht es nicht darum, wie Barbara als Person war, sondern vielmehr um die Haltung, wie man mit dieser unermesslichen Trauer umgehen kann.

Zwischen Trauer und Lebensfreude

Der Film ist nicht nur traurig, er hat auch viele fröhliche Rückblenden. Wie haben Sie die Dreharbeiten empfunden? Ja, da waren diese beiden Extreme von tiefer Verzweiflung und zwischendurch Leichtigkeit. Vor allem eine Szene ist mir in Erinnerung geblieben. Meine Figur ist nach dem Begräbnis allein, und die Realität sackt auf sie nieder. Diese Drehtage waren sehr heftig. Aber sie haben sich mit hellen Tagen abgewechselt, an denen wir die Rückblenden mit den Kindern und Robert Stadlober als Heli drehten. Da war viel Freude und Helligkeit. Während ich zwischen diesen beiden Polen hin und her gewandelt bin, war Robert eher in lockeren Szenen zu sehen. Für uns war es, als hätten wir zwei unterschiedliche Filme gedreht.

Der Umgang mit Schmerz und Verlust

Wie haben Sie sich in diesen unerträglichen Schmerz reingefühlt? Ich bereite mich immer sehr genau auf die jeweilige Figur und ihr Leben vor. Meine Vorstellung in „Vier minus drei“ war, diese Kinder und diesen Mann tatsächlich an meiner Seite zu haben. Das gelingt dann so intensiv, dass ich in dem Moment, in dem klar ist, jetzt sind die alle plötzlich weg, den unerträglichen Schmerz fühle. Die Szenen, in denen ich mir zum Beispiel die Kinderfotos anschaue und all die Erinnerungen hochkommen, waren einfach total berührend. Da musste ich gar nicht irgendwelche persönlichen Emotionen aus mir hervorholen, sondern es reichte die klare Auseinandersetzung mit der Figur und ihren Umständen. Ich konnte gar nicht anders reagieren, als ich es gezeigt habe.

Humor als Bewältigungsstrategie

Es gibt diese fröhliche Szene mit den musizierenden Clowns beim Begräbnis. Darf man Trauer mit Humor begegnen? Das ist schwierig, aber ich denke schon. Das war ja auch tatsächlich so. Barbara wollte nicht nur ein Begräbnis, sondern ein Fest für ihre drei. Weil sie neben all der Trauer eine große Dankbarkeit gespürt hat, dass diese Menschen überhaupt existierten. Sie hat mir erzählt, ganz stark das Gefühl zu haben, ihre Familie ist jetzt an einem Ort, an dem es ihnen gut geht. Sie war ja Clownin, und die gehen mit dem Leben anders um. So werten sie schwierige Situationen wie Krankheit oder Tod einfach um. Es ist immer noch dasselbe, aber man hat irgendwie eine andere Brille auf. Ich bin für meine Recherche mit den Clown-Doctors mitgegangen. Da kommt man zum Beispiel in einen Raum, in dem ein krankes Kind liegt. Irgendwie traurig, aber die Präsenz der Clowns gibt der Situation eine gewisse Leichtigkeit. Das ist sehr interessant. Ich habe gemerkt, wie wichtig Humor ist, um eine belastende Lage auch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten und nicht in einer Emotion stecken zu bleiben. Ich denke, das ist wesentlich für die Resilienz generell und im Umgang mit solchen Schicksalsschlägen. Auch Barbara wollte bald wieder als Clownin auftreten. Man kennt es ja generell, dass es vielen Menschen in Trauerphasen hilft, möglichst schnell wieder zu arbeiten. Man hält dadurch eine Art von Normalität aufrecht, nimmt am Leben wieder teil. Barbara hat auch kurz nach dem Tod ihrer Familie einen emotionalen Brief an all ihre Kontakte geschickt, in dem sie ihre Gefühle ausgedrückt hat. Für sie war das wichtig, um nicht unterzugehen und ständig mit der Frau identifiziert zu werden, der etwas ganz Schlimmes passiert ist.

Persönliche Regeneration und Freiheit

Schreiben als Heilkraft. Was hat für Sie eine regenerierende Wirkung? Tatsächlich ist es bei mir auch das Schreiben. Das hilft sehr, mein Leben einzuordnen und Dinge zu verarbeiten. Aber auch Schauspielen oder in diversen Situationen eine Art Leerlauf. Das brauche ich ganz besonders nach so einem harten Dreh. Zeit, in der ich mal kurz nicht funktionieren muss. Sie sagten auch einmal, dass Sie zum Abschalten sehr gerne zu reisen. Setzen Sie dabei lieber auf Backpack oder Luxus? Das kommt darauf an, wie mein Leben gerade aussieht. Für eine Backpack-Reise braucht man Energie. Dafür muss ich ausgeruht sein und keinen anstrengenden Dreh hinter mir haben. Wenn das so ist, bevorzuge ich eher ein paar Wochen am gleichen Ort in irgendeiner schönen Wohnung, wo man eine Weile einfach leben kann. Viel rumliegen und nichts tun. Das tut dann der Seele gut.

Mut und Lebensgestaltung

Sie achten offenbar auf Ihre Balance. Was bedeutet Freiheit für Sie? Es ist immer die Frage: Was ist Freiheit? Man ist ja auch an ein Leben gebunden und eingebunden. Bei Reisen oder eben auch dieser Art von Leerlauf, wovon ich vorhin gesprochen habe, geht es mir ganz stark darum, mich zu befreien von jeder Art von Rolle oder Verantwortlichkeit. Um so mich und mein Leben wieder zu spüren. Die Anforderungen des alltäglichen Daseins und des Berufs sind sehr hoch in unserer Zeit. Ich habe das Gefühl, dass es vielen Menschen oft zu viel ist. Dann gehen mir Gedanken durch den Kopf wie: Was ist eigentlich los? Warum ist unser Leben so aufgebaut, dass wir unter der Last des Alltags fast zerbrechen? Wir leiden, weil wir zu viel arbeiten und zu eingespannt sind. Das kann doch nicht der Sinn des Lebens sein. Also überlege ich: Wie will ich leben und wie wollen wir alle leben? Okay, ich kann jetzt nicht alles umkrempeln, in one lifetime sozusagen, aber trotzdem einen Umgang damit finden. Da schwingt sicher eine Art Autonomiegedanke bei mir mit. Freiheit leben kann nicht falsch sein, aber mit Verantwortung. Wie die aussieht, muss jeder für sich entscheiden.

Mut als Lebensvoraussetzung

Klingt sehr mutig. Ist Mut die Voraussetzung für ein gutes Leben? Michael Dürr, Nicht unbedingt, denn wenn ich auf mein Leben schaue, musste ich mich schon vielen Ängsten stellen. Das kann sehr herausfordernd und auch anstrengend sein und muss nicht unbedingt zu einem guten Leben führen. Zumindest zunächst. Für mich war Mut allerdings tatsächlich essenziell, um dahin zu kommen, wo ich heute bin, und mein Leben weitestgehend so gestalten zu können, dass ich mich darin wohlfühle. Vor allem habe ich irgendwann gespürt, dass ich mich dem Streben nach Erfolg nicht unterordnen möchte. In unserer Gesellschaft ist der leider extrem wichtig. Doch das destabilisiert uns eher und macht schwach. Es ist wichtig, zu diesen Leistungsgedanken immer wieder auf Distanz zu gehen und innezuhalten. Für mich ist es zumindest eine Befreiung.

Träume und ihre Erfüllung

Können Sie Träume spontan ausleben oder sind Sie eher zögerlich? Ich würde nicht immer sofort jeden Traum verfolgen. Die sind ja oft mit einigen Herausforderungen verbunden. Aber wenn etwas ganz klar und drängend ist, muss ich dem folgen. Dann bringe ich Opfer oder gehe Konsequenzen und Kompromisse ein. Doch man sollte aufpassen, wohin einen seine Träume führen. Das muss nicht immer etwas Gutes sein. Deswegen bin ich wahrscheinlich nicht zögerlich, aber wohlüberlegt bei deren Erfüllung.

Reaktionen auf den Film

Kommen wir noch einmal zurück zum Film: Barbara hat ihn wahrscheinlich schon gesehen. Hat sie sich bei Ihnen gemeldet? Ja, das war toll. Aber wir haben uns auch schon davor getroffen. Wir konnten uns kennenlernen und viel reden. Wichtig war mir, sie nicht zu imitieren. Nachdem sie den Film gesehen hat, hat sie mir eine schöne SMS geschrieben, über die ich mich sehr gefreut habe. Sie meinte, der Film sei anders als ihr Leben, aber trotzdem genauso wahr, und dass die Art, mit so einer Situation umzugehen, so gut eingefangen wurde. Das hat mir viel bedeutet.

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